Spring Break

Tage wie reduzierte Avocados aus dem Supermarkt: Schon bei der allerersten Hunderunde um kurz nach 7 trage ich nur meine Jeansjacke und darf auf keinen Fall darüber nachdenken, welche ökologischen Missstände das möglich gemacht haben. Spätestens ab 12 Uhr sind einfach ALLE draußen. Die Mittagsrunde durch den Park ist ein einziges Kaffeekränzchen. Ich treffe zufällig und unabhängig voneinander drei bekannte Menschen und zwei bekannte Hunde. Verschämt tauschen wir uns über das schlechte Gewissen aus, das wir haben, während wir diesen Scheinfrühling genießen. Im Hintergrund ist das Wummern der (zurecht!) meistgehassten Baustelle der Stadt zu hören. Hier werden Stahlsäulen in den Boden geklopft, 6 Tage die Woche, von morgens bis abends. Ein anderer Hundebesitzer hat mir erzählt, dass sie von diesen Säulen zwei Stück am Tag schaffen und so viele davon unter die Erde bringen müssen, dass sie noch ungefähr ein Jahr für diesen Arbeitsschritt brauchen werden. Der Park ist knapp zwei Kilometer von der Baustelle entfernt und das Wummern ist deutlich zu hören; ich höre es auch in meiner Wohnung, die eineinhalb Kilometer von dort entfernt ist, ich weiß von Leuten, die noch weiter weg wohnen und das Wummern bei geschlossenem Fenster hören. Gestern habe ich es sogar gehört, als ich am anderen Ende der Stadt unterwegs war. Vielleicht habe ich mir das auch eingebildet, oder es war eine andere Baustelle, oder es hat sich jetzt schon so festgesetzt, dass es sich nie mehr aus meinem Gehörgang herauswinden wird. Es klingt, als würde der Kapitalismus nun endlich sein Industrial-Album aufnehmen. In meinem Kopf entspinnen sich wilde Verschwörungstheorien darüber, dass das gute Wetter von Möbel Höffner höchst persönlich bestellt wurde, um unsere Gemüter zu beruhigen: Sehen Sie, auch wenn wir beim Bau unseres völlig überflüssigen Möbelhauses nicht nur gegen Umweltauflagen verstoßen haben, sondern auch noch die ganze Stadt mit Lärm terrorisieren (der vermutlich ebenfalls nicht auflagengerecht ist), lebt es sich hier doch ganz vorzüglich, sobald die Sonne scheint! Was haben Sie denn? Es sind gefälschte Frühlingstage wie heute, die mich die Apokalypse regelrecht herbeisehnen lassen. Dann ist es wenigstens still. Nur schade wärs um die zufälligen Begegnungen im Park, die dann ausfallen.

Symmetrische Schwankungen

Dieses frühes-21.-Jahrhundert-Lebensgefühl: Jeder richtige Winter könnte der letzte richtige Winter gewesen sein. Ich verkomme zur Wetternostalgikerin, aber bei symmetrischen Temperaturschwankungen vom Minus- in den Plusbereich auf dem Thermometer ab 10 Grad Celsius komme ich einfach nicht hinterher. Ist Mitte/Ende Februar nicht eigentlich viel zu früh für Frühlingstemperaturen? Ich mag mir kaum vorstellen, wie viel von dem, was jetzt austreiben könnte, durch die mittlerweile zum Standard mutierte Kältewelle zu Ostern wieder zerstört wird.

