Doom existing

Ich will gar nicht schreiben, die Welt sei aus den Fugen geraten, weil: In welchen Fugen sollte sie denn vor dem 24. Februar gewesen sein? Oder vor (ca.) dem 13. März vor zwei Jahren? Oder vor dem 19. Februar 2020?

Am 22.02.2022 fange ich an, ein analoges Tagebuch (mit einem Stift, in ein Notizbuch) zu schreiben, um etwas mehr Ruhe in meinen Tagesablauf zu bringen. Einfach sitzen und schreiben, ohne auf einen Bildschirm zu schauen, während der Hund auf einer Decke neben meinem Stuhl zur Ruhe kommt. Wenn ich nicht entspannt bin, ist er es erst recht nicht. Wenn ich nicht entspannt bin, stromere ich rastlos in der Wohnung umher und suche nach Fehlern an mir und meiner Umgebung, die ich in absehbarer Zeit beheben sollte. Oder beobachte das Weltgeschehen durch verschiedene rechteckige Glasscheiben, die ein zielgerichtetes Eingreifen resolut verhindern. Das Apple-Mitteilungszentrum weist mich darauf hin, dass meine Bildschirmzeit in der vergangenen Woche durchschnittlich 24 Stunden betragen hat. Wenn der Hund nicht entspannt ist, zerstört er die Sofakissen oder bellt durchs Fenster andere Hunde an, die ihn nicht einmal hören oder riechen können. Nicht einmal Entspannung lässt sich ohne Arbeit herstellen. Ich schicke also den Hund auf seine Decke und schreibe in mein Notizbuch, dass es so aussieht, als könnte es bald Krieg geben (dabei gibt es ja schon die ganze Zeit Krieg, nur eben nicht im eigenen Vorgarten).

Ich finde es eigentlich sehr gut, vollumfänglich informiert in den Tag zu starten. Ich möchte wissen, welche Sorte Niederschlag mich heute erwartet und über welche Themen ich mich vielleicht mit Menschen unterhalten muss. Während ich am 24. Februar noch unter der Bettdecke liege, taste ich nach meinem Smartphone, lese, dass Putins Truppen jetzt tatsächlich die Ukraine angegriffen haben und denke: Fuck. Auf einer Karte zeigen Explosionssymbole die Angriffsziele der russischen Armee und ich spüre, wie die sich die Schwerkraft um meine Fußknöchel wickelt. Trotzdem stehe ich auf, koche Kaffee, gehe duschen, esse Müsli, höre die ersten Berichte im Radio und wer alles den Angriff bereits aufs Schärfste verurteilt hat, wecke den Hund und wir drehen unsere übliche Runde durch den Park. „Putin hat jetzt wirklich seine Truppen in die Ukraine geschickt“, sage ich zu M., der rauchend auf dem Balkon sitzt, als der Hund und ich wieder zuhause sind. Er weiß es natürlich längst. „Ich habe wirklich geglaubt, dass das mit Russland und der Ukraine so eine Krise in Sprechakten bleibt“, sage ich zu N., mit dem ich später für eine Hunderunde verabredet bin, „So wie alle anderen Krisen auch.“ (Wahrscheinlich habe ich Unrecht.)

Ich schaffe es nicht, mir das Doomscrolling morgens im Bett abzugewöhnen, also muss ich es wenigstens tagsüber eindämmen, mich beschäftigt halten. Lohnarbeit (keine gute Ablenkung weil gerade wirklich unfassbar sinnlos); in der Mittagspause eine Kleinigkeit essen, die Geschirrspülmaschine aus- und wieder einräumen. Die ersten Listen mit Hilfsgütern, die man irgendwo in der Nähe vorbeibringen und spenden kann, sichten und überlegen, was ich davon zuhause habe. Batterien und Stirnlampen stehen auf einer Liste zusammen mit unverderblichen Lebensmitteln. Ich habe eigentlich gar nichts davon zuhause, müsste ich das vielleicht ändern? Denke darüber nach, wo es Batterien zu kaufen gibt und spende am Ende doch lieber einfach Geld, bevor ich die falschen Batterien kaufe. Sonntags gehe ich in den Schrebergarten, um die Löcher in der Hecke mit Gehölzschnitt zu stopfen, damit der Hund nicht mehr stiften gehen kann. Als ich wieder nach Hause komme, die Hände und Unterarme trotz Gartenhandschuhen voller kleiner Dornen, erzählt M., dass Putin jetzt seine Atomstreitkräfte in Alarmbereitschaft versetzt hat. Ich weiß gar nicht, was ich darauf antworten soll – dass ich mir nicht vorstellen kann, dass er ganz ernsthaft Atomwaffen einsetzen würde?

