Der Platz

[Mittwoch, 8.4.2020]

Ich habe wenig geschrieben die letzten Tage, weil ich neuerdings gleichzeitig zu viel UND zu wenig Zeit habe. Außerdem bin ich auf der Suche nach Plätzen. Es ist nicht so, dass ich zuhause keinen hätte, aber die meisten Situationen wirken doch weniger aussichtslos, wenn die nächste Wand nicht in unmittelbarer Sichtweite ist. Vielleicht sind es auch nicht Plätze, die ich suche, sondern Perspektiven.

Mittlerweile habe ich einen Platz gefunden, der nah dran ist an der Perfektion. Es sind nur 15 Minuten Laufweite von zuhause, drei verschiedene fast gleich lange Routen führen dahin (von denen eine aber eigentlich nicht geht, weil sie der neue Ballermann für Leute ist, die trotz Lockdown in Bewegung bleiben wollen), und bei meinem ersten Besuch vor ein paar Tagen habe ich dort ein weißes Kaninchen gesehen (bin ihm allerdings nicht gefolgt). Ich will diesen Platz sorgfältig kartographieren, also sitze ich eine ganze Weile im Grünen, während der Fernauslöser meiner Kamera alle 5 Sekunden ein Foto macht. Der Freund einer Freundin sagt, dieser Ort erinnere ihn an den Ostblock. Ich kenne vom Ostblock nur das Tschechien, Polen und Lettland der Jetztzeit, aber wahrscheinlich stimmt es. Das Gelände, von dem ich spreche, war mal eine Kleingartenkolonie und ist theoretisch dem Kapitalismus anheim gefallen, aber in der Praxis ist seit dem Abriss der Gartenhütten nichts mehr passiert. Die Skyline ist hier flach, bis auf zwei Hochhäuser, das Ikea-Schild, einen Sendemast und die Flutlichtlampen des angrenzenden Sportplatzes. Es gibt zwei Teiche, die hier nie jemand angelegt hat. In der Mitte des kleineren Teiches wächst eine Insel aus Gestrüpp, auf der Blässhühner nisten. Blässhühner kommen vor allem an nährstoffreichen Gewässern vor, diese ehemalige Pfütze ist offenbar nun ein nährstoffreiches Gewässer. Es gibt auch ein Entenpaar, eine männliche Stockente und eine Ente, bei der ich mir nicht sicher bin, weil sie den flaschengrünen Kopf eines Stockerpels (Stockentenerpels?) hat, aber das Gefieder darunter hat zwar das Muster einer männlichen Federzeichnung, aber das Farbschema einer weiblichen Stockente. Außer den Blässhühnern und dem queeren Entenpaar gibt es hier nur einen Jogger, zwei, drei versprengte Paare, die in der Sonne liegen und eine französische Bulldogge, die zu einem der Paare gehört, es gibt hier eigentlich fast alles nur paarweise (vorbildlich!), bis auf die Kaninchen, die hier im Pulk unterwegs sind, aber einerseits sind die wahrscheinlich eh verwandt und andererseits gehört ihnen in Wahrheit diese Stadt.

Ich frage mich, wie lange es noch dauert, bis zu viele Menschen diesen Platz kartographieren wollen. Die Frühlingssonne strahlt schon seit ein paar Tagen viel zu verführerisch für eine Welt im Lockdown und der Park ist ganz objektiv betrachtet zu voll, Menschen sonnen sich in aufgeklappten Kofferräumen und auf dem Wall vor Ikea. Wahrscheinlich treten sich hier schon bald die Sicherheitsabstände gegenseitig auf die Füße, aber in meinen wildesten Träumen sehe ich, wie sie das Bauprojekt, was hier eigentlich entstehen sollen, einfach canceln und wir dieses Stück Stadt auch offiziell wiederbekommen. Wobei, wie gesagt, eigentlich gehört es ja den Kaninchen.

