Wasserdichte Pflaster

1.

Die Wunde im Bauchnabel verheilt nur langsam. Es ist zu vermuten, dass er nie mehr derselbe Nabel sein wird wie vorher. Auch der Körper drumherum ist für immer verändert – weniger Material an der Innenseite, anderer Hormoncocktail, perspektivisch betrachtet hoffentlich weniger sinnlos vergossenes Menstruationsblut. Vielleicht nie wieder PMS, leider wohl auch nie wieder dieser spontane Ausbruch von Schaffenskraft, wenn das PMS seinen Würgegriff endlich gelockert hat. Durch den problematischen Bauchnabel ist es außerdem völlig unmöglich, auf dem Bauch zu liegen und die Geschehnisse in meinem Kopf auf die Laptoptastatur einschlagen zu lassen. Sitzend arbeiten findet der Bauchnabel ebenfalls nicht besonders gut. Mit weniger Bauchfett wäre im Sitzen weniger Druck auf der Kruste; sie würde nicht ständig aufbrechen und Sturzbäche von Wundsekret absondern. Ich habe den Verdacht, dass ich wohl zu viel sitze. Der Verdacht, dass ich mich vielleicht nicht fachgerecht erhole, übt zusätzlichen Druck auf die Bauchnabelkruste aus, aber ich kann ja nicht den ganzen Tag nur entweder gehen oder auf dem Rücken liegen. Normalerweise finde ich meinen Körper mal so, mal so, bin mit dem Fettgewebe aber immer irgendwie klargekommen. Nun habe ich aber neue Feinde (oder zumindest denke ich das), und zwar: Östrogene, die (wie ich irgendwo gelesen habe) u.a. im Fettgewebe gebildet werden und von dort aus neue Kohlen in potenzielle Endometrioseherde werfen könnten. Der Speck muss also weg, vermutlich, und allein das zu denken fühlt sich an wie Verrat. Genauso wie die Pille, die ich jetzt im Langzeitzyklus nehme, die ich vor Jahren aus feministischen Gründen abgesetzt habe; weil ich Schluss damit machen wollte, alleine für Verhütung zuständig zu sein. Verrat an meinen Idealen und an den anderen #Endosisters und #Endowarriors aus dem Internet, weil ich nicht so kämpfen, nicht so sein kann wie sie. Ich habe nicht die Geduld, mich gegen künstliche Hormone und für Porridge, Kurkuma Latte und Achtsamkeit zu entscheiden, Schmerztrigger ausfindig zu machen und sie zu vermeiden. Ich will keinen Haferschleim, ich will einfach nur meine Ruhe! Die #Endowarriors und ich leiden alle an einer Krankheit, die sehr komplex und der medizinischen Forschung trotzdem relativ egal ist, weil sie hauptsächlich (allerdings nicht ausschließlich!) Menschen mit Uterus betrifft. Wahrscheinlich bin ich mit meiner Ungeduld, die dazu führt, dass ich mich mit der nächstbesten, der Komplexität der Angelegenheit und der Patient*innen vermutlich niemals gerecht werdenden Behandlungsmethode zufrieden gebe, für den Kampf gegen Sexismus in Gesundheitsfragen völlig untauglich. Andererseits: Offensichtlich gibt es keine richtige Kur im falschen System.

2.

A propos Geduld: Die zwei Wochen Schwimmverbot, die die Ärztin ausgesprochen hat, sind längst um, aber der Zustand meines Bauchnabels lässt noch nicht so recht auf Seetauglichkeit schließen. Ein paar mal fahre ich ans Meer, gehe so weit ins Wasser, wie es meine Beinkleidung erlaubt und verzehre mich danach, mich mit dem ganzen Körper in die Fluten zu stürzen (nur einmal ganz kurz!). Es sind knapp 30°C, als ich es nicht mehr aushalte. Ich laufe den brütend heißen Westring entlang zur nächsten Apotheke, kaufe Betaisodona und zur Sicherheit gleich zwei Packungen wasserdichte High-Tech-Pflaster. Zuhause tupfe ich eine Portion Jodsalbe auf meinen Nabel und lege mich auf den Balkon, um sie einwirken zu lassen. Einige flaumige Härchen auf meinem Bauch glitzern in der Sonne und ich frage mich, ob das schon immer so viele waren. Dann stelle ich mich so gerade hin wie möglich und klebe eines der wasserdichten Pflaster über meinen Bauchnabel. Als ich endlich die fiese Schrittgrenze überschritten habe (deutlich einfacher an diesem Tag dank Wellengang) und versuche, beim Schwimmen nicht mit Quallen oder Taschenkrebsen zu kollidieren, bemerke ich, dass sich tatsächlich kein Tropfen Wasser in meinem lädierten Bauchnabel zu befinden scheint. Warum bin ich nicht schon viel früher zur Apotheke gegangen? Die Ostsee ist beinahe lauwarm. Ich könnte ewig auf dem Rücken im Wasser liegen und mich von den Wellen über die Seegraswiese unter mir tragen lassen, aber ich will das Pflaster nicht überstrapazieren. Erst, als ich gegen Mitternacht wieder zuhause bin, reiße ich es ab, erst ganz vorsichtig, dann mit einem kräftigen Ruck. Der größte Teil meines Bauchnabelflaums und auch ein wenig Haut bleiben daran hängen. Darunter wartet der neue Normalzustand meiner Körpermitte und grüßt freundlich.

