Das brennende Herz

Ich bin im Begriff, etwas zu tun, wovor alle warnen: Schaff dir bloß keinen Hund an! Trotzdem war ich Freitag Welpen angucken, wovor ebenfalls alle gewarnt haben: Mach das bloß nicht, dann nimmst du am Ende noch einen mit! (Als ob irgendeine halbwegs seriöse Person mit Welpenverantwortung einem einfach so einen Hundewelpen mitgeben würde – braucht ihr eine Tüte? Nee danke, der geht so mit. So läuft das nicht!). Das einzige, was M. und ich mit nach Hause genommen haben, waren ein paar verwackelte Fotos von einer Art gefleckter Riesenbohne mit rosa Füßen und rosa Nase. Es dauert noch 48 Tage, bis die Riesenbohne groß genug ist, um bei uns einzuziehen. Seit unserem Besuch an dem magischen Ort, an dem die Hundewelpen spawnen, sind nun knapp zwei Tage vergangen, in denen die Zahl der Corona-Neuinfektionen in Kiel von 60 auf 75 geklettert ist (kann sein, dass der Startwert am Freitag sogar erst bei 50 lag, ich weiß es nicht mehr genau). In der gesamten Bundesrepublik haben die täglichen Neuinfektionen mittlerweile einen Wert erreicht, den ich mit meinem eher schlechten Zahlenverständnis kaum erfassen kann. Ich verbringe Stunden damit, abwechselnd Erziehungstipps für Hundewelpen zu lesen und auf Diagramme mit stark exponentiell ansteigenden Kurven zu starren. Die Kieler Infektionskurve ist seit der Geburt der kleinen Riesenbohne vor 15 Tagen von einem halbwegs beruhigenden Wert auf den Wert von April geklettert. Wie steil kann sie noch werden, bevor sie sich zur vertikalen Linie verwandelt? Was natürlich aufgrund der fortlaufenden Zeitachse keine darstellerische Option ist, aber eine beruhigende Erkenntnis ist das nicht. Vor uns liegen ein noch nicht ganz aufgebrauchter Oktober, ein ganzer November und noch ein paar Tage Dezember; knapp sieben Wochen, eine Zeitspanne, über die der Trend sagt: ES WIRD ALLES RICHTIG BESCHISSEN, und ich bin kurz davor (in Wahrheit schon dabei), eine höhere Macht anzuflehen: Bitte kein Weltuntergang, so lange der Hund noch nicht da ist! (Und danach gerne auch nicht).

Eigentlich sollte ich entspannter sein, ich bin schließlich nicht schwanger während Corona, sondern warte nur auf meinen Hund, mit dem ich ja auf jeden Fall rausgehen muss/darf, egal, wie streng der nächste Lockdown wäre. Vielleicht ist es auch nur so, dass ich dieses mir bisher unbekannte Cuteness-Level in meinem Leben gegen alles Hässliche in der Welt verteidigen möchte und gleichzeitig fürchte, dass ich es nicht kann. Und so weiß ich zum ersten Mal während der Pandemie tatsächlich nicht, wie ich die Zeit bis zu Zeitpunkt X totschlagen soll, obwohl ich bis dahin eigentlich genug zu tun habe. Doch das wissen vermutlich alle, die schon einmal in prekären Zeiten auf etwas gewartet haben: Brennende Herzen sind nicht gut im Sitzen.

Deutscher Herbst 2020

Sich vor Nasen ekeln
Die Handschuhe vom letzten Winter nicht mehr finden; sich wieder daran erinnern, dass sie auf einem der ewig langen, ziellosen Spaziergänge während der ersten Welle verloren gegangen sind
Sich von einem Podcast die Medikation eines an Covid-19 erkrankten Faschisten in Regierungsverantwortung erklären lassen
Vorsichtig über vom Sturm durcheinander gewirbelte E-Scooter steigen
Keine Lust auf Zoom
„Pilzpfanne“ denken, ein diffuses Gericht mit Champignons kochen
Autos fahren mit Absicht in Demonstrierende wie in den USA (Allerdings nur ein Zwischenfall)
Feststellen: Der neue Wintermantel ist für aktuelle Temperaturen (10°C) ganz okay
Hoffnung und Befürchtung in einem: Kälter als jetzt wird es sicher nicht mehr werden