Die Unstadt

[Mittwoch, 1.4.2020]

Das Schlimmste an der Krise ist eigentlich, dass es völlig egal ist, in welcher Stadt man lebt, weil es einfach keine Städte mehr gibt. Ich weiß natürlich nicht, ob es auf dem Dorf anders ist, und rein technisch stehen die Städte ja auch noch, und eigentlich ist Kiel sowieso ein Dorf und mein Viertel erst recht. M. macht sich normalerweise immer darüber lustig, dass ich ÜBERALL bekannte Menschen treffe, und ständig smalltalken muss, obwohl ich Smalltalk hasse, weil ich behaupte, so schlecht darin zu sein, dabei hasse ich es gar nicht so sehr, und so schlecht bin ich vielleicht auch gar nicht darin. Aber ich kann das jetzt nicht mehr sicher sagen, weil ich mich an meinen letzten Smalltalk schon gar nicht mehr erinnern kann. Es gibt nur noch digitalen Corona-Talk und das, wo ich durch laufe, wenn ich zur Arbeit, zum Einkaufen oder zum Spazieren gehe, das ist keine Stadt mehr, das sind nur noch Häuserblocks und leere Straßen und vielleicht ein altes Ehepaar, das mit Gesichtsschutzmaske in der Mercedes A-Klasse sitzt und fast die einzige Person auf der Straße über den Haufen fährt und manchmal läuft irgendwo ein Hund lang.

(Marginalien: Bei DM sind die Haarspülungen fast ausverkauft und die Innenstadt mit diesem für einen neuen Kanal vorgesehenen Riesenloch würde noch mehr nach Krisengebiet aussehen, wenn nicht die neuen Blumenbeete hinter dem Bauzaun wären.)

Verpasste Wetterereignisse

Montag, 30.3.2020

In Kiel gab es in den letzten 36 Stunden eine Sturmflut und Schnee und ich habe beides verpasst beziehungsweise nur bei Instagram gesehen, als es längst vorbei war. Unglaublich, dass eigentlich gar nichts passieren kann, weil es ja kein öffentliches Leben etc. mehr gibt und dann grätschen einem da Wetterereignisse rein. Für den Schnee hätte ich vermutlich einfach nur zwei, drei Stunden früher aufstehen müssen. Dafür habe ich ausgeschlafen (an einem Montag!), dann im Schlafanzug die Küche aufgeräumt und nun sitze ich im Disco-Outfit am Schreibtisch und mache: Nichts.

Die Kneipe auf der anderen Straßenseite, die seit bestimmt 10 Jahren leer steht, hat dafür jetzt ihre Fenster gegen zwei große Spanplatten ausgetauscht bekommen. Als hätte es hinter den alten Fenstern noch irgendwas gegeben, was in den anarchistischen Zuständen, auf die wir uns eventuell vorbereiten müssen (habe ich im vorbeiscrollen irgendwo gelesen, finde die Quelle aber nicht wieder – wer weiß, ob ich das überhaupt will, ich meine mich nämlich zu erinnern, dass Horst Seehofer das gesagt hat), jemand ausplündern könnte. Ansonsten passiert draußen: Nichts.

(Es muss deutlich kälter draußen sein als gestern.)