Irgendein Waffensachverständiger schreibt bei Twitter, dass taktische Atomwaffen unter Umständen gar nicht so schlimm sind; jedenfalls weniger schlimm für Europa als Tschernobyl damals und dass die Leute heute in Hiroshima ja wieder ganz glücklich leben könnten. Die Grenzen des Sag-, Vorstell- und Aushaltbaren verschieben sich im Sekundentakt. Ab Einbruch der Dunkelheit spiele ich so lange Witcher III, bis mir die Augen zufallen; anders geht es gerade nicht. Wie gut sich Kämpfe in diesem Universum durch kluge Diplomatie vermeiden lassen, stimmt mich wehmütig. Die Drowner und Water Hags, die sich mir an manchen sumpfigen Ecken in den Weg stellen, röste ich trotzdem scharenweise mit dem Feuerzeichen.

Mein Herz bleibt fast stehen, als ich an einem der ersten Märztage lese: Angriff auf Atomkraftwerk in der Ukraine. Obwohl dort auch steht: Der Reaktor wurde nicht getroffen, der Brand gelöscht, es wurde keine erhöhte Strahlung gemessen, kann ich lange nicht aufstehen, muss mich schließlich aber zusammenreißen, ich muss ja trotzdem mit dem Hund raus.

Ein paar Tage später sehe ich Videos von russischen Panzern, die von ukrainischen Traktoren abgeschleppt und vermutlich später bei eBay verkauft werden und bemerke ein neues Gefühl: Absolut nicht sensationslustig zu sein und sich von tiefstem Herzen zu wünschen, dass das alles so schnell wie möglich vorbei geht. Aber aktuell geht überhaupt nichts vorbei, die Verhandlungen zwischen Russland und der Ukraine bringen keine Ergebnisse (als Ukraine würde ich mich auf Putins Forderungen allerdings auch nicht einlassen), die Corona-Neuinfektionen klettern wie Reinhold Messner und trotzdem soll schon wieder gelockert werden und vor meinem Fenster laufen die verdammten Coronaleugner lang und spielen „Ein bisschen Frieden“ auf voller Lautstärke. Bitte, ich möchte mich vergraben.

Ylenia / Zeynep / Antonia (verschiedene Sturmnotizen)

Warum sich das Konzept Sturmtief / Orkantief wegen seines gehäuften Auftretens abnutzen könnte, das aber (zumindest aus meiner Perspektive) nicht tut: Immerhin können wir neben wie Streichhölzern abgeknickten Bäumen, Purzelbäume schlagenden Riesentrampolinen und wandernden Dixieklos auch beobachten, wie die Namensgebung für heraufziehende Extremwettererscheinungen vom Ende des Alphabets wieder zum Anfang springen. Hoffentlich denke ich an diese Notiz, wenn wir das nächste Mal einen Sturm mit Z oder A haben (aufgrund der hohen Frequenz rechne ich damit ca. Ende Juni).

These: Ylenia und Zeynep haben schon alles mitgenommen, was sich seit Xandra am 29.1. gelockert hat. Was bleibt da noch für Antonia?

To Do: Für jede Art von Niederschlag die richtige ASCII-Zeichenkombination finden

Sporternährung

Alter weißer Mann: Entschuldigung die Damen, gab es an der Uni etwas zu feiern?
Ich (mit einem Blumenstrauß im Arm, von meiner Premierenlesung kommend): Nein, aber in der Hansa48.
R. (neben mir gehend, auf mich zeigend): Ihre Buchpremiere nämlich!
AwM: Ach, Sie haben ein Buch geschrieben!
Ich: Ja, in der Tat.
AwM: Aha! Und wie heißt das Buch?
Ich: Das Orakel von Bad Meisenfeld.
AwM: Ach. Das klingt nach einem Heimatroman!
Ich: …
AwM: Und haben Sie schon welche davon verkauft?
R.: Es sind schon 50 Stück verkauft!
AwM: Ich habe auch mal ein Buch geschrieben. Das hat sich sogar 5000 mal verkauft!
Ich: Aha. Worüber denn?
AwM: Über Sporternährung. Schon ein paar Jahre her. Da hat noch niemand sonst über Sporternährung geschrieben!
Ich: Ach!
AwM: Und was erhoffen Sie sich jetzt von Ihrem Buch?
Ich: Weiß nicht, dass es Leute lesen vielleicht?
AwM: Naja. Schönen Abend noch! (geht.)

