Herbst in der kaltgemäßigten Zone

1.

Während der Finnlandreise zuhause vergessen: Ein realistischer Maßstab für Dinge und Orte, die Menschen kennen könnten oder auch nicht. In Mustarinda, wo ich im September zu den Artists in Residence gehöre, sage ich nicht: „I am from Germany.“ Ich sage: „I am a writer and I live in Kiel.“ Niemand von meinen temporären Mitbewohner*innen hat jemals etwas von der Stadt gehört, in der ich lebe, außer der Malerin aus Helsinki, deren Partner zufällig auch aus Kiel kommt. Eine andere Finnin fragt mich, wie groß Kiel ist. „Half the size of Helsinki“, schätze ich. Helsinki hat etwas über eine halbe Million Einwohner*innen und eine Metro mit roten Plastiksitzen. Was ich auch lerne: In Finnland leben genauso viele Menschen wie in Dänemark. Auf die Region Kainuu umgerechnet bedeutet das: Ich begegne auf 16 Tage verteilt insgesamt 8 Menschen zufällig im Wald.

2.

Das ist ja ziemlich nah an Russland, sagen einige Leute, denen ich von meinen Reiseplänen für den Herbst erzähle und lassen durchblicken, dass sie diesem Umstand einiges Gefahrenpotenzial beimessen. Als ich hundefreundliche Orte zwischen Helsinki und Hyrynsalmi recherchiere, lerne ich, dass die Wölfe in Finnlands Osten gelegentlich mit Hunden aneinandergeraten, was für die Hunde meist nicht gut ausgeht. Viele Leute in den etwas dünner besiedelten Gebieten Finnlands haben Hunde, denen man die Verwandtschaft mit Wölfen noch ansieht. Spitze Ohren, dichtes Fell, Nässe und Kälte sind ihnen völlig egal. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass mein dünn befellter, schlappohriger Hund und ich als Snack für finnische Wölfe enden?

Aus dem Fenster meines finnischen Schreibzimmers glaube ich einen Wolf zu sehen, der sich auf den zweiten Blick als schwarz-weißer, herrenloser Husky mit Peilsender herausstellt. Im Wald treffe ich einen schwarzen Wolfsspitz in gelber Sicherheitsweste, der sich von seiner Pilze sammelnden Besitzerin abgeseilt hat. Ansonsten keine Wölfe und auch keine Bären. Nur ein Mann in hohen Gummistiefeln, der einen Eimer bei sich trägt, auf russisch, polnisch oder ukrainisch telefoniert und danach wieder im Dickicht verschwindet.

3.

Die nächste Straßenlaterne ist von Mustarinda vermutlich genauso weit entfernt wie das nächste Dorf mit Supermarkt: Etwa 25 Kilometer. Auf der letzten Hunderunde vor dem Zubettgehen, die in den allermeisten Fällen nach Einbruch der Dunkelheit stattfindet, höre ich mein Blut in den Ohren rauschen, jedes Knistern im Gebüsch eine neue Portion Adrenalin für die Nervenbahnen. Als sich in der einzigen wolkenlosen Nacht etwas seltsames Grünes am Horizont zusammenbraut, falle ich vor Schreck nur deshalb nicht in Ohnmacht, weil mir rechtzeitig auffällt, dass das Polarlichter sein müssen.

4.

Die Luft zwischen den Fichten riecht schon am 4. September nach Schnee. Ich bekomme akute Sehnsucht nach Winter und versuche mir die 1,40 Meter hohe Schneedecke vorzustellen, die laut einer Infotafel im April 2020 den Boden hier bedeckt habe. Nyskä, mit der wir eine Tour durch den 10.000 Jahre alten Wald hinter dem Haus machen, erzählt uns, dass viele Kiefern und Fichten diese Schneedecke seit ein paar Jahren nicht mehr tragen können und ihnen deshalb scharenweise die Kronen abknicken. Es liegt am Klimawandel, sagt sie, und dass ihr das Sorgen bereitet.

5.

In Mustarinda bin ich die einzige Person, die keine richtige Funktionskleidung dabei hat. Nach einem längeren Spaziergang durch nasse Blaubeersträucher brauchen meine Dr. Martens fünf Tage, bis sie wieder richtig trocken sind (obwohl sie mit Zeitung ausgestopft auf der Heizung liegen). Ich kann nicht sagen, ob ich grundsätzlich zu naiv oder zu eitel bin, um meine Kleidung an Umwelt und Wetterlage anzupassen. Glücklicherweise gibt es eine große Auswahl an Leihgummistiefeln, dank derer ich die übrige Zeit in Finnland trockenen Fußes durch den Wald komme. Seit ich als Teenager Fräulein Smillas Gespür für Schnee gelesen habe, sehne ich mich nach der ruhigen Kälte borealer Landschaften. Auf dem Breitengrad meiner Träume muss ich nun feststellen, dass ich für ein Leben außerhalb mittelgroßer Städte in gemäßigten Klimazonen nur bedingt geeignet bin.

Trotzdem laufe ich jeden Tag stundenlang wie im Rausch durch den Wald: Auf den Steinen wachsen immer mehr extraterrestrisch anmutende Moosarten, sogar die Blätter der Bodendecker färben sich rot, tote Bäume verwandeln sich in Waldgeister, die über meine endlosen Streifzüge durch den Wald wachen. Ich vergesse die Zeit, verliere mich im Farn und finde trotzdem immer wieder zurück nach Hause.

6.

Als am Abend des 29. Septembers der erste Schnee in Mustarinda fällt, bin ich schon längst nicht mehr vor Ort. Ich trete meine Heimreise am 19. September an, zehn Tage früher als ursprünglich geplant, weil ich das Luxusproblem habe, am 22. September einen Kunstpreis zu bekommen, den ich besser persönlich abholen sollte. Wenn man mit öffentlichen Verkehrsmitteln reist und zwischendurch noch die eine oder andere Hunderunde einplanen muss, dauert es zwei bis drei Tage, die knapp 2000 Kilometer zwischen Mustarinda und Kiel zurückzulegen. Knapp 30 Stunden der Reisezeit verbringe ich auf der Fähre von Helsinki nach Travemünde. Die meiste Zeit davon liege ich auf dem Bett in meiner Kabine, von der Ostsee sanft in einen leichten Dämmerschlaf geschaukelt, schaue abwechselnd finnisches und deutsches Fernsehen, ungefähr zehn Folgen Pawn Stars und später hauptsächlich Nachrichten, als mir auf diversen Kanälen immer wieder ein und dasselbe Bild von Putin begegnet: Der Blick in die Kamera gerichtet, ein Arm flach auf dem Tisch, einer aufgestützt und angewinkelt, als würde er gleich durch den Bildschirm springen wollen. Die finnischen Untertitel seiner Fernsehansprache sagen mir selbstredend nichts. Erst im ARD Morgenmagazin lerne ich den merkwürdigen Begriff „Teilmobilisierung“. Die allzu vielen Buchstaben des finnischen Äquivalents finden gar nicht erst den Weg durch meine Stirnfalten.

7.

Auf dem Parkplatz vor dem Fährterminal in Travemünde sieht es am 21. September gegen 22 Uhr genauso aus wie vor drei Wochen um dieselbe Zeit: Trotz Straßenlaternen ziemlich dunkel. Nur das Pärchen mit dem Galgo, das auf der Hinfahrt noch vor dem Terminal gewartet hat, fehlt heute. M. holt mich ab und parkt sogar auf demselben Parkplatz wie bei meiner Abreise. Ich frage mich, ob ich eigentlich noch dieselbe Person bin, die hier vor drei Wochen abgegeben wurde.

24 Stunden später habe ich zwar noch keine Antwort auf diese Frage, aber ein neues Attribut: Laut Ministerpräsident Daniel Günther sind die Kunstpreisträgerin Dörte Hansen und ich mit unserer jeweiligen Arbeit „wichtige Botschafterinnen“ des Landes Schleswig-Holstein. Mir ist etwas mulmig ob der Verantwortung, die hier mitschwingt, bin ich dafür überhaupt qualifiziert? Ich schreibe eigentlich nur in Limbus über Schleswig-Holstein (und selbst da sind es nur Neumünster und umliegenden Bahnstrecken) und ansonsten nur hier und da über Kiel, bin nicht hier aufgewachsen, verstehe kein Platt, habe nicht einmal ein Ankertattoo. Es ist wenig überraschend, dass es um das Ereignis Kunstpreisverleihung SH herum allgemein sehr viel heimatet. Während der Veranstaltung dauert es nicht lange, bis in einem Redebeitrag der Begriff „Heimatroman“ fällt und eigentlich die Romane von Dörte Hansen gemeint sind, aber weil es theoretisch passen könnte, wird Das Orakel von Bad Meisenfeld direkt unter unserem scheinbar gemeinsamen Thema subsummiert. Zumindest glaube ich das zu verstehen (oder verstanden zu haben, schließlich liegen das Ereignis und der Entstehungszeitraum dieses Textes recht weit auseinander). Im Vorfeld der Preisverleihung gibt es außerdem einen Artikel in den Kieler Nachrichten, indem ein Zitat von mir steht, das ich so nie abgegeben habe: „Es ist schön, von der Heimat geehrt zu werden.“ „Hast du das wirklich so gesagt?“, fragt J. entsetzt, nachdem sie den Artikel gelesen hat. Ich denke an das Zoom-Interview mit der netten KN-Kulturredakteurin, das ich noch von Finnland aus gegeben habe und krame in meinen Erinnerungen danach, ob ich dabei wirklich das H-Wort benutzt haben könnte. Was mir dieser Preis bedeuten würde, an die Frage kann ich mich noch genau erinnern, und auch, wie ich bei der Antwort deutlich zu weit ausgeholt habe: Dass ich zum Studieren unbedingt nach Schleswig-Holstein wollte, weil ich mir vorgestellt habe, dass neblige Strandspaziergänge und anschließend etwas schreiben perspektivisch ein stabiler Lebensentwurf für mich sein könnte (was ich verschwiegen habe: dass ich eigentlich nach einem Weg gesucht habe, mein Leben in einem Turbostaat-Album zu verbringen), und dass es mich sehr freut, so eine Auszeichnung von dem Zuhause zu bekommen, das ich mir selbst ausgesucht habe. Ich kann es der Redakteurin gar nicht verübeln, dass sie meine vermutlich etwas konfusen Ausführungen eben lokalzeitungstauglich zusammenkürzen musste. Tatsächlich finde ich, dass es sich in Schleswig-Holstein / Kiel sehr gut lebt, wahrscheinlich würde ich eher auswandern, als mich jemals in einer anderen Region in Deutschland niederzulassen, aber das H-Wort können reaktionäre Wirrköpfe wie Horst Seehofer gern bei ihren Gartenzwergen behalten. Immerhin fällt mir bei der Preisverleihung die korrekte Antwort auf die Frage aus dem Interview ein: Ich fühle mich sehr gut gefördert und bin dafür ganz aufrichtig dankbar. (Die KN machen daraus: „Ich fühle mich sehr gut gefeiert“ – spreche ich wirklich so undeutlich?)

