Ungemach am Pfandflaschenautomaten. Ein Drama.

Dramatis Personae

ICH

DER PFANDFLASCHENAUTOMAT bei Rewe

EIN WEITERER, DEFEKTER PFANDFLASCHENAUTOMAT

EIN EHEPAAR in der Schlange hinter mir

CA. 10 WEITERE MENSCHEN hinter mir

EIN JUNGER TYP, der ein Paket an der DHL-Paketannahmestelle abgeben will, die sich im Getränkelager zu befinden scheint

DIE REWE-LAUTSPRECHERSTIMME

Samstag Mittag. Ich betrete den Rewe Markt in meinem Viertel mit einer übergroßen, orangefarbenen Tasche voller Pfandflaschen (hauptsächlich die leeren Hüllen fragwürdiger Energydrink-Sorten, die M. aus mir nicht ersichtlichen Gründen regelmäßig konsumiert). Mit Entsetzen stelle ich fest, dass sich vor den Pfandflaschenautomaten eine lange Schlange gebildet hat. Da ich mir jedoch nichts sehnlicher wünsche, als den Pfandbeutel an meinem Arm loszuwerden, stelle ich mich brav hinten an. Einer der Pfandflaschenautomaten trägt bereits ein großes DEFEKT-Schild. A HYMN von IDLES läuft auf meinen Kopfhörern (I want to be loved / everybody does / […] teletext has a place in my heart). Als ich an der Reihe bin, lege ich die bunten Energydosen ordnungsgemäß auf das Laufband des Pfandautomaten – nicht zu langsam, um die immer länger werdende Schlange hinter mir nicht zu verärgern, und nicht zu schnell, um den Automaten nicht zu überlasten. Als die Dosen abgearbeitet sind und ich eine normale Pfandflasche auf das Laufband lege, beginnt der Automat wie wild zu piepen.

DER PFANDAUTOMAT ohrenbetäubend piepend, mich über das Display informierend: Bitte informieren Sie das Supermarktpersonal.

ICH erstarre zur Salzsäule, beginne, die Gummihalterung meiner Maske vom Ohr zu pulen, bemerke, dass das der falsche Handlungsschritt ist, lege die Maske wieder ordnungsgemäß wieder an, nehme meine Kopfhörer aus, drehe mich hilfesuchend um.

EIN JUNGER TYP mit einem Paket unter dem Arm drückt die Klingel am Getränkemarkt.

DIE REWE-LAUTSPRECHERSTIMME: […]

DER PFANDAUTOMAT ohrenbetäubend piepend, mich über das Display informierend: Bitte informieren Sie das Supermarktpersonal.

ICH drücke ein paar Mal auf den grünen Knopf am Pfandautomaten. Mein Bon wird ausgedruckt, sonst passiert nichts.

ICH zum Ehepaar hinter mir: Wie unangenehm.

DAS EHEPAAR zuckt mit den Schultern.

DER PFANDAUTOMAT piept weiterhin ohrenbetäubend: Bitte informieren Sie das Supermarktpersonal.

DER JUNGE TYP drückt mit dem Paket unter dem Arm noch einmal auf die Klingel am Getränkemarkt.

DIE REWE-LAUTSPRECHERSTIMME: […]

DIE SCHLANGE HINTER MIR beginnt ungeduldig mit den Hufen zu scharren.

ICH zum Ehepaar hinter mir: Das ist mir wirklich sehr peinlich.

DER PFANDAUTOMAT weiterhin piepend: Bitte informieren Sie das Supermarktpersonal.

DER MANN löst sich aus der Ehepaar-Konstellation und betätigt die Klingel am Getränkemarkt.

DIE REWE-LAUTSPRECHERSTIMME: Bitte besetzen Sie die Getränkeannahme.

Die Menge atmet auf und wartet geduldig, dass jemand erscheint. Es rumpelt im Pfandautomaten. Das Display fordert mich auf, meine Pfandflaschen ordnungsgemäß in den Automaten einzugeben. Ich leiste dem Folge.

NIEMAND besetzt die Getränkeannahme: […]

Ich verstaue die leere orangefarbene Tasche in meinem Rucksack und setze meinen Einkauf fort.

Beim Computerspielen weinen

Je älter ich werde, desto alberner erscheint mir meine gesamte Existenz. M. und ich zocken (kursiv, weil ich das Wort einfach nicht unironisch aussprechen kann, wenn ich die handelnde Person hinter dem Verb bin) gerade „It takes two“. In diesem Spiel sind wir ein Elternpaar, das sich eigentlich scheiden lassen will, von der gemeinsamen Tochter allerdings in zwei sehr kleine selbstgebastelte Puppen verwandelt wurde und erst wieder in die gewohnten Körper zurückkehren kann, wenn sie sich einmal aus der Garage durch einen Baum im Garten und dann noch durch eine extrem gefährliche Welt aus lebendigem Spielzeug gekämpft und damit ihre Beziehung gerettet haben.
Immerhin habe ich das große Glück, eine Stoffpuppe mit coolen blauen Wollhaaren zu spielen und nicht wie M. im Körper eines klumpigen Knetmännchens festzustecken. Trotzdem stand ich in dem Spiel schon einige Male kurz vorm Nervenzusammenbruch (zum 100. Mal hintereinander wegen mangelnder Hüpfkompetenz in den Abgrund gestürzt, Stress mit Eichhörnchen, Stress mit einem Riesenwespen-Cyborg, Stress mit Wespenlarven, Stress mit einem wütenden Oktopus, Stress mit einem Stofftier-Pavian namens „Moon Baboon“, alles!). So schlimm wie gestern war es allerdings nie. Es ist nämlich so, dass May und Cody (so heißen die Figuren) recht früh herausgefunden haben, dass sie, um den Fluch, mit dem Töchterchen Rose sie in zwei Spielfiguren verwandelt hat, zu brechen, deren Tränen brauchen. Die Story des Spiels gibt es so vor, dass Cody und May es für einen total guten Plan halten, in ihr Kinderzimmer einzudringen (für zwei sehr kleine Puppen immerhin eine recht lange Reise), dort ihr Lieblingsspielzeug, einen kleinen, unschuldigen Plüschelefanten zu zerstören und so die Tränen zum Fließen zu bringen. M. und ich mussten im Spiel also einem kleinen sprechenden Elefanten ein Bein und ein Ohr abtrennen. Es war ein quälend langer Prozess, der dem armen Spielzeugtierchen erhebliche Schmerzen bereitete. Natürlich weiß ich, dass auch Videospiele Fiktion sind, aber trotzdem saß ich schluchzend auf dem Sofa, hämmerte auf meinen Controller ein und schämte mich. Welche grausamen Menschen ziehen so etwas überhaupt als Handlungsoption für in Spielzeug verwandelte Eltern in Betracht? Und gleichzeitig: Warum bringt es mich in dieser von Grausamkeiten nur so durchsetzten Welt ausgerechnet so sehr aus der Fassung, wenn ich eine nur in einem Computer existierende Spielfigur dabei steuern muss, wie sie eine andere ausgedachte Figur verstümmelt, nur um damit einer weiteren ausgedachten Figur wehzutun? Nächstes Mal zocke ich vielleicht lieber Doom oder Counter Strike.


Die schönste Havarie aller Zeiten

Ich gebe zu: Ich bin ein kleines bisschen besessen von der Tatsache, dass seit Mittwoch ein 400 Meter langes Containerschiff im Suezkanal feststeckt. Da die „Ever Given“ nicht nur auf Grund gelaufen ist, sondern auch noch quer steht, ist dort absolut kein Durchkommen. Es stauen sich bereits über 300 Schiffe, manche haben bereits beigedreht und den Umweg um Afrika in Kauf genommen. Im Internet kursieren bereits zahlreiche Bilder von Baggern, die das Schiff behutsam freibuddeln (die Gezeiten sollen dabei auch helfen, immerhin) und daneben rührend winzig aussehen. Das querstehende Schiff in einer der wichtigsten Wasserstraßen der Welt erinnert mich unangenehm an mein ungeschickten Versuche, mit einem Auto am Straßenverkehr teilzunehmen. Wie jeder Mensch mit Impostor-Syndrom liege ich schon mein ganzes Leben lang nachts oft wach und überlege, wo ich am Vortag oder vor zehn Jahren versagt habe oder in Zukunft versagen werde, aber diese monumentale Havarie dank Internet beinahe in Echtzeit verfolgen zu können, verschafft mir tatsächlich so etwas wie Linderung. Egal, was ich in den letzten Jahren verbockt habe: Immerhin habe ich niemals mit einem wirklich großen Schiff einen viel befahrenen Kanal verstopft! Das Schöne an diesem Missgeschick ist auch, dass es nun ausgerechnet ein Containerschiff ist, dem das gelingt, wessen sich die bundesdeutsche Corona-Politik konsequent verweigert. Endlich wird hier mal ein bisschen Kapitalismus lahmgelegt. Mit dem völligen Versagen der Regierung in der Pandemiebekämpfung (statt Osterlockdown gibt es jetzt, äh, einfach gar keine Strategie für die dritte Welle?) hat der bedauernswerte Kapitän der Ever Given nun eigentlich nichts zu tun. Trotzdem sieht das zweifelhafte Wasserballett auf dem offenen Meer und das anschließende drastische Auf-Grund-Laufen und Verstopfen des Suezkanals aus wie ein sehr schnippischer Kommentar auf die Lage in Deutschland. Vielen lieben Dank dafür!

Das Käsemesser

Es ist eine der größten Frechheiten des Patriarchats, dass zu den fundamentalsten Erfahrungen des Frauisiertseins Folgendes gehört: Immer für den Verteidigungsfall gerüstet sein müssen. Dies hat immerhin den Vorteil, dass ich tatsächlich mal gelernt habe, wie man jemandem die Nase bricht (Gottseidank hat das bisher keinen Praxistest erfahren), dass es sowieso am Effektivsten ist, immer auf das Gesicht zu zielen und dass es aber z.B. auch sehr schmerzhaft ist, Druck auf die Spitzen der Fingernägel auszuüben. Pfefferspray besorgen und immer dabeihaben stand im Raum, seit ich 14 oder 15 war, allerdings kann ich mich nicht mehr daran erinnern, ob meine Mutter das als Erste geäußert hat oder ob das eher etwas war, wozu wir uns unter Freundinnen geraten haben. Die einzige Dose Pfefferspray, die ich viel später, mit 27 oder 28, tatsächlich einmal besessen habe, ist nie zum Einsatz gekommen. Stattdessen ist sie in meinem Rucksack ausgelaufen und ich habe sie (vermutlich unsachgemäß) entsorgt. In der Oberstufe kam es außerdem zu nicht nur einer Situation, in der ich sagte: „Ja, schau mal in meiner Tasche, die liegt da drüben!“ und die Person, der ich ein Stück Karopapier oder einen Stift oder mein Mathebuch leihen wollte, in meine Tasche schaute und ganz entsetzt fragte: „Wieso hast du denn ein Küchenmesser dabei?!“

In wenigen Fällen war es so, dass ich das Messer zum Kuchen schneiden dabei gehabt und danach in meiner Tasche vergessen hatte. Die meisten Messer aber landeten darin, wenn ich abends von irgendwo mit der letzten Heidebahn (entweder um 23:42 oder 00:38) nach Hause fahren wollte und das voraussichtlich allein geschehen würde. Mit den gurkenstumpfen Käsemessern, die ich mir meistens aussuchte (ich nahm nie eins von den guten Messern aus der Küche mit), hätte ich mich in Wahrheit wohl kaum effektiv verteidigen können (außerdem kannte ich mich zwar mit waffenloser Selbstverteidigung ganz gut aus, mit Messerkampf jedoch gar nicht), allerdings hatte ich wohl Glück: Es ist nie etwas Schlimmes passiert. Es kann sein, dass ich damals geantwortet habe: „Ich musste neulich abends alleine Heidebahn fahren und hatte Angst.“ Andererseits hätte ich mit 16, 17, 18 niemals zugegeben, vor irgendetwas Angst zu haben, obwohl ich mich natürlich vor allen möglichen Dingen gefürchtet habe. Vielleicht habe ich auch gesagt: „Ich war allein mit der Bahn unterwegs und dachte, ich muss mich vielleicht verteidigen können.“ Die korrekte Antwort wäre jedoch gewesen: „Solange niemand Jungs und Männern beibringt, wie sie niemals zu Sexualstraftätern werden, bin ich gezwungen, mich mit fragwürdigen Messern in der Tasche zum creepy Chefclown zu machen!“. Aber das es genau daran liegt, habe ich in dem Alter leider nicht gewusst.

(Wann ich übrigens nicht einmal darüber nachgedacht hätte, ein Messer mitzunehmen: Bei den unzähligen Gelegenheiten, wenn ich mit dem Fahrrad durch den Wald von irgendwo nach Hause gefahren bin. Und das in einer Gegend, in der die Wildschweinpopulation dank des Industriemaisbooms in den Nuller Jahren um 300% gestiegen ist! Allerdings wäre ich auch da mit einem stumpfen Käsemesser nicht weit gekommen.)

Eher Skulptur als Text

Gestern völlig unproduktiv gewesen, heute früh aus einem Albtraum erwacht: Wir machen eine Online-Lesung mit der Schnipsel-Redaktion und ich werde dazu aufgefordert, doch meinen Text vorzulesen, der „zwar eher eine Skulptur sei als eine Erzählung mit Handlung, aber doch recht unterhaltsam“. Ich habe den Text gar nicht zur Hand, vor allem nicht in der angeforderten Version. Von der Zeitschrift, in der er veröffentlicht wurde, haben alle nur die Poster-Ausgabe dabei, in der mein Text nicht enthalten ist (weil zu lang). Ich muss ihn umständlich aus meiner Dropbox hervorkramen und will wissen, ob sich das lohnt. „Wie viele Leute hören noch zu?“, frage ich. Es müssen schon mindestens 15 Minuten vergangen sein (manche Träume sind quälend lang). Nur fünf Leute sind noch eingeloggt. Ist diese Handvoll Menschen so dringend auf meinen Text angewiesen? Ich flüchte auf den Balkon, der fast doppelt so groß ist wie die Wohnung, aus der wir senden. Es gibt dort Kuchen, von dem ich nicht weiß, wie alt er ist, aber ich nehme trotzdem ein Stück. Ich wache auf mit dem Gefühl, eigentlich alle meine Texte noch einmal überarbeiten, alles einfach viel besser machen zu müssen und mit dem gleichzeitigen Wissen: Das wird heute nicht passieren.

Das brennende Herz

Ich bin im Begriff, etwas zu tun, wovor alle warnen: Schaff dir bloß keinen Hund an! Trotzdem war ich Freitag Welpen angucken, wovor ebenfalls alle gewarnt haben: Mach das bloß nicht, dann nimmst du am Ende noch einen mit! (Als ob irgendeine halbwegs seriöse Person mit Welpenverantwortung einem einfach so einen Hundewelpen mitgeben würde – braucht ihr eine Tüte? Nee danke, der geht so mit. So läuft das nicht!). Das einzige, was M. und ich mit nach Hause genommen haben, waren ein paar verwackelte Fotos von einer Art gefleckter Riesenbohne mit rosa Füßen und rosa Nase. Es dauert noch 48 Tage, bis die Riesenbohne groß genug ist, um bei uns einzuziehen. Seit unserem Besuch an dem magischen Ort, an dem die Hundewelpen spawnen, sind nun knapp zwei Tage vergangen, in denen die Zahl der Corona-Neuinfektionen in Kiel von 60 auf 75 geklettert ist (kann sein, dass der Startwert am Freitag sogar erst bei 50 lag, ich weiß es nicht mehr genau). In der gesamten Bundesrepublik haben die täglichen Neuinfektionen mittlerweile einen Wert erreicht, den ich mit meinem eher schlechten Zahlenverständnis kaum erfassen kann. Ich verbringe Stunden damit, abwechselnd Erziehungstipps für Hundewelpen zu lesen und auf Diagramme mit stark exponentiell ansteigenden Kurven zu starren. Die Kieler Infektionskurve ist seit der Geburt der kleinen Riesenbohne vor 15 Tagen von einem halbwegs beruhigenden Wert auf den Wert von April geklettert. Wie steil kann sie noch werden, bevor sie sich zur vertikalen Linie verwandelt? Was natürlich aufgrund der fortlaufenden Zeitachse keine darstellerische Option ist, aber eine beruhigende Erkenntnis ist das nicht. Vor uns liegen ein noch nicht ganz aufgebrauchter Oktober, ein ganzer November und noch ein paar Tage Dezember; knapp sieben Wochen, eine Zeitspanne, über die der Trend sagt: ES WIRD ALLES RICHTIG BESCHISSEN, und ich bin kurz davor (in Wahrheit schon dabei), eine höhere Macht anzuflehen: Bitte kein Weltuntergang, so lange der Hund noch nicht da ist! (Und danach gerne auch nicht).

Eigentlich sollte ich entspannter sein, ich bin schließlich nicht schwanger während Corona, sondern warte nur auf meinen Hund, mit dem ich ja auf jeden Fall rausgehen muss/darf, egal, wie streng der nächste Lockdown wäre. Vielleicht ist es auch nur so, dass ich dieses mir bisher unbekannte Cuteness-Level in meinem Leben gegen alles Hässliche in der Welt verteidigen möchte und gleichzeitig fürchte, dass ich es nicht kann. Und so weiß ich zum ersten Mal während der Pandemie tatsächlich nicht, wie ich die Zeit bis zu Zeitpunkt X totschlagen soll, obwohl ich bis dahin eigentlich genug zu tun habe. Doch das wissen vermutlich alle, die schon einmal in prekären Zeiten auf etwas gewartet haben: Brennende Herzen sind nicht gut im Sitzen.

Zurück auf die Insel

Am schlimmsten ist es eigentlich, wenn die Gegenwart gleichzeitig so arbeitsintensiv ist, dass ich nicht zum schreiben komme, und dazu noch so viele entsetzliche und gleichzeitig wenig überraschende Dinge passieren (Moria, rechte Netzwerke in der Polizei, zweite Welle, etc.) passieren, dass ich auch gar nicht wüsste, wo ich anfangen sollte. Das Einzige, was hilft: Zum ersten Mal seit Wochen wieder auf meiner Animal Crossing-Insel vorbeischauen. Ich weiß gar nicht so recht, warum ich so lange nicht da war, schließlich hatte ich Anfang August endlich meine heiß ersehnte Baulizenz in der Tasche. Naja, vielleicht weiß ich es doch. Ich erinnere mich noch an das überschwängliche Herumgebuddel, neue Plateaus, umgeleitete Flüsse und das anschließende Verwerfen aller Änderungen. Meine Insel war doch eigentlich schon ganz okay so, wie sie war, viel Strand, drei Hügel, ein Fluss, ein Teich und eine völlig außer Kontrolle geratene Tulpenplage aus der Zeit, als ich noch dachte, ich würde Insel-Mogul Tom Nook noch 50.000 Nook-Meilen schulden, die ich durch exzessives Gärtnern verdienen könnte. Fuck it, dachte ich eine Sekunde später und beseitigte die komplette Vegetation auf Hügel Nr. 3, um dort einen Freizeitpark zu bauen (in touristisch kluger Nähe zu meinem Natur-Campingplatz). Als ich fertig war, traf ich auf einen Inselbewohner, der mich über seine Umzugspläne informierte; er suche neue Herausforderungen und außerdem sei es ihm hier einfach zu voll. Ich dachte an das Grundstück, das ich für ihn ausgesucht und die Provision, die ich dafür bekommen hatte. Ich hatte es geschafft: Ich hatte die Insel gentrifiziert. Dann flog ich auf eine andere Insel, um dort meine Rüben für 500 Sternis zu verkaufen und rodete auf drei weiteren Inseln ganze Wälder, weil ich wusste, dass es für mich oder für das dortige Ökosystem keinerlei Konsequenzen haben würde. Willkommen im Kapitalismus, sagte eine Stimme in meinem Kopf, und ich fühlte mich schmutzig.

Heute war ich allerdings so verkatert (zwei Gin Tonic, aber auch ein 12-Stunden-Arbeitstag an einem Samstag – das dass in Zeiten von Corona in der Kulturbranche überhaupt geht), dass ich auf der Couch festklebte und Animal Crossing als fast einzige Beschäftigungsmöglichkeit in Reichweite war. Nach meiner zweimonatigen Abwesenheit hatte ich nun Ungeziefer im Haus und eine ganze Menge Unkraut zu jäten. Den anderen Inselbewohner*innen ging ich lange aus dem Weg (allerdings hatte ich mit der Obsternte auch viel zu tun und keine Zeit für Smalltalk) und besuchte sie später doch noch in ihren kleinen Häusern, in denen keiner von ihnen je ein zweites Zimmer angebaut hatte (bin ich die einzige kreditwürdige Person auf dieser Insel?). Sie zeigten sich besorgt und entsetzt über mein langes Fehlen, Du kannst doch nicht einfach abhauen und niemandem Bescheid sagen, wir haben uns Sorgen gemacht!, aber am Ende freuten sie sich doch, mich zu sehen. Ich stellte einigen von ihnen völlig überflüssige Tulpen vor die Tür und fühlte mich ein bisschen schlecht, aber immerhin: Diesmal wegen Sozialversagen und nicht wegen Raubtierkapitalismus (bin allerdings gespannt, ob ich wieder Provision bekomme, wenn jemand das leerstehende Haus kauft).

Wasserdichte Pflaster

1.

Die Wunde im Bauchnabel verheilt nur langsam. Es ist zu vermuten, dass er nie mehr derselbe Nabel sein wird wie vorher. Auch der Körper drumherum ist für immer verändert – weniger Material an der Innenseite, anderer Hormoncocktail, perspektivisch betrachtet hoffentlich weniger sinnlos vergossenes Menstruationsblut. Vielleicht nie wieder PMS, leider wohl auch nie wieder dieser spontane Ausbruch von Schaffenskraft, wenn das PMS seinen Würgegriff endlich gelockert hat. Durch den problematischen Bauchnabel ist es außerdem völlig unmöglich, auf dem Bauch zu liegen und die Geschehnisse in meinem Kopf auf die Laptoptastatur einschlagen zu lassen. Sitzend arbeiten findet der Bauchnabel ebenfalls nicht besonders gut. Mit weniger Bauchfett wäre im Sitzen weniger Druck auf der Kruste; sie würde nicht ständig aufbrechen und Sturzbäche von Wundsekret absondern. Ich habe den Verdacht, dass ich wohl zu viel sitze. Der Verdacht, dass ich mich vielleicht nicht fachgerecht erhole, übt zusätzlichen Druck auf die Bauchnabelkruste aus, aber ich kann ja nicht den ganzen Tag nur entweder gehen oder auf dem Rücken liegen. Normalerweise finde ich meinen Körper mal so, mal so, bin mit dem Fettgewebe aber immer irgendwie klargekommen. Nun habe ich aber neue Feinde (oder zumindest denke ich das), und zwar: Östrogene, die (wie ich irgendwo gelesen habe) u.a. im Fettgewebe gebildet werden und von dort aus neue Kohlen in potenzielle Endometrioseherde werfen könnten. Der Speck muss also weg, vermutlich, und allein das zu denken fühlt sich an wie Verrat. Genauso wie die Pille, die ich jetzt im Langzeitzyklus nehme, die ich vor Jahren aus feministischen Gründen abgesetzt habe; weil ich Schluss damit machen wollte, alleine für Verhütung zuständig zu sein. Verrat an meinen Idealen und an den anderen #Endosisters und #Endowarriors aus dem Internet, weil ich nicht so kämpfen, nicht so sein kann wie sie. Ich habe nicht die Geduld, mich gegen künstliche Hormone und für Porridge, Kurkuma Latte und Achtsamkeit zu entscheiden, Schmerztrigger ausfindig zu machen und sie zu vermeiden. Ich will keinen Haferschleim, ich will einfach nur meine Ruhe! Die #Endowarriors und ich leiden alle an einer Krankheit, die sehr komplex und der medizinischen Forschung trotzdem relativ egal ist, weil sie hauptsächlich (allerdings nicht ausschließlich!) Menschen mit Uterus betrifft. Wahrscheinlich bin ich mit meiner Ungeduld, die dazu führt, dass ich mich mit der nächstbesten, der Komplexität der Angelegenheit und der Patient*innen vermutlich niemals gerecht werdenden Behandlungsmethode zufrieden gebe, für den Kampf gegen Sexismus in Gesundheitsfragen völlig untauglich. Andererseits: Offensichtlich gibt es keine richtige Kur im falschen System.

2.

A propos Geduld: Die zwei Wochen Schwimmverbot, die die Ärztin ausgesprochen hat, sind längst um, aber der Zustand meines Bauchnabels lässt noch nicht so recht auf Seetauglichkeit schließen. Ein paar mal fahre ich ans Meer, gehe so weit ins Wasser, wie es meine Beinkleidung erlaubt und verzehre mich danach, mich mit dem ganzen Körper in die Fluten zu stürzen (nur einmal ganz kurz!). Es sind knapp 30°C, als ich es nicht mehr aushalte. Ich laufe den brütend heißen Westring entlang zur nächsten Apotheke, kaufe Betaisodona und zur Sicherheit gleich zwei Packungen wasserdichte High-Tech-Pflaster. Zuhause tupfe ich eine Portion Jodsalbe auf meinen Nabel und lege mich auf den Balkon, um sie einwirken zu lassen. Einige flaumige Härchen auf meinem Bauch glitzern in der Sonne und ich frage mich, ob das schon immer so viele waren. Dann stelle ich mich so gerade hin wie möglich und klebe eines der wasserdichten Pflaster über meinen Bauchnabel. Als ich endlich die fiese Schrittgrenze überschritten habe (deutlich einfacher an diesem Tag dank Wellengang) und versuche, beim Schwimmen nicht mit Quallen oder Taschenkrebsen zu kollidieren, bemerke ich, dass sich tatsächlich kein Tropfen Wasser in meinem lädierten Bauchnabel zu befinden scheint. Warum bin ich nicht schon viel früher zur Apotheke gegangen? Die Ostsee ist beinahe lauwarm. Ich könnte ewig auf dem Rücken im Wasser liegen und mich von den Wellen über die Seegraswiese unter mir tragen lassen, aber ich will das Pflaster nicht überstrapazieren. Erst, als ich gegen Mitternacht wieder zuhause bin, reiße ich es ab, erst ganz vorsichtig, dann mit einem kräftigen Ruck. Der größte Teil meines Bauchnabelflaums und auch ein wenig Haut bleiben daran hängen. Darunter wartet der neue Normalzustand meiner Körpermitte und grüßt freundlich.

Panic! on the Sidewalk

Es ist plötzlich so warm geworden, was mich eigentlich nicht verwundern sollte, weil es ja schon fast Juni ist, also fast der Monat, in dem der längste Tag im Jahr ist, aber ich bin trotzdem überrascht, dass es in einer handelsüblichen Jeans zumindest in der Sonne irgendwie zu warm ist. Vielleicht bin ich auch überrascht darüber, dass sich nach den vergangenen 3-13°C warmen heiter bis wolkigen Tagen voller Zahlen und Kurven und Interviews und Podcasts und Zuhausebleiben doch irgendwas ändert, das ich mit meinem eigenen Körper nachprüfen kann (und auch gern tun will). Woran ich mich nie wieder gewöhnen können werde: Dass meine Abneigung gegen allzu viel Kontakt und Nähe zu zufälligen Menschen plötzlich doch nicht mehr salonfähig ist. Ich spaziere heute durch eine Straße, in der einige Geschäfte offenbar vergessen wurden. Das ehemalige Büro eines Kammerjägers trägt seit vielen Jahren eine riesige Nahaufnahme von einer Wespe, eine Rattenfamilie und die Bäuche einiger Kakerlaken als Fensterschmuck, aber Spuren menschlicher Benutzung kann ich nie erkennen, wenn ich daran vorbeilaufe. Wie soll ich die Bilder auf dem Fensterglas interpretieren: „Diese Schädlinge entfernen wir für Sie!“ oder „Wir waren so lange nicht hier, dass diese Tierarten nun überhand genommen haben!“? Deutlich mulmiger wird mir, als ich an einem Antiquitätenladen vorbeilaufe, vor dem ein Transporter halb auf dem Fußweg parkt, wo auch der Ladenbesitzer mit ausgestreckten Beinen auf einem Korbstuhl sitzt, ein weiterer Mann über einer Wühlkiste kniet und eine ältere Dame mit Gehstock einen gigantischen Wendekreis einschlägt, um über eine kleine Kellertreppe in das innere des Ladens zu gelangen. Keine Chance, hier mit genügend Sicherheitsabstand vorbeizukommen. Ich bleibe stehen und hoffe, dass mich niemand anspricht, oder anschnackt, denn die Leute vor dem Geschäft sehen aus wie Leute, die gern andere Leute anschnacken. Nach drei Monaten legitimer Distanzhaltung sind mir jegliche soziale Kompetenzen zum angeschnackt werden abhanden gekommen. Ich betrachte eine Milchkanne aus Kupfer und hoffe, dabei nicht gesehen zu werden, ich will nicht einmal sagen müssen, dass ich mich nur umschaue, ich schaue mich ja eigentlich auch gar nicht um, ich warte nur darauf, dass ich weitergehen kann, ohne hier irgendjemandem zu nahe zu kommen. Brauche ich so eine Kanne? Na ja, ich habe eh kein Geld dabei. Als die Dame mit dem Gehstock auf der ersten Treppenstufe angekommen ist, nehme ich meinen Mut zusammen und schlängele mich an dem Ladenbesitzer und dem Kistentaucher vorbei. „Immer langsam!“, sagt einer von den beiden zu der Dame. Ich glaube, mich haben sie gar nicht gesehen.