Das Käsemesser

Es ist eine der größten Frechheiten des Patriarchats, dass zu den fundamentalsten Erfahrungen des Frauisiertseins Folgendes gehört: Immer für den Verteidigungsfall gerüstet sein müssen. Dies hat immerhin den Vorteil, dass ich tatsächlich mal gelernt habe, wie man jemandem die Nase bricht (Gottseidank hat das bisher keinen Praxistest erfahren), dass es sowieso am Effektivsten ist, immer auf das Gesicht zu zielen und dass es aber z.B. auch sehr schmerzhaft ist, Druck auf die Spitzen der Fingernägel auszuüben. Pfefferspray besorgen und immer dabeihaben stand im Raum, seit ich 14 oder 15 war, allerdings kann ich mich nicht mehr daran erinnern, ob meine Mutter das als Erste geäußert hat oder ob das eher etwas war, wozu wir uns unter Freundinnen geraten haben. Die einzige Dose Pfefferspray, die ich viel später, mit 27 oder 28, tatsächlich einmal besessen habe, ist nie zum Einsatz gekommen. Stattdessen ist sie in meinem Rucksack ausgelaufen und ich habe sie (vermutlich unsachgemäß) entsorgt. In der Oberstufe kam es außerdem zu nicht nur einer Situation, in der ich sagte: „Ja, schau mal in meiner Tasche, die liegt da drüben!“ und die Person, der ich ein Stück Karopapier oder einen Stift oder mein Mathebuch leihen wollte, in meine Tasche schaute und ganz entsetzt fragte: „Wieso hast du denn ein Küchenmesser dabei?!“

In wenigen Fällen war es so, dass ich das Messer zum Kuchen schneiden dabei gehabt und danach in meiner Tasche vergessen hatte. Die meisten Messer aber landeten darin, wenn ich abends von irgendwo mit der letzten Heidebahn (entweder um 23:42 oder 00:38) nach Hause fahren wollte und das voraussichtlich allein geschehen würde. Mit den gurkenstumpfen Käsemessern, die ich mir meistens aussuchte (ich nahm nie eins von den guten Messern aus der Küche mit), hätte ich mich in Wahrheit wohl kaum effektiv verteidigen können (außerdem kannte ich mich zwar mit waffenloser Selbstverteidigung ganz gut aus, mit Messerkampf jedoch gar nicht), allerdings hatte ich wohl Glück: Es ist nie etwas Schlimmes passiert. Es kann sein, dass ich damals geantwortet habe: „Ich musste neulich abends alleine Heidebahn fahren und hatte Angst.“ Andererseits hätte ich mit 16, 17, 18 niemals zugegeben, vor irgendetwas Angst zu haben, obwohl ich mich natürlich vor allen möglichen Dingen gefürchtet habe. Vielleicht habe ich auch gesagt: „Ich war allein mit der Bahn unterwegs und dachte, ich muss mich vielleicht verteidigen können.“ Die korrekte Antwort wäre jedoch gewesen: „Solange niemand Jungs und Männern beibringt, wie sie niemals zu Sexualstraftätern werden, bin ich gezwungen, mich mit fragwürdigen Messern in der Tasche zum creepy Chefclown zu machen!“. Aber das es genau daran liegt, habe ich in dem Alter leider nicht gewusst.

(Wann ich übrigens nicht einmal darüber nachgedacht hätte, ein Messer mitzunehmen: Bei den unzähligen Gelegenheiten, wenn ich mit dem Fahrrad durch den Wald von irgendwo nach Hause gefahren bin. Und das in einer Gegend, in der die Wildschweinpopulation dank des Industriemaisbooms in den Nuller Jahren um 300% gestiegen ist! Allerdings wäre ich auch da mit einem stumpfen Käsemesser nicht weit gekommen.)

2 Gedanken zu “Das Käsemesser

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