8.

Am Abend des 29. September bekomme ich nicht nur das erste Schneefoto aus Mustarinda, sondern lese auch davon, dass Finnland am darauffolgenden Tag die Grenze nach Russland schließen wird, wegen Putins Teilmobilisierung und der Reservisten, die nun versuchen, das Land zu verlassen. Ich liege in einem Ferienhaus in Dänemark auf dem Sofa und schaue bei Google Maps nach, wie weit ich bis vor zehn Tagen noch von der russischen Grenze entfernt war. Nur etwa knapp 100 Kilometer, das ist wirklich nicht weit weg. Außerdem gibt es mehrere Gaslecks in der Nordstream 1 an der schwedischen Küste. In einem Artikel dazu finde ich eine Karte, auf der der Verlauf der Gaspipeline verzeichnet ist. Er deckt sich ziemlich genau mit der Route, die ich in der vergangenen Woche noch mit der Fähre gefahren bin, durch den finnischen Meerbusen vorbei an Gotland, Öland und Bornholm. Auf meinem Handy ist noch ein Foto von diesem Streckenverlauf, der hin und wieder auf dem Werbe- und Infokanal vom Finnlines-Starclub eingeblendet wurde und den ich von dem Fernseher in meiner Kabine abfotografiert habe. Ich denke darüber nach, wie es gewesen wäre, wäre ich wie geplant erst um diese Zeit wieder abgereist, wären die Züge voller gewesen, hätte die Fähre überhaupt auslaufen dürfen? Ich stelle auch fest, dass Abgeschiedenheit eine fluide Angelegenheit ist; egal wie weit der nächste Supermarkt entfernt ist, das Zeitgeschehen rückt trotzdem manchmal näher als erwartet, und ich habe es nun doch verpasst wegen anderer Termine. Ob das gut oder schlecht ist, kann ich nicht sagen. Ich verfolge es weiter durch mein Smartphone, höre den Regen auf dem Dach der Ferienhütte, sehne mich nach Schnee.

Finnen / Finken / Fichten

1.

An einem Tag werden der Hund und ich von einem finnischen Ehepaar überholt. Auf E-Bikes brettern sie den Forstweg herunter, als gäbe es kein Morgen mehr. Sie tragen Gummistiefel zu ihren Waldarbeiterjacken und sehen vergnügt aus. 
„Terve!“, grüßen sie im Vorbeifahren. „Terve!“, antworte ich. Ein paar Minuten später kommen sie mir wieder entgegen.
„Moi!“, sage ich. Die etwas weniger förmliche Begrüßung, schließlich treffen wir uns jetzt schon zum zweiten Mal.
„Moi moi!“, grüßen sie und steigen von ihren Rädern. „Se on todella kaunis koira! Onko hän vielä nuori?“, fragt der Mann und schaut uns neugierig an. 
Häh? „Sorry, I don’t speak finnish!“ – Die Skandinavier können ja alle Englisch, haben sie gesagt. Das wird gar kein Problem! Der Mann lacht und lässt den Hund an seiner Hand schnuppern.
„Oletko venäläinen?“, fragt er, wieder auf finnisch.
„Förlåt, jag kan inte prata finnska“, versuche ich auf Schwedisch. („Ich spreche leider kein Finnisch“)
„Ah, Oletko ruotsalainen!“
Ruotsalainen, das verstehe ich. Aus Schweden.
Ich schüttele den Kopf.
„Saksalainen“, sage ich. Ein bisschen schlimm, dass das finnische Wort für „aus Deutschland“ klingt, als würde man „aus Sachsen“ sagen.
„Ai, he ovat vieraita Mustarindassa?“
Ah, irgendwas mit Mustarinda, so heißt der Ort, an dem ich hier wohne. So muss sich der Hund fühlen, wenn ihn jemand auf Menschensprache zuquatscht und dann doch ein Wort fällt, mit dem er etwas anfangen kann. Rausgehen/Futter/klar darfst du aufs Sofa. 
„Minä olen Jussi Hervonen. Tässä on vaimoni Päivi. Omistamme maatilan Kontiolla täällä lähellä.“ Er zeigt erst auf sich, dann auf seine Frau, dann irgendwo in die Ferne und spricht ganz langsam, als ob ich ihn dann besser verstehen könnte, aber ich habe längst aufgegeben. Aktueller Status: lächeln und nicken
„God bless you“, sagt seine Frau, ebenfalls lächelnd. Dann schwingen sie sich auf ihre E-Bikes und brausen davon.

2.

