Schule

Latentes Unbehagen bis in die Mittagsstunden nach einem recht intensiven Traum: Mein kompletter Abijahrgang muss die Dreizehnte noch einmal machen. Am ersten Schultag nach den Sommerferien sitzen wir auf den speckigen, vollgekritzelten Bänken und wissen nicht so recht, wieso wir hier sind, aber niemand hinterfragt es. Der Vertretungsplan gibt keinerlei Hinweis auf Freistunden, und die Aussicht auf noch ein weiteres Jahr an Freiheitsberaubung grenzende Langeweile bringt mich jetzt schon an den Rand der Verzweiflung. Ich will einfach in Ruhe meinen Gedanken nachhängen, ohne schlechte mündliche Noten dafür zu bekommen. Irgendwer oder irgendwas im Treppenhaus hält mich auf, sodass ich die erste Stunde, in der wir unsere Stundenpläne und alle wichtigen Informationen für das Schuljahr bekommen, gnadenlos verpasse. Ganz kurz jedoch bevor ich dem Lehrpersonal gestehen muss, dass ich schon nach 45 Minuten an diesem Schuljahr gescheitert bin, fällt mir ein: Ich habe doch schon seit 12 Jahren Abi! Das Albtraumszenario ist besiegt, ich schaffe es, mich nicht mehr zu gruseln, ohne, dass ich extra dafür aufwachen muss. Vielleicht habe ich es sogar geschafft, die wiederkehrenden Albträume von meiner Schulzeit zu besiegen, wenn es das Wissen, dass diese Zeit vorbei ist, endlich einmal ganz offiziell in die Traumdiegese geschafft hat? Die Schwere, die so ein durchschnittlicher Schultag, an dem man permanent für Verhältnisse abgestraft wird, für die man nichts kann, hinterlässt, verschwindet trotzdem erst am Nachmittag.

Sommersonnenwende (verpasstes Ereignis)

First things first: Es ist Sonntag, der 21. Juni und ich habe die Sommersonnenwende verpasst. Wochenlang habe ich mich mental darauf vorbereitet, an genau diesem Sonntag, der jetzt heute ist, so lange wach zu bleiben, bis es wirklich dunkel ist, und mich dabei mit etwas möglichst feinstofflichem zu beschäftigen (mir schwebte dabei so etwas wie Tarotkarten legen oder Kaffeesatzlesen vor, einerseits zu Recherchezwecken und andererseits, weil pure Vernunft niemals siegen darf). Als ich schon gestern in den sozialen Medien sah, wie die Leute Blumenkränze flochten und #midsommar trendete, bewunderte ich die Überpünktlichkeit ihrer Vorbereitungen, aber weiter dachte ihr mir nichts. Erst, als mir abends meine Mutter schrieb und fragte, ob ich gerade irgendwas spezielles machen würde für Midsommar, ging es mir auf: Es gab ja einen 29. Februar in diesem Jahr, achsoachso, da hatte sich wohl was verschoben. Zum Zeitpunkt dieser Erkenntnis saß ich mit Freund*innen vor einem Spielbrett, das den Grundriss eines Zeppelins darstellen sollte (ich habe diese Form der Luftschifffahrt übrigens immer unterschätzt) und auf dem es einen Mord aufzuklären gab. Die okkulten Symbole am Fundort der Leiche und auf den Fingerringen mancher Mitreisender ließen nichts gutes erahnen. Durch eine unglückliche Verkettung von Zufällen fiel meine Figur sehr bald dem Wahnsinn anheim (nicht unüblich in den sogenannten Villen des Wahnsinns) und brach sich obendrein noch den Oberschenkel, was die Ermittlungen nicht einfacher machte. Wir fanden den Täter (ein Kultist natürlich, was auch sonst) viel zu spät, und so wurde meine Figur von einem Mi-Go getötet, während das Zeppelin durch Turbulenzen geschleudert wurde. Ich weiß nicht, ob es irgendwie fahrlässig ist, in Nächten wie der Mittsommernacht Cthulhu-eske Brettspiele zu spielen, aber ich war doch sehr erleichtert, heute morgen ohne ein neues Paar Tentakeln aufgewacht zu sein.

Wissenschaftskommunikation 2020

Es ist einer dieser Tage, an denen ich mich über die Möglichkeiten, die diese Welt bereithält, einfach nur wundern kann: Ein Veranstaltungszentrum* in dieser Stadt, in dem sich die Mitarbeiter*innen sonst wohl hauptsächlich mit Warenwirtschaft, Programmgestaltung, Künstler*innen- und Gästebetreuung und sonstigem Gastro- und Veranstaltungsmanagement beschäftigen, tritt neuerdings auch als Expertise-Cluster zu den Themen Epidemiologie, Virologie und Medienanalyse auf. So weit, so trendy. Während sich jedoch die meisten Statements der Quereinsteiger*innen in diesen Themengebieten wohl online befinden, setzt dieses Cluster auf ein Medium, mit dem ich in der Grundschule zuletzt zu tun hatte: Die gute alte Wandzeitung (wir haben in der dritten Klasse mal eine über das Wattenmeer gemacht). An dem Bretterzaun vor der Halle hängen dicht gedrängte Cliprahmen, die eigentlich für Kino- und Konzertplakate gedacht sind. In den Rahmen befindet sich nun „die andere Meinung“** zu Corona mit catchy Headlines wie „Das ist keine moderate Kommunikation, die Politiker und Virologen so führen sollten“, „Es ist nunmal so, dass wir jedes Jahr durchschnittlich mehr Tote durch Grippe haben, als dies bis heute durch das Coronavirus der Fall ist“ und „In die Augen sticht die Linientreue der Meinungsbildenden Medien“. Auf den Plakaten befinden sich QR-Codes, die mal aufs Ärzteblatt, mal auf Querfront-/Fake-News-Seiten wie Rubikon verlinken. Ich muss an den schönen Satz denken, den Christian Drosten einmal im Coronavirus-Update (Folge 40) gesagt hat: „Ich bin Virologe, ich würde mich niemals öffentlich zu Bakterien äußern!“ Der Cliprahmen, in dem sich das Editorial für diese Zeitung befindet, wirbt damit, dass man hier auch eigene Texte veröffentlichen kann, an genau dieser Wand, und ich denke darüber nach, ihm vielleicht das Transkript zu dieser Podcastfolge zu schicken. Allerdings finde ich nirgends eine Adresse, unter der man dort vielleicht Texte einreichen könnte, und es wird ein Unkostenbeitrag von 20€ für die Veröffentlichung erhoben. Ich hoffe, dass sie dieses Geld vielleicht in Gestaltung und Lektorat investieren, denn nichts von beidem hat bisher Einzug in dieses ambitionierte Medienprojekt gefunden.

Ich bin mit dem Hund von einer Freundin da, der es vor der Plakatwand nur mäßig spannend findet und bald weiter will (seine Hundespurenzeitung ist vermutlich auch deutlich spannender und weniger ärgerlich als das Exemplar an dem Holzbretterzaun). Von der Wandzeitung wusste ich schon etwas länger und habe mich gewundert, dass die sozialen Medien noch nicht voll sind mit kopfschüttelnden Beiträgen zu diesen Plakaten, also musste ich sie mir selbst anschauen gehen. Es ist früher Nachmittag, und ich bin die einzige Fußgängerin in dieser Straße. Dafür donnern diverse Transport- und Baufahrzeuge an mir vorbei, niemand, der stehenbleiben und diese wirren Texte lesen würde. Allerdings beklagen die Urheber dieser Zeitung auch den Mangel an Gästen (Schuld ist u.a. die „umstrittene Maskenpflicht“), also haben möglicherweise noch gar nicht so viele Menschen dieses Zeugnis von informativer Selbstüberschätzung gesehen.

*ich verlinke diesen Laden extra nicht – wer so viel Energie in analoge Außenkommunikation investiert, ist auf digitalen Traffic sicher gar nicht angewiesen.