Panic! on the Sidewalk

Es ist plötzlich so warm geworden, was mich eigentlich nicht verwundern sollte, weil es ja schon fast Juni ist, also fast der Monat, in dem der längste Tag im Jahr ist, aber ich bin trotzdem überrascht, dass es in einer handelsüblichen Jeans zumindest in der Sonne irgendwie zu warm ist. Vielleicht bin ich auch überrascht darüber, dass sich nach den vergangenen 3-13°C warmen heiter bis wolkigen Tagen voller Zahlen und Kurven und Interviews und Podcasts und Zuhausebleiben doch irgendwas ändert, das ich mit meinem eigenen Körper nachprüfen kann (und auch gern tun will). Woran ich mich nie wieder gewöhnen können werde: Dass meine Abneigung gegen allzu viel Kontakt und Nähe zu zufälligen Menschen plötzlich doch nicht mehr salonfähig ist. Ich spaziere heute durch eine Straße, in der einige Geschäfte offenbar vergessen wurden. Das ehemalige Büro eines Kammerjägers trägt seit vielen Jahren eine riesige Nahaufnahme von einer Wespe, eine Rattenfamilie und die Bäuche einiger Kakerlaken als Fensterschmuck, aber Spuren menschlicher Benutzung kann ich nie erkennen, wenn ich daran vorbeilaufe. Wie soll ich die Bilder auf dem Fensterglas interpretieren: „Diese Schädlinge entfernen wir für Sie!“ oder „Wir waren so lange nicht hier, dass diese Tierarten nun überhand genommen haben!“? Deutlich mulmiger wird mir, als ich an einem Antiquitätenladen vorbeilaufe, vor dem ein Transporter halb auf dem Fußweg parkt, wo auch der Ladenbesitzer mit ausgestreckten Beinen auf einem Korbstuhl sitzt, ein weiterer Mann über einer Wühlkiste kniet und eine ältere Dame mit Gehstock einen gigantischen Wendekreis einschlägt, um über eine kleine Kellertreppe in das innere des Ladens zu gelangen. Keine Chance, hier mit genügend Sicherheitsabstand vorbeizukommen. Ich bleibe stehen und hoffe, dass mich niemand anspricht, oder anschnackt, denn die Leute vor dem Geschäft sehen aus wie Leute, die gern andere Leute anschnacken. Nach drei Monaten legitimer Distanzhaltung sind mir jegliche soziale Kompetenzen zum angeschnallt werden abhanden gekommen. Ich betrachte eine Milchkanne aus Kupfer und hoffe, dabei nicht gesehen zu werden, ich will nicht einmal sagen müssen, dass ich mich nur umschaue, ich schaue mich ja eigentlich auch gar nicht um, ich warte nur darauf, dass ich weitergehen kann, ohne hier irgendjemandem zu nahe zu kommen. Brauche ich so eine Kanne? Na ja, ich habe eh kein Geld dabei. Als die Dame mit dem Gehstock auf der ersten Treppenstufe angekommen ist, nehme ich meinen Mut zusammen und schlängele mich an dem Ladenbesitzer und dem Kistentaucher vorbei. „Immer langsam!“, sagt einer von den beiden zu der Dame. Ich glaube, mich haben sie gar nicht gesehen.

RIESEN FAIL

Am 22. April habe ich hier von meinem „Leben als Aussteigerin“ berichtet und von dem Schuldenberg, den ich bei einem digitalen Waschbären namens Tom Nook angehäuft habe:

Bei einem anderen Waschbären stehe ich knietief im Dispo und zwar für den Flug zur Insel, das Zelt und das Grundstück, auf dem dieses Zelt steht plus Gebühren, 48.000 Geldeinheiten, ich weiß nicht, ob er mich abgezockt hat, aber ich habe zugestimmt, dass ich ihn auch mit Bonuspunkten aus einem obskuren Bonuspunktesystem ausbezahlen kann. Wann das passieren wird: vermutlich nie (das Nashorn und der Bär, die auch auf meiner Insel wohnen, haben längst auf Holzhütten umgesattelt).

Mein dezenter Sozialneid auf meine Inselnachbar*innen klang ja da schon durch die Klammern, aber ich lief trotzdem noch drei weitere Wochen mit einer improvisierten Angel und einem Kescher aus Stöckern über meine Insel, grub Fossilien aus, pflückte kiloweise Äpfel und verkaufte sie, pflanzte ein ganzes Meer aus Blumen und so viele Bäume, dass ich nur noch Slalom laufen konnte, baute tausend kaputte Werkzeuge neu und schlief natürlich weiterhin im Zelt, um eines Tages meine Schulden bei dem bonzigen Waschbären abbezahlen zu können. Erst als eine Freundin vor zwei Tagen (!) auch ins Inselbusiness einstieg und mir HEUTE erzählte, sie habe nun ihren ersten Kredit abbezahlt und direkt einen neuen FÜR EIN HAUS aufgenommen, erhärtete sich mein Verdacht, dass irgendwas in meiner insulären Finanzplanung falsch gelaufen sein musste. Oder gab es bei Animal Crossing tatsächlich die Funktion „Soziale Ungleichheit wie im echten Leben“ und ich hatte sie nur nicht ausgestellt?