Samstag, 28.3.2020

Es gibt dieser Tage nur noch zwei Gemütszustände: Der, in dem ich hart dagegen arbeiten muss, mich von der Dramatik der aktuellen Lage vollständig auffressen zu lassen, und der, in dem ich mich über die Absurdität dieser neuen Gegenart einfach nur wundern kann. Eigentlich wollte ich jeden Tag in der letzten Woche das aufschreiben, was ich von meinem Fenster aus sehe, aber ich bin schon permanent mit schreiben beschäftigt (Bilanz der vergangenen Woche: Ein Förderantrag für eine Lesung, von der ich noch gar nicht weiß, ob sie stattfinden wird, ein begonnener fiktiver Briefwechsel mit einem Lesebühnenkumpel bzw. seinem Alter Ego und ca. eine Million Wörter in verschiedenen Chatprogrammen), sodass ich für das hier gar keine Zeit hatte. Oder ich hatte Angst vor dem, was ich vielleicht hätte aufschreiben müssen. Ich muss nun noch mehr darauf achten, meinen Koffeinkonsum so gering wie möglich zu halten. Normalerweise gibt es zwei Einheiten Koffein am Tag, von weniger bekomme ich Kopfschmerzen und von mehr werde ich größenwahnsinnig, aber aktuell ist die zweite und manchmal auch schon die erste Einheit eine flüssige Panikattacke. Nun gut. Bleiben wir also bei Kräutertee.

Das sonnige Wetter verwandelt meine Ostfensterbänke in Gewächshäuser, was mich zu einer meiner absurdesten neuen Alltagssorgen führt: ALLES wächst viel zu schnell und ich habe zwar genug Erde, aber nicht genug Blumentöpfe, um die Pilea-Ableger und die Tomaten- und Chili- Keimlinge einzupflanzen oder die Spuckpalmen umzutopfen. Die Wurzeln in den Anzuchttabs und dem Wasserglas mit den Ablegern sind jetzt schon viel zu lang, aber ich will nicht in den Baumarkt, ich weiß nicht einmal, ob der noch geöffnet ist, aber andererseits sehe ich aus meinem Schreibtischfenster so viele Menschen mit Holzlatten unter den Armen an der Kreuzung stehen. Vermutlich wäre bei Bauhaus also doch was zu holen, aber ich will eigentlich gar nicht da hin, so viele Heimwerker*innen, wie sie jetzt gerade auf der Straße unterwegs sind, muss da ja die Hölle los sein, oder verschenken sie irgendwo Kantholz auf der Straße? Ich werde es wohl nicht herausfinden.

Gestern bin ich zweimal durch den Park gelaufen, um den oben erwähnten Förderantrag loszuwerden. Am Kiosk gegenüber dem Hundefreilauf kann man jetzt telefonisch Pommes und Eis bestellen und wird per Lautsprecher ausgerufen, wenn die Bestellung abholbereit ist. Obwohl eigentlich höchstens 12 Grad in der Sonne waren, saßen Menschen mit Picknickdecken auf der Wiese, mit Kaffee in Thermoskannen und vorbildlichem Sicherheitsabstand. In dem leeren Planschbecken für Kinder tanzte ein älteres Paar Walzer ohne Musik (ich nehme an, dass sie zusammengehören). Heute war ich eine Runde mit dem Rad unterwegs und sah sogar Menschen, die auf Picknickdecken lagen (Der Rücken! Bei der Kälte!). Ich hoffe, dass es wenigstens ein bisschen so bleiben kann wie gestern und heute, aber morgen soll es schneien, auch wenn ich mir das kaum vorstellen kann.

Bock auf Autorität

[Sonntag, 22.3.2020]

Es ist gerade ein bisschen schwierig, die Dinge realistisch einzuschätzen. In der Zeit vor Corona wurde immer viel davon gesprochen, dass wir zu viel im Internet rumhängen und dass man doch mal das Smartphone weglegen und dass man RAUS gehen soll, in die RICHTIGE Welt, dahin, wo das ECHTE Leben stattfindet. Aber dieses Draußen, das angeblich richtige, echte Leben mit den echten Menschen, das ist zumindest für mich bis noch mindestens 4 Wochen lang gestrichen. Dabei kommuniziere ich genauso viel wie vorher, zumindest digital, allerdings jedoch nur mit meinen Freund*innen, mit denen ich in politischen und sozialen Fragen meistens mindestens ähnlicher Meinung bin. Ich weiß gar nicht, ob ich damit wirklich meine Perspektive vervollständigen oder mich einfach nur selbst geißeln wollte, jedenfalls habe ich in den letzten drei Tagen das Internet nicht nur genutzt, um das Corona-Update mit Christian Drosten zu hören, sondern versehentlich doch wieder in die sozialen Medien geschaut. Es gibt dort erschreckend viele Menschen, die sich nichts sehnlicher wünschen als eine staatlich angeordnete Ausgangssperre, und zwar möglichst rigoros und am besten sofort.