Pacific Northwest

„I hoped we could say something about the images of the story that are going to stick with us!“ Ungefähr so formuliert Alex, die Protagonistin aus der Serie MAID, ihren Vorschlag für positives, wertschätzendes Feedback nach einer Schreibübung in der Therapiegruppe. Von mir gab es in den letzten Wochen eigentlich keine richtige Story, weil ich mich endlich dem Verschlissenheitsgefühl ergeben und mit mir selber ausgemacht habe, dass ich nur noch dieses mysteriöse Projekt in Pinneberg beackern, DAS PROJEKT* fertig schreiben und ansonsten bis 2022 keinen Finger rühren werde. Dementsprechend (und weil ich für die Buchpremiere und Weihnachten recht streng mit Direktkontakten haushalten wollte) habe ich, nachdem die letzte Druckfahne korrigiert war, viel Zeit vor dem Fernseher verbracht. Habe mir dort in verantwortungslos enger Taktung zu Gemüte geführt: Die oben schon genannte Serie Maid, Manchester by the Sea und Midnight Mass. Die Bilder, die mich seitdem nicht mehr loslassen, setzen sich zusammen aus bewaldeten Küstenstreifen, grün-grau-grimmeligen (so hat meine Oma ihre Augenfarbe beschrieben) Steinstränden und dem Warten auf die Fähre, die erst in Stunden (oder auch gar nicht mehr) kommt. Obwohl sich in dieser nasskalten Landschaft das Grauen in tausend Gestalten tummelt (abusive relationships, brennende Häuser, schwierige bis zermürbende Familienverhältnisse, die berüchtigten Anderen, die die Hölle sind, Probleme, die sich eben nicht ganz einfach lösen lassen, ausbleibende Happy Endings, christliche Fundamentalist*innen, Vampire), sehne ich mich danach, mir irgendwo an der Küste Neuenglands den Arsch abzufrieren. Besser dort als in der grünkohlfarbenen Schrebergartenkolonie, in der ich jeden Tag vor Sonnenuntergang mit dem Hund spazieren gehe und die Leuchtreklame von Möbel Höffner verfluche, die sich hier aus jedem Blickwinkel in den Horizont schiebt.

Erst viel später nach meinem Streamingdienst-Ausflug nach Neuengland stelle ich fest: Ich war gar nicht nur dort. Manchester by the Sea spielt natürlich in Manchester-by-the-Sea in Massachusetts und wurde auch dort bzw. in zwei umliegenden Städten gedreht. Maid hingegen spielt in Washington State an der Westküste, was von Manchester by the Sea ungefähr 3000 km entfernt ist. Crockett Island, das wir aus Midnight Mass kennen, hat keine Koordinaten in der nichtfiktionalen Welt, wurde aber wie Maid in der Nähe von Vancouver gefilmt. Ich laufe also weiterhin durch die grünkohlfarbene Schrebergartenkolonie, wenn ich es schaffe, vor Einbruch der Dunkelheit die große Hunderunde zu machen, wünsche mich dabei aber eher in Richtung Pacific Northwest.

*streng genommen gibt es damit doch eine Story von mir, aber nicht über mich, weil: Der Text ist nicht autobiographisch, auch wenn das häufig vermutet wird (puh, guckt euch die Protagonistin doch an, DAS soll ich sein?!)

