Deutscher Herbst 2020

Sich vor Nasen ekeln
Die Handschuhe vom letzten Winter nicht mehr finden; sich wieder daran erinnern, dass sie auf einem der ewig langen, ziellosen Spaziergänge während der ersten Welle verloren gegangen sind
Sich von einem Podcast die Medikation eines an Covid-19 erkrankten Faschisten in Regierungsverantwortung erklären lassen
Vorsichtig über vom Sturm durcheinander gewirbelte E-Scooter steigen
Keine Lust auf Zoom
„Pilzpfanne“ denken, ein diffuses Gericht mit Champignons kochen
Autos fahren mit Absicht in Demonstrierende wie in den USA (Allerdings nur ein Zwischenfall)
Feststellen: Der neue Wintermantel ist für aktuelle Temperaturen (10°C) ganz okay
Hoffnung und Befürchtung in einem: Kälter als jetzt wird es sicher nicht mehr werden

Google+

Neue Lieblingsbeschäftigung gefunden, die vermutlich auch allein, aber vor allem Corona-kompatibel mit per Discord oder Skype zugeschalteten Freund*innen viel Spaß macht: Die Anfänge von Fragesätzen in die Suchzeile von Google eintippen und die verschiedenen Auto-Vervollständigungsvorschläge bewundern. Es war eigentlich als Schreibübung gedacht: Schreibe einen Text über den ersten (oder dritten oder letzten) Vorschlag in der Liste (und beantworte ggf. die gestellte Frage). Allerdings sind die Ergebnisse der Auto-Vervollständigung so aufrüttelnd, dass wir zum schreiben kaum kommen, obwohl wir völlig neutrale Wörter in das Suchfeld eintippen (die Listen mit den Vorschlägen, die z.B. auf „Können Frauen…“ folgen, dürften ja vielleicht bekannt sein).

Wir fangen an mit: Wann wird endlich
Meine Ergebnisse:
Wann wird endlich wieder Sommer
Wann wird endlich Sommer 2020
Wann wird endlich die Maskenpflicht abgeschafft
Wann wird endlich die Maskenpflicht aufgehoben
Wann wird endlich wieder Sommer text
Wann wird endlich mit t geschrieben
Wann wird endlich die Reisewarnung in die Türkei aufgehoben

Ich finde die Naivität, die hinter dem Versuch steckt, Google eine aufschlussreiche Antwort auf „Wann wird endlich Sommer 2020“ zu entlocken, fast ein bisschen süß. Sicherlich gab es da gute und für jeden verfügbare meteorologische Prognosen, aber ich würde behaupten, dass die gewünschte Antwort gewesen wäre: Am 13. Juli, also nächste Woche. Du kannst schonmal neue Sonnencreme kaufen. In unserer Runde bin ich die einzige, die „Wann wird endlich mit t geschrieben“ in ihrer Zusammenstellung hat. Diese Frage kann ich auch ohne Google beantworten: Nie!

Nächste Runde: Wie lange sollte man
Meine Ergebnisse:
Wie lange sollte man schlafen
Wie lange sollte man stillen
Wie lange sollte man Kontoauszüge aufbewahren
Wie lange sollte man joggen
Wie lange sollte man Zähne putzen
Wie lange sollte man trainieren
Wie lange sollte man sich sonnen

Niemand von uns weiß, wie lange man Kontoauszüge tatsächlich aufbewahren sollte. In Zeiten von Online-Banking ist das eine zurecht fast ausgestorbene Papierdokumentengattung. Ich finde manchmal noch vereinzelte Exemplare davon in Kramschubladen und -kisten und müsste vielleicht mal googeln: Wie entsorgt man Thermopapier richtig? Unsere Suchergebnisse gehen fast gar nicht auseinander, nur A. hat als einzige: Wie lange sollte man Brotteig gehen lassen? Sie hat noch nie in ihrem Leben ein Brot gebacken und plant das auch nicht für die Zukunft, sagt sie ziemlich bestimmt; wir müssen ihr das glauben.