Ich war spazieren, gestern bin ich einmal zum Wasser gelaufen und heute war ich im Wald und es waren überall Menschen, aber sie waren alle allein oder zu zweit oder mit ihren Kindern unterwegs. Eine Frau wechselte bei meinem Anblick die Straßenseite (endlich wirke ich gefährlich genug!). Wie Planeten bewegten sie sich auf ihren Umlaufbahnen, die meist auf den äußeren Kanten der vorgegebenen Wege verliefen, es gab keinen Sicherheitsabstand, der nicht eingehalten wurde. Selten habe ich mich so sicher gefühlt, wenn ich allein in der Stadt unterwegs war. Ich beobachtete die anderen Spaziergänger*innen aus der Ferne und fragte mich, ob irgendwer von ihnen zu den Menschen gehörte, die nach einer Ausgangssperre lechzten, denn offensichtlich hielten sie sich ja ganz vorbildlich an die Regeln, die jetzt galten.

Vielleicht hatte ich auch Glück und habe nur einen besonders gut gelungenen Ausschnitt dieses echten, richtigen Lebens gesehen, in dem Menschen sich aus Solidarität ihren Mitmenschen an sinnvolle Regeln halten wollen und diese kompetent in ihre alltägliche Praxis integrieren. Vielleicht laufen nur zwei Kilometer weiter Leute rum, die sich zu zehnt zusammenrotten und gezielt andere Menschen anhusten. Wer weiß. Ich verstehe, dass es gerade völlig unmöglich ist, sich einen umfassenden Eindruck über die Dinge zu verschaffen. Was ich aber nicht verstehe: Wie kann man sich so sehr danach verzehren, endlich etwas verboten zu bekommen?

(Nur damit hier nicht der Verdacht aufkommt, dass ich die Corona-Pandemie verharmlosen wollen würde: Ich halte die allermeisten der bisher getroffenen Maßnahmen für richtig, aber dieser Autoritätsfetischismus, der überall durchblitzt, davon bekomme ich Albträume.)

Frühlingsanfang

[Freitag, 20.3.2020]

Zwischen den Narzissen, die auf dem Mittelstreifen auf dem Westring blühen, liegt eine Plastikfolie, die ich gerne aufsammeln und wegwerfen würde. An der Ampel steht eine junge Frau mit einem aufgeschlagenen Buch in der Hand, aber es sieht nicht so aus, als würde sie im Gehen darin lesen wollen. Fände ich offen gestanden auch ein wenig gefährlich, obwohl ich genauso Lust hätte, zu flanieren und gleichzeitig ein Buch zu lesen und es manchmal schwierig finde, mich zwischen beiden Aktivitäten zu entscheiden. Aber mit Aktivitäten ist gerade ohnehin nicht viel. Meine leichte Erkältung ist immer noch da (kein Fieber, kein Husten, keine Atemnot, daher sehe ich bis auf weiteres davon ab, die 116117 zu blockieren und mache einfach mit bei #staythefuckhome), also liege ich auf dem Tagesbett und spiele Quizduell und Scrabble GO (meine Spielerinnen-ID ist 99315282, falls jemand möchte) und zwischen den Zügen meiner Gegner*innen lese ich MALINA von Ingeborg Bachmann, also tue ich immerhin auch zwei Dinge simultan (nur laufe ich nicht Gefahr, jemanden umzurennen).

