Dieses Schiff ist unsinkbar

Eine meiner besten Kindheitserinnerungen ist, wie meine Schwester und ich bei unserer älteren Cousine übernachten und sie uns die komplette Handlung von TITANIC erzählt. Der Film war gerade neu im Kino und meine Cousine genoss das Privileg, 12 Jahre alt zu sein und damit in diesen Film gehen zu dürfen. Als das monumentale Werk endlich auf Videokassette herauskam, waren meine Schwester und ich extrem HYPED. Jeden Freitag nötigten wir unsere arme Mutter, den Film aus der Videothek mitzubringen. Über Wochen lief Titanic mindestens einmal am Wochenende bei uns, manchmal sogar zweimal hintereinander. Der Titanic-Soundtrack auf CD half uns durch den grauen Alltag zwischen den Titanic-Wochenenden, an denen es ein- oder zweimal sogar Frikadellen auf dem Sofa gab, obwohl wir beim Essen nicht fernsehen und beim Fernsehen nicht essen sollten. Titanic war mein Leben, zumindest für ein paar Wochen, obwohl ich zwischenzeitlich vergessen habe, was genau mich an dem Film damals so fasziniert hat (Leonardo DiCaprio war es nicht, eher Kate Winslet, deren Look damals mein absolutes Fashion Goal darstellte).

Wenn ich mich nicht verzähle, habe ich den Film als Kind acht mal gesehen und dann noch einmal mit 27, als er an Ostern im Fernsehen lief. Eine der letzten Amtshandlungen in diesem Jahr also: Zum zehnten Mal Titanic gucken. Es waren Freundinnen zu Besuch, es gab Pizza, es fühlte sich beinahe zeremoniell an und der geschulte analytische Blick der edlen Geschöpfe auf meinem Sofa half, mir noch einmal vor Augen zu führen, warum mich dieser Film als Kind so aufgerührt hat. Die Dinge können noch so erhaben, noch so perfekt daherkommen – es gibt nichts Menschengemachtes, das nicht kaputt gehen kann. Titanic dauert knapp drei Stunden, das heißt, ich habe nun dreißig Stunden meines dreißigjährigen Lebens damit verbracht, zuzuschauen, wie stark Dinge kaputtgehen können (bester Satz in dem Film übrigens, als Jack Dawson auf dem sinkenden Schiff etwas kaputt macht: „Das werden Sie bezahlen müssen!“). Statistisch betrachtet hatte ich also jedes Lebensjahr eine einstündige Schulung in Katastrophenkunde. Nebenbei habe ich auch gelernt, was Klassismus bedeutet: Erst ignorieren, dass Dinge kaputtgehen können, und die feigenblattartigen Sicherheitsmaßnahmen dann so einrichten, dass sie Menschen ohne Geld auf jeden Fall schaden. Im Ernst, bitte bringt uns genug Rettungsbote, und zwar sofort.

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