Google+

Neue Lieblingsbeschäftigung gefunden, die vermutlich auch allein, aber vor allem Corona-kompatibel mit per Discord oder Skype zugeschalteten Freund*innen viel Spaß macht: Die Anfänge von Fragesätzen in die Suchzeile von Google eintippen und die verschiedenen Auto-Vervollständigungsvorschläge bewundern. Es war eigentlich als Schreibübung gedacht: Schreibe einen Text über den ersten (oder dritten oder letzten) Vorschlag in der Liste (und beantworte ggf. die gestellte Frage). Allerdings sind die Ergebnisse der Auto-Vervollständigung so aufrüttelnd, dass wir zum schreiben kaum kommen, obwohl wir völlig neutrale Wörter in das Suchfeld eintippen (die Listen mit den Vorschlägen, die z.B. auf „Können Frauen…“ folgen, dürften ja vielleicht bekannt sein).

Wir fangen an mit: Wann wird endlich
Meine Ergebnisse:
Wann wird endlich wieder Sommer
Wann wird endlich Sommer 2020
Wann wird endlich die Maskenpflicht abgeschafft
Wann wird endlich die Maskenpflicht aufgehoben
Wann wird endlich wieder Sommer text
Wann wird endlich mit t geschrieben
Wann wird endlich die Reisewarnung in die Türkei aufgehoben

Ich finde die Naivität, die hinter dem Versuch steckt, Google eine aufschlussreiche Antwort auf „Wann wird endlich Sommer 2020“ zu entlocken, fast ein bisschen süß. Sicherlich gab es da gute und für jeden verfügbare meteorologische Prognosen, aber ich würde behaupten, dass die gewünschte Antwort gewesen wäre: Am 13. Juli, also nächste Woche. Du kannst schonmal neue Sonnencreme kaufen. In unserer Runde bin ich die einzige, die „Wann wird endlich mit t geschrieben“ in ihrer Zusammenstellung hat. Diese Frage kann ich auch ohne Google beantworten: Nie!

Nächste Runde: Wie lange sollte man
Meine Ergebnisse:
Wie lange sollte man schlafen
Wie lange sollte man stillen
Wie lange sollte man Kontoauszüge aufbewahren
Wie lange sollte man joggen
Wie lange sollte man Zähne putzen
Wie lange sollte man trainieren
Wie lange sollte man sich sonnen

Niemand von uns weiß, wie lange man Kontoauszüge tatsächlich aufbewahren sollte. In Zeiten von Online-Banking ist das eine zurecht fast ausgestorbene Papierdokumentengattung. Ich finde manchmal noch vereinzelte Exemplare davon in Kramschubladen und -kisten und müsste vielleicht mal googeln: Wie entsorgt man Thermopapier richtig? Unsere Suchergebnisse gehen fast gar nicht auseinander, nur A. hat als einzige: Wie lange sollte man Brotteig gehen lassen? Sie hat noch nie in ihrem Leben ein Brot gebacken und plant das auch nicht für die Zukunft, sagt sie ziemlich bestimmt; wir müssen ihr das glauben.

Die Ergebnisse der letzten Runde sind nahezu poetisch:
Womit macht man am meisten Geld
Womit macht man Löcher in der Wand zu
Womit macht man Männern eine Freude
Womit macht man einen Einlauf
Womit macht man Beach Waves
Womit macht man Caipirinha
Womit macht man Mojito
Womit macht man Gras klein
Womit macht man Fernseher sauber
Womit macht man Spaghettieis

Zumindest die letzte Frage kann ich aus eigenen Erfahrungswerten (traumatische 1 1/2 Monate Ausbeutung in einer Eisdiele, die es nicht mehr gibt): Was man für die Herstellung von Spaghettieis braucht

Vanilleeis (2-3 Kugeln)
Vorstellungskraft
Eine gewisse Portion Abgebrühtheit
Keinerlei Respekt vor der italienischen Küche
Erdbeersauce
Relativ viel Kraft
Weiße Schokoladenflocken in Parmesan-Optik (grob gerieben, nicht so wie das Käsefuß-Abrieb-Granulat aus der Miracoli-Packung, das es darin nicht mehr gibt)
Eine Spaghettieis-Quetsche (so ähnlich wie eine Knoblauch-Presse, nur in groß)
Einen Stromanschluss.