Ein Wegweiser schlägt mir drei Richtungen vor: 

Ukkohalla, 10,7 km
Komulanköngäs, 6,7 km
Ypykkälampi, 3,5 km

Hinter Ypykkälampi soll sich eine Wanderhütte an einem See verstecken. Y-P-Y-K-K-Ä-L-A-M-P-I. Ich versuche die Buchstabenkombination so lange festzuhalten, bis sie mit einer Bedeutung in mein Gedächtnis einziehen kann. Dann stolpere ich über eine Baumwurzel und scheuche einen Schwarm Buchfinken auf. Die kleinen Vögel zwitschern empört und verschwinden zwischen den Fichten, und Ypykkälampi flattert hinterher. Ich wollte später gern jemandem erzählen: Today I visited Ypykkälampi, aber jetzt reicht es nur noch für I went to that lake

Die finnische Sprache ist verwandt mit estnisch und ungarisch, wird vermutet, aber vielleicht stimmt es auch, dass ihre Schwester im Geiste die Sprache der Finken ist. Die Ähnlichkeit zwischen finnischen Wörtern und Vogelschwärmen jedenfalls ist frappierend: Beides völlig unübersichtlich und für Laien nicht zu verstehen – aber immerhin klingt alles nett und freundlich. 

3.

Die moderne Fichte trägt:
Sternmoos am Fuß
Bartflechte im Geäst
Baumpilze im Stamm und
Eines Tages auf der Rinde
Nur keine Krone
Seit dem letzten Winter.

Doom existing

Ich will gar nicht schreiben, die Welt sei aus den Fugen geraten, weil: In welchen Fugen sollte sie denn vor dem 24. Februar gewesen sein? Oder vor (ca.) dem 13. März vor zwei Jahren? Oder vor dem 19. Februar 2020?

Am 22.02.2022 fange ich an, ein analoges Tagebuch (mit einem Stift, in ein Notizbuch) zu schreiben, um etwas mehr Ruhe in meinen Tagesablauf zu bringen. Einfach sitzen und schreiben, ohne auf einen Bildschirm zu schauen, während der Hund auf einer Decke neben meinem Stuhl zur Ruhe kommt. Wenn ich nicht entspannt bin, ist er es erst recht nicht. Wenn ich nicht entspannt bin, stromere ich rastlos in der Wohnung umher und suche nach Fehlern an mir und meiner Umgebung, die ich in absehbarer Zeit beheben sollte. Oder beobachte das Weltgeschehen durch verschiedene rechteckige Glasscheiben, die ein zielgerichtetes Eingreifen resolut verhindern. Das Apple-Mitteilungszentrum weist mich darauf hin, dass meine Bildschirmzeit in der vergangenen Woche durchschnittlich 24 Stunden betragen hat. Wenn der Hund nicht entspannt ist, zerstört er die Sofakissen oder bellt durchs Fenster andere Hunde an, die ihn nicht einmal hören oder riechen können. Nicht einmal Entspannung lässt sich ohne Arbeit herstellen. Ich schicke also den Hund auf seine Decke und schreibe in mein Notizbuch, dass es so aussieht, als könnte es bald Krieg geben (dabei gibt es ja schon die ganze Zeit Krieg, nur eben nicht im eigenen Vorgarten).

Ich finde es eigentlich sehr gut, vollumfänglich informiert in den Tag zu starten. Ich möchte wissen, welche Sorte Niederschlag mich heute erwartet und über welche Themen ich mich vielleicht mit Menschen unterhalten muss. Während ich am 24. Februar noch unter der Bettdecke liege, taste ich nach meinem Smartphone, lese, dass Putins Truppen jetzt tatsächlich die Ukraine angegriffen haben und denke: Fuck. Auf einer Karte zeigen Explosionssymbole die Angriffsziele der russischen Armee und ich spüre, wie die sich die Schwerkraft um meine Fußknöchel wickelt. Trotzdem stehe ich auf, koche Kaffee, gehe duschen, esse Müsli, höre die ersten Berichte im Radio und wer alles den Angriff bereits aufs Schärfste verurteilt hat, wecke den Hund und wir drehen unsere übliche Runde durch den Park. „Putin hat jetzt wirklich seine Truppen in die Ukraine geschickt“, sage ich zu M., der rauchend auf dem Balkon sitzt, als der Hund und ich wieder zuhause sind. Er weiß es natürlich längst. „Ich habe wirklich geglaubt, dass das mit Russland und der Ukraine so eine Krise in Sprechakten bleibt“, sage ich zu N., mit dem ich später für eine Hunderunde verabredet bin, „So wie alle anderen Krisen auch.“ (Wahrscheinlich habe ich Unrecht.)

