Beim Computerspielen weinen

Je älter ich werde, desto alberner erscheint mir meine gesamte Existenz. M. und ich zocken (kursiv, weil ich das Wort einfach nicht unironisch aussprechen kann, wenn ich die handelnde Person hinter dem Verb bin) gerade „It takes two“. In diesem Spiel sind wir ein Elternpaar, das sich eigentlich scheiden lassen will, von der gemeinsamen Tochter allerdings in zwei sehr kleine selbstgebastelte Puppen verwandelt wurde und erst wieder in die gewohnten Körper zurückkehren kann, wenn sie sich einmal aus der Garage durch einen Baum im Garten und dann noch durch eine extrem gefährliche Welt aus lebendigem Spielzeug gekämpft und damit ihre Beziehung gerettet haben.
Immerhin habe ich das große Glück, eine Stoffpuppe mit coolen blauen Wollhaaren zu spielen und nicht wie M. im Körper eines klumpigen Knetmännchens festzustecken. Trotzdem stand ich in dem Spiel schon einige Male kurz vorm Nervenzusammenbruch (zum 100. Mal hintereinander wegen mangelnder Hüpfkompetenz in den Abgrund gestürzt, Stress mit Eichhörnchen, Stress mit einem Riesenwespen-Cyborg, Stress mit Wespenlarven, Stress mit einem wütenden Oktopus, Stress mit einem Stofftier-Pavian namens „Moon Baboon“, alles!). So schlimm wie gestern war es allerdings nie. Es ist nämlich so, dass May und Cody (so heißen die Figuren) recht früh herausgefunden haben, dass sie, um den Fluch, mit dem Töchterchen Rose sie in zwei Spielfiguren verwandelt hat, zu brechen, deren Tränen brauchen. Die Story des Spiels gibt es so vor, dass Cody und May es für einen total guten Plan halten, in ihr Kinderzimmer einzudringen (für zwei sehr kleine Puppen immerhin eine recht lange Reise), dort ihr Lieblingsspielzeug, einen kleinen, unschuldigen Plüschelefanten zu zerstören und so die Tränen zum Fließen zu bringen. M. und ich mussten im Spiel also einem kleinen sprechenden Elefanten ein Bein und ein Ohr abtrennen. Es war ein quälend langer Prozess, der dem armen Spielzeugtierchen erhebliche Schmerzen bereitete. Natürlich weiß ich, dass auch Videospiele Fiktion sind, aber trotzdem saß ich schluchzend auf dem Sofa, hämmerte auf meinen Controller ein und schämte mich. Welche grausamen Menschen ziehen so etwas überhaupt als Handlungsoption für in Spielzeug verwandelte Eltern in Betracht? Und gleichzeitig: Warum bringt es mich in dieser von Grausamkeiten nur so durchsetzten Welt ausgerechnet so sehr aus der Fassung, wenn ich eine nur in einem Computer existierende Spielfigur dabei steuern muss, wie sie eine andere ausgedachte Figur verstümmelt, nur um damit einer weiteren ausgedachten Figur wehzutun? Nächstes Mal zocke ich vielleicht lieber Doom oder Counter Strike.


Vögel fallen tot vom Himmel wegen Diktatur II

Neue Morgenroutine: Bei der ersten Hunderunde die Umgebung nach bösen Omen (ist das der Plural?) absuchen, die sich in letzter Zeit häufen (dank dringend benötigten Antiallergikums bin ich des Nachts so tief im Schlaf versunken, dass es zwischen der Matratze und mir keinen Platz für Albträume gibt). Gestern war es einer der grauen Blumenkübel, für die die Stadt Kiel angeblich einen Preis bekommen haben soll und die so massiv sind, dass sie von Menschenhand nicht einfach so umgestürzt werden können. Der Erdhaufen neben ihm behauptete jedoch das Gegenteil. Jemand musste ihn umgeworfen haben (oder vielleicht sogar: etwas?). Ein finster dreinblickender Gärtner mit Glatze und Tätowierung am Hals schaufelte die Erde zurück in den Kasten und versuchte auch, die ramponierten Stiefmütterchen zu retten (es gelang ihm einigermaßen). Heute früh beobachtete ich das Pfotengemenge einiger sehr kleiner Hunde, deren Kläffen auf nichts anderes als Blutdurst schließen lässt. „LULU!“, brüllt eine Frau, als ein kleiner schwarzer Spitz aus dem Gebüsch hervorschnellt und drei Kontrahenten aus seiner Gewichtsklasse aufmischt. Ich beschließe, die übliche Route zu ändern, also drehen wir um und machen einen Schlenker über einen der Stege am Schreventeich. Den Hund gruselt es vor einer Joggerin, die auf einer Bank Dehnübungen macht. Den schlimmsten Schauer jagt mir aber eigentlich immer noch das morgendliche böse Omen vom Dienstag über den Rücken: Schon das zweite tote Vogelküken innerhalb kurzer Zeit, das aus der Hecke vor dem Haus gefallen sein muss. Diesmal war der Hund schneller, die Nase einmal kurz und heftig im Gebüsch vergraben und es mir dann direkt vor die Füße gespuckt. Ich war heilfroh, ihn um diesen Akt nicht erst bitten zu müssen. Es gab eine Notbestattung, für die ich mich seither schäme (eigentlich hätte ich den Vogel ordnungsgemäß im Garten vergraben müssen, aber es musste schnell gehen). Trotz der dunklen Vorzeichen sind mir heute immerhin Corona-Leugner*innen auf Fahrrädern (sie haben für heute eine Fahrraddemo angemeldet und versucht, sich als Critical Mass auszugeben. Die kritische Masse hat den Plan allerdings längst durchschaut) erspart geblieben. Stattdessen ist nun planlose, opportunistische Biedermeier wie Jan Josef Liefers der erste „Staatsfeind“, dessen Arbeitsvertrag trotz seines angeblichen Dissidententums verlängert wird. Statt der richtigen Worte für diese erratischen Zeiten finde ich also nur noch tote Vögel auf der Straße. Wie soll das alles enden?

Sonntags im Villenviertel

Ich bin schon zum dritten Mal diese Woche mit dem Hund im teuersten Viertel der Stadt unterwegs, das mir auch nach 12 Jahren in Kiel immer noch vorkommt wie ein unerforschter Planet im Outer Rim. Die Häuser, von denen sich manche hinter hohen Hecken oder kleinen Waldstücken verstecken, sehen aus, als seien sie allein durch den Geld-Cheat im SIMS-Baumodus finanzierbar gewesen. Weiß getünchte Fassaden, handverlesene Fensterläden, aufwändig gebrannte Dachziegel. Auf einigen Grundstücken würde mich das Vorhandensein eines Schmuckeremiten nicht überraschen. Obwohl Sonntag ist, sind wir mit zwei Haushalten und zwei Hunden beinahe die einzigen Menschen auf der Straße. Zwei große Straßen und eine Uferpromenade, an denen es heute voll und laut sein sollte, sind in der Nähe, aber zu hören ist davon nichts. Die einzige Geräuschkulisse: Ein sehr eifriger Specht in dem Waldstück, aus dem wir gerade kommen, das Tapsen von Hundepfoten auf dem Gehweg und das Motzen einer Frauenstimme hinter einer Hecke. Wir spitzen aufmerksam die Ohren.

„Du musst gar nicht so schreien“, sagt eine Männerstimme hinter derselben Hecke. „Du kannst auch normal reden!“
„Jaha“, erwidert die Frauenstimme. „Mit normalen Menschen rede ich auch normal!“

Wir versuchen, ganz still zu sein, damit sie nicht bemerken, dass sie belauscht werden. Als ich nicht anders kann, als mich noch einmal umzudrehen, hat die Männerstimme eine Gestalt bekommen. Auf dem Bürgersteig steht ein braungebrannter Mittsechziger mit einer weißen Bank unter dem Arm. Er und die Frau streiten weiter, ich kann aus der Entfernung nicht mehr alles verstehen, reime mir aber zusammen, dass das Gartenmöbelstück Anlass ihres Streits ist. Der Mann trägt grüne Shorts und dunkelrote Moon Boots. Ich kann nicht beurteilen, ob es wirklich angebracht wäre, ihn anzuschreien. Seine Schuhwahl bestätigt jedoch meinen Verdacht: Wir sind hier tatsächlich auf einem anderen Planeten.

Vögel fallen tot vom Himmel wegen Diktatur

Eine neue Entwicklung: Keine Albträume mehr, dafür neuerdings jeden Morgen ein anderes Detail, das sich mit genügend Interpretationswillen als böses Omen einordnen ließe. Gestern war es ein Militärhubschrauber, der über dem Schrevenpark kreiste, als würde dort ein Remake von Apocalypse Now gedreht. Ich hörte schon den Ritt der Walküren vor meinem geistigen Ohr und fragte mich, ob das die nächste Eskalationsstufe ist. Nur wovon genau? Heute früh ist es ein nacktes, totes Vogelküken, das am Fuß der Hecke vor dem Hauseingang liegt. Ich würde es gern angemessen begraben, kann aber mit dem Hund an der Leine nichts ausrichten. Besser wäre es, wenn er das tote Küken gar nicht erst bemerkt. Ich bin erleichtert, als es bei unserer nächsten Hunderunde nicht mehr an diesem Platz liegt.

Diese Hunderunde habe ich in kluger Voraussicht so gelegt, dass wir während der Corona-Clowns-Demo, deren Abschlusskundgebung auf dem Professor-Peters-Platz stattfinden soll (also quasi in meinem Vorgarten), nicht zuhause sind. Leider geht dieser Plan nicht auf. Auf dem Westring stauen sich die Polizeiautos, es sind Stimmen durch einen Lautsprecher zu hören. Immerhin kann ich sehen, dass viele Leute bei der Gegendemo sind, alle mit Masken und ausreichend Abstand, kurzes Aufatmen, bis ich sehe, wie sich zwei von den selbsternannten Querdenker*innen sich ohne Masken auf dem Grünstreifen vor meinem Fenster innig umarmen (mir wird ein wenig schlecht), wie irgendwie ökig aussehende Mittfünfziger einhellig neben offensichtlichen Nazis herlatschen, alle dicht an dicht, Plakate, die entweder irgendwas mit Liebe und Angst beschwören oder sich auf irgendein Denken berufen, oder noch schlimmer: irgendwas von TOTALER HYGIENE faseln (Falls das irgendwer von euch Trotteln lesen sollte: Tut euch Hände waschen wirklich so sehr weh?). Eine blonde Frau trägt eine rastafarimäßige Häkelmütze in Deutschlandfarben und haut im Gehen auf eine Trommel und ich denke, dass eigentlich allein ihr Anblick gereicht hätte, um eine Idee zu bekommen, wie sich diese unsägliche Interessengemeinschaft zusammensetzt. Die Demo soll laut Twitter eigentlich schon längst aufgelöst sein, weil sich hier ganz offensichtlich niemand an die Hygieneauflagen hält. Trotzdem ziehen sie fast alle in dieselbe Richtung den Westring herunter, mit selbstgefälligen, feisten Gesichtern, sie schaffen es nicht einmal, Abstand zu den bedauernswerten zwei Menschen zu halten, die bei der Eisdiele gegenüber ein Eis gekauft haben und sich nun so nah wie möglich an die Wand zu drücken versuchen. Mir fallen schließlich drei Schwurbler*innen auf, die sich angeregt über etwas zu unterhalten scheinen, das an der Bushaltestelle vor meiner Tür auf dem Boden liegt. Eine von ihnen macht sogar ein Foto. Als sie weg sind, meine ich zu erkennen, dass es sich dabei um das tote Vogelküken von heute morgen handelt. VÖGEL FALLEN TOT VOM HIMMEL (vielleicht aber auch nur: VÖGEL FALLEN TOT VOM BAUM), fällt mir ein, diesen Satz habe ich einmal auf einem alarmistischen Plakat über die angeblichen Gefahren von 5G gelesen (dabei wird das Küken keinen Meter geflogen sein außer eben auf den Boden, erst recht nicht am Himmel). Wahrscheinlich wandert das bedauernswerte Wesen nun einmal durch alle einschlägigen Telegram-Gruppen. Ich wünsche allen Menschen, die in diese Demo involviert waren, die Pest an den Hals. Auf der nächsten Hunderunde muss ich Sticker abkratzen. Zuhause wasche ich mir ausgiebig die Hände und denke an den toten Vogel, den ich damit nicht angefasst habe. Welches böse Omen sich wohl morgen früh zeigt. Ich kann es fast gar nicht erwarten.

Albträume / Brückenlockdown / Regen / Hagel / Schnee

Einen Traum gehabt, der sich am ehesten wohl als Albtraum aus dem digitalen Zeitalter einordnen lässt: Ich bin schwanger und stehe so kurz vor der Geburt, dass ich vorsorglich schon einmal ins Krankenhaus gefahren bin, obwohl die Wehen noch gar nicht eingesetzt haben. Während ich mit zwei (mir aus dem RL nicht bekannten) Kumpels im Patientinnenzimmer darauf warte, dass irgendwas passiert, fällt mir ein, dass ich während der ganzen Schwangerschaft nie beim Ultraschall war. Ich habe also vergessen, das Baby freischalten zu lassen. Das erklärt natürlich einiges!

Mein Urlaub in dieser Woche fühlt sich kaum anders an als mein pandemisch geschrumpfter Arbeitsalltag. Die wenigen Aufgaben, die ich im Kurzarbeits-Home-Office erledige, fühlen sich an wie Wäsche aufhängen oder die Spülmaschine ausräumen. Ein wenig lästig, aber beiläufig, mit Deutschlandfunk nebenher. Irgendwo ganz weit weg von mir wird über einen Brückenlockdown oder das Vorziehen der nächsten MPK oder einen kurzen harten Lockdown und die weitere Einschränkung der Freizeitaktivitäten diskutiert und ich denke: Selten sind einer verantwortlichen Gruppe von Menschen bei dem Versuch, eine bestimmte Sache auf Teufel komm raus zu vermeiden (lies: einfach mal alle nicht-essentiellen Arbeitsstätten dichtmachen und die Leute bei vollem Lohnausgleich zuhause lassen, auch wenn dann die Wirtschaft weint), so brachial die Ideen ausgegangen wie der Regierung jetzt gerade.

Es schneit, regnet und hagelt seit drei Tagen nach einem undurchschaubaren Muster. Der Sonnenschein dazwischen kann nichts anderes sein als ein klug ausgelegter Köder. Es ist April, ich werde in 11 Tagen 32 Jahre alt sein. Ich habe einige graue Haare und seit 12 Jahren Albträume von Schwangerschaften.

Die schönste Havarie aller Zeiten

Ich gebe zu: Ich bin ein kleines bisschen besessen von der Tatsache, dass seit Mittwoch ein 400 Meter langes Containerschiff im Suezkanal feststeckt. Da die „Ever Given“ nicht nur auf Grund gelaufen ist, sondern auch noch quer steht, ist dort absolut kein Durchkommen. Es stauen sich bereits über 300 Schiffe, manche haben bereits beigedreht und den Umweg um Afrika in Kauf genommen. Im Internet kursieren bereits zahlreiche Bilder von Baggern, die das Schiff behutsam freibuddeln (die Gezeiten sollen dabei auch helfen, immerhin) und daneben rührend winzig aussehen. Das querstehende Schiff in einer der wichtigsten Wasserstraßen der Welt erinnert mich unangenehm an mein ungeschickten Versuche, mit einem Auto am Straßenverkehr teilzunehmen. Wie jeder Mensch mit Impostor-Syndrom liege ich schon mein ganzes Leben lang nachts oft wach und überlege, wo ich am Vortag oder vor zehn Jahren versagt habe oder in Zukunft versagen werde, aber diese monumentale Havarie dank Internet beinahe in Echtzeit verfolgen zu können, verschafft mir tatsächlich so etwas wie Linderung. Egal, was ich in den letzten Jahren verbockt habe: Immerhin habe ich niemals mit einem wirklich großen Schiff einen viel befahrenen Kanal verstopft! Das Schöne an diesem Missgeschick ist auch, dass es nun ausgerechnet ein Containerschiff ist, dem das gelingt, wessen sich die bundesdeutsche Corona-Politik konsequent verweigert. Endlich wird hier mal ein bisschen Kapitalismus lahmgelegt. Mit dem völligen Versagen der Regierung in der Pandemiebekämpfung (statt Osterlockdown gibt es jetzt, äh, einfach gar keine Strategie für die dritte Welle?) hat der bedauernswerte Kapitän der Ever Given nun eigentlich nichts zu tun. Trotzdem sieht das zweifelhafte Wasserballett auf dem offenen Meer und das anschließende drastische Auf-Grund-Laufen und Verstopfen des Suezkanals aus wie ein sehr schnippischer Kommentar auf die Lage in Deutschland. Vielen lieben Dank dafür!

UPDATE, später am Tag:

Vor dem Laptopladen in den seltsamen Pavillons am Europaplatz wartet schon der nächste Albtraum. Eine Menschentraube, immerhin mit gebührendem Abstand, alle ungeduldig mit den Hufen scharrend. Ich denke an den Termin, den ich für die Abgabe meines Laptops buchen musste. 10:30 Uhr, veranschlagte Dauer 10 Minuten. Ist schon wieder ein neues iPhone draußen oder was machen diese Leute hier? Sind die alle vor oder nach mir dran? Eine Frau mit Kind spricht mich an, Gottseidank aus sicherer Entfernung, ob ich auch für den Test anstehen würde. Achso. Als ich mich umschaue, sehe ich, wie ein junger Mann vor einem anderen Eingang in den seltsamen Pavillon einer älteren Dame ein Teststäbchen in die Nase schiebt. Mir wird ein bisschen schlecht. „Nee, ich hab gleich einen Termin in diesem Computerladen hier“, erzähle ich in der peinlichen Ausführlichkeit, die mir ein Jahr sparsame Menschenkontakte eingebrockt hat. Damit ich bloß nicht in den Verdacht gerate, beim Coronatest vordrängeln zu wollen, stelle ich mich lieber direkt vor die Glastür des Computerladens, an der ich abgeholt werden soll, und werde direkt von einem Endfünfziger in einer araltankstellenblauen Funktionsjacke gescholten. „Ey! Ich will da auch noch rein!“ Vermutlich ist er vor mir dran. 10:20 Uhr, veranschlagte Dauer 10 Minuten. Ich umschiffe ihn großräumig, während er auf meinen Stehplatz an der Tür zusteuert. Während er von einer Mitarbeiterin abgeholt wird, ruft der junge Mann von der Teststation die Namen der Leute auf, die sich für einen Test angemeldet haben. Als auf einen Frauennamen niemand reagiert, schaut er mich prüfend an. Ich versuche mich an einer Mischung aus Schockstarre und Unsichtbarkeit. Als er seine Liste durchgegangen ist, fragt er ein älteres Ehepaar, ob sie ein Smartphone dabei hätten, vermutlich für die Registrierung der Testergebnisse. Das Ehepaar schüttelt brüskiert den Kopf. „Gar keins?“, fragt der junge Mann von der Teststation. „Auch nicht zuhause?“ Erneutes verneinen. „Das wird hier heute sehr lange dauern“, warnt er und verschwindet mit seinem Klemmbrett im Pavillon. Als der Mann mit der blauen Jacke mit einem überdimensionalen Mac unter dem Arm aus dem Computerladen kommt, nickt er mir eisig zu. Ich werde an der Tür abgeholt, überreiche meinen zugeklappten Laptop, mache ein paar Kreuzchen und Unterschriften, versichere, dass meine Daten gesichert sind und sie notfalls alles löschen dürfen. „Das dauert 1-8 Tage, aber wahrscheinlich werden wir diese Woche fertig“, prognostiziert der Mitarbeiter, der maximal halb so alt aussieht wie ich. Draußen umschiffe ich die Menschentraube vor dem Testzentrum großräumig. Vielleicht mache ich in 1-8 Tagen direkt einen Termin zum Coronatest, wenn ich dann eh schon vor Ort bin.

Die Spionin aus dem Erdgeschoss

Albträume, zur Zeit fast jede Nacht. In dieser Nacht werde ich Zeugin eines Einbruchs, den das Herrchen von Flocke (Name geändert) aus meinem neuen Hunde-Bekanntenkreis vornimmt. Eine Nachbarin aus dem Erdgeschoss beobachtet, was ich beobachte, missinterpretiert mein Beobachten jedoch als Komplizinnenschaft (ist es das vielleicht auch?). Sie beginnt, meine Wohnung zu bespitzeln, ich sehe die Schatten der Pfoten ihres Schäferhunds (den sie in der Realität nicht besitzt, obwohl ein Sticker an ihrer Wohnungstür vor einem solchen Haustier warnt) den Lichtstrahl unter der Tür durchbrechen, vielleicht sogar seine Schnauze durch den Staub auf dem Boden schnüffeln. Die Nachbarin aus dem Erdgeschoss steht derweil mit einer Freundin, die sie in ihr Spitzelteam geholt hat, auf meinem Balkon. Ich sehe ihre missbilligenden Blicke durch den Schlitz des Vorhangs, den ich an der Balkontür angebracht habe.

Wahrscheinlich muss ich mehr auf meine Schlafumgebung achten. BERLIN ALEXANDERPLATZ steckt mir noch in den Knochen (ich sollte vermutlich dankbar sein, dass ich nicht von Albrecht Schuch geträumt habe), als mir das Corona-Update der Tagesschau auf Instagram die Verlängerung des Lockdowns voraussichtlich bis zum 18. April vorankündigt (die MPK wird dies allerdings erst später am Tag entscheiden). Noch im Bett liegend nehme ich alle ohnehin noch nicht ausgesprochenen Einladungen zu meinem zweiten Lockdown-Geburtstag wieder zurück. Gleich bringe ich den Computer, auf dem ich diese Zeilen hier schreibe, zur Reparatur. 3-5 Werktage ohne Gehirn liegen vor mir (dabei habe ich meine Daten natürlich vorbildlich gesichert). Vielleicht auch 3-5 Werktage ohne Albträume, aber dafür müsste vielleicht auch die Gegenwart 3-5 Werktage in einen richtigen Lockdown gehen (wenn es nur so einfach wäre).

Das Käsemesser

Es ist eine der größten Frechheiten des Patriarchats, dass zu den fundamentalsten Erfahrungen des Frauisiertseins Folgendes gehört: Immer für den Verteidigungsfall gerüstet sein müssen. Dies hat immerhin den Vorteil, dass ich tatsächlich mal gelernt habe, wie man jemandem die Nase bricht (Gottseidank hat das bisher keinen Praxistest erfahren), dass es sowieso am Effektivsten ist, immer auf das Gesicht zu zielen und dass es aber z.B. auch sehr schmerzhaft ist, Druck auf die Spitzen der Fingernägel auszuüben. Pfefferspray besorgen und immer dabeihaben stand im Raum, seit ich 14 oder 15 war, allerdings kann ich mich nicht mehr daran erinnern, ob meine Mutter das als Erste geäußert hat oder ob das eher etwas war, wozu wir uns unter Freundinnen geraten haben. Die einzige Dose Pfefferspray, die ich viel später, mit 27 oder 28, tatsächlich einmal besessen habe, ist nie zum Einsatz gekommen. Stattdessen ist sie in meinem Rucksack ausgelaufen und ich habe sie (vermutlich unsachgemäß) entsorgt. In der Oberstufe kam es außerdem zu nicht nur einer Situation, in der ich sagte: „Ja, schau mal in meiner Tasche, die liegt da drüben!“ und die Person, der ich ein Stück Karopapier oder einen Stift oder mein Mathebuch leihen wollte, in meine Tasche schaute und ganz entsetzt fragte: „Wieso hast du denn ein Küchenmesser dabei?!“

In wenigen Fällen war es so, dass ich das Messer zum Kuchen schneiden dabei gehabt und danach in meiner Tasche vergessen hatte. Die meisten Messer aber landeten darin, wenn ich abends von irgendwo mit der letzten Heidebahn (entweder um 23:42 oder 00:38) nach Hause fahren wollte und das voraussichtlich allein geschehen würde. Mit den gurkenstumpfen Käsemessern, die ich mir meistens aussuchte (ich nahm nie eins von den guten Messern aus der Küche mit), hätte ich mich in Wahrheit wohl kaum effektiv verteidigen können (außerdem kannte ich mich zwar mit waffenloser Selbstverteidigung ganz gut aus, mit Messerkampf jedoch gar nicht), allerdings hatte ich wohl Glück: Es ist nie etwas Schlimmes passiert. Es kann sein, dass ich damals geantwortet habe: „Ich musste neulich abends alleine Heidebahn fahren und hatte Angst.“ Andererseits hätte ich mit 16, 17, 18 niemals zugegeben, vor irgendetwas Angst zu haben, obwohl ich mich natürlich vor allen möglichen Dingen gefürchtet habe. Vielleicht habe ich auch gesagt: „Ich war allein mit der Bahn unterwegs und dachte, ich muss mich vielleicht verteidigen können.“ Die korrekte Antwort wäre jedoch gewesen: „Solange niemand Jungs und Männern beibringt, wie sie niemals zu Sexualstraftätern werden, bin ich gezwungen, mich mit fragwürdigen Messern in der Tasche zum creepy Chefclown zu machen!“. Aber das es genau daran liegt, habe ich in dem Alter leider nicht gewusst.

(Wann ich übrigens nicht einmal darüber nachgedacht hätte, ein Messer mitzunehmen: Bei den unzähligen Gelegenheiten, wenn ich mit dem Fahrrad durch den Wald von irgendwo nach Hause gefahren bin. Und das in einer Gegend, in der die Wildschweinpopulation dank des Industriemaisbooms in den Nuller Jahren um 300% gestiegen ist! Allerdings wäre ich auch da mit einem stumpfen Käsemesser nicht weit gekommen.)