Spooktober

Ich bin jedes Jahr überrascht, wenn sich das spätsommerliche Mittelmaß des Septembers im Oktober tatsächlich in echten Herbst verwandelt. Auf dem Weg zum Bäcker trage ich meinen neuen Wintermantel, für den es vor ein paar Tagen noch zu warm war, eine Jogginghose, die ein bisschen zu dünn ist, Socken mit Weihnachtsmuster und eine ausgeleierte Mütze auf meinen Haaren, die nach dem Aufstehen völlig unangetastet geblieben sind (und auch den übrigen Tag bleiben werden). Die Luft riecht nach Schnee, über den die Leute sagen, dass er nicht liegen bleiben wird. Die Schlange bei Bäcker Günther im Kronshagener Weg reicht bis in die Metzstraße und dort fast bis zum ersten Dönerladen am Dönerdreieck (was ein bisschen übertrieben ist, eigentlich sind es nur drei oder vier Leute, die noch in der Metzstraße stehen). Die Corona-Karte von der ZEIT, die ich hin und wieder anschaue, vermeldet, dass es in der vergangenen Woche 23.682 Neuinfektionen gab. In Kiel sind es zwar nur 10 (4,1 je 10.000 Einwohner*innen), aber damit das so bleibt, darf nur noch eine Person zur Zeit in den Bäckerladen, in dem es für mehr als zwei Personen ohnehin zu klaustrophobisch ist. Ich bin neidisch auf die anderen Jogginghosen in der Schlange (dickerer Stoff, rot-blau-weißes Muster mit Adidas-Streifen, die Bündchen an den Füßen nicht ausgeleiert).

Wenn ich zu diesem Bäcker gehe, komme ich normalerweise vom Westring und gehe auf dem Rückweg durch die Metzstraße zurück, um nicht zweimal denselben Weg zu laufen, aber der Fußgängerweg in der Straße ist so eng, dass ich heute ausnahmsweise über den Westring zurückgehe. In einem Fenster im Erdgeschoss sitzt eine Katze, die mich abschätzig mustert, als ich daran vorbeigehe. Sie ist dunkelgrau mit einer weißen Brust und hat Vampirzähne (vielleicht als Vorbereitung auf Halloween). Andere Fenster im Erdgeschoss sind mit Spitzengardinen verhangen, die vermutlich nur zum Fensterputzen aufgezogen werden. Zwischen den Vorhängen und den Fensterscheiben stehen nicht immer, aber oft Deko-Katzen, -Eulen, -Schweine und -Frösche auf der Fensterbank. Ich wundere mich jedes Mal darüber, dass die Gesichter dieser Keramiktiere zur Straße gewandt sind, aber heute fällt mir eine Antwort ein: Weil die Besitzer*innen dieser Dekorationsartikel sie aufgrund der immer zugezogenen Spitzengardinen nie zu Gesicht bekommen, schauen sie auf die Straße und nicht in die Wohnzimmer, in denen sie eigentlich stehen. Die Deko ist also für die Flaneusen, die im Vorbeigehen in die Fenster schielen. Eigentlich eine süße, fast selbstlose Geste – aber warum sind es immer nur Porzellantiere, deren kalte, leere Augen uns kalte Schauer über den Rücken jagen?