Die Straßen draußen tun derweil so, als sei nichts gewesen, keine Spuren mehr von dem Schnee der letzten Woche, von einem ganz vermatschten Haufen in einer schattigen Ecke abgesehen. Ich will seit einigen Tagen einen Artikel über den Zusammenhang zwischen dem Klimawandel und der Corona-Pandemie suchen, den ich vergessen habe zu speichern, habe aber eigentlich zu viel Angst davor, ihn zu lesen. Stattdessen schaue ich bei YouTube Haarschneide-Tutorials für Frisuren, die ich mir niemals schneiden werde, und google zum Spaß Bilder von Yaks und Galloway-Rindern. Angeblich machen im März die Friseure wieder auf, aber ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, einen aufzusuchen. Eigentlich fühlt sich Wildwuchs bis zum Ende der Pandemie an wie das einzige richtige Konzept, und wenn die eines Tages vorbei sein sollte, haben wir immer noch genug andere Krisen, gegen die sich haariger Wildwuchs irgendwie schützend anfühlen wird. Ich verzichte auf das Gefühl von Frühlingsluft in meinen Haaren, weil ich mir ohne Mütze unvollständig vorkomme, obwohl sich der Winterkokon jetzt schon viel zu warm anfühlt.

Kältewelle

Es war kalt in den letzten Tagen, so kalt, dass ich Maßnahmen ergriffen habe, zu denen es in den letzten Jahren selten gekommen ist: Zwiebellook an den Beinen (keine langen Unterhosen jedoch, nur normale Leggings unter der äußeren Hose). Es ist gar nicht so unbequem, wie ich es mir vorstelle, wenn ich darüber nachdenke, ob es wirklich schon kalt genug für solche Sperenzchen ist. Auf einer der zahllosen Hunderunden, die noch immer meinen Alltag in Arbeitsphasenkonfekt portionieren (wann wird der Hund endlich stubenrein? Oder ich weniger paranoid?), habe ich festgestellt, dass ich diese beißende Kälte gar nicht so übel finde. Im Gegenteil, sie beruhigt mich sogar (oder es ist mein Körper, der schon alles herunterfährt, damit er sich darauf konzentrieren kann, nicht zu erfrieren). Es ist Februar 2021, und selbst in der Krisenhaftigkeit unserer Gegenwart gibt es ein Draußen, das ungefähr so ist, wie es sich gehört. Ein klirrend kalter Winter wie aus meiner Kindheit, es gibt Schnee, sämtliche Gewässer sind gefroren, die Wohnung voller Streusand. Nach der Lektüre von Karen Duves „Macht“, das 2031 spielt und in dessen erzählter Welt es brütend heiß und das große Finale der Klimakatastrophe nur noch etwa 5 Jahre entfernt ist, wegen dem ich nächtelang Albträume hatte, fühlte er sich an wie eines dieser wabbeligen blauen Kühlkissen auf einem Wespenstich (der mit einer halben Zwiebel viel besser verarztet wäre). Während ich mich bei Instagram durch unzählige Rodel- und Schlittschuhstories wische, bleibe ich an einem Video von Quarks hängen, von dem ich lerne: Die Kälte ist dem Polarwirbel geschuldet, dem wegen der Erderwärmung die Kraft ausgeht und der deswegen die kalte Polarluft nicht mehr gut dort festhalten kann, wo sie eigentlich bleiben sollte: Am Nordpol. Ich bin mehr als bekümmert, als ich das lese. Eigentlich sehne ich mich nach keinem Ort auf der Erde so sehr wie nach dem Nordpol, aber ich habe mich damit abgefunden, dass ich dort vermutlich niemals einen Fuß hinsetzen werde. Vorletzten Sommer bin ich bloß bis nach Gävle gekommen, was immer noch fast 900 km vom Polarkreis entfernt ist. Für eine Reise zum Nordpol habe ich insgesamt den falschen Weg eingeschlagen. Auf Forschungsschiffen brauchen sie keine, die sehnsüchtig auf Eisberge starrt und anschließend schwülstige Abhandlungen über deren dramatisches Abschmelzen schreibt. Nordpoltourismus kommt mir zur Zeit äußerst unethisch vor und außerdem fehlt mir dafür das Geld. Bis ich es zusammenhabe, sind die Polkappen abgeschmolzen und wer weiß, ob normales Geld dann überhaupt noch etwas nützt. In den nächsten Tagen soll es wieder Plusgrade geben, zum Wochenende hin sogar zweistellig. Ich werde die Polarluft vermissen, auch wenn sie ein vergiftetes beziehungsweise gar kein Geschenk war, und den anstehenden Matsch verfluchen, der in der Wohnung zu Sand zerfallen wird, immerhin ein bisschen feinkörniger als der Streusand unter meinen Schuhsohlen.