Die Ergebnisse der letzten Runde sind nahezu poetisch:
Womit macht man am meisten Geld
Womit macht man Löcher in der Wand zu
Womit macht man Männern eine Freude
Womit macht man einen Einlauf
Womit macht man Beach Waves
Womit macht man Caipirinha
Womit macht man Mojito
Womit macht man Gras klein
Womit macht man Fernseher sauber
Womit macht man Spaghettieis

Zumindest die letzte Frage kann ich aus eigenen Erfahrungswerten (traumatische 1 1/2 Monate Ausbeutung in einer Eisdiele, die es nicht mehr gibt): Was man für die Herstellung von Spaghettieis braucht

Vanilleeis (2-3 Kugeln)
Vorstellungskraft
Eine gewisse Portion Abgebrühtheit
Keinerlei Respekt vor der italienischen Küche
Erdbeersauce
Relativ viel Kraft
Weiße Schokoladenflocken in Parmesan-Optik (grob gerieben, nicht so wie das Käsefuß-Abrieb-Granulat aus der Miracoli-Packung, das es darin nicht mehr gibt)
Eine Spaghettieis-Quetsche (so ähnlich wie eine Knoblauch-Presse, nur in groß)
Einen Stromanschluss.


Spooktober

Ich bin jedes Jahr überrascht, wenn sich das spätsommerliche Mittelmaß des Septembers im Oktober tatsächlich in echten Herbst verwandelt. Auf dem Weg zum Bäcker trage ich meinen neuen Wintermantel, für den es vor ein paar Tagen noch zu warm war, eine Jogginghose, die ein bisschen zu dünn ist, Socken mit Weihnachtsmuster und eine ausgeleierte Mütze auf meinen Haaren, die nach dem Aufstehen völlig unangetastet geblieben sind (und auch den übrigen Tag bleiben werden). Die Luft riecht nach Schnee, über den die Leute sagen, dass er nicht liegen bleiben wird. Die Schlange bei Bäcker Günther im Kronshagener Weg reicht bis in die Metzstraße und dort fast bis zum ersten Dönerladen am Dönerdreieck (was ein bisschen übertrieben ist, eigentlich sind es nur drei oder vier Leute, die noch in der Metzstraße stehen). Die Corona-Karte von der ZEIT, die ich hin und wieder anschaue, vermeldet, dass es in der vergangenen Woche 23.682 Neuinfektionen gab. In Kiel sind es zwar nur 10 (4,1 je 10.000 Einwohner*innen), aber damit das so bleibt, darf nur noch eine Person zur Zeit in den Bäckerladen, in dem es für mehr als zwei Personen ohnehin zu klaustrophobisch ist. Ich bin neidisch auf die anderen Jogginghosen in der Schlange (dickerer Stoff, rot-blau-weißes Muster mit Adidas-Streifen, die Bündchen an den Füßen nicht ausgeleiert).

Wenn ich zu diesem Bäcker gehe, komme ich normalerweise vom Westring und gehe auf dem Rückweg durch die Metzstraße zurück, um nicht zweimal denselben Weg zu laufen, aber der Fußgängerweg in der Straße ist so eng, dass ich heute ausnahmsweise über den Westring zurückgehe. In einem Fenster im Erdgeschoss sitzt eine Katze, die mich abschätzig mustert, als ich daran vorbeigehe. Sie ist dunkelgrau mit einer weißen Brust und hat Vampirzähne (vielleicht als Vorbereitung auf Halloween). Andere Fenster im Erdgeschoss sind mit Spitzengardinen verhangen, die vermutlich nur zum Fensterputzen aufgezogen werden. Zwischen den Vorhängen und den Fensterscheiben stehen nicht immer, aber oft Deko-Katzen, -Eulen, -Schweine und -Frösche auf der Fensterbank. Ich wundere mich jedes Mal darüber, dass die Gesichter dieser Keramiktiere zur Straße gewandt sind, aber heute fällt mir eine Antwort ein: Weil die Besitzer*innen dieser Dekorationsartikel sie aufgrund der immer zugezogenen Spitzengardinen nie zu Gesicht bekommen, schauen sie auf die Straße und nicht in die Wohnzimmer, in denen sie eigentlich stehen. Die Deko ist also für die Flaneusen, die im Vorbeigehen in die Fenster schielen. Eigentlich eine süße, fast selbstlose Geste – aber warum sind es immer nur Porzellantiere, deren kalte, leere Augen uns kalte Schauer über den Rücken jagen?