Panic! on the Sidewalk

Es ist plötzlich so warm geworden, was mich eigentlich nicht verwundern sollte, weil es ja schon fast Juni ist, also fast der Monat, in dem der längste Tag im Jahr ist, aber ich bin trotzdem überrascht, dass es in einer handelsüblichen Jeans zumindest in der Sonne irgendwie zu warm ist. Vielleicht bin ich auch überrascht darüber, dass sich nach den vergangenen 3-13°C warmen heiter bis wolkigen Tagen voller Zahlen und Kurven und Interviews und Podcasts und Zuhausebleiben doch irgendwas ändert, das ich mit meinem eigenen Körper nachprüfen kann (und auch gern tun will). Woran ich mich nie wieder gewöhnen können werde: Dass meine Abneigung gegen allzu viel Kontakt und Nähe zu zufälligen Menschen plötzlich doch nicht mehr salonfähig ist. Ich spaziere heute durch eine Straße, in der einige Geschäfte offenbar vergessen wurden. Das ehemalige Büro eines Kammerjägers trägt seit vielen Jahren eine riesige Nahaufnahme von einer Wespe, eine Rattenfamilie und die Bäuche einiger Kakerlaken als Fensterschmuck, aber Spuren menschlicher Benutzung kann ich nie erkennen, wenn ich daran vorbeilaufe. Wie soll ich die Bilder auf dem Fensterglas interpretieren: „Diese Schädlinge entfernen wir für Sie!“ oder „Wir waren so lange nicht hier, dass diese Tierarten nun überhand genommen haben!“? Deutlich mulmiger wird mir, als ich an einem Antiquitätenladen vorbeilaufe, vor dem ein Transporter halb auf dem Fußweg parkt, wo auch der Ladenbesitzer mit ausgestreckten Beinen auf einem Korbstuhl sitzt, ein weiterer Mann über einer Wühlkiste kniet und eine ältere Dame mit Gehstock einen gigantischen Wendekreis einschlägt, um über eine kleine Kellertreppe in das innere des Ladens zu gelangen. Keine Chance, hier mit genügend Sicherheitsabstand vorbeizukommen. Ich bleibe stehen und hoffe, dass mich niemand anspricht, oder anschnackt, denn die Leute vor dem Geschäft sehen aus wie Leute, die gern andere Leute anschnacken. Nach drei Monaten legitimer Distanzhaltung sind mir jegliche soziale Kompetenzen zum angeschnackt werden abhanden gekommen. Ich betrachte eine Milchkanne aus Kupfer und hoffe, dabei nicht gesehen zu werden, ich will nicht einmal sagen müssen, dass ich mich nur umschaue, ich schaue mich ja eigentlich auch gar nicht um, ich warte nur darauf, dass ich weitergehen kann, ohne hier irgendjemandem zu nahe zu kommen. Brauche ich so eine Kanne? Na ja, ich habe eh kein Geld dabei. Als die Dame mit dem Gehstock auf der ersten Treppenstufe angekommen ist, nehme ich meinen Mut zusammen und schlängele mich an dem Ladenbesitzer und dem Kistentaucher vorbei. „Immer langsam!“, sagt einer von den beiden zu der Dame. Ich glaube, mich haben sie gar nicht gesehen.

Urlaub im Speckgürtel (2)

[21.5.2020]

In der Lokalzeitung steht: „Cliquenbildung ist verboten“, also fallen die Bollerwagentouren sogenannter Väter in diesem Jahr aus (zumindest in Niedersachsen). Es ist also ein ruhiger Himmelfahrtstag in der Lüneburger Heide. Was trotzdem gefährlich ist: „Plopp machen“, also Steine ins Wasser werfen, sagt jedenfalls mein sehr kleiner Neffe. Was eigentlich viel gefährlicher ist: Die Wassertemperatur an dem Bach, an dem wir unsere Füße ins Wasser halten wollen. Die anderen Kinder am Bach kümmert das natürlich überhaupt nicht. Stürze ins Wasser werden einfach hingenommen, nasse Unterhemden absichtlich in den Matsch am Ufer geworfen. Die Eltern stehen resigniert am Rand des Geschehens und haben nichts mehr zu sagen außer „Wir wollen los!“, was ungehört zwischen den Baumwipfeln verhallt. Ich trage heute zum ersten mal im Jahr eine kurze Hose und lege den Grundstein für die sommerliche Dauerverdreckung meiner Füße.

Urlaub im Speckgürtel (1)

[19.5.2020]