Shit got serious

Werbung in eigener Sache: Nachdem ich in meinem letzten Eintrag noch gemutmaßt habe, dass es DAS PROJEKT vielleicht gar nicht gibt und dass es ich es nur für diesen einen Vortrag erfunden haben könnte, kann ich nun endlich Tatsachen liefern: Ab sofort könnt ihr die Novelle (ja, wie die schlimmen Texte aus dem Deutschunterricht in der 9. Klasse!) „Das Orakel von Bad Meisenfeld“ beim stirnholz Verlag vorbestellen. Am 11. Dezember ist der offizielle Release. Wenn die letzte Schreib- und Lektoratsphase mich nicht schon so viel Schlaf gekostet hätte, würde ich wahrscheinlich bis dahin kein Auge mehr zu tun. Stattdessen muss ich jetzt erst einmal viel Schlaf nachholen. Nachti Nachti!

Blätter im Sinkflug

1.

Der September ist ein Sitzmonat: Ich sitze in der Regionalbahn, am Schreibtisch, auf mehrheitlich kleinen Bühnen und außerdem in der Klemme wegen eines Vortrags, den zu schreiben und vorzutragen ich mich in keiner Weise qualifiziert fühle (was recht offensichtlicher Quatsch ist, schließlich war es auch kein Problem, das Exposé dafür zu schreiben). Ich will mich auf das konzentrieren, was ich zu tun habe. Lesungen vorbereiten, Lesungen durchziehen (es sind eigentlich nur vier und einmal Lesebühne als showrunner, wie ich mich dort gerne bezeichne, aber nach einer derart langen Periode der Veranstaltungslosigkeit kommt mir alles, was mehr als einmal hintereinander passieren soll, wie eine Welttournee vor), Vortrag schreiben, vielleicht noch DAS PROJEKT weiterschreiben (passiert natürlich nicht), um das es u.a. in besagtem Vortrag gehen soll (gibt es DAS PROJEKT überhaupt wirklich oder habe ich es am Ende gar nur für DEN VORTRAG erfunden?), dazwischen Hunderunden und Lohnarbeit. Das Alternativprogramm wäre: Wahlkampf verfolgen. Bis zum 4. September fiebere ich dem Release der Wahl-o-Mat-Edition für die Bundestagswahlen entgegen, um dort ungefähr dasselbe Ergebnis einzufahren wie immer und am 6. September meine Briefwahlunterlagen einzuwerfen. Es ist ein guter Monat, um das Internet weitestgehend abzuschalten. Trotzdem beobachte ich ab und zu Armin Laschets selbstgerechten, hinterlistigen, dilettantischen Versuch, sich auf die rheinländische Onkeltour ins Kanzleramt zu wieseln (gottseidank erfolglos). Ich denke dabei an einen Sattelschlepper, der in eine Sackgasse ohne Wendemöglichkeit gefahren ist und bei seinem hakeligen Rückzugsmanöver versucht so zu tun, als hätte er da eh nur kurz reinschauen wollen. Das Wahlwochenende verbringe ich damit, zwischen den Hunderunden auf das Textdokument mit dem Vortrag zu starren und es zwischen 20 Uhr und 22:30 Uhr um ein paar Zeilen zu ergänzen. Als ich am Montag darauf, an dem ich eigentlich frei hätte, überraschend meiner Lohnarbeit nachgehen muss, bekomme ich einen Heulkrampf. Nachts liege ich wach, weil meine Knie schmerzen.

2.

Ich komme mir unheimlich schlau vor, als ich in das Textdokument mit meinem Vortrag die Behauptung tippe, dass die Klimakrise jetzt schon Teil unseres alltäglichen Erlebens ist und zwar in Form von Extremwetterereignissen direkt vor unserer Haustür (Starkregen, Gewitter, Überschwemmungen, sehr trockene Sommer) UND im Social Media-Feed, der ja auch zur erlebten Welt gehört, und dass alle der genannten Dinge deswegen als Wirklichkeitseffekt in einer Erzählung (angeblich auch in DEM PROJEKT) eingesetzt werden können. Als ich ein paar Tage später zwecks Lesebühnendurchführung zur Hansa48 radele, regnet es ärgerlich und ich frage mich, wie es sein kann, dass ich obenrum eine wasserdichte Funktionsjacke trage, es an den Füßen aber nur für löchrige Stoffschuhe gereicht hat. Um 17:35 Uhr stelle ich mein Fahrrad vor dem Eingang ab und wir beginnen, die Bühne aufzubauen. Ab 19 Uhr drängeln sich die Mitteilungen auf meinem Handydisplay: Ob es mir gut gehe, ob ich in Sicherheit sei, es habe doch diesen Tornado an der Kiellinie gegeben. Ich bejahe und beruhige und bin gleichzeitig verwirrt. Der Raum, in dem ich seit fast zwei Stunden herumwerkele, hat keine Fenster, und selbst im Innenhof der Hansa48 müsste ich mir den Nacken verrenken, um einen guten Überblick über die Wetterverhältnisse zu bekommen. Die Regentropfen auf meinen Schuhen sind längst getrocknet, aber ein kurzer Blick auf Instagram verrät, dass zwei Kilometer Luftlinie von hier tatsächlich eine Art Tornado durch die Innenstadt und durch die Förde gefegt sein muss. Was mache ich nun mit dieser Information? Ich bin völlig ratlos und überprüfe besser noch einmal die Einstellungen am Lichtmischpult.