Zurück auf die Insel

Am schlimmsten ist es eigentlich, wenn die Gegenwart gleichzeitig so arbeitsintensiv ist, dass ich nicht zum schreiben komme, und dazu noch so viele entsetzliche und gleichzeitig wenig überraschende Dinge passieren (Moria, rechte Netzwerke in der Polizei, zweite Welle, etc.) passieren, dass ich auch gar nicht wüsste, wo ich anfangen sollte. Das Einzige, was hilft: Zum ersten Mal seit Wochen wieder auf meiner Animal Crossing-Insel vorbeischauen. Ich weiß gar nicht so recht, warum ich so lange nicht da war, schließlich hatte ich Anfang August endlich meine heiß ersehnte Baulizenz in der Tasche. Naja, vielleicht weiß ich es doch. Ich erinnere mich noch an das überschwängliche Herumgebuddel, neue Plateaus, umgeleitete Flüsse und das anschließende Verwerfen aller Änderungen. Meine Insel war doch eigentlich schon ganz okay so, wie sie war, viel Strand, drei Hügel, ein Fluss, ein Teich und eine völlig außer Kontrolle geratene Tulpenplage aus der Zeit, als ich noch dachte, ich würde Insel-Mogul Tom Nook noch 50.000 Nook-Meilen schulden, die ich durch exzessives Gärtnern verdienen könnte. Fuck it, dachte ich eine Sekunde später und beseitigte die komplette Vegetation auf Hügel Nr. 3, um dort einen Freizeitpark zu bauen (in touristisch kluger Nähe zu meinem Natur-Campingplatz). Als ich fertig war, traf ich auf einen Inselbewohner, der mich über seine Umzugspläne informierte; er suche neue Herausforderungen und außerdem sei es ihm hier einfach zu voll. Ich dachte an das Grundstück, das ich für ihn ausgesucht und die Provision, die ich dafür bekommen hatte. Ich hatte es geschafft: Ich hatte die Insel gentrifiziert. Dann flog ich auf eine andere Insel, um dort meine Rüben für 500 Sternis zu verkaufen und rodete auf drei weiteren Inseln ganze Wälder, weil ich wusste, dass es für mich oder für das dortige Ökosystem keinerlei Konsequenzen haben würde. Willkommen im Kapitalismus, sagte eine Stimme in meinem Kopf, und ich fühlte mich schmutzig.

Heute war ich allerdings so verkatert (zwei Gin Tonic, aber auch ein 12-Stunden-Arbeitstag an einem Samstag – das dass in Zeiten von Corona in der Kulturbranche überhaupt geht), dass ich auf der Couch festklebte und Animal Crossing als fast einzige Beschäftigungsmöglichkeit in Reichweite war. Nach meiner zweimonatigen Abwesenheit hatte ich nun Ungeziefer im Haus und eine ganze Menge Unkraut zu jäten. Den anderen Inselbewohner*innen ging ich lange aus dem Weg (allerdings hatte ich mit der Obsternte auch viel zu tun und keine Zeit für Smalltalk) und besuchte sie später doch noch in ihren kleinen Häusern, in denen keiner von ihnen je ein zweites Zimmer angebaut hatte (bin ich die einzige kreditwürdige Person auf dieser Insel?). Sie zeigten sich besorgt und entsetzt über mein langes Fehlen, Du kannst doch nicht einfach abhauen und niemandem Bescheid sagen, wir haben uns Sorgen gemacht!, aber am Ende freuten sie sich doch, mich zu sehen. Ich stellte einigen von ihnen völlig überflüssige Tulpen vor die Tür und fühlte mich ein bisschen schlecht, aber immerhin: Diesmal wegen Sozialversagen und nicht wegen Raubtierkapitalismus (bin allerdings gespannt, ob ich wieder Provision bekomme, wenn jemand das leerstehende Haus kauft).