Ich schaffe es nicht, mir das Doomscrolling morgens im Bett abzugewöhnen, also muss ich es wenigstens tagsüber eindämmen, mich beschäftigt halten. Lohnarbeit (keine gute Ablenkung weil gerade wirklich unfassbar sinnlos); in der Mittagspause eine Kleinigkeit essen, die Geschirrspülmaschine aus- und wieder einräumen. Die ersten Listen mit Hilfsgütern, die man irgendwo in der Nähe vorbeibringen und spenden kann, sichten und überlegen, was ich davon zuhause habe. Batterien und Stirnlampen stehen auf einer Liste zusammen mit unverderblichen Lebensmitteln. Ich habe eigentlich gar nichts davon zuhause, müsste ich das vielleicht ändern? Denke darüber nach, wo es Batterien zu kaufen gibt und spende am Ende doch lieber einfach Geld, bevor ich die falschen Batterien kaufe. Sonntags gehe ich in den Schrebergarten, um die Löcher in der Hecke mit Gehölzschnitt zu stopfen, damit der Hund nicht mehr stiften gehen kann. Als ich wieder nach Hause komme, die Hände und Unterarme trotz Gartenhandschuhen voller kleiner Dornen, erzählt M., dass Putin jetzt seine Atomstreitkräfte in Alarmbereitschaft versetzt hat. Ich weiß gar nicht, was ich darauf antworten soll – dass ich mir nicht vorstellen kann, dass er ganz ernsthaft Atomwaffen einsetzen würde?

Irgendein Waffensachverständiger schreibt bei Twitter, dass taktische Atomwaffen unter Umständen gar nicht so schlimm sind; jedenfalls weniger schlimm für Europa als Tschernobyl damals und dass die Leute heute in Hiroshima ja wieder ganz glücklich leben könnten. Die Grenzen des Sag-, Vorstell- und Aushaltbaren verschieben sich im Sekundentakt. Ab Einbruch der Dunkelheit spiele ich so lange Witcher III, bis mir die Augen zufallen; anders geht es gerade nicht. Wie gut sich Kämpfe in diesem Universum durch kluge Diplomatie vermeiden lassen, stimmt mich wehmütig. Die Drowner und Water Hags, die sich mir an manchen sumpfigen Ecken in den Weg stellen, röste ich trotzdem scharenweise mit dem Feuerzeichen.

Mein Herz bleibt fast stehen, als ich an einem der ersten Märztage lese: Angriff auf Atomkraftwerk in der Ukraine. Obwohl dort auch steht: Der Reaktor wurde nicht getroffen, der Brand gelöscht, es wurde keine erhöhte Strahlung gemessen, kann ich lange nicht aufstehen, muss mich schließlich aber zusammenreißen, ich muss ja trotzdem mit dem Hund raus.

Ein paar Tage später sehe ich Videos von russischen Panzern, die von ukrainischen Traktoren abgeschleppt und vermutlich später bei eBay verkauft werden und bemerke ein neues Gefühl: Absolut nicht sensationslustig zu sein und sich von tiefstem Herzen zu wünschen, dass das alles so schnell wie möglich vorbei geht. Aber aktuell geht überhaupt nichts vorbei, die Verhandlungen zwischen Russland und der Ukraine bringen keine Ergebnisse (als Ukraine würde ich mich auf Putins Forderungen allerdings auch nicht einlassen), die Corona-Neuinfektionen klettern wie Reinhold Messner und trotzdem soll schon wieder gelockert werden und vor meinem Fenster laufen die verdammten Coronaleugner lang und spielen „Ein bisschen Frieden“ auf voller Lautstärke. Bitte, ich möchte mich vergraben.

Ylenia / Zeynep / Antonia (verschiedene Sturmnotizen)

Warum sich das Konzept Sturmtief / Orkantief wegen seines gehäuften Auftretens abnutzen könnte, das aber (zumindest aus meiner Perspektive) nicht tut: Immerhin können wir neben wie Streichhölzern abgeknickten Bäumen, Purzelbäume schlagenden Riesentrampolinen und wandernden Dixieklos auch beobachten, wie die Namensgebung für heraufziehende Extremwettererscheinungen vom Ende des Alphabets wieder zum Anfang springen. Hoffentlich denke ich an diese Notiz, wenn wir das nächste Mal einen Sturm mit Z oder A haben (aufgrund der hohen Frequenz rechne ich damit ca. Ende Juni).

These: Ylenia und Zeynep haben schon alles mitgenommen, was sich seit Xandra am 29.1. gelockert hat. Was bleibt da noch für Antonia?

To Do: Für jede Art von Niederschlag die richtige ASCII-Zeichenkombination finden

Sporternährung

Alter weißer Mann: Entschuldigung die Damen, gab es an der Uni etwas zu feiern?
Ich (mit einem Blumenstrauß im Arm, von meiner Premierenlesung kommend): Nein, aber in der Hansa48.
R. (neben mir gehend, auf mich zeigend): Ihre Buchpremiere nämlich!
AwM: Ach, Sie haben ein Buch geschrieben!
Ich: Ja, in der Tat.
AwM: Aha! Und wie heißt das Buch?
Ich: Das Orakel von Bad Meisenfeld.
AwM: Ach. Das klingt nach einem Heimatroman!
Ich: …
AwM: Und haben Sie schon welche davon verkauft?
R.: Es sind schon 50 Stück verkauft!
AwM: Ich habe auch mal ein Buch geschrieben. Das hat sich sogar 5000 mal verkauft!
Ich: Aha. Worüber denn?
AwM: Über Sporternährung. Schon ein paar Jahre her. Da hat noch niemand sonst über Sporternährung geschrieben!
Ich: Ach!
AwM: Und was erhoffen Sie sich jetzt von Ihrem Buch?
Ich: Weiß nicht, dass es Leute lesen vielleicht?
AwM: Naja. Schönen Abend noch! (geht.)