MALINA schmerzt im Übrigen deutlich mehr als mein kratziger Hals. Ich möchte eine Passage daraus zitieren, die ich gestern gelesen habe:
Auf einem kleinen Schiff beginnt mein Vater einen großen Film zu drehen. Er ist der Regisseur, und es geht alles nach seinem Willen. Ich habe schon wieder klein beigegeben, denn mein Vater möchte ein paar Sequenzen mit mir drehen, er beteuert, ich werde nicht zu erkennen sein, er hat den besten Maskenbildner. Mein Vater hat sich einen Namen zugelegt, niemand weiß welchen, er war schonmal in Leuchtschriften über den Kinos der halben Welt zu sehen. Ich sitze wartend herum, bin noch nicht angezogen und geschminkt, habe Lockenwickler auf dem Kopf, nur ein Handtuch über den Schultern, aber plötzlich entdecke ich, daß mein Vater die Situation ausnutzt und heimlich schon dreht, ich springe empört auf, finde nichts, um mich zu bedecken, ich laufe trotzdem zu ihm und dem Kameramann hinüber und sage: Hör damit auf, hör sofort auf! Ich sage, dieser Filmstreifen müsse sofort vernichtet werden, das habe nichts mit dem Film zu tun, denn es ist gegen die Abmachung, der Streifen müsste entfernt werden. Mein Vater antwortet, gerade das wolle er, es werde die interessanteste Stelle im ganzen Film werden, er dreht weiter.
(Ingeborg Bachmann: Malina. Roman. Frankfurt 1971, S. 208f.)

Ich will über diese Stelle jetzt keinen Essay verfassen (u.a. weil ich schon wieder ein paar Quizduelle auszufechten habe), aber finde es sehr aufschlussreich, diesen fast 50 Jahre alten Text einmal aus einer gegenwärtigen Perspektive zu betrachten. Diese verstörende Szene, aus der ich zitiere, hätte ebenso im Kontext von #metoo von einer Schauspielerin erzählt werden können. Bachmann, die weder Zeitgenossin mit Harvey Weinstein (23 Jahre Knast und ein Rückenleiden dazu sind genau das, was er verdient) war noch jemals einen Fuß nach Hollywood gesetzt hat (ich weiß allerdings nicht, was sie 1956 als Dramaturgin beim Bayerischen Fernsehen erlebt hat), verbildlicht mit dieser Szene (und natürlich mit dem Roman insgesamt), wie sehr die patriarchale Gewalt in der Gesellschaft* der Protagonistin das Leben zur Hölle macht. Kleiner Spoiler an dieser Stelle: Die Protagonistin wehrt sich, zerstört tatsächlich den Film und wird dann dafür verantwortlich gemacht, dass die Dreharbeiten in die Hose gegangen sind. Es ist wie im echten Leben. Falls euch also mal wieder jemand mit dem Scheinargument kommt, #metoo seien ja eher Hollywood-Interna und es gebe keinen Sexismus oder gar sexualisierte Gewalt in der normalen Gesellschaft: Erzählt ihnen von Ingeborg Bachmann und Malina, denn wenn sich irgendwo etwas Allgemeingültiges ableiten lässt, dann jawohl aus der Literatur.**

*In dem Fall konkret die österreichische Gesellschaft nach dem Zweiten Weltkrieg, aber so arg weit weg ist die von der deutschen Gegenwart nun auch wieder nicht.
**Den Nachweis für diese steile These liefere ich VIELLEICHT nach.

PS: Auf dem Mittelstreifen liegen mittlerweile auch eine leere Brötchentüte und ein Coffee2go-Plastikdeckel zwischen den Narzissen.