Wie lange verschiedene Dinge in Deutschland dauern

(Stand: August/September 2020)

15 Sekunden, bis die Lichtnahrung aus Udos Kühlschrank absorbiert und der Werbespot vor dem nächsten Youtube-Video zu Ende ist.

6 Stunden und 33 Minuten, um mit dem Auto von Stuttgart nach Berlin zu fahren.

5 Minuten, bis Susanne beim Meditieren auf der Straße im Schneidersitz die Beine einschlafen.

150 Millisekunden, bis Auge und Gehirn den schwarz-weiß-roten Stofflappen, der über den Köpfen der Demonstrierenden weht, als Reichsflagge identifiziert haben.

300 Millisekunden, bis sich das Gehirn aus Gewohnheit und Bequemlichkeit dazu entscheidet, sich weder an dieser Flagge und noch an allen anderen einschlägigen Symbole und deren Träger*innen zu stören.

„Ein bis zwei Minuten“: Das Zeitfenster, in dem drei Polizisten genau diese Menschen davon abhalten müssen, die Reichstagstreppe zu besetzen.

10 Sekunden: Das Zeitfenster, in dem sich bei einem Polizeieinsatz wegen eines mit dem E-Scooter auf dem Gehweg fahrenden 15-Jährigen die Anzahl der Polizist*innen verdoppelt (von 4 auf 8) und sie ihn vollständig eingekreist haben. Bis der erste Polizist dem Jungen ins Gesicht schlägt, dauert es weitere 5 Sekunden.

6 Tage, bis der Verfassungsschutz feststellt, dass auf der Demo gegen die Corona-Auflagen am 29.8.2020 in Berlin doch ziemlich viele Rechtsextreme waren.

Wasserfeste Schminke

Ich bin in Lübeck versackt und übernachte dort bei Freund*innen, die mir mit einer Matratze, einer extrem flauschigen Decke und sogar mit einer Zahnbürste aushelfen. Vor dem Zähneputzen gehen wir noch eine Gute-Nacht-Zigarette rauchen am Hafenbecken und ich denke kurz darüber nach, ob das hier eigentlich eine gute Badestelle wäre. Fazit unserer anschließenden kurzen Untersuchung: Wäre es eher nicht, der Abstand zwischen Kaimauer und Wasserspiegel ist zu groß, die Ein- und Ausstiegsleitern im Dunkeln kaum aufzufinden und das Wasser vermutlich auch voll mit Schiffsmotorenöl; viel zu gefährlich und wahrscheinlich auch ein bisschen eklig. Einer der wenigen kleinen Schlachten, die die Vernunft heute für sich entscheiden konnte. Seit ich wieder geheilt bin (bzw. seit mein neuer Bauchnabel seine Kruste abgeworfen hat), möchte ich gerne alles von dem, was in den letzten Wochen nicht ging, auf einmal machen.

Als ich am nächsten Morgen in den Spiegel schaue, bin ich doch einigermaßen beeindruckt davon, dass mein Eyeliner, den ich aus Faulheit vor dem Schlafengehen nicht mehr abgemacht habe, immer noch aussieht wie gestern. Wasserfeste Schminke, so eine gute Erfindung! Eine ungeschickte Bewegung später landet mein Handy in der Kloschüssel.

Wasserdichte Pflaster

1.

Die Wunde im Bauchnabel verheilt nur langsam. Es ist zu vermuten, dass er nie mehr derselbe Nabel sein wird wie vorher. Auch der Körper drumherum ist für immer verändert – weniger Material an der Innenseite, anderer Hormoncocktail, perspektivisch betrachtet hoffentlich weniger sinnlos vergossenes Menstruationsblut. Vielleicht nie wieder PMS, leider wohl auch nie wieder dieser spontane Ausbruch von Schaffenskraft, wenn das PMS seinen Würgegriff endlich gelockert hat. Durch den problematischen Bauchnabel ist es außerdem völlig unmöglich, auf dem Bauch zu liegen und die Geschehnisse in meinem Kopf auf die Laptoptastatur einschlagen zu lassen. Sitzend arbeiten findet der Bauchnabel ebenfalls nicht besonders gut. Mit weniger Bauchfett wäre im Sitzen weniger Druck auf der Kruste; sie würde nicht ständig aufbrechen und Sturzbäche von Wundsekret absondern. Ich habe den Verdacht, dass ich wohl zu viel sitze. Der Verdacht, dass ich mich vielleicht nicht fachgerecht erhole, übt zusätzlichen Druck auf die Bauchnabelkruste aus, aber ich kann ja nicht den ganzen Tag nur entweder gehen oder auf dem Rücken liegen. Normalerweise finde ich meinen Körper mal so, mal so, bin mit dem Fettgewebe aber immer irgendwie klargekommen. Nun habe ich aber neue Feinde (oder zumindest denke ich das), und zwar: Östrogene, die (wie ich irgendwo gelesen habe) u.a. im Fettgewebe gebildet werden und von dort aus neue Kohlen in potenzielle Endometrioseherde werfen könnten. Der Speck muss also weg, vermutlich, und allein das zu denken fühlt sich an wie Verrat. Genauso wie die Pille, die ich jetzt im Langzeitzyklus nehme, die ich vor Jahren aus feministischen Gründen abgesetzt habe; weil ich Schluss damit machen wollte, alleine für Verhütung zuständig zu sein. Verrat an meinen Idealen und an den anderen #Endosisters und #Endowarriors aus dem Internet, weil ich nicht so kämpfen, nicht so sein kann wie sie. Ich habe nicht die Geduld, mich gegen künstliche Hormone und für Porridge, Kurkuma Latte und Achtsamkeit zu entscheiden, Schmerztrigger ausfindig zu machen und sie zu vermeiden. Ich will keinen Haferschleim, ich will einfach nur meine Ruhe! Die #Endowarriors und ich leiden alle an einer Krankheit, die sehr komplex und der medizinischen Forschung trotzdem relativ egal ist, weil sie hauptsächlich (allerdings nicht ausschließlich!) Menschen mit Uterus betrifft. Wahrscheinlich bin ich mit meiner Ungeduld, die dazu führt, dass ich mich mit der nächstbesten, der Komplexität der Angelegenheit und der Patient*innen vermutlich niemals gerecht werdenden Behandlungsmethode zufrieden gebe, für den Kampf gegen Sexismus in Gesundheitsfragen völlig untauglich. Andererseits: Offensichtlich gibt es keine richtige Kur im falschen System.

2.