Verpasste Wetterereignisse

Montag, 30.3.2020

In Kiel gab es in den letzten 36 Stunden eine Sturmflut und Schnee und ich habe beides verpasst beziehungsweise nur bei Instagram gesehen, als es längst vorbei war. Unglaublich, dass eigentlich gar nichts passieren kann, weil es ja kein öffentliches Leben etc. mehr gibt und dann grätschen einem da Wetterereignisse rein. Für den Schnee hätte ich vermutlich einfach nur zwei, drei Stunden früher aufstehen müssen. Dafür habe ich ausgeschlafen (an einem Montag!), dann im Schlafanzug die Küche aufgeräumt und nun sitze ich im Disco-Outfit am Schreibtisch und mache: Nichts.

Die Kneipe auf der anderen Straßenseite, die seit bestimmt 10 Jahren leer steht, hat dafür jetzt ihre Fenster gegen zwei große Spanplatten ausgetauscht bekommen. Als hätte es hinter den alten Fenstern noch irgendwas gegeben, was in den anarchistischen Zuständen, auf die wir uns eventuell vorbereiten müssen (habe ich im vorbeiscrollen irgendwo gelesen, finde die Quelle aber nicht wieder – wer weiß, ob ich das überhaupt will, ich meine mich nämlich zu erinnern, dass Horst Seehofer das gesagt hat), jemand ausplündern könnte. Ansonsten passiert draußen: Nichts.

(Es muss deutlich kälter draußen sein als gestern.)

Blaue Stunde um 18:05 Uhr

Der Punkt, an dem die Sonne gerade untergegangen, aber die Nachtdunkelheit noch nicht am Platz ist, befindet sich heute jenseits des magischen 18-Uhr-Punktes. Ich schaue schon seit Stunden aus dem Fenster und kann noch immer Menschen auf der Straße erkennen. Gestern habe ich kurz hinter dem weitesten Punkt, den ich von meinem Fenster aus sehen kann, eine tote Fledermaus auf dem Fußweg gefunden, aber weil ich nichts für meine Finger dabei hatte, habe ich sie dort einfach liegen lassen. Ich hoffe, sie wurde in der Zwischenzeit weggeräumt. Draußen schwinden die Kontraste, sodass man sie jetzt (18:10 Uhr) vermutlich nicht mehr allzu gut erkennt. Nur noch vier Wochen und die Fledermäuse erwachen aus ihrem Winterschlaf. Vielleicht traue ich mich morgen, die Nachrichten zu lesen.

Winteraggressionen

Ich habe das Pech, zu den Leuten zu gehören, die sich ihre Anorakkapuze erst vollhageln lassen und sie dann aufsetzen. So geschehen, als die gute Sturmtief-Sabine heute zu ihrem zweiten, dritten oder vierten Anlauf ausgeholt hat. Von weitem ist sie beeindruckend schön mit den Wellen, die sie auf den Pfützen auf der großen Kreuzung vor meinem Fenster schlägt, aus der Nähe leider furchteinflößend bis ungenießbar. Sorgfältig ist sie ebenfalls. Das Wasser, das sie für unsere Gesichter und unsere regenhosenlosen Beine vorgesehen hat, bewahrt sie im Kühlschrank auf, damit es nicht schlecht wird. Zur Selbstsabotage neigenden Menschen wie mir nützt es freilich nichts, einfach nicht rauszugehen, damit so etwas wie das Kapuzendebakel nicht passiert. Drinnen realisiere ich schlechte Ideen wie z.B. den „Alles gesagt?“-Podcast mit Christian Lindner hören, um herauszufinden, wie übel FDP-Politiker eigentlich wirklich sind (Spoiler: sehr). Es ist schwierig bis unmöglich, unter diesen Umständen keine Winteraggressionen zu entwickeln.