Nein, es stellte sich heraus: Ich hatte bei Tom Nook Schulden in Höhe von 48.000 sogenannten „Sternis“ oder 5.000 Nook-Meilen, weil ich mich ja für dieses obskure Bonuspunktesystem angemeldet hatte (ich glaube, das geht gar nicht anders). Irgendwie hatte ich wohl überlesen, dass es einen Wechselkurs gibt, und im Schweiße meines digitalen Angesichts auf 48.000 Nook-Meilen hingearbeitet (das entspricht ungefähr vier Wochen harter Inselarbeit, von der man sich nachts im Zelt jawohl kaum erholen kann). Zwischendurch staunte ich über die Animal Crossing-Prunkbauten in meiner Twitter-Timeline und fragte mich, wie viele Stunden diese Menschen wohl in dieses Spiel investiert haben mussten, aber ich habe auch das nie hinterfragt. Warum denn auch? Es war ja Lockdown, und die Leute hatten vermutlich einfach Zeit.

Anyway: Meine Schulden bei diesem dreckigen Abzocker-Waschbären sind nun bezahlt und morgen habe ich ein Haus auf meiner Insel. Bleiben nur noch die Scham über meine extreme Nintendo-Inkompetenz (anders kann man es wohl nicht nennen) und außerdem die Frage: Wieso hat mich niemand aufgeklärt?!

Mein Leben als Aussteigerin

Corontäne (ist das ein schlimmes Wort oder kann ich das benutzen?) Tag 568828 und es ist irgendwie alles egal, weil ich seit letzte Woche Dienstag auf Eskapismuslevel 3000 bin, genauer gesagt auf der Dienstagsinsel, die ich so genannt habe, weil ich eben seit einem Dienstag dort lebe, es ist quasi meine Insel, ich bin Inselvorsteherin und habe eigens dafür gesorgt, dass das örtliche Museum schnellstmöglich aufgebaut werden konnte, sehr zur Freude von Eugen, dem Museumswärter, der viel komisches Zeug quatscht und eine arge Insektenphobie hat, aber eigentlich ziemlich in Ordnung ist. Auf dieser Insel lebe ich in einem Zelt, in dem sich ein Feldbett, ein Radio, eine Öllampe, ein Spiegel, zwei abgelegte Outfits und eine Nintendo Switch befinden. In meinem Vorgarten befinden sich eine Feuerstelle, ein Campingtisch, auf dem ein Plattenspieler steht, eine selbstgebaute Fackel und ein Gartenbett aus zwei überdimensionalen Muscheln und 5 Lehm. Daneben habe ich Papageientulpen gepflanzt, die ich täglich gieße. In meiner freien Zeit gehe ich angeln, Muscheln sammeln oder Unkraut pflücken und verkaufe das, was sich dabei ansammelt, an einen kleinen Waschbären. Bei einem anderen Waschbären stehe ich knietief im Dispo und zwar für den Flug zur Insel, das Zelt und das Grundstück, auf dem dieses Zelt steht plus Gebühren, 48.000 Geldeinheiten, ich weiß nicht, ob er mich abgezockt hat, aber ich habe zugestimmt, dass ich ihn auch mit Bonuspunkten aus einem obskuren Bonuspunktesystem ausbezahlen kann. Wann das passieren wird: vermutlich nie (das Nashorn und der Bär, die auch auf meiner Insel wohnen, haben längst auf Holzhütten umgesattelt). Das Geld, was ich von dem kleinen Waschbären für meinen aufgesammelten oder selbstgebauten Krempel bekomme, nimmt der große Waschbär nicht an. Stattdessen soll ich mir aus seinem Online-Shop mindestens zweimal am Tag irgendwelchen Krempel bestellen, damit ich Bonuspunkte bekomme und endlich meine Schulden abbezahlen kann. Ich bin kein Finanzprofi, aber DAS kommt selbst mir fishy vor. Aber immerhin: Ich bin viel an der frischen Luft, schlafe manchmal in einer Hängematte am Strand und esse viel frisches Obst (allerdings nur Äpfel). Es ist eigentlich ganz schön hier.

Digitalisierungsgipfel 2020

 

Virtuelles Trauerspiel.

Personen:
@mayschaefchen,
@rrriotc4ndy
und
@zarid_bang,
drei junge Frauen mit Internetzugang

1. Akt.

Ein Discord-Server namens „Funpark3000“, abends.

@rrriotc4ndy: Hallo?
@mayschaefchen: Hallo? Hört ihr mich?
@zarid_bang: Hallo!
@rrriotc4ndy mit vollem Mund: Stört es euch, wenn ich esse?
@mayschaefchen: Ich kann euch nicht hören!
@zarid_bang: Log dich sonst nochmal aus und wieder ein. Ich muss eh nochmal kurz auf Klo.

Es knistert kurz in der Leitung. In der Ferne ist eine Klospülung zu hören.

@zarid_bang: Also, was machen wir?
@mayschaefchen: Lass mal Siedler spielen. Gibt es das irgendwie online
@rrriotc4ndy: Bei brettspiele.de glaub ich.
@mayschaefchen: Ah, ich registrier mich da mal eben.
@zarid_bang: Okay, ich mich auch!

Hektisches Tippen ist im Hintergrund zu hören, dann fast gleichzeitig zwei Fehlermeldungen.

@zarid_bang: Error.
@mayschaefchen: Hier auch.

@rrriotc4ndy beginnt ebenfalls zu tippen, bis der Signalton einer Fehlermeldung ertönt.