3.

Am letzten Tag im September starte ich meine erste lange Zugreise seit dem ersten Lockdown. Die Kronen der Bäume, die sich südlich von Kiel zwischen Feldern und Dörfern gruppieren, tragen nur vereinzelt rostige Herbsttöne. In dem ICE, in den ich in Hamburg steige, wundere ich mich über eine Frau, die Langlaufski in der Gepäckablage verstaut. Andererseits: So weit sind die Alpen von meinem Reiseziel nicht entfernt. Wer weiß, was sich dort schon im September mit Langlaufski alles ausrichten lässt.
In die Tagung, zu der ich hier anreise, platze ich verspätet. „Schade, du hast gerade einen ganz kontroversen Vortrag verpasst“, bedauert einer der Gastgeber, während er mich durch die Einlasskontrolle der Tagungslocation schleust. „Dass du hier einfach so etwas über Marxismus in den Raum stellst!“, entrüstet sich ein älterer Tagungsgast in der Diskussion, den ich nicht sehen kann, weil er irgendwo hinter mir sitzt. Den Referenten scheinen diese Anschuldigungen kalt zu lassen. Die Großbuchstaben auf dem Deckblatt seines Manuskripts sagen: WASCH MIR DAS FELL, ABER MACH MICH NICHT NASS. Ein anderer älterer Tagungsteilnehmer erzählt: „Ich hatte früher auch ein ganz schlimmes Problem mit den Grünen. Ich mochte nicht, was sie anhatten und auch nicht, was für Lieder sie gesungen haben. Aber was sollte ich auch machen. Ich war in einer Wave-Band.“ Den Versuch, anhand der Diskussionsbeiträge herauszufinden, worum genau es in dem verpassten Vortrag ging, gebe ich schnell wieder auf. Stattdessen die Befürchtung: Werden sie mich morgen früh nach meinem Vortrag genauso grillen? Der Satz: „Dass du dich hier schon seit Jahren immer so als Anarchist profilieren musst. Ich war früher auch so, aber ich habe mich da ja weiterentwickelt“ fällt zum Glück erst Stunden nach meinem Beitrag und gilt nicht mir. „Das Schlimmste, was dir hier passieren kann, wäre dass keiner auf deinen Vortrag reagiert!“, sagt J., als wir am 1. Oktober durch die Fürther Innenstadt zum ersten Tagungsblock spazieren. Es ist überraschend kalt, wie auch schon in der vorausgegangenen Nacht, und ich trage beinahe alle Klamotten, die ich dabei habe, auf einmal. Ich hätte den Tornado noch einbauen müssen, denke ich, hätte ich bloß Zeit dazu gehabt, wäre ich im Zug nicht so müde gewesen, wären ab Mittwoch bloß noch zwei oder drei Tage mehr Zeit zur Vorbereitung gewesen. Nach meinem Vortrag fragt mich ein unironischer Österreicher zu einer Überlegung, die ich mir aus meinem Halbwissen über Silvia Federicis marxistische/feministische Positionen und die Dialektik der Aufklärung zusammengeschustert habe, ob er das so verstehen müsse, dass ich quasi zurück in die Steinzeit (also eine voraufklärerische Zeit) wolle. Nein, aber ich finde es lustig, wie viel Unbehagen eine geringe Dosis Ökofeminismus selbst bei linken Männern verursachen kann und stifte generell gern Unruhe!, hätte ich antworten müssen. Stattdessen sage ich: Irgendwas anderes. Der halbe Liter Weinschorle, die mir ein unfassbar gestresster Kellner am Abend hinstellt, gerät im Expressversand in meine Blutbahn. Als Abspannmusik für diesen Tag laufen Oasis und der Tagungsteilnehmer, der einmal in einer Wave-Band war und die Grünen nicht gemocht hat, singt den Refrain von Don’t Look Back In Anger – allerdings nie dann, wenn er im Song an der Reihe wäre und auch dann noch, als er längst vorbei ist.