A propos Geduld: Die zwei Wochen Schwimmverbot, die die Ärztin ausgesprochen hat, sind längst um, aber der Zustand meines Bauchnabels lässt noch nicht so recht auf Seetauglichkeit schließen. Ein paar mal fahre ich ans Meer, gehe so weit ins Wasser, wie es meine Beinkleidung erlaubt und verzehre mich danach, mich mit dem ganzen Körper in die Fluten zu stürzen (nur einmal ganz kurz!). Es sind knapp 30°C, als ich es nicht mehr aushalte. Ich laufe den brütend heißen Westring entlang zur nächsten Apotheke, kaufe Betaisodona und zur Sicherheit gleich zwei Packungen wasserdichte High-Tech-Pflaster. Zuhause tupfe ich eine Portion Jodsalbe auf meinen Nabel und lege mich auf den Balkon, um sie einwirken zu lassen. Einige flaumige Härchen auf meinem Bauch glitzern in der Sonne und ich frage mich, ob das schon immer so viele waren. Dann stelle ich mich so gerade hin wie möglich und klebe eines der wasserdichten Pflaster über meinen Bauchnabel. Als ich endlich die fiese Schrittgrenze überschritten habe (deutlich einfacher an diesem Tag dank Wellengang) und versuche, beim Schwimmen nicht mit Quallen oder Taschenkrebsen zu kollidieren, bemerke ich, dass sich tatsächlich kein Tropfen Wasser in meinem lädierten Bauchnabel zu befinden scheint. Warum bin ich nicht schon viel früher zur Apotheke gegangen? Die Ostsee ist beinahe lauwarm. Ich könnte ewig auf dem Rücken im Wasser liegen und mich von den Wellen über die Seegraswiese unter mir tragen lassen, aber ich will das Pflaster nicht überstrapazieren. Erst, als ich gegen Mitternacht wieder zuhause bin, reiße ich es ab, erst ganz vorsichtig, dann mit einem kräftigen Ruck. Der größte Teil meines Bauchnabelflaums und auch ein wenig Haut bleiben daran hängen. Darunter wartet der neue Normalzustand meiner Körpermitte und grüßt freundlich.

Plot Twist

„Sie hatten ja so viel Endometriose, wir mussten doppelt so lange operieren wie geplant!“ Wieder und wieder kriecht dieser Satz durch mein inneres Ohr, als ich langsam aus der Narkose aufwache. Endometriose, puh, das muss ich geträumt haben, Das Wort PILLE geistert außerdem noch durch meinen Kopf, und: LANGZEITZYKLUS, jaja Unterbewusstsein, denke ich, so ein Mumpitz, das kommt davon, wenn man jahrelang Symptome googelt, aber trotzdem zu selten zum Arzt geht. „Auf einer Skala von 1-10, wie stark sind ihre Schmerzen?“, fragt eine Pflegerin, und ich antworte „Drei“, weil das die einzige Zahl ist, die mir gerade einfällt. „Ist ihnen übel?“, fragt sie außerdem. Ich habe keine Ahnung, ob mir übel ist, es ist alles zu verschwommen, um irgendeine Frage korrekt zu beantworten, meine Brille ist noch im Rucksack und ich bin vermutlich im Aufwachraum. „Ja, ein bisschen“, sage ich vorsichtshalber. Die Pflegerin drückt mir eine Spucktüte in die Hand und geht zum Patienten neben mir. „Hat irgendwer zu mir irgendwas wegen Endometriose gesagt?“, frage ich sie, als sie mich zum dritten Mal irgendwelche Schmerzwerte abfragt. Sie schüttelt den Kopf. „Ich überwache hier nur Ihre Vitalzeichen“, sagt sie achselzuckend. Dann werde ich auf mein Zimmer geschoben.