Dienstag, 17.3.2020

Immer noch Halskratzen und Kopfweh und auch eine kleine Party in den Nasennebenhöhlen, also lasse ich mich besser krankschreiben. Bei meinem Hausarzt funktioniert das dieser Tage auch per Telefon. Wäre ich nicht tatsächlich irgendwie erkältet, hätte ich mich jetzt gerade aber auch aus Faulheit und einer grundsätzlich lohnarbeitskritischen Haltung heraus krankschreiben lassen (falls das mein Arbeitgeber liest: Das hier ist Fiktion!). Dass ich es seit dem letzten Schlafbesuch nicht geschafft habe, das Gästebett einzuklappen, stellt sich als absoluter Glücksfall heraus. Das Prinzip Tagesbett, so stelle ich fest, ist ein sehr gutes: Tagsüber in einem anderen Bett zu liegen als nachts fühlt sich beinahe wie ein geregelter Tagesablauf an.

M., der bedauerlicherweise keine Ahnung von Make-Up hat, sagt, ich sehe aus, als sei ich reverse-geschminkt, als hätte ich die Schminke, die ich sonst über den Augen trage, heute mal darunter. Er meint meine Augenringe. Ich bin vielleicht doch ein bisschen kränker als angenommen. So genau weiß ich es aber nicht (bitte keine Ferndiagnosen! Danke.). Lethargisch auf dem Tagesbett herumliegen nehme ich als vernünftige Handlungsoptionen aber auf jeden Fall mit. In meinen Aktiv-Hochs esse ich seit 6 Monaten abgelaufenen Puffreis (werde ich das noch bereuen?) und spiele 100 Runden Quizduell gegen zufällige Spieler*innen (bei Interesse: Ich heiße zarid_bang und bin durchaus besiegbar). Für den Bruchteil von Sekunden weiß ich, was im Jahr 2013 das Spiel des Jahres war, wo die Symphyse sitzt, wie die Söhne von John Lennon heißen, wer keiner der 12 Apostel war (woher ich das vorher auch schon wusste, Ich z.B. war nie einer), wie die Figur von Pamela Anderson bei Baywatch hieß, welche Pflanze kein Cumarin enthält und wer den deutschen Rip-Off von Pinocchio geschrieben hat und vergesse alles binnen Sekunden. Draußen ist es bewölkt.

Montag, 16.3.2020

Es ist ein Montag, der von außen ganz normal aussieht, aber an dem ich lieber nicht zur Arbeit gehe, weil ich ein leichtes Kratzen im Hals verspüre und etwas verschnupft bin. Nachdem dieser Beschluss getätigt ist, mache ich den Fehler, doch einmal kurz zu schauen, was bei Facebook und bei Twitter so steht. Es sind keine ganz einfachen Zeiten für Leute wie mich, die dazu neigen, in Stresssituationen, die sich nicht durch konsequente harte Arbeit abbauen lassen, hypochondrisch zu werden (zum Vergleich: Während meiner Masterarbeit ging es mir körperlich blendend! Von der Magenschleimhautentzündung durch zu viel Kaffee einmal abgesehen. Vor einer Reise, die mir irgendwie zu groß war, habe ich fest daran geglaubt, eine Blinddarmentzündung zu bekommen. Mein Blinddarm erfreut noch heute eines vorhandenen, wenn auch sinnlosen Daseins). Woher soll ich wissen, dass diese Wellen der Erschöpfung, die zwischendurch immer mal wieder durch meinen Körper schwappen, von meinem Kopf her kommen und nicht von einer angeniesten Türklinke? (Bitte keine Ferndiagnosen in die Kommentare. Danke!)

Obwohl ich mich mental fühle wie Rainer Maria Rilke in ungefähr jedem Brief an einen jungen Dichter, gehe ich einkaufen. Meine Teelichter sind leer und ich kann ohne Teelichter bzw. ohne ritualisiertes Teetrinken mit einer Kanne auf einem beheizten Stövchen nicht sein, und ich bin entsetzt, dass es bei Rewe keine normalen Teelichter mehr gibt, sondern nur noch sehr teure, kleine Packungen mit obskuren Duftnoten. Die Leute rechnen also mit Stromausfall. So viele ritualisierte Teetrinker*innen kann es hier gar nicht geben, zumindest ist das Teeregal ganz gut gefüllt. Ebenso fehlen normale Taschentücher. Es gibt nur noch einige Modelle, die in Erkältungsbalsam und dem Preis nach zu urteilen wohl auch in Q10+ getränkt sind. So ist es wohl, wenn man zu spät ist: Der Strafraum für Menschen, die derartige Krisen trotz ihrer Hypochondrie nicht ernst genug nehmen, um panisch Dinge einzukaufen, duftet nach Teebaumöl, Patchouli und einer ganz bestimmten Art von FOMO.