On ne naît pas écrivaine : on le devient // Neues aus Süderbrarup

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, ganz offiziell zur Schriftstellerin zu werden: 1. Sich eine oder mehrere Geschichten ausdenken und aufschreiben, die vielleicht jemand ausdruckt und verkauft und vielleicht noch jemand anderes liest. 2. Tatsachen schaffen: Es einfach behaupten, z.B. laut aussprechen, auf Visitenkarten drucken oder beim Finanzamt so anmelden. 3. Bei der nächsten Lesung die Freundin mitnehmen, die auch deine Lektorin ist, sie in einen schwarzen Rollkragenpulli, eine extravagante Hose und einen wehenden Mantel stecken und sie, während ihr den Ort des Geschehens betretet, ganz angeregt mit dem Freund, der auch der Verleger ist, telefonieren lassen und so tun, als sei das dein Alltagsgeschäft. Ich trage eine völlig übertriebene Trainingsjacke, während ich mich in genau dieser Situation befinde, weil ich verschiedene Autorinnen, die ich cool finde, öfter in auffälligen Jacken gesehen habe und mich diesem Dresscode mit Vergnügen anschließe. Wahrscheinlich sehe ich aus wie eine, die auf die Betreuung einer Lektorin in wehendem Mantel angewiesen ist (Fun Fact: Das bin ich). Das Auto von M. haben wir ganz unprätentiös vor Tedi gegenüber des Süderbraruper Bahnhofs geparkt. Im Garten der Gemeindebücherei soll ich 90 Minuten lang lesen; eine ganze Spielfilmlänge. Während ich schon als „endlich mal eine junge Autorin“ empfangen werde, kann ich mir noch nicht vorstellen, wie das gehen soll. Aktuell schaffe ich es selbst kaum, eine ganze Spielfilmlänge lang auf dem Sofa zu sitzen und dabei die ganze Zeit wach zu bleiben, egal wie spannend der Film ist, und das Textmaterial, das ich ausgedruckt und mit einer Architektenklammer zusammengeklammert habe, ist gleichzeitig zu kurz und zu lang für einen solchen Abend. Je mehr Leute sich auf den weißen Plastikstühlen niederlassen, die eher auf eine Gartenparty schließen lassen als auf eine Lesung, desto deutlicher wird: Ich bin die jüngste Person auf dieser Veranstaltung. Ich habe Texte über Animal Crossing und meinen Hass aufs Telefonieren dabei, wie soll das alles funktionieren? Es stellt sich schließlich heraus: Es funktioniert. 90 Minuten Lesezeit fließen gefüllt. Meine Freundin/Lektorin flitzt wehenden Mantels durch die Reihen und macht Fotos für Instagram mit meinem Handy, was ganz gut ist, weil ich angekündigt wurde als eine, die viel in den sozialen Medien herumhängt, aber das für die ankündigende Personen ein großes Rätsel sei. Nach Hause gehe ich mit ein paar Printerzeugnissen weniger, einem Blumenstrauß und den Kontaktdaten einer oftmals leerstehenden Hütte in Värmland/Schweden (M. wird später sagen, das klinge unseriös). Zuhause gibt es gegen Mitternacht noch Nudeln. Als Schriftstellerin lebt es sich mitunter ganz in Ordnung.

Städte woanders

1.

Es hat sich so ergeben, dass ich zur Zeit hin und wieder in andere Städte muss, allerdings hauptsächlich in solche, für die ich in eine Regionalbahn steige und darin eine halbe oder ganze Stunde verbringe. Nichts glamouröses, kein ICE, dafür Skittles aus dem Snackautomaten auf dem Bahngleis. Nach eineinhalb bargeldlosen Jahren ist es nun wieder überlebenswichtig, Kleingeld dabeizuhaben. Der Bäcker am Rendsburger Bahnhof schließt um 13 Uhr. Um 13:07 Uhr steige ich dort halb verhungert aus dem Bus und schaffe es gerade so, nicht verzweifelt an der verschlossenen Glastür zu rütteln, hinter der eine Bäckereifachverkäuferin die Verkaufstheke reinigt. Eine Gruppe Jugendlicher in unverwüstlichem EMP-Schick mustert mich abschätzig. „Der ist schon zu“, sagt eine brünette Frau im Rollstuhl. „Am Hinterausgang ist ein Edeka, da ist auch ein Bäcker drin.“ Ich bedanke mich und sprinte los. Mein Zug fährt zwar erst in 18 Minuten, aber wer weiß, wie lange es bei diesem Bäcker dauert und ob ich mich auf dem Weg dahin nicht doch noch verlaufe. Wenn ich den Zug verpasse, hänge ich vielleicht für immer hier fest. Die feindseligen Blicke der sehr wenigen Menschen, die mir entgegenkommen, sagen mir, dass ich das nicht riskieren sollte. Woran erkennen sie, dass ich nicht hierher gehöre? Ich trage zum ersten Mal seit Oktober meine seriösen Büroschuhe. Vielleicht sind es die Schuhe, an denen sie erkennen, dass ich bei meiner Ankunft heute früh ein Foto gemacht und an eine Freundin geschickt habe, mit der Bildunterschrift OH GOTT, UND HIER MUSS ICH JETZT 20 MINUTEN AUF DEN BUS WARTEN.

2.

Eine sehr nette Kunstgruppe aus einer weiteren Kleinstadt haben mich eingeladen, bei einem Projekt mitzumachen. Es ist eine Ortsbegehung geplant, zu der ich am späteren Nachmittag mit dem Regionalexpress fahre. Wir treffen uns am Eingang zu dem Wald, in dem man schon mit einem Bein steht, sobald man in Pinneberg aus dem Zug steigt. Es soll dort auch einen Hafen geben, aber das glaube ich erst, wenn ich mir dort betrunken einen Anker auf den Oberarm tätowieren lassen kann. Im FAHLT, dem Pinneberger Stadtwald, werden wir von Mückenschwärmen schamlos ausgesaugt. Zuerst wähne ich mich in Sicherheit, ich trage lange Kleidung, von dem zwei Finger breiten nackten Streifen zwischen dem Saum meiner Sportleggings abgesehen. Das wird zu verschmerzen sein, denke ich. Das ist wie in Schweden, denke ich auch. Dort beißen die Mücken ihren Opfern ganze Fleischbrocken aus den Gliedmaßen und trotzdem gibt es massenhaft Leute, die dort gern Urlaub machen, mich eingeschlossen. Später stelle ich fest, dass Pinneberger Fahlt-Mücken auch durch den Stoff einer Sportleggings stechen. Wir schauen uns bestimmte Bäume an und ich beginne zu verstehen, wie wichtig Performance- und Aktionskunst sind: Die einen können sich darüber freuen, dass sie damit etwas anfangen können (vielleicht sogar mit anderen zusammen!), die anderen können sich gemeinsam darüber aufregen, welcher Quatsch heutzutage als Kunst verkauft wird. Eine Künstlerin aus der sehr netten Kunstgruppe schreibt das Protokoll unseres Treffens mit der Diktierfunktion ihres Smartphones, weil sie eine Sehnenscheidenentzündung hat. Sie kündigt an, das Protokoll später ins Reine zu schreiben, aber auch die ungefilterten Ergebnisse der Spracherkennung mitzuschicken. Auf der Rückfahrt habe ich 32 Minuten Aufenthalt in Elmshorn. Ich poste Fotos der Bahnhöfe in Pinneberg, Rendsburg, Tornesch und Elmshorn bei Instagram und lasse darüber abstimmen, welcher Bahnhof der schönste ist. Ob das in Ordnung oder vielleicht irgendwie klassistisch oder landeshauptstadt-normativ ist, weiß ich nicht. Das Unwetter, das mir schon den ganzen Tag auf den Fersen ist, bricht trotzdem erst so richtig los, als ich in den Anschlusszug nach Kiel steige.