Ich habe eine Woche Urlaub genommen, weil ich einen langen Text zu Ende schreiben will, und damit es sich wenigstens ein bisschen nach einer Mischung aus Urlaub und Schreibklausur anführt, habe ich eine der wenigen Fernreisemöglichkeiten in Anspruch genommen, die in diesen Zeiten unkompliziert funktionieren: Ich bin zu Besuch in meiner alten Heimat, die je nach Perspektive entweder im Speckgürtel von Hamburg oder in der Lüneburger Heide liegt. Die Reise hierher war fast ein bisschen gespenstisch: Bahnfahren mit genau drei weiteren Mitreisenden im Waggon, kriminellen Gefühlen beim sehr sehr kurzen Abnehmen des Mundschutzes zwecks Kaugummi-Entsorgung und einem Hamburger Hauptbahnhof, der um 18 Uhr so leer war wie sonst nur nach 23 Uhr. Es ist nun 12 Uhr Mittags und ich habe noch nicht eine sinnvolle Zeile geschrieben, dafür aber den Wikipedia-Artikel über den Ort gelesen, in dem ich nun bis Sonntag verweilen werde. Holm-Seppensen, wo ich gerade bin, wurde gegründet, nachdem sich Holm und Seppensen im Jahr 1901 nicht einigen konnten, wer den Bahnhof an der Heidebahnstrecke bekommen sollte. Den Kompromiss, einfach einen Bahnhof in der Mitte zu bauen, finde ich ziemlich fair. Allerdings frage ich mich, ob es den Holmer*innen und Seppenser*innen nie sauer aufgestoßen ist, dass sich Holm-Seppensen mittlerweile zu einer Mini-Metropole gemausert hat, während Holm und Seppensen wegen ihrer Bahnhofslosigkeit völlig unauffällige Dörfer geblieben sind, die man eigentlich gar nicht bemerkt, wenn man durch sie durchfährt. To be fair: Holm hat immerhin einen schönen alten Gutshof und die Hoheit über die Freiwillige Feuerwehr von Holm, Seppensen und Holm-Seppensen und in Seppensen gibt es einen Schmetterlingspark und ein kleines Freilichtmuseum. Das soll hier nicht unsichtbar bleiben!

Frequently Asked Questions*

  1. Hört ihr mich?
  2. Hört ihr mich jetzt?
  3. Könnt ihr mich sehen?
  4. Hast du die Kamera eingeschaltet?
  5. Hast du eingestellt, dass das Programm auf deine Webcam zugreifen kann?
  6. Hast du auch eingestellt, dass das Programm auf dein Mikro zugreifen darf?
  7. Du klingst so abgehackt! Kannst du uns hören?
  8. Bin ich bei euch auch eingefroren?
  9. Jetzt besser?
  10. Immer noch nicht?
  11. Hast du schon einen anderen Browser ausprobiert?
  12. Hast du es schon aus- und wieder angeschaltet?
  13. Wie gehts?

*Bin auf Kurzarbeit und kann daher keine Antworten auf diese Fragen liefern.

Mein Leben als Aussteigerin

Corontäne (ist das ein schlimmes Wort oder kann ich das benutzen?) Tag 568828 und es ist irgendwie alles egal, weil ich seit letzte Woche Dienstag auf Eskapismuslevel 3000 bin, genauer gesagt auf der Dienstagsinsel, die ich so genannt habe, weil ich eben seit einem Dienstag dort lebe, es ist quasi meine Insel, ich bin Inselvorsteherin und habe eigens dafür gesorgt, dass das örtliche Museum schnellstmöglich aufgebaut werden konnte, sehr zur Freude von Eugen, dem Museumswärter, der viel komisches Zeug quatscht und eine arge Insektenphobie hat, aber eigentlich ziemlich in Ordnung ist. Auf dieser Insel lebe ich in einem Zelt, in dem sich ein Feldbett, ein Radio, eine Öllampe, ein Spiegel, zwei abgelegte Outfits und eine Nintendo Switch befinden. In meinem Vorgarten befinden sich eine Feuerstelle, ein Campingtisch, auf dem ein Plattenspieler steht, eine selbstgebaute Fackel und ein Gartenbett aus zwei überdimensionalen Muscheln und 5 Lehm. Daneben habe ich Papageientulpen gepflanzt, die ich täglich gieße. In meiner freien Zeit gehe ich angeln, Muscheln sammeln oder Unkraut pflücken und verkaufe das, was sich dabei ansammelt, an einen kleinen Waschbären. Bei einem anderen Waschbären stehe ich knietief im Dispo und zwar für den Flug zur Insel, das Zelt und das Grundstück, auf dem dieses Zelt steht plus Gebühren, 48.000 Geldeinheiten, ich weiß nicht, ob er mich abgezockt hat, aber ich habe zugestimmt, dass ich ihn auch mit Bonuspunkten aus einem obskuren Bonuspunktesystem ausbezahlen kann. Wann das passieren wird: vermutlich nie (das Nashorn und der Bär, die auch auf meiner Insel wohnen, haben längst auf Holzhütten umgesattelt). Das Geld, was ich von dem kleinen Waschbären für meinen aufgesammelten oder selbstgebauten Krempel bekomme, nimmt der große Waschbär nicht an. Stattdessen soll ich mir aus seinem Online-Shop mindestens zweimal am Tag irgendwelchen Krempel bestellen, damit ich Bonuspunkte bekomme und endlich meine Schