Sporternährung

Alter weißer Mann: Entschuldigung die Damen, gab es an der Uni etwas zu feiern?
Ich (mit einem Blumenstrauß im Arm, von meiner Premierenlesung kommend): Nein, aber in der Hansa48.
R. (neben mir gehend, auf mich zeigend): Ihre Buchpremiere nämlich!
AwM: Ach, Sie haben ein Buch geschrieben!
Ich: Ja, in der Tat.
AwM: Aha! Und wie heißt das Buch?
Ich: Das Orakel von Bad Meisenfeld.
AwM: Ach. Das klingt nach einem Heimatroman!
Ich: …
AwM: Und haben Sie schon welche davon verkauft?
R.: Es sind schon 50 Stück verkauft!
AwM: Ich habe auch mal ein Buch geschrieben. Das hat sich sogar 5000 mal verkauft!
Ich: Aha. Worüber denn?
AwM: Über Sporternährung. Schon ein paar Jahre her. Da hat noch niemand sonst über Sporternährung geschrieben!
Ich: Ach!
AwM: Und was erhoffen Sie sich jetzt von Ihrem Buch?
Ich: Weiß nicht, dass es Leute lesen vielleicht?
AwM: Naja. Schönen Abend noch! (geht.)

Pacific Northwest

„I hoped we could say something about the images of the story that are going to stick with us!“ Ungefähr so formuliert Alex, die Protagonistin aus der Serie MAID, ihren Vorschlag für positives, wertschätzendes Feedback nach einer Schreibübung in der Therapiegruppe. Von mir gab es in den letzten Wochen eigentlich keine richtige Story, weil ich mich endlich dem Verschlissenheitsgefühl ergeben und mit mir selber ausgemacht habe, dass ich nur noch dieses mysteriöse Projekt in Pinneberg beackern, DAS PROJEKT* fertig schreiben und ansonsten bis 2022 keinen Finger rühren werde. Dementsprechend (und weil ich für die Buchpremiere und Weihnachten recht streng mit Direktkontakten haushalten wollte) habe ich, nachdem die letzte Druckfahne korrigiert war, viel Zeit vor dem Fernseher verbracht. Habe mir dort in verantwortungslos enger Taktung zu Gemüte geführt: Die oben schon genannte Serie Maid, Manchester by the Sea und Midnight Mass. Die Bilder, die mich seitdem nicht mehr loslassen, setzen sich zusammen aus bewaldeten Küstenstreifen, grün-grau-grimmeligen (so hat meine Oma ihre Augenfarbe beschrieben) Steinstränden und dem Warten auf die Fähre, die erst in Stunden (oder auch gar nicht mehr) kommt. Obwohl sich in dieser nasskalten Landschaft das Grauen in tausend Gestalten tummelt (abusive relationships, brennende Häuser, schwierige bis zermürbende Familienverhältnisse, die berüchtigten Anderen, die die Hölle sind, Probleme, die sich eben nicht ganz einfach lösen lassen, ausbleibende Happy Endings, christliche Fundamentalist*innen, Vampire), sehne ich mich danach, mir irgendwo an der Küste Neuenglands den Arsch abzufrieren. Besser dort als in der grünkohlfarbenen Schrebergartenkolonie, in der ich jeden Tag vor Sonnenuntergang mit dem Hund spazieren gehe und die Leuchtreklame von Möbel Höffner verfluche, die sich hier aus jedem Blickwinkel in den Horizont schiebt.

Erst viel später nach meinem Streamingdienst-Ausflug nach Neuengland stelle ich fest: Ich war gar nicht nur dort. Manchester by the Sea spielt natürlich in Manchester-by-the-Sea in Massachusetts und wurde auch dort bzw. in zwei umliegenden Städten gedreht. Maid hingegen spielt in Washington State an der Westküste, was von Manchester by the Sea ungefähr 3000 km entfernt ist. Crockett Island, das wir aus Midnight Mass kennen, hat keine Koordinaten in der nichtfiktionalen Welt, wurde aber wie Maid in der Nähe von Vancouver gefilmt. Ich laufe also weiterhin durch die grünkohlfarbene Schrebergartenkolonie, wenn ich es schaffe, vor Einbruch der Dunkelheit die große Hunderunde zu machen, wünsche mich dabei aber eher in Richtung Pacific Northwest.

*streng genommen gibt es damit doch eine Story von mir, aber nicht über mich, weil: Der Text ist nicht autobiographisch, auch wenn das häufig vermutet wird (puh, guckt euch die Protagonistin doch an, DAS soll ich sein?!)

Shit got serious

Werbung in eigener Sache: Nachdem ich in meinem letzten Eintrag noch gemutmaßt habe, dass es DAS PROJEKT vielleicht gar nicht gibt und dass es ich es nur für diesen einen Vortrag erfunden haben könnte, kann ich nun endlich Tatsachen liefern: Ab sofort könnt ihr die Novelle (ja, wie die schlimmen Texte aus dem Deutschunterricht in der 9. Klasse!) „Das Orakel von Bad Meisenfeld“ beim stirnholz Verlag vorbestellen. Am 11. Dezember ist der offizielle Release. Wenn die letzte Schreib- und Lektoratsphase mich nicht schon so viel Schlaf gekostet hätte, würde ich wahrscheinlich bis dahin kein Auge mehr zu tun. Stattdessen muss ich jetzt erst einmal viel Schlaf nachholen. Nachti Nachti!

Blätter im Sinkflug

1.

Der September ist ein Sitzmonat: Ich sitze in der Regionalbahn, am Schreibtisch, auf mehrheitlich kleinen Bühnen und außerdem in der Klemme wegen eines Vortrags, den zu schreiben und vorzutragen ich mich in keiner Weise qualifiziert fühle (was recht offensichtlicher Quatsch ist, schließlich war es auch kein Problem, das Exposé dafür zu schreiben). Ich will mich auf das konzentrieren, was ich zu tun habe. Lesungen vorbereiten, Lesungen durchziehen (es sind eigentlich nur vier und einmal Lesebühne als showrunner, wie ich mich dort gerne bezeichne, aber nach einer derart langen Periode der Veranstaltungslosigkeit kommt mir alles, was mehr als einmal hintereinander passieren soll, wie eine Welttournee vor), Vortrag schreiben, vielleicht noch DAS PROJEKT weiterschreiben (passiert natürlich nicht), um das es u.a. in besagtem Vortrag gehen soll (gibt es DAS PROJEKT überhaupt wirklich oder habe ich es am Ende gar nur für DEN VORTRAG erfunden?), dazwischen Hunderunden und Lohnarbeit. Das Alternativprogramm wäre: Wahlkampf verfolgen. Bis zum 4. September fiebere ich dem Release der Wahl-o-Mat-Edition für die Bundestagswahlen entgegen, um dort ungefähr dasselbe Ergebnis einzufahren wie immer und am 6. September meine Briefwahlunterlagen einzuwerfen. Es ist ein guter Monat, um das Internet weitestgehend abzuschalten. Trotzdem beobachte ich ab und zu Armin Laschets selbstgerechten, hinterlistigen, dilettantischen Versuch, sich auf die rheinländische Onkeltour ins Kanzleramt zu wieseln (gottseidank erfolglos). Ich denke dabei an einen Sattelschlepper, der in eine Sackgasse ohne Wendemöglichkeit gefahren ist und bei seinem hakeligen Rückzugsmanöver versucht so zu tun, als hätte er da eh nur kurz reinschauen wollen. Das Wahlwochenende verbringe ich damit, zwischen den Hunderunden auf das Textdokument mit dem Vortrag zu starren und es zwischen 20 Uhr und 22:30 Uhr um ein paar Zeilen zu ergänzen. Als ich am Montag darauf, an dem ich eigentlich frei hätte, überraschend meiner Lohnarbeit nachgehen muss, bekomme ich einen Heulkrampf. Nachts liege ich wach, weil meine Knie schmerzen.

2.

Ich komme mir unheimlich schlau vor, als ich in das Textdokument mit meinem Vortrag die Behauptung tippe, dass die Klimakrise jetzt schon Teil unseres alltäglichen Erlebens ist und zwar in Form von Extremwetterereignissen direkt vor unserer Haustür (Starkregen, Gewitter, Überschwemmungen, sehr trockene Sommer) UND im Social Media-Feed, der ja auch zur erlebten Welt gehört, und dass alle der genannten Dinge deswegen als Wirklichkeitseffekt in einer Erzählung (angeblich auch in DEM PROJEKT) eingesetzt werden können. Als ich ein paar Tage später zwecks Lesebühnendurchführung zur Hansa48 radele, regnet es ärgerlich und ich frage mich, wie es sein kann, dass ich obenrum eine wasserdichte Funktionsjacke trage, es an den Füßen aber nur für löchrige Stoffschuhe gereicht hat. Um 17:35 Uhr stelle ich mein Fahrrad vor dem Eingang ab und wir beginnen, die Bühne aufzubauen. Ab 19 Uhr drängeln sich die Mitteilungen auf meinem Handydisplay: Ob es mir gut gehe, ob ich in Sicherheit sei, es habe doch diesen Tornado an der Kiellinie gegeben. Ich bejahe und beruhige und bin gleichzeitig verwirrt. Der Raum, in dem ich seit fast zwei Stunden herumwerkele, hat keine Fenster, und selbst im Innenhof der Hansa48 müsste ich mir den Nacken verrenken, um einen guten Überblick über die Wetterverhältnisse zu bekommen. Die Regentropfen auf meinen Schuhen sind längst getrocknet, aber ein kurzer Blick auf Instagram verrät, dass zwei Kilometer Luftlinie von hier tatsächlich eine Art Tornado durch die Innenstadt und durch die Förde gefegt sein muss. Was mache ich nun mit dieser Information? Ich bin völlig ratlos und überprüfe besser noch einmal die Einstellungen am Lichtmischpult.

3.

Am letzten Tag im September starte ich meine erste lange Zugreise seit dem ersten Lockdown. Die Kronen der Bäume, die sich südlich von Kiel zwischen Feldern und Dörfern gruppieren, tragen nur vereinzelt rostige Herbsttöne. In dem ICE, in den ich in Hamburg steige, wundere ich mich über eine Frau, die Langlaufski in der Gepäckablage verstaut. Andererseits: So weit sind die Alpen von meinem Reiseziel nicht entfernt. Wer weiß, was sich dort schon im September mit Langlaufski alles ausrichten lässt.
In die Tagung, zu der ich hier anreise, platze ich verspätet. „Schade, du hast gerade einen ganz kontroversen Vortrag verpasst“, bedauert einer der Gastgeber, während er mich durch die Einlasskontrolle der Tagungslocation schleust. „Dass du hier einfach so etwas über Marxismus in den Raum stellst!“, entrüstet sich ein älterer Tagungsgast in der Diskussion, den ich nicht sehen kann, weil er irgendwo hinter mir sitzt. Den Referenten scheinen diese Anschuldigungen kalt zu lassen. Die Großbuchstaben auf dem Deckblatt seines Manuskripts sagen: WASCH MIR DAS FELL, ABER MACH MICH NICHT NASS. Ein anderer älterer Tagungsteilnehmer erzählt: „Ich hatte früher auch ein ganz schlimmes Problem mit den Grünen. Ich mochte nicht, was sie anhatten und auch nicht, was für Lieder sie gesungen haben. Aber was sollte ich auch machen. Ich war in einer Wave-Band.“ Den Versuch, anhand der Diskussionsbeiträge herauszufinden, worum genau es in dem verpassten Vortrag ging, gebe ich schnell wieder auf. Stattdessen die Befürchtung: Werden sie mich morgen früh nach meinem Vortrag genauso grillen? Der Satz: „Dass du dich hier schon seit Jahren immer so als Anarchist profilieren musst. Ich war früher auch so, aber ich habe mich da ja weiterentwickelt“ fällt zum Glück erst Stunden nach meinem Beitrag und gilt nicht mir. „Das Schlimmste, was dir hier passieren kann, wäre dass keiner auf deinen Vortrag reagiert!“, sagt J., als wir am 1. Oktober durch die Fürther Innenstadt zum ersten Tagungsblock spazieren. Es ist überraschend kalt, wie auch schon in der vorausgegangenen Nacht, und ich trage beinahe alle Klamotten, die ich dabei habe, auf einmal. Ich hätte den Tornado noch einbauen müssen, denke ich, hätte ich bloß Zeit dazu gehabt, wäre ich im Zug nicht so müde gewesen, wären ab Mittwoch bloß noch zwei oder drei Tage mehr Zeit zur Vorbereitung gewesen. Nach meinem Vortrag fragt mich ein unironischer Österreicher zu einer Überlegung, die ich mir aus meinem Halbwissen über Silvia Federicis marxistische/feministische Positionen und die Dialektik der Aufklärung zusammengeschustert habe, ob er das so verstehen müsse, dass ich quasi zurück in die Steinzeit (also eine voraufklärerische Zeit) wolle. Nein, aber ich finde es lustig, wie viel Unbehagen eine geringe Dosis Ökofeminismus selbst bei linken Männern verursachen kann und stifte generell gern Unruhe!, hätte ich antworten müssen. Stattdessen sage ich: Irgendwas anderes. Der halbe Liter Weinschorle, die mir ein unfassbar gestresster Kellner am Abend hinstellt, gerät im Expressversand in meine Blutbahn. Als Abspannmusik für diesen Tag laufen Oasis und der Tagungsteilnehmer, der einmal in einer Wave-Band war und die Grünen nicht gemocht hat, singt den Refrain von Don’t Look Back In Anger – allerdings nie dann, wenn er im Song an der Reihe wäre und auch dann noch, als er längst vorbei ist.

On ne naît pas écrivaine : on le devient // Neues aus Süderbrarup

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, ganz offiziell zur Schriftstellerin zu werden: 1. Sich eine oder mehrere Geschichten ausdenken und aufschreiben, die vielleicht jemand ausdruckt und verkauft und vielleicht noch jemand anderes liest. 2. Tatsachen schaffen: Es einfach behaupten, z.B. laut aussprechen, auf Visitenkarten drucken oder beim Finanzamt so anmelden. 3. Bei der nächsten Lesung die Freundin mitnehmen, die auch deine Lektorin ist, sie in einen schwarzen Rollkragenpulli, eine extravagante Hose und einen wehenden Mantel stecken und sie, während ihr den Ort des Geschehens betretet, ganz angeregt mit dem Freund, der auch der Verleger ist, telefonieren lassen und so tun, als sei das dein Alltagsgeschäft. Ich trage eine völlig übertriebene Trainingsjacke, während ich mich in genau dieser Situation befinde, weil ich verschiedene Autorinnen, die ich cool finde, öfter in auffälligen Jacken gesehen habe und mich diesem Dresscode mit Vergnügen anschließe. Wahrscheinlich sehe ich aus wie eine, die auf die Betreuung einer Lektorin in wehendem Mantel angewiesen ist (Fun Fact: Das bin ich). Das Auto von M. haben wir ganz unprätentiös vor Tedi gegenüber des Süderbraruper Bahnhofs geparkt. Im Garten der Gemeindebücherei soll ich 90 Minuten lang lesen; eine ganze Spielfilmlänge. Während ich schon als „endlich mal eine junge Autorin“ empfangen werde, kann ich mir noch nicht vorstellen, wie das gehen soll. Aktuell schaffe ich es selbst kaum, eine ganze Spielfilmlänge lang auf dem Sofa zu sitzen und dabei die ganze Zeit wach zu bleiben, egal wie spannend der Film ist, und das Textmaterial, das ich ausgedruckt und mit einer Architektenklammer zusammengeklammert habe, ist gleichzeitig zu kurz und zu lang für einen solchen Abend. Je mehr Leute sich auf den weißen Plastikstühlen niederlassen, die eher auf eine Gartenparty schließen lassen als auf eine Lesung, desto deutlicher wird: Ich bin die jüngste Person auf dieser Veranstaltung. Ich habe Texte über Animal Crossing und meinen Hass aufs Telefonieren dabei, wie soll das alles funktionieren? Es stellt sich schließlich heraus: Es funktioniert. 90 Minuten Lesezeit fließen gefüllt. Meine Freundin/Lektorin flitzt wehenden Mantels durch die Reihen und macht Fotos für Instagram mit meinem Handy, was ganz gut ist, weil ich angekündigt wurde als eine, die viel in den sozialen Medien herumhängt, aber das für die ankündigende Personen ein großes Rätsel sei. Nach Hause gehe ich mit ein paar Printerzeugnissen weniger, einem Blumenstrauß und den Kontaktdaten einer oftmals leerstehenden Hütte in Värmland/Schweden (M. wird später sagen, das klinge unseriös). Zuhause gibt es gegen Mitternacht noch Nudeln. Als Schriftstellerin lebt es sich mitunter ganz in Ordnung.

Städte woanders

1.

Es hat sich so ergeben, dass ich zur Zeit hin und wieder in andere Städte muss, allerdings hauptsächlich in solche, für die ich in eine Regionalbahn steige und darin eine halbe oder ganze Stunde verbringe. Nichts glamouröses, kein ICE, dafür Skittles aus dem Snackautomaten auf dem Bahngleis. Nach eineinhalb bargeldlosen Jahren ist es nun wieder überlebenswichtig, Kleingeld dabeizuhaben. Der Bäcker am Rendsburger Bahnhof schließt um 13 Uhr. Um 13:07 Uhr steige ich dort halb verhungert aus dem Bus und schaffe es gerade so, nicht verzweifelt an der verschlossenen Glastür zu rütteln, hinter der eine Bäckereifachverkäuferin die Verkaufstheke reinigt. Eine Gruppe Jugendlicher in unverwüstlichem EMP-Schick mustert mich abschätzig. „Der ist schon zu“, sagt eine brünette Frau im Rollstuhl. „Am Hinterausgang ist ein Edeka, da ist auch ein Bäcker drin.“ Ich bedanke mich und sprinte los. Mein Zug fährt zwar erst in 18 Minuten, aber wer weiß, wie lange es bei diesem Bäcker dauert und ob ich mich auf dem Weg dahin nicht doch noch verlaufe. Wenn ich den Zug verpasse, hänge ich vielleicht für immer hier fest. Die feindseligen Blicke der sehr wenigen Menschen, die mir entgegenkommen, sagen mir, dass ich das nicht riskieren sollte. Woran erkennen sie, dass ich nicht hierher gehöre? Ich trage zum ersten Mal seit Oktober meine seriösen Büroschuhe. Vielleicht sind es die Schuhe, an denen sie erkennen, dass ich bei meiner Ankunft heute früh ein Foto gemacht und an eine Freundin geschickt habe, mit der Bildunterschrift OH GOTT, UND HIER MUSS ICH JETZT 20 MINUTEN AUF DEN BUS WARTEN.

2.

Eine sehr nette Kunstgruppe aus einer weiteren Kleinstadt haben mich eingeladen, bei einem Projekt mitzumachen. Es ist eine Ortsbegehung geplant, zu der ich am späteren Nachmittag mit dem Regionalexpress fahre. Wir treffen uns am Eingang zu dem Wald, in dem man schon mit einem Bein steht, sobald man in Pinneberg aus dem Zug steigt. Es soll dort auch einen Hafen geben, aber das glaube ich erst, wenn ich mir dort betrunken einen Anker auf den Oberarm tätowieren lassen kann. Im FAHLT, dem Pinneberger Stadtwald, werden wir von Mückenschwärmen schamlos ausgesaugt. Zuerst wähne ich mich in Sicherheit, ich trage lange Kleidung, von dem zwei Finger breiten nackten Streifen zwischen dem Saum meiner Sportleggings abgesehen. Das wird zu verschmerzen sein, denke ich. Das ist wie in Schweden, denke ich auch. Dort beißen die Mücken ihren Opfern ganze Fleischbrocken aus den Gliedmaßen und trotzdem gibt es massenhaft Leute, die dort gern Urlaub machen, mich eingeschlossen. Später stelle ich fest, dass Pinneberger Fahlt-Mücken auch durch den Stoff einer Sportleggings stechen. Wir schauen uns bestimmte Bäume an und ich beginne zu verstehen, wie wichtig Performance- und Aktionskunst sind: Die einen können sich darüber freuen, dass sie damit etwas anfangen können (vielleicht sogar mit anderen zusammen!), die anderen können sich gemeinsam darüber aufregen, welcher Quatsch heutzutage als Kunst verkauft wird. Eine Künstlerin aus der sehr netten Kunstgruppe schreibt das Protokoll unseres Treffens mit der Diktierfunktion ihres Smartphones, weil sie eine Sehnenscheidenentzündung hat. Sie kündigt an, das Protokoll später ins Reine zu schreiben, aber auch die ungefilterten Ergebnisse der Spracherkennung mitzuschicken. Auf der Rückfahrt habe ich 32 Minuten Aufenthalt in Elmshorn. Ich poste Fotos der Bahnhöfe in Pinneberg, Rendsburg, Tornesch und Elmshorn bei Instagram und lasse darüber abstimmen, welcher Bahnhof der schönste ist. Ob das in Ordnung oder vielleicht irgendwie klassistisch oder landeshauptstadt-normativ ist, weiß ich nicht. Das Unwetter, das mir schon den ganzen Tag auf den Fersen ist, bricht trotzdem erst so richtig los, als ich in den Anschlusszug nach Kiel steige.

Ungemach am Pfandflaschenautomaten. Ein Drama.

Dramatis Personae

ICH

DER PFANDFLASCHENAUTOMAT bei Rewe

EIN WEITERER, DEFEKTER PFANDFLASCHENAUTOMAT

EIN EHEPAAR in der Schlange hinter mir

CA. 10 WEITERE MENSCHEN hinter mir

EIN JUNGER TYP, der ein Paket an der DHL-Paketannahmestelle abgeben will, die sich im Getränkelager zu befinden scheint

DIE REWE-LAUTSPRECHERSTIMME

Samstag Mittag. Ich betrete den Rewe Markt in meinem Viertel mit einer übergroßen, orangefarbenen Tasche voller Pfandflaschen (hauptsächlich die leeren Hüllen fragwürdiger Energydrink-Sorten, die M. aus mir nicht ersichtlichen Gründen regelmäßig konsumiert). Mit Entsetzen stelle ich fest, dass sich vor den Pfandflaschenautomaten eine lange Schlange gebildet hat. Da ich mir jedoch nichts sehnlicher wünsche, als den Pfandbeutel an meinem Arm loszuwerden, stelle ich mich brav hinten an. Einer der Pfandflaschenautomaten trägt bereits ein großes DEFEKT-Schild. A HYMN von IDLES läuft auf meinen Kopfhörern (I want to be loved / everybody does / […] teletext has a place in my heart). Als ich an der Reihe bin, lege ich die bunten Energydosen ordnungsgemäß auf das Laufband des Pfandautomaten – nicht zu langsam, um die immer länger werdende Schlange hinter mir nicht zu verärgern, und nicht zu schnell, um den Automaten nicht zu überlasten. Als die Dosen abgearbeitet sind und ich eine normale Pfandflasche auf das Laufband lege, beginnt der Automat wie wild zu piepen.

DER PFANDAUTOMAT ohrenbetäubend piepend, mich über das Display informierend: Bitte informieren Sie das Supermarktpersonal.

ICH erstarre zur Salzsäule, beginne, die Gummihalterung meiner Maske vom Ohr zu pulen, bemerke, dass das der falsche Handlungsschritt ist, lege die Maske wieder ordnungsgemäß wieder an, nehme meine Kopfhörer aus, drehe mich hilfesuchend um.

EIN JUNGER TYP mit einem Paket unter dem Arm drückt die Klingel am Getränkemarkt.

DIE REWE-LAUTSPRECHERSTIMME: […]

DER PFANDAUTOMAT ohrenbetäubend piepend, mich über das Display informierend: Bitte informieren Sie das Supermarktpersonal.

ICH drücke ein paar Mal auf den grünen Knopf am Pfandautomaten. Mein Bon wird ausgedruckt, sonst passiert nichts.

ICH zum Ehepaar hinter mir: Wie unangenehm.

DAS EHEPAAR zuckt mit den Schultern.

DER PFANDAUTOMAT piept weiterhin ohrenbetäubend: Bitte informieren Sie das Supermarktpersonal.

DER JUNGE TYP drückt mit dem Paket unter dem Arm noch einmal auf die Klingel am Getränkemarkt.

DIE REWE-LAUTSPRECHERSTIMME: […]

DIE SCHLANGE HINTER MIR beginnt ungeduldig mit den Hufen zu scharren.

ICH zum Ehepaar hinter mir: Das ist mir wirklich sehr peinlich.

DER PFANDAUTOMAT weiterhin piepend: Bitte informieren Sie das Supermarktpersonal.

DER MANN löst sich aus der Ehepaar-Konstellation und betätigt die Klingel am Getränkemarkt.

DIE REWE-LAUTSPRECHERSTIMME: Bitte besetzen Sie die Getränkeannahme.

Die Menge atmet auf und wartet geduldig, dass jemand erscheint. Es rumpelt im Pfandautomaten. Das Display fordert mich auf, meine Pfandflaschen ordnungsgemäß in den Automaten einzugeben. Ich leiste dem Folge.

NIEMAND besetzt die Getränkeannahme: […]

Ich verstaue die leere orangefarbene Tasche in meinem Rucksack und setze meinen Einkauf fort.

Es tut mir leid,

ich habe die letzten Tage/Wochen meinen Kopf so stark um eine bestimmte Entscheidung wickeln müssen (bin traurig, dass es „to wrap somebody’s head around something“ nicht auf deutsch gibt, also schaffe ich hier mal ein paar Fakten durch Sprache), dass ich einfach keine Zeile schreiben konnte. Dabei gab es durchaus viel zu beobachten: Es ist zum Beispiel ALLES voller Mäuse. Meine innerstädtische Mäusesichtungsquote ist in den vergangenen Wochen um ein vielfaches gestiegen. Außerdem war ich beim Arzt wegen eines bösen Hustenleidens, das einfach nicht verschwinden wollte. Er sah mich mitleidig an und verschrieb mir codeinhaltigen Hustensaft. Der Apotheker, bei dem ich das Rezept einlöste, riet mir dazu, mit dem Alkohol am Abend ein wenig vorsichtig zu sein. Ich starrte ihn irritiert an, es war Montag, ich hätte den ganzen Tag keinen Gedanken an Alkohol verschwendet, wenn er das Thema nicht angesprochen hätte. Letzte Woche kam es dazu, dass ich ganz spontan geimpft werden konnte. Der Impfarzt wies mich darauf hin, dass ich erst schauen soll, wie ich mich fühle, wenn ich in den nächsten Tagen „mit Freunden anstoßen“ wolle. Diese Omnipräsenz von Alkohol ist wirklich zermürbend (und ich allergisch gegen Bier und damit auch gegen einen fundamentalen Anteil gesellschaftlichen Zusammenhalts). Ich hoffe einfach, nach erfolgreicher Entscheidungsfindung nun wieder einen Kopf für einen Schreiballtag zu haben. Peace out!