@rrriotc4ndy seufzt: Ich kann mich auch nicht einloggen. Wahrscheinlich ist der Server down.
@zarid_bang zuckt digital mit den Schultern: Ist Wochenende und abends, was sollen die Leute da sonst machen.
@mayschaefchen: Was machen wir jetzt? Doch den Tabletop-Simulator runterladen?
@zarid_bang: Wir können auch einfach ne Runde scribbl.io spielen?
@mayschaefchen: Nee, lass uns mal unbedingt Siedler spielen bitte!
@rrriotc4ndy: Dann müsst ihr aber den Tabletop-Simulator runterladen. Der kostet aber nen Zwanni. Habt ihr Steam?
@mayschaefchen: Ich benutz immer den Steam-Account von meinem Bruder… ich guck mal, ob ich das da runterladen kann.
@zarid_bang: Ich muss das erstmal neu installieren.
@mayschaefchen: Mach mal, ich ruf kurz meinen Bruder an und frag, ob das okay ist.

Ein leises Rauschen in der Leitung erklingt, das von gelegentlichem Tippen durchbrochen wird.

@zarid_bang: Bin gleich fertig, hab nur mein Passwort vergessen und muss mir das jetzt neu zuschicken lassen.
@rrriotc4ndy: Merkt sich irgendjemand gespeicherte Passwörter? 😀
@mayschaefchen: Mein Bruder geht nicht ans Telefon, aber sein Paypal-Passwort ist in seinem Steam-Account gespeichert. Dann kauf ich das Ding jetzt einfach!
@rrriotc4ndy: Der wird das schon merken, wenn in drei Sekunden die Push-Nachricht von Paypal bei ihm aufploppt, dass da 20 Euro abgebucht wurden
@mayschaefchen: Weiß nicht, der sitzt ja auch immer noch in Paraguay fest. Wird aber morgen ausgeflogen.

 

2. Akt

@zarid_bang: Okay, ich bin jetzt drin.
@mayschaefchen: Ich find den Server nicht. Sicher, dass du den auch „Funpark3000“ genannt hast?
@rrriotc4ndy: Ja.
@mayschaefchen tippt und klickt aufgeregt: Ich find das nicht. Achso. Moment. Ah. Falsches Suchfeld. Aha… Aha… nein… HIER! Bin drin. Wir können loslegen. Das sieht ja aus wie ein echtes Siedler! Aber das ist ja so klein.
@rrriotc4ndy: Du kannst auch zoomen! Und das Spielfeld drehen. Und deinen Blickwinkel ändern.
@mayschaefchen: Ja, aber WIE?
@rrriotc4ndy: Pfeiltasten und WASD.
@mayschaefchen: Bitte was?
@rrriotc4ndy: Pfeiltasten und WASD.
@mayschaefchen: jetzt ist das falsch rum, aber nicht näher dran.
@zarid_bang: Zoomen geht mit zwei Fingern auf dem Touchpad. Du hast doch auch ein Macbook?
@mayschaefchen: Ah… Shit, müssen wir das jetzt selber aufbauen? Ich dachte, das macht der Computer!
@rrriotc4ndy: Ist immer noch ein Brettspiel.
@zarid_bang: Ihr müsst das aufbauen, ich hab noch nie Siedler gespielt und weiß nicht, wie das geht. Oder ihr erklärt mir das nebenbei.
@mayschaefchen: Also, du kannst Siedlungen und Straßen bauen und Rohstoffe sammeln, mit denen du noch mehr Siedlungen und auch Städte bauen kannst. Wer am Ende die größte Siedlung hat, gewinnt.
@rrriotc4ndy: Da an der Kante liegt sonst auch die Spielanleitung.
@mayschaefchen: Ich schreib dir grad mal in den Chat, mit welchen Rohstoffen du was bauen kannst.
@zarid_bang: Ich komm nicht in den Chat, das ist grad Fullscreen und ich hab keine Ahnung, wie man das bei Mac beendet.
@mayschaefchen: Okay, dann regeln wir das irgendwie später. Dann liest du jetzt erstmal die Regeln.

@mayschaefchen und @rrriotc4ndy bauen das Spielfeld auf, was sich eher schwierig gestaltet und ewig dauert, weil die Steuerung ziemlich schwergängig ist.

@mayschaefchen: Wo ist die 10? Die 10 ist weg. Oder liegt die noch irgendwo?@rrriotc4ndy: Nee, wir haben doch alle Nummern verteilt?
@zarid_bang: Vielleicht sitzt jemand drauf?
@mayschaefchen:
@rrriotc4ndy:
@mayschaefchen: Hast du schon die Spielregeln durchgelesen?
@zarid_bang: Nee.
@rrriotc4ndy: Was machst du denn die ganze Zeit?!
@zarid_bang: Ich hab was für meine Insta-Story aufgenommen.
@mayschaefchen: Haha, wie so ne Insta-Bitch, die die ganze Zeit rumsitzt und Duckface-Selfies macht, während im Hintergrund gearbeitet wird.
@zarid_bang:
@rrriotc4ndy: Aber können wir jetzt anfangen?
@mayschaefchen: @zarid_bang kann die Regeln ja noch gar nicht
@zarid_bang: Egal, wir legen einfach los und ihr erklärt mir immer, was ihr macht, so schwer kann Dörfer und Straßen bauen ja nicht sein.
@mayschaefchen: Okay, dann würfeln wir jetzt erstmal, wer anfängt… Ah, eine 5.
@rrriotc4ndy würfelt digital, wobei ein künstliches Würfelgeräusch erklingt: Auch eine 5. @zarid_bang, du bist dran.
@zarid_bang:
@mayschaefchen: @zarid_bang?
@rrriotc4ndy: @zarid_bang?

 

3. Akt:

@mayschaefchen: Du warst einfach weg.
@zarid_bang: Sorry, mein Macbook ist grade überhitzt, das kann glaub ich Steam nicht so gut, wenn nebenbei noch Discord und 100 andere Programme laufen.
@rrriotc4ndy: Wieso hast du überhaupt solchen Yuppiescheiß?
@zarid_bang: Gabs halt bei eBay Kleinanzeigen. Anyway, ich hol jetzt meinen alten Laptop, da muss das nur kurz installieren.
@rrriotc4ndy: Mach Dxx. Ixxx Hxxx (rauschen) jetzt?
@mayschaefchen: @rrriotc4ndy, du klingst ein bisschen abgehackt.
@rrriotc4ndy: Ich gxxxx mal nxxx rn. Besser xxx?
@zarid_bang: Herrgott, ich hab schon wieder mein Steam-Passwort vergessen. Kann sich nur noch um Stunden handeln. @rrriotc4ndy, du klingst immer noch ganz abgehackt. Geh sonst mal aus dem Channel raus und wieder rein?
@rrriotc4ndy: Hxrt ihr mxxx?
@zarid_bang: Wir können sonst auch zu Skype umsteigen.
@rrriotc4ndy: Hell Nxxx!
@zarid_bang: Oder Jitsi oder Systemli, da muss man sich bei beidem nicht anmelden oder irgendwo registrieren. Ich mach uns sonst mal ne Jitsi-Konferenz auf (tippt) … So, hab den Link mal in den Chat gepostet.
@rrriotc4ndy: Wxxxxx Lxxxx?
@zarid_bang: Klappt das? @mayschaefchen, klappt das bei dir?

Knistern und Knacken im Hintergrund, das hin und wieder durch Mausklicks durchbrochen wird.

@rrriotc4ndy: Sooo, könnt ihr mich jetzt hören? Ich hab mal die Bluetooth-Box ausgemacht und doch wieder mein Headset angestöpselt.
@zarid_bang: Viel besser. Also, nehmen wir jetzt Jitsi oder Discord?
@rrriotc4ndy: Mir egal! Was sagt denn @mayschaefchen?
@zarid_bang: @mayschaefchen?
@rrriotc4ndy: @mayschaefchen? Hörst du uns?

Ein Nachrichtensignal ertönt.

@zarid_bang verwundert: Ich hab eine SMS bekommen. (Kurzes Schweigen, während sie den Inhalt der Nachricht liest) Die ist von @mayschaefchen. Ihr Internet ist down.

4. Akt.

@mayschaefchen: Hat jemand Holz? Ich würde gegen Erz tauschen.
@zarid_bang: Nee sorry, ich hab schon viel zu viel Erz. Wieso habt ihr mir nicht gesagt, dass man damit am Anfang überhaupt nix machen kann?
@rrriotc4ndy: Ich brauch mein Holz leider selber, außer du hättest vielleicht ein Schaf oder Getreide zum tauschen?
@mayschaefchen: Nee, sorry, das brauch ich selber.
@rrriotc4ndy: A propos Holz, wie gefällt euch eigentlich der Wald, in den ich unser Spielfeld gesetzt habe?

@mayschaefchen legt vier Erz-Karten zurück auf den Erz-Stapel und nimmt sich eine Holz-Karte.

@zarid_bang: Was machst du da?!
@mayschaefchen: Ich war bei der Bank. Und jetzt baue ich eine Stadt.

Sie zieht mit dem Cursor eine Stadt-Figur auf das Spielbrett und tauscht sie gegen eine ihrer Siedlungen aus.

@zarid_bang: Und denen musst du vier Erz geben für einmal Holz? Das ist ja echt dreiste Abzocke.

@rrriot4ndy gähnt: Ich bin übrigens echt voll müde.
@zarid_bang gähnt ebenfalls: Ich auch. Aber es ist ja auch schon fast Mitternacht.
@mayschaefchen: Wann haben wir angefangen, das hier zu installieren? Um halb acht, oder?
@rrriotc4ndy: Können wir hier nicht eigentlich einfach zwischenspeichern und morgen weiterspielen?
@mayschaefchen: Wär mir recht, aber wo speichert man denn hier? Ich seh keinen Speicherbutton.
@zarid_bang: Ich guck mal kurz… Hm, das ist das Menü, da steht aber nix mit Speichern… Hm… oder hier?

Konzentrierte Stille, dann ein sehr ausdrückliches Klicken, das offenbar jedoch nicht an der richtigen Stelle gesessen hat.

@zarid_bang: Fuckfuckfuck, das wollte ich nicht!

Der Spieltisch wird durch eine unsichtbare Hand umgeschmissen und durch die Luft gewirbelt, bis er hinter dem Bildschirmrand verschwindet. Die Spielsteine, Rohstoffkarten und Spielplanstücke wirbeln über den Bildschirm und sinken langsam zu Boden.

@rrriotc4ndy: Das war wohl die „Flip Table“-Taste.
@mayschaefchen: Wo ist denn der Tisch hin?
@rrriotc4ndy: Zoom mal ein bisschen raus, dann kannst du ihn sehen.
@mayschaefchen: Geht nicht. Hat sich irgendwie wieder alles aufgehängt.
@zarid_bang: Ah, ich hab ihn gefunden.
@rrriotc4ndy: Ich mach mal nen Screenshot und poste dem im Chat, Sekunde…

In ihrem Discord-Textkanal erscheint ein Bild, das einen massiven Holztisch zeigt, der in einem der umstehenden Bäume hängt.

@mayschaefchen: Ach, der Wald ist ja tatsächlich ziemlich schön.
@rrriotc4ndy: Ja, oder? Naja, ich geh mal schlafen. Vielleicht stellt sich das ja über Nacht automatisch wieder her.
@zarid_bang: Ich geh auch off. Sorry für den Tableflip. War schön mit euch!
@mayschaefchen: Gute N8t!

Bock auf Autorität

[Sonntag, 22.3.2020]

Es ist gerade ein bisschen schwierig, die Dinge realistisch einzuschätzen. In der Zeit vor Corona wurde immer viel davon gesprochen, dass wir zu viel im Internet rumhängen und dass man doch mal das Smartphone weglegen und dass man RAUS gehen soll, in die RICHTIGE Welt, dahin, wo das ECHTE Leben stattfindet. Aber dieses Draußen, das angeblich richtige, echte Leben mit den echten Menschen, das ist zumindest für mich bis noch mindestens 4 Wochen lang gestrichen. Dabei kommuniziere ich genauso viel wie vorher, zumindest digital, allerdings jedoch nur mit meinen Freund*innen, mit denen ich in politischen und sozialen Fragen meistens mindestens ähnlicher Meinung bin. Ich weiß gar nicht, ob ich damit wirklich meine Perspektive vervollständigen oder mich einfach nur selbst geißeln wollte, jedenfalls habe ich in den letzten drei Tagen das Internet nicht nur genutzt, um das Corona-Update mit Christian Drosten zu hören, sondern versehentlich doch wieder in die sozialen Medien geschaut. Es gibt dort erschreckend viele Menschen, die sich nichts sehnlicher wünschen als eine staatlich angeordnete Ausgangssperre, und zwar möglichst rigoros und am besten sofort.

Ich war spazieren, gestern bin ich einmal zum Wasser gelaufen und heute war ich im Wald und es waren überall Menschen, aber sie waren alle allein oder zu zweit oder mit ihren Kindern unterwegs. Eine Frau wechselte bei meinem Anblick die Straßenseite (endlich wirke ich gefährlich genug!). Wie Planeten bewegten sie sich auf ihren Umlaufbahnen, die meist auf den äußeren Kanten der vorgegebenen Wege verliefen, es gab keinen Sicherheitsabstand, der nicht eingehalten wurde. Selten habe ich mich so sicher gefühlt, wenn ich allein in der Stadt unterwegs war. Ich beobachtete die anderen Spaziergänger*innen aus der Ferne und fragte mich, ob irgendwer von ihnen zu den Menschen gehörte, die nach einer Ausgangssperre lechzten, denn offensichtlich hielten sie sich ja ganz vorbildlich an die Regeln, die jetzt galten.

Vielleicht hatte ich auch Glück und habe nur einen besonders gut gelungenen Ausschnitt dieses echten, richtigen Lebens gesehen, in dem Menschen sich aus Solidarität ihren Mitmenschen an sinnvolle Regeln halten wollen und diese kompetent in ihre alltägliche Praxis integrieren. Vielleicht laufen nur zwei Kilometer weiter Leute rum, die sich zu zehnt zusammenrotten und gezielt andere Menschen anhusten. Wer weiß. Ich verstehe, dass es gerade völlig unmöglich ist, sich einen umfassenden Eindruck über die Dinge zu verschaffen. Was ich aber nicht verstehe: Wie kann man sich so sehr danach verzehren, endlich etwas verboten zu bekommen?

(Nur damit hier nicht der Verdacht aufkommt, dass ich die Corona-Pandemie verharmlosen wollen würde: Ich halte die allermeisten der bisher getroffenen Maßnahmen für richtig, aber dieser Autoritätsfetischismus, der überall durchblitzt, davon bekomme ich Albträume.)

Montag, 16.3.2020

Es ist ein Montag, der von außen ganz normal aussieht, aber an dem ich lieber nicht zur Arbeit gehe, weil ich ein leichtes Kratzen im Hals verspüre und etwas verschnupft bin. Nachdem dieser Beschluss getätigt ist, mache ich den Fehler, doch einmal kurz zu schauen, was bei Facebook und bei Twitter so steht. Es sind keine ganz einfachen Zeiten für Leute wie mich, die dazu neigen, in Stresssituationen, die sich nicht durch konsequente harte Arbeit abbauen lassen, hypochondrisch zu werden (zum Vergleich: Während meiner Masterarbeit ging es mir körperlich blendend! Von der Magenschleimhautentzündung durch zu viel Kaffee einmal abgesehen. Vor einer Reise, die mir irgendwie zu groß war, habe ich fest daran geglaubt, eine Blinddarmentzündung zu bekommen. Mein Blinddarm erfreut noch heute eines vorhandenen, wenn auch sinnlosen Daseins). Woher soll ich wissen, dass diese Wellen der Erschöpfung, die zwischendurch immer mal wieder durch meinen Körper schwappen, von meinem Kopf her kommen und nicht von einer angeniesten Türklinke? (Bitte keine Ferndiagnosen in die Kommentare. Danke!)

Obwohl ich mich mental fühle wie Rainer Maria Rilke in ungefähr jedem Brief an einen jungen Dichter, gehe ich einkaufen. Meine Teelichter sind leer und ich kann ohne Teelichter bzw. ohne ritualisiertes Teetrinken mit einer Kanne auf einem beheizten Stövchen nicht sein, und ich bin entsetzt, dass es bei Rewe keine normalen Teelichter mehr gibt, sondern nur noch sehr teure, kleine Packungen mit obskuren Duftnoten. Die Leute rechnen also mit Stromausfall. So viele ritualisierte Teetrinker*innen kann es hier gar nicht geben, zumindest ist das Teeregal ganz gut gefüllt. Ebenso fehlen normale Taschentücher. Es gibt nur noch einige Modelle, die in Erkältungsbalsam und dem Preis nach zu urteilen wohl auch in Q10+ getränkt sind. So ist es wohl, wenn man zu spät ist: Der Strafraum für Menschen, die derartige Krisen trotz ihrer Hypochondrie nicht ernst genug nehmen, um panisch Dinge einzukaufen, duftet nach Teebaumöl, Patchouli und einer ganz bestimmten Art von FOMO.

Die Leute im Laden tragen die letzten Pakete Klopapier vor sich her wie das neue iPhone. Ich nehme noch eine Packung Pak Choi mit, den ich sicher in den nächsten Tagen essen wollen werde. Vielleicht kann ich den Einkaufsdiskurs damit um eine kleine, aber immerhin unerwartete Facette erweitern.

Diese Zukunft, von der alle immer sprechen

[Redebeitrag zum Feministischen Kampftag, daher relativ viele Ausrufezeichen]

Hallo, ich würde gerne mit euch über die Zukunft sprechen. Wir haben das Jahr 2020 und eigentlich habe ich immer gedacht: 2020 – das wird das Jahr sein, in dem endlich diese Zukunft beginnt. Das wird das Jahr sein, in dem wir uns die Jetpacks auf den Rücken schnallen und in den Sonnenuntergang fliegen. Einfach, weil es geht. Weil wir Zeit haben, weil keiner von uns arbeiten muss, weil wir selber bestimmen, was mit unseren Körpern passiert. Welche kleinen Raketentriebwerke wir auf unseren Rücken schnallen und wohin wir damit fliegen. Weil endlich alles gut ist. Und wie ist es in echt? Es ist 2020 und alles, was wir haben, sind E-Scooter und Nazis im Bundestag. Und 25% Rabatt bei Vero Moda zum Weltfrauentag. Danke. So habe ich mir diese Zukunft nicht vorgestellt! 

Aber wir haben ja auch erst März und ich will ein bisschen diplomatisch sein. Ich habe keine Ahnung, wie viel Gegenwart vergangen sein muss, bis wir sie Zukunft nennen dürfen. Wir sind uns hier vermutlich einig, dass wir eine feministische Gegenwart wollen und wir wissen genau, wie diese Gegenwart eigentlich aussehen sollte. Aber wie ist es mit der feministischen Zukunft? Mit Zukunft meine ich auf jeden Fall etwas mit Jetpacks und Robotern. Ohne fancy futuremäßige Technik bin ich raus, sorry! Ich weiß ja, dass es ein bisschen dauert, so etwas zu entwickeln. Und wir haben erst noch andere wichtige Dinge zu tun. Den Kapitalismus und das Patriarchat abschaffen zum Beispiel. Aber weil wir damit ja irgendwann fertig sein werden, habe ich ein paar ganz bescheidene Forderungen für das Jahr 2030. Das sind jetzt noch zehn Jahre, in diesen zehn Jahren möge sich doch bitte die richtige Zukunft einstellen und direkt das gute Leben mitbringen! In dieser Zukunft möchte ich ALLEIN Urlaub auf dem Mond machen können, ohne dass jemand sagt „Woah, als Frau, alleine, super gefährlich! Mach das lieber nicht!“ Und ich will dann auch nichts hören von wegen „Na, der Raumanzug ist ja auch ganz schön sexy, und was machst du überhaupt um die Zeit allein in diesem dunklen Mondkrater?“ – obwohl ich weiß, dass das nicht passieren wird. Denn Weltraumtouris wissen, dass unsere Körper uns allein gehören und behandeln alle Menschen mit Respekt!

Das zweite wichtige Thema: Arbeit! Im Jahr 2030 gibt es keine ungerecht verteilte Care-Arbeit mehr, weil ALLE gemeinsam darauf achten, dass der Akku vom Haushaltsroboter immer aufgeladen ist. Diese Roboter erledigen alle Aufgaben, auf die sonst niemand Bock hat. Die Freiheit, in Prokrastinationsphasen unsere Socken selber zu bügeln, haben wir natürlich alle! Prokrastination werden wir nicht abschaffen können. Wir sind ja immer noch Menschen.

Es mag euch vielleicht ein bisschen kurz gedacht vorkommen, wenn ich im Jahr 2030 einfach alle uncoolen Aufgaben an Roboter delegieren will, anstatt dann endlich auch mal die cis Männer in die Pflicht zu nehmen. Die könnten sich – kleine Faustregel, ich nenne sie den Robo-Test – aber einfach jetzt schon fragen: Wie viele Aufgaben habe ich, die mir eine Maschine abnehmen könnte? Wie viele Aufgaben davon erledigt ein anderer Mensch für mich? Und solange wir, die wir nicht männlich, weiß, hetero, cis, gebildet, reich oder sonst wie privilegiert sind, für alles, was wir brauchen – Geld, Essen, Sicherheit, Aufmerksamkeit, einen Job, der uns nicht völlig kaputt macht – , dreimal so hart arbeiten müssen, solange wir uns faulenzen schlicht nicht leisten können, solange WIR eigentlich Roboter sein müssten, um das alles zu ertragen – so lange kann ich mir nichts anderes wünschen als eine Zukunft, in der ICH keine Maschine sein muss. Ich will lieber Maschinen benutzen. Echte Maschinen aus Metall! Mit Knöpfen! Oder kleine Maschinen mit glatten Oberflächen, die mit mir sprechen können. Die mit mir sprechen wie mit einem Menschen und nicht wie mit einer Abweichung vom default user, der immer nur männlich und weiß ist. Die so programmiert sind, dass sie uns allen etwas nützen, die keine Barrieren haben, die wir erst abbauen müssten. Die keine heterosexistische, weiße Matrix haben, die wir erst hacken müssten. Das einzige, was hier binär sein darf, ist der Code. Ich will genau das alles, und zwar als Plug&Play und ich will nicht erst irgendwelche Treiber installieren!

Und wo wir schon bei Maschinen sind: Ich will, dass mein Uterus endlich als die krasse Maschine betrachtet wird, die er ist! Ich will, dass alles erforscht ist, was er kann. Einmal derselbe Forschungs- und Investitionsaufwand wie in der Automobilindustrie oder in der Luft- und Raumfahrttechnik, das wäre doch etwas. Dann könnte ich über meine Menstruation sprechen wie über einen Ölwechsel oder einen Kolbenfresser. Dann wird sich hoffentlich auch endlich herumsprechen, dass die Gebärmutter zwar genauso komplex verdrahtet ist wie der Bordcomputer von einem handelsüblichen Raumschiff, aber nie, nie, nie etwas über meine Identität aussagen wird.

Ich weiß, es ist seltsam paradox, selber keine Maschine sein zu wollen, aber dann zu verlangen, dass über bestimmte Körperteile so präzise gesprochen wird wie über Maschinen. Aber das ist vielleicht mein wichtigstes Anliegen für die Zukunft: Ich will im wilden Widerspruch leben können und zwar genau da, wo aus dem TROTZDEM ein GLEICHZEITIG wird und es gut so ist. Ich will sexy Weltraumanzüge tragen und gleichzeitig als Person gesehen werden und mich durch alle Galaxien bewegen, ohne vielleicht in Gefahr zu sein. Ich will die gläserne Decke der NASA zerschlagen sehen und gleichzeitig ausschlafen können. Der Sky soll überhaupt kein Limit sein, für niemanden! Und ich will ein Universum, in dem wir alle ohne Angst verschieden sein können. 2020 hat dieses Versprechen noch nicht eingelöst. Von 2030, von dieser echten Zukunft, in der endlich alles gut ist, erwarte ich nicht mehr und nicht weniger als ein solidarisches Miteinander, das volle Selbstbestimmungsrecht über meinen Körper und endlich, endlich dieses verdammte Jetpack. 

Unter Halstüchern

Es ist nicht unbedingt klug, das Schlafdefizit von Zuhause mit auf bettruhefeindliche Veranstaltungen wie die Berlinale zu nehmen. Leider kann ich nie einschlafen, bevor ich irgendwo hinfahre. Dabei mache ich das eigentlich gar nicht so selten, dieses irgendwo hinfahren. Aber woher soll ich nachts im Bett schon wissen, dass ich wahrscheinlich am nächsten Tag nichts wichtiges vergessen haben werde?

Ich will so ehrlich sein wie möglich: Meine größte Sorge während der Berlinale ist gar nicht das Schlafdefizit, sondern dieses Gefühl, zwischen lauter schicken im Wind wehenden Schals zu stehen und LANDPOMERANZE auf der Stirn stehen zu haben. Ich möchte entweder genauso filmbranchen-schick aussehen wie alle anderen oder unsichtbar sein. In erster Linie sehe ich aber wohl jugendlich aus: Als ich mir in einem der sehr wenigen Läden, die in den Arkaden am Potsdamer Platz noch intakt sind, Tabak kaufen will, werde ich nach dem Ausweis gefragt (nur fürs Protokoll: ich bin 30).

Die zwei lustigsten Dinge, die ich gestern gesehen habe: 1) Ein Fernsehteam filmt einen Moderator/Korrespondenten/irgendwas in der Richtung in einem überwältigend gut sitzenden tannengrünen Anzug. Oder vielmehr: Sie versuchen es. Auf der Suche nach dem richtigen Kamerawinkel führen sie einen leichtfüßigen Walzer aus, der für den sehr professionellen Anschein, den dieses Team macht, und ständig muss der gut beanzugte Moderator abgepudert werden. 2) IVANA THE TERRIBLE bei der Woche der Kritik in den Hackeschen Höfen. Zum Rezensieren bin ich natürlich zu faul und zu müde, aber: Autofiktion, eine hypochondrische, aber ganz hinreißende Protagonistin, die niemand ernst nimmt (es zerreißt einem das Herz), ein unfassbar awkwardes serbisch-rumänisches Kulturfestival und rumänische Hipster-Musikerdudes in schlimmen Hosen; außerdem (sinngemäß) das Zitat: „Hallo, ich bin von der Klitoris-Bewegung, in Rumänien sind wir schon ziemlich viele, aber wie sieht das eigentlich in eurer kleinen Hinterwäldlerstadt aus?“ Mehr als das würde ich von einem Film niemals verlangen.