Die Leute im Laden tragen die letzten Pakete Klopapier vor sich her wie das neue iPhone. Ich nehme noch eine Packung Pak Choi mit, den ich sicher in den nächsten Tagen essen wollen werde. Vielleicht kann ich den Einkaufsdiskurs damit um eine kleine, aber immerhin unerwartete Facette erweitern.

Samstag, 14.03.2020

Ich bin seit einer Woche hin- und hergerissen, ob ich irgendwas über die Corona-Pandemie schreiben möchte oder nicht, aber seit ich in meiner Twitter-Timeline minutenlang herunterscrollen muss, um auch nur einen Tweet zu finden, der damit nichts zu tun hat, habe ich mich mehr oder weniger dagegen entschieden. Nur so viel: Die Stadt Kiel hat alle öffentlichen Veranstaltungen bis zum 19. April abgesagt, womit auch ein Großteil meines Alltags bis auf Weiteres gecancelt ist. Denn was mache ich außerhalb dieser goldenen Stunden, in denen ich mich zuhause der Muße hingeben kann? Ich gehe einer Lohnarbeit im öffentliche-Kulturveranstaltungen-Sektor nach, organisiere nebenbei auch noch Lesungen oder besuche Freund*innen, die so etwas beruflich oder ehrenamtlich machen, bei ihren Veranstaltungen. Und noch eine Sache: Einen ganzen Arbeitstag lang sich stündlich ändernde Auflagen und Entwicklungen mit den Kolleg*innen besprechen und entsprechende Beschlüsse an die Aushilfen und an die Öffentlichkeit zu kommunizieren, um dann 30 Sekunden vor Feierabend mitgeteilt zu bekommen, dass jetzt erst einmal alles ausfällt und dementsprechend noch einmal alle Kommunikationsakte von vorne anfangen zu müssen, ist furchtbar viel Arbeit. Das war jetzt doch ein ganzer Absatz. Puh! Ich bin übrigens normalerweise die letzte, die Digital Detox für eine tolle achtsame Idee hält (überhaupt: Warum Achtsamkeit, wenn man auch Slacker*in sein kann?), aber wenn ich noch ein Foto von leeren Klopapier- oder Nudelregalen sehe, breche ich zusammen. Der gesamte Social-Media-Kram* ist jetzt für so lange von meinem Handy geflogen, bis Montag Mittag der nächste Corona-Update-Podcast mit Christian Drosten online kommt. Das übrige Wochenende werde ich damit verbringen, meine neu umgetopften Pflanzen beim Wachsen zu beobachten. Der einzige Hamsterkauf, den ich getätigt habe, ist Blumenerde. Aber die Chilis und Tomaten, die ich erst letzte Woche zum Keimen auf Kokoserde gesetzt habe, wachsen erschreckend schnell! Vielleicht müssen sie nächste Woche schon umgepflanzt werden. Allerdings habe ich keine freien Blumentöpfe mehr. Und eigentlich sind meine Fensterbänke auch schon voll. Ein furchtbares Problem. Aber dieses grüne Kreuz trage ich mit Würde.

*Falls ihr mit mir Kontakt aufnehmen wollt: Sämtliche Messenger-Apps sind natürlich noch drauf und meine E-Mails lese ich natürlich auch! Ich gehe sogar ans Telefon, wenn ihr wirklich die Chuzpe habt, mich anzurufen wie so ein Neandertaler.