Es dämmert schon, als eine Ärztin das Zimmer betritt. Sie lässt sich erschöpft auf die Fensterbank neben meinem Bett fallen, die Haare zerzaust. Muss ein langer Tag gewesen sein. Meine Brille habe ich mittlerweile wiederbekommen, aber es ist vor allem ihre Stimme, die ich wieder erkenne. „Sie hatten ja so viel Endometriose, wir mussten doppelt so lange operieren wie geplant!“, sagt sie. Dann habe ich es doch nicht geträumt. Sie zählt alle Orte auf, an denen sie Endometrioseherde gefunden hat, ich kann ihr kaum folgen, bin noch ein wenig benommen. „Eine Zyste haben wir auch entfernt“, beendet sie ihren Bericht. „Ja, wegen der war ich hier“, sage ich. Sie ignoriert mich und fährt fort. „Jedenfalls würde ich Ihnen empfehlen, die Pille im Langzeitzyklus zu nehmen, damit sich keine neuen Herde bilden. Außerdem kommt Montag der Sozialdienst, mit dem sie dann ihre Reha planen können.“ Reha? „Da kann man viel machen, vor allem mit Ernährung und Sport.“ Ich weise sie darauf hin, dass ich Montag ja eigentlich schon weg bin, ich sollte doch nur eine Nacht stationär bleiben und dann nach Hause, aber dann fällt mir auf, dass aus meinem Bauch ein Schlauch zu einem unappetitlich aussehenden Plastikbeutel führt und ich mit dem linken Arm an einem Tropf hänge. Die Ärztin schüttelt nur den Kopf. „Nee nee“, sagt sie. „Sie kommen erst hier raus, wenn sie ihre Drainage nicht mehr brauchen. Und wenn Sie Stuhlgang hatten.“ Herrgott, denke ich, das ist ja wie bei Feuchtgebiete. Sie verabschiedet sich und geht, und ich starre an die Decke und hoffe, dass aus dem Tropf wenigstens irgendwas bewusstseinserweiterndes in meine Venen läuft (in Wahrheit ist es bloß Kochsalzlösung).

Und: Action!

Den Pfleger, der mein Bett und mich von der Station abholt und in Richtung OP schiebt, kann ich nicht genau erkennen, weil ich meine Brille schon ablegen musste. Er hält mir eine Tablette und ein Glas Wasser hin und sagt, dass es jetzt losgeht. Durch meinen -5-Dioptrien-Schleier kann ich erahnen, dass er etwa 2×2 Meter groß, glatzköpfig und tätowiert ist. Sein Bettenfahrstil verrät ähnliches. Er schiebt mich in einen Raum, den er „Holding“ nennt, parkt mich links neben der Eingangstür, klippt mir ein Pulsmessgerät aus Silikon an den Zeigefinger, schaltet den Computer neben mir ein. „Und: Action!“ sagt er und verlässt den Raum.

Ich versuche, meine Herzschläge auf dem Monitor rechts neben meinem Kopf zu erkennen, aber ohne Brille: keine Chance. Lässt sich daran ablesen, ob die Tablette von eben schon wirkt? Ich könnte nicht sagen, ob ich entspannt bin. Eigentlich zappele ich hauptsächlich deshalb nicht, weil ich mich nicht traue. Was, wenn dann mein Blutdruck zu hoch ist und sie mich doch nicht operieren wollen? Ich will doch nur die blöde Zyste loswerden. Also bleibe ich regungslos liegen, beobachte die verschwommenen Farbkleckse um mich herum, belausche die Gespräche, die Felipe, Chef der Holding, am Telefon führt. Er klingt ziemlich beschäftigt, aber keineswegs gestresst. Einzig, als er sich die Hände desinfizieren will und einer der Desinfektionsspender leer ist, entfährt ihm ein genervtes Stöhnen.

In der Schleuse zum OP warten einige Menschen in grün, darunter auch eine entfernte Bekannte. „Ah, du hier?“ „Ja, du bist auf dem OP-Plan immer weiter nach hinten gerückt, ich dachte schon, wir sehen uns gar nicht mehr!“ Kiel halt. Wir smalltalken, meine Venen werden begutachtet (sind leider nur so mittel), „Und, schon überlegt, was du träumen willst?“ „Du kriegst jetzt zwei Mittel, von dem einen wirst du ganz müde, von dem anderen schläfst du ein!“ „Cool!“, sage ich. „Ah, ich merk was, irgendwie dreht sich das so ein bisschen hier…“
Ich kann meine Augen nicht mehr offen halten.