**ich fände es übrigens gar nicht so falsch, „anderen Meinungen“ zur Krise mehr Platz einzuräumen, aber ich meine damit eher „Expert*innen“, die keine weißen cis Männer sind. Außerdem sehe hier Chancen, sich als Leidtragende mit anderen zu solidarisieren, die bei der Krise noch viel stärker hintenüber fallen – (alleinerziehende) Mütter, Kinder, Geflüchtete oder Obdachlose, die sich auf der Straße oder in Lagern keineswegs isolieren können z.B., – vor allem, wenn man sich auf die Fahnen (bzw. auf die zusammengeklebten Druckerpapierseiten) schreibt, man sei als Branche „gewissermaßen systemrelevant für die Erhaltung der Liebe in der Gesellschaft“ (Das steht da wirklich, so etwas würde ich mir nicht einmal unter dem schlimmsten Antragsprosa-Erschaffungsdruck ausdenken).

Pommes und Perspektiven

Ich denke immer noch an die Pommes, die ich gestern gegessen habe. Die ersten Pommes aus einer echten Fritteuse, die ersten Pommes seit drei Monaten, die keine traurigen Labbergestalten aus meinem Backofen waren. Wellenschnitt, Pommesgewürz mehr als ausreichend, dazu Falafel und Salat. Die Falafel reichten bis heute Mittag, es waren auch meine ersten seit drei Monaten. Während ich im Dönerladen auf meine Bestellung wartete, sprach der Verkäufer mit einem anderen Gast über das Geschäft, das langsam wieder anlief, endlich. Mich nannte er „meine Beste“, und ich habe immer noch ein schlechtes Gewissen, dass ich seit Februar nicht ein einziges Mal da gewesen war. Was für ein verschlumpfter Zustand war das in den letzten Wochen, der mich meine Ernährungsprioritäten derart schleifen lassen hatte?*

Meine letzten Pommes vor der Krise hatte ich irgendwo an der Holtenauer Straße nach einer Veranstaltung im Literaturhaus, bei der Lea Sauer und Simoné Goldschmidt-Lechner aus der sehr schönen Anthologie Flexen. Flâneusen* schreiben Städte gelesen haben und darüber sprachen, wie weibliche, queere oder BIPoC-Perspektiven auf Städte aussehen können. Ich radelte satt von den Pommes und hungrig nach exzessivem Flexen nach Hause, und gut eine Woche später war alles dicht. Vergangenen Mittwoch hatte ich dann die Ehre, selbst im Literaturhaus zu lesen, zusammen mit Joshua Groß, der aus seinem Roman Flexen in Miami las. Wieder was mit Flexen, mit 48 Stunden Verzögerung auch wieder Pommes im Anschluss, wäre ich abergläubisch, würde ich behaupten, dass sich hier gerade ein ganz großer und wichtiger Kreis geschlossen hat. Ob das in Echt irgendwas magisches erzeugt oder mein Schicksal positiv beeinflussen wird, kann ich nicht sagen, außer: Mein Feuerzeichen steht wieder im Sternbild Fritteuse, hat aber auch den Aspekt eines Spaziergangs (ich muss mich in astrologischer Terminologie noch etwas üben).

*Ich kann es übrigens nicht leiden, wenn sich Leute Dönerbuden oder -verkäufer*innen gegenüber abfällig verhalten und mir deswegen irgendwann mal vorgenommen, möglichst oft dort zu essen und mich so normal, nett und respektvoll zu verhalten, dass es das Fehlverhalten der anderen Gäste irgendwie ausgleichen würde. Außerdem wohne ich seit fast sieben Jahren am sogenannten Dönerdreieck und als ich hier hergezogen bin, war ich 24 und ziemlich oft traurig und verunsichert; klassischer Fall wohl von Quarter Life Crisis. Döner oder Pommes holen ging ich meist sonntags, denn dann war ich nicht nur traurig und verunsichert, sondern oft auch verkatert. Die unübersichtliche Wartesituation in meinem bevorzugten Dönerladen verunsicherte mich meist noch mehr, aber entgegen meiner Befürchtungen wurde ich nie übersehen und ging nie versehentlich mit der falschen Bestellung nach Hause. Und so gelangte ich irgendwann zu der Erkenntnis: Wenn ich es regelmäßig schaffte, bei Dostlar Falafel im Fladenbrot nur mit scharfer Sauce (ich ernährte mich damals vegan, oder versuchte es zumindest) zu bestellen, dann war ich vielleicht doch nicht so verloren, wie ich mich manchmal fühlte.

My Schleimpilz Diaries

In der Rosmarin-Pflanze aus dem Supermarkt lag schon länger etwas grünes auf der Erde, aber ich registrierte es immer nur aus dem Augenwinkel. Wahrscheinlich nur ein heruntergefallenes Blatt von den umliegenden Pflanzen, oder vielleicht sogar ein neuer Trieb! Ich habe den Rosmarin Anfang März gekaut, und dass er als Supermarktpflanze überhaupt so lang überlebt, wundert mich so sehr, dass ich seine neue Bodenbegrünung gar nicht so sehr hinterfrage. Erst, als ich neulich beim Aufräumen ein paar Pflanzen hin und her schob, entdeckte ich, was sich dort ausgebreitet hatte: Kein heruntergefallenes Blatt, eher eine Art grüner Fladen mit trichterförmigen Löchern, für die sonstige Textur der Oberfläche habe ich bis heute keine Worte. Entsprechend schwer war es, per Suchmaschine herauszufinden, was das sein konnte (kann bitte endlich jemand Shazam für Gewächse entwickeln?). „Grünes Ding Boden Erde Topf Rosmarin Supermarkt“ brachte kein aufschlussreiches Ergebnis. Ich machte also ein Foto und teilte es bei Instagram. Dort bekam ich den Hinweis, es könne sich um einen Schleimpilz handeln, die würden vor allem auf zu stark gegossenen Pflanzen bestens gedeihen. Vorsichtig befühlte ich die Erde im Topf, da, wo das grüne Ding nicht lag. Sie war deutlich zu nass. Ich googelte kurz „Schleimpilz“, las nur die erste Zeile des Wikipedia-Artikels („Die Schleimpilze (Mycetozoa oder Eumycetozoa) sind ein Taxon einzelliger Lebewesen, die in ihrer Lebensweise Eigenschaften von Tieren und Pilzen …“), topfte den Rosmarin sofort um und verbannte ihn auf den Balkon. Die alte Erde mit dem mutmaßlichen Schleimpilz entsorgte ich im Biomüll. So schleimig kam er mir gar nicht vor, dachte ich, als ich einen letzten Blick auf ihn warf, die Oberfläche sah bei genauerem Hinsehen eher moosig aus, aber sicher ist sicher. Besser weg damit.

Dem Rosmarin scheint es auf dem Balkon genauso gut zu gehen wie auf der Fensterbank. Er hat einige neue Blätter (oder Nadeln?) bekommen und keinerlei trockene Stellen. Als ich mir gestern jedoch für mein Mittagessen ein bisschen von ihm abzupfte, bemerkte ich: Auf der Erde im Topf wuchs etwas grünes, nur etwas mehr als stecknadelkopfgroß, aber der Farbton und die Textur kamen mir erschreckend bekannt vor.

Suburgatory Bike Rallye

Das Fitnessstudio hat wieder auf, aber ich traue mich noch nicht wieder hin (u.a. wegen der Drosten-Podcast-Folge über Superspreading), habe aber das irrationale Bedürfnis, irgendwie fit zu bleiben, bin also Fahrrad fahren gewesen. Habe folgendes gesehen/erlebt/festgestellt:
– In Kronshagen ist man sich zu fein für herkömmliche Friseurladen-Wortspiele, aber nicht für: ARTelier.
– Habe augenscheinlich zwei LED-Emojis auf Geschwindigkeitsanzeigetafeln den Tag gerettet, indem ich sie mit zahmen 18 und 20 km/h passiert habe. Der dritte Emoji, an dem ich vorbeigefahren bin, hatte leider schon Feierabend.
– Suchsdorfer Spaziergänger*innen mustern ortsteilfremde Menschen misstrauisch (kann aber auch nur so ein Gefühl gewesen sein). Die Mufflons im dortigen Wildgehege hingegen haben mich keines Blickes gewürdigt.

Mein Leben als Blob (1)

„Hast du schon gesehen, dass du das Aussehen deines Avatars ändern kannst?“ Das habe ich schon bei meinem ersten Besuch im Museum of Other Realities, aber ich verstehe erst jetzt, wie es funktioniert. Und so stehe ich vor einem Spiegel, links und rechts neben mir liegen verschiedene geometrische Figuren, die ich anprobieren und deren Größe und Farbe ich verändern kann. Dazu gibt es einige Hebel und zwei Farbspektren, eines für den Grundton, ein weiteres für das andersfarbige Highlight, das hier mein Gesicht ersetzt. Und so probiere ich mich durch die Figuren, von Trapezen über Rhomben hin zu Formen, für die ich in der Schule keinen passenden geometrischen Ausdruck gelernt habe. Zwischendurch bemerke ich, dass M. den Raum betreten haben muss, vielleicht schon vor einer ganzen Weile. 
„Guck mal, wie ich aussehe“, sage ich. 
„Ja“, antwortet M., „Ich seh schon.“ 
„Ich weiß nicht, das passt irgendwie nicht“, länglich und kirschrot mit einem tropfenförmigen Kopf drehe ich mich vor dem Spiegel. „Ich versuch nochmal was anderes, das passt doch gar nicht zu mir.“
„Ich lass dich mal“, sagt M. und geht.
Ich betätige die Hebel noch einige Male und lange schließlich in einer Form, die mir zusagt: Drei gestapelte Donuts, der in der Mitte ein bisschen dicker als die übrigen, darauf ein runder Kopf. Mein neuer Körper bekommt eine schlumpfenblaue Oberfläche und ein zitronengelbes Gesicht. 

Die Gruppe, mit der ich am Eingang verabredet bin, ist noch nicht da, also übe ich noch ein wenig meine neuen Fortbewegungsmöglichkeiten: Ich kann mich teleportieren, langsam und ein wenig schneller schweben. Ich soll auch meine Größe verändern können, was dazu dient, die Exponate im Museum aus einer anderen Perspektive betrachten zu können, aber ich habe noch nicht raus, wie das funktioniert. Immerhin weiß ich schon, was passiert, wenn ich mich verlaufen habe oder irgendwo hängen geblieben bin: Einfach den Teleporter auf die Decke richten und ich lande wieder im Eingangsbereich. Dort tauchen nun nach und nach die anderen aus der Gruppe auf: Ein blaues Trapez, eine konische Figur in Magenta und noch eine Stapelfigur, allerdings in Gelb. Ein orangefarbener Tropfen mit einem Würfel als Kopf winkt mir zu und lädt mich ein, mich der Gruppe anzuschließen. 
„Hörst du uns?“, fragt der Tropfen.
Ich nicke und versuche, mit meinen blockförmigen Händen ein Daumen-Hoch-Zeichen zu machen. Die anderen scheinen mich zu verstehen. 
„Dann geht es jetzt los!“, sagt der Tropfen und deutet auf ein hellgraues Rechteck an der Wand, das ein Tor zu sein scheint. „Wir gehen erstmal hier lang.“ 
Die anderen teleportieren sich durch das Tor, was bei mir nicht funktioniert. Der Teleporter zeigt mir ein rotes X, als ich auf das graue Rechteck zeige. Ich versuche also die Schwebefunktion. Als ich das Rechteck erreiche, wird alles um mich herum erst dunkel, dann bunt. Dann stürze ich ins Nichts.

Panic! on the Sidewalk

Es ist plötzlich so warm geworden, was mich eigentlich nicht verwundern sollte, weil es ja schon fast Juni ist, also fast der Monat, in dem der längste Tag im Jahr ist, aber ich bin trotzdem überrascht, dass es in einer handelsüblichen Jeans zumindest in der Sonne irgendwie zu warm ist. Vielleicht bin ich auch überrascht darüber, dass sich nach den vergangenen 3-13°C warmen heiter bis wolkigen Tagen voller Zahlen und Kurven und Interviews und Podcasts und Zuhausebleiben doch irgendwas ändert, das ich mit meinem eigenen Körper nachprüfen kann (und auch gern tun will). Woran ich mich nie wieder gewöhnen können werde: Dass meine Abneigung gegen allzu viel Kontakt und Nähe zu zufälligen Menschen plötzlich doch nicht mehr salonfähig ist. Ich spaziere heute durch eine Straße, in der einige Geschäfte offenbar vergessen wurden. Das ehemalige Büro eines Kammerjägers trägt seit vielen Jahren eine riesige Nahaufnahme von einer Wespe, eine Rattenfamilie und die Bäuche einiger Kakerlaken als Fensterschmuck, aber Spuren menschlicher Benutzung kann ich nie erkennen, wenn ich daran vorbeilaufe. Wie soll ich die Bilder auf dem Fensterglas interpretieren: „Diese Schädlinge entfernen wir für Sie!“ oder „Wir waren so lange nicht hier, dass diese Tierarten nun überhand genommen haben!“? Deutlich mulmiger wird mir, als ich an einem Antiquitätenladen vorbeilaufe, vor dem ein Transporter halb auf dem Fußweg parkt, wo auch der Ladenbesitzer mit ausgestreckten Beinen auf einem Korbstuhl sitzt, ein weiterer Mann über einer Wühlkiste kniet und eine ältere Dame mit Gehstock einen gigantischen Wendekreis einschlägt, um über eine kleine Kellertreppe in das innere des Ladens zu gelangen. Keine Chance, hier mit genügend Sicherheitsabstand vorbeizukommen. Ich bleibe stehen und hoffe, dass mich niemand anspricht, oder anschnackt, denn die Leute vor dem Geschäft sehen aus wie Leute, die gern andere Leute anschnacken. Nach drei Monaten legitimer Distanzhaltung sind mir jegliche soziale Kompetenzen zum angeschnallt werden abhanden gekommen. Ich betrachte eine Milchkanne aus Kupfer und hoffe, dabei nicht gesehen zu werden, ich will nicht einmal sagen müssen, dass ich mich nur umschaue, ich schaue mich ja eigentlich auch gar nicht um, ich warte nur darauf, dass ich weitergehen kann, ohne hier irgendjemandem zu nahe zu kommen. Brauche ich so eine Kanne? Na ja, ich habe eh kein Geld dabei. Als die Dame mit dem Gehstock auf der ersten Treppenstufe angekommen ist, nehme ich meinen Mut zusammen und schlängele mich an dem Ladenbesitzer und dem Kistentaucher vorbei. „Immer langsam!“, sagt einer von den beiden zu der Dame. Ich glaube, mich haben sie gar nicht gesehen.

Urlaub im Speckgürtel (2)

[21.5.2020]

In der Lokalzeitung steht: „Cliquenbildung ist verboten“, also fallen die Bollerwagentouren sogenannter Väter in diesem Jahr aus (zumindest in Niedersachsen). Es ist also ein ruhiger Himmelfahrtstag in der Lüneburger Heide. Was trotzdem gefährlich ist: „Plopp machen“, also Steine ins Wasser werfen, sagt jedenfalls mein sehr kleiner Neffe. Was eigentlich viel gefährlicher ist: Die Wassertemperatur an dem Bach, an dem wir unsere Füße ins Wasser halten wollen. Die anderen Kinder am Bach kümmert das natürlich überhaupt nicht. Stürze ins Wasser werden einfach hingenommen, nasse Unterhemden absichtlich in den Matsch am Ufer geworfen. Die Eltern stehen resigniert am Rand des Geschehens und haben nichts mehr zu sagen außer „Wir wollen los!“, was ungehört zwischen den Baumwipfeln verhallt. Ich trage heute zum ersten mal im Jahr eine kurze Hose und lege den Grundstein für die sommerliche Dauerverdreckung meiner Füße.

Werbeblock (diesmal audiovisuell)

Ich hätte gar nicht damit gerechnet, in nächster Zeit überhaupt mal irgendwo aufzutreten, aber dann war ich tatsächlich auf der Kieler Nachrichten-Bühne und habe unter anderem über meine Animal Crossing-Fails sprechen dürfen. Es war sehr spaßig, die Akustik war toll und ich hatte sogar so ein fernsehmäßiges Anclip-Mikro! Das Video und auch einen sehr netten Artikel findet ihr hier.