Pacific Northwest

„I hoped we could say something about the images of the story that are going to stick with us!“ Ungefähr so formuliert Alex, die Protagonistin aus der Serie MAID, ihren Vorschlag für positives, wertschätzendes Feedback nach einer Schreibübung in der Therapiegruppe. Von mir gab es in den letzten Wochen eigentlich keine richtige Story, weil ich mich endlich dem Verschlissenheitsgefühl ergeben und mit mir selber ausgemacht habe, dass ich nur noch dieses mysteriöse Projekt in Pinneberg beackern, DAS PROJEKT* fertig schreiben und ansonsten bis 2022 keinen Finger rühren werde. Dementsprechend (und weil ich für die Buchpremiere und Weihnachten recht streng mit Direktkontakten haushalten wollte) habe ich, nachdem die letzte Druckfahne korrigiert war, viel Zeit vor dem Fernseher verbracht. Habe mir dort in verantwortungslos enger Taktung zu Gemüte geführt: Die oben schon genannte Serie Maid, Manchester by the Sea und Midnight Mass. Die Bilder, die mich seitdem nicht mehr loslassen, setzen sich zusammen aus bewaldeten Küstenstreifen, grün-grau-grimmeligen (so hat meine Oma ihre Augenfarbe beschrieben) Steinstränden und dem Warten auf die Fähre, die erst in Stunden (oder auch gar nicht mehr) kommt. Obwohl sich in dieser nasskalten Landschaft das Grauen in tausend Gestalten tummelt (abusive relationships, brennende Häuser, schwierige bis zermürbende Familienverhältnisse, die berüchtigten Anderen, die die Hölle sind, Probleme, die sich eben nicht ganz einfach lösen lassen, ausbleibende Happy Endings, christliche Fundamentalist*innen, Vampire), sehne ich mich danach, mir irgendwo an der Küste Neuenglands den Arsch abzufrieren. Besser dort als in der grünkohlfarbenen Schrebergartenkolonie, in der ich jeden Tag vor Sonnenuntergang mit dem Hund spazieren gehe und die Leuchtreklame von Möbel Höffner verfluche, die sich hier aus jedem Blickwinkel in den Horizont schiebt.

Erst viel später nach meinem Streamingdienst-Ausflug nach Neuengland stelle ich fest: Ich war gar nicht nur dort. Manchester by the Sea spielt natürlich in Manchester-by-the-Sea in Massachusetts und wurde auch dort bzw. in zwei umliegenden Städten gedreht. Maid hingegen spielt in Washington State an der Westküste, was von Manchester by the Sea ungefähr 3000 km entfernt ist. Crockett Island, das wir aus Midnight Mass kennen, hat keine Koordinaten in der nichtfiktionalen Welt, wurde aber wie Maid in der Nähe von Vancouver gefilmt. Ich laufe also weiterhin durch die grünkohlfarbene Schrebergartenkolonie, wenn ich es schaffe, vor Einbruch der Dunkelheit die große Hunderunde zu machen, wünsche mich dabei aber eher in Richtung Pacific Northwest.

*streng genommen gibt es damit doch eine Story von mir, aber nicht über mich, weil: Der Text ist nicht autobiographisch, auch wenn das häufig vermutet wird (puh, guckt euch die Protagonistin doch an, DAS soll ich sein?!)

Shit got serious

Werbung in eigener Sache: Nachdem ich in meinem letzten Eintrag noch gemutmaßt habe, dass es DAS PROJEKT vielleicht gar nicht gibt und dass es ich es nur für diesen einen Vortrag erfunden haben könnte, kann ich nun endlich Tatsachen liefern: Ab sofort könnt ihr die Novelle (ja, wie die schlimmen Texte aus dem Deutschunterricht in der 9. Klasse!) „Das Orakel von Bad Meisenfeld“ beim stirnholz Verlag vorbestellen. Am 11. Dezember ist der offizielle Release. Wenn die letzte Schreib- und Lektoratsphase mich nicht schon so viel Schlaf gekostet hätte, würde ich wahrscheinlich bis dahin kein Auge mehr zu tun. Stattdessen muss ich jetzt erst einmal viel Schlaf nachholen. Nachti Nachti!

Blätter im Sinkflug

1.

Der September ist ein Sitzmonat: Ich sitze in der Regionalbahn, am Schreibtisch, auf mehrheitlich kleinen Bühnen und außerdem in der Klemme wegen eines Vortrags, den zu schreiben und vorzutragen ich mich in keiner Weise qualifiziert fühle (was recht offensichtlicher Quatsch ist, schließlich war es auch kein Problem, das Exposé dafür zu schreiben). Ich will mich auf das konzentrieren, was ich zu tun habe. Lesungen vorbereiten, Lesungen durchziehen (es sind eigentlich nur vier und einmal Lesebühne als showrunner, wie ich mich dort gerne bezeichne, aber nach einer derart langen Periode der Veranstaltungslosigkeit kommt mir alles, was mehr als einmal hintereinander passieren soll, wie eine Welttournee vor), Vortrag schreiben, vielleicht noch DAS PROJEKT weiterschreiben (passiert natürlich nicht), um das es u.a. in besagtem Vortrag gehen soll (gibt es DAS PROJEKT überhaupt wirklich oder habe ich es am Ende gar nur für DEN VORTRAG erfunden?), dazwischen Hunderunden und Lohnarbeit. Das Alternativprogramm wäre: Wahlkampf verfolgen. Bis zum 4. September fiebere ich dem Release der Wahl-o-Mat-Edition für die Bundestagswahlen entgegen, um dort ungefähr dasselbe Ergebnis einzufahren wie immer und am 6. September meine Briefwahlunterlagen einzuwerfen. Es ist ein guter Monat, um das Internet weitestgehend abzuschalten. Trotzdem beobachte ich ab und zu Armin Laschets selbstgerechten, hinterlistigen, dilettantischen Versuch, sich auf die rheinländische Onkeltour ins Kanzleramt zu wieseln (gottseidank erfolglos). Ich denke dabei an einen Sattelschlepper, der in eine Sackgasse ohne Wendemöglichkeit gefahren ist und bei seinem hakeligen Rückzugsmanöver versucht so zu tun, als hätte er da eh nur kurz reinschauen wollen. Das Wahlwochenende verbringe ich damit, zwischen den Hunderunden auf das Textdokument mit dem Vortrag zu starren und es zwischen 20 Uhr und 22:30 Uhr um ein paar Zeilen zu ergänzen. Als ich am Montag darauf, an dem ich eigentlich frei hätte, überraschend meiner Lohnarbeit nachgehen muss, bekomme ich einen Heulkrampf. Nachts liege ich wach, weil meine Knie schmerzen.

2.

Ich komme mir unheimlich schlau vor, als ich in das Textdokument mit meinem Vortrag die Behauptung tippe, dass die Klimakrise jetzt schon Teil unseres alltäglichen Erlebens ist und zwar in Form von Extremwetterereignissen direkt vor unserer Haustür (Starkregen, Gewitter, Überschwemmungen, sehr trockene Sommer) UND im Social Media-Feed, der ja auch zur erlebten Welt gehört, und dass alle der genannten Dinge deswegen als Wirklichkeitseffekt in einer Erzählung (angeblich auch in DEM PROJEKT) eingesetzt werden können. Als ich ein paar Tage später zwecks Lesebühnendurchführung zur Hansa48 radele, regnet es ärgerlich und ich frage mich, wie es sein kann, dass ich obenrum eine wasserdichte Funktionsjacke trage, es an den Füßen aber nur für löchrige Stoffschuhe gereicht hat. Um 17:35 Uhr stelle ich mein Fahrrad vor dem Eingang ab und wir beginnen, die Bühne aufzubauen. Ab 19 Uhr drängeln sich die Mitteilungen auf meinem Handydisplay: Ob es mir gut gehe, ob ich in Sicherheit sei, es habe doch diesen Tornado an der Kiellinie gegeben. Ich bejahe und beruhige und bin gleichzeitig verwirrt. Der Raum, in dem ich seit fast zwei Stunden herumwerkele, hat keine Fenster, und selbst im Innenhof der Hansa48 müsste ich mir den Nacken verrenken, um einen guten Überblick über die Wetterverhältnisse zu bekommen. Die Regentropfen auf meinen Schuhen sind längst getrocknet, aber ein kurzer Blick auf Instagram verrät, dass zwei Kilometer Luftlinie von hier tatsächlich eine Art Tornado durch die Innenstadt und durch die Förde gefegt sein muss. Was mache ich nun mit dieser Information? Ich bin völlig ratlos und überprüfe besser noch einmal die Einstellungen am Lichtmischpult.

3.

Am letzten Tag im September starte ich meine erste lange Zugreise seit dem ersten Lockdown. Die Kronen der Bäume, die sich südlich von Kiel zwischen Feldern und Dörfern gruppieren, tragen nur vereinzelt rostige Herbsttöne. In dem ICE, in den ich in Hamburg steige, wundere ich mich über eine Frau, die Langlaufski in der Gepäckablage verstaut. Andererseits: So weit sind die Alpen von meinem Reiseziel nicht entfernt. Wer weiß, was sich dort schon im September mit Langlaufski alles ausrichten lässt.
In die Tagung, zu der ich hier anreise, platze ich verspätet. „Schade, du hast gerade einen ganz kontroversen Vortrag verpasst“, bedauert einer der Gastgeber, während er mich durch die Einlasskontrolle der Tagungslocation schleust. „Dass du hier einfach so etwas über Marxismus in den Raum stellst!“, entrüstet sich ein älterer Tagungsgast in der Diskussion, den ich nicht sehen kann, weil er irgendwo hinter mir sitzt. Den Referenten scheinen diese Anschuldigungen kalt zu lassen. Die Großbuchstaben auf dem Deckblatt seines Manuskripts sagen: WASCH MIR DAS FELL, ABER MACH MICH NICHT NASS. Ein anderer älterer Tagungsteilnehmer erzählt: „Ich hatte früher auch ein ganz schlimmes Problem mit den Grünen. Ich mochte nicht, was sie anhatten und auch nicht, was für Lieder sie gesungen haben. Aber was sollte ich auch machen. Ich war in einer Wave-Band.“ Den Versuch, anhand der Diskussionsbeiträge herauszufinden, worum genau es in dem verpassten Vortrag ging, gebe ich schnell wieder auf. Stattdessen die Befürchtung: Werden sie mich morgen früh nach meinem Vortrag genauso grillen? Der Satz: „Dass du dich hier schon seit Jahren immer so als Anarchist profilieren musst. Ich war früher auch so, aber ich habe mich da ja weiterentwickelt“ fällt zum Glück erst Stunden nach meinem Beitrag und gilt nicht mir. „Das Schlimmste, was dir hier passieren kann, wäre dass keiner auf deinen Vortrag reagiert!“, sagt J., als wir am 1. Oktober durch die Fürther Innenstadt zum ersten Tagungsblock spazieren. Es ist überraschend kalt, wie auch schon in der vorausgegangenen Nacht, und ich trage beinahe alle Klamotten, die ich dabei habe, auf einmal. Ich hätte den Tornado noch einbauen müssen, denke ich, hätte ich bloß Zeit dazu gehabt, wäre ich im Zug nicht so müde gewesen, wären ab Mittwoch bloß noch zwei oder drei Tage mehr Zeit zur Vorbereitung gewesen. Nach meinem Vortrag fragt mich ein unironischer Österreicher zu einer Überlegung, die ich mir aus meinem Halbwissen über Silvia Federicis marxistische/feministische Positionen und die Dialektik der Aufklärung zusammengeschustert habe, ob er das so verstehen müsse, dass ich quasi zurück in die Steinzeit (also eine voraufklärerische Zeit) wolle. Nein, aber ich finde es lustig, wie viel Unbehagen eine geringe Dosis Ökofeminismus selbst bei linken Männern verursachen kann und stifte generell gern Unruhe!, hätte ich antworten müssen. Stattdessen sage ich: Irgendwas anderes. Der halbe Liter Weinschorle, die mir ein unfassbar gestresster Kellner am Abend hinstellt, gerät im Expressversand in meine Blutbahn. Als Abspannmusik für diesen Tag laufen Oasis und der Tagungsteilnehmer, der einmal in einer Wave-Band war und die Grünen nicht gemocht hat, singt den Refrain von Don’t Look Back In Anger – allerdings nie dann, wenn er im Song an der Reihe wäre und auch dann noch, als er längst vorbei ist.

On ne naît pas écrivaine : on le devient // Neues aus Süderbrarup

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, ganz offiziell zur Schriftstellerin zu werden: 1. Sich eine oder mehrere Geschichten ausdenken und aufschreiben, die vielleicht jemand ausdruckt und verkauft und vielleicht noch jemand anderes liest. 2. Tatsachen schaffen: Es einfach behaupten, z.B. laut aussprechen, auf Visitenkarten drucken oder beim Finanzamt so anmelden. 3. Bei der nächsten Lesung die Freundin mitnehmen, die auch deine Lektorin ist, sie in einen schwarzen Rollkragenpulli, eine extravagante Hose und einen wehenden Mantel stecken und sie, während ihr den Ort des Geschehens betretet, ganz angeregt mit dem Freund, der auch der Verleger ist, telefonieren lassen und so tun, als sei das dein Alltagsgeschäft. Ich trage eine völlig übertriebene Trainingsjacke, während ich mich in genau dieser Situation befinde, weil ich verschiedene Autorinnen, die ich cool finde, öfter in auffälligen Jacken gesehen habe und mich diesem Dresscode mit Vergnügen anschließe. Wahrscheinlich sehe ich aus wie eine, die auf die Betreuung einer Lektorin in wehendem Mantel angewiesen ist (Fun Fact: Das bin ich). Das Auto von M. haben wir ganz unprätentiös vor Tedi gegenüber des Süderbraruper Bahnhofs geparkt. Im Garten der Gemeindebücherei soll ich 90 Minuten lang lesen; eine ganze Spielfilmlänge. Während ich schon als „endlich mal eine junge Autorin“ empfangen werde, kann ich mir noch nicht vorstellen, wie das gehen soll. Aktuell schaffe ich es selbst kaum, eine ganze Spielfilmlänge lang auf dem Sofa zu sitzen und dabei die ganze Zeit wach zu bleiben, egal wie spannend der Film ist, und das Textmaterial, das ich ausgedruckt und mit einer Architektenklammer zusammengeklammert habe, ist gleichzeitig zu kurz und zu lang für einen solchen Abend. Je mehr Leute sich auf den weißen Plastikstühlen niederlassen, die eher auf eine Gartenparty schließen lassen als auf eine Lesung, desto deutlicher wird: Ich bin die jüngste Person auf dieser Veranstaltung. Ich habe Texte über Animal Crossing und meinen Hass aufs Telefonieren dabei, wie soll das alles funktionieren? Es stellt sich schließlich heraus: Es funktioniert. 90 Minuten Lesezeit fließen gefüllt. Meine Freundin/Lektorin flitzt wehenden Mantels durch die Reihen und macht Fotos für Instagram mit meinem Handy, was ganz gut ist, weil ich angekündigt wurde als eine, die viel in den sozialen Medien herumhängt, aber das für die ankündigende Personen ein großes Rätsel sei. Nach Hause gehe ich mit ein paar Printerzeugnissen weniger, einem Blumenstrauß und den Kontaktdaten einer oftmals leerstehenden Hütte in Värmland/Schweden (M. wird später sagen, das klinge unseriös). Zuhause gibt es gegen Mitternacht noch Nudeln. Als Schriftstellerin lebt es sich mitunter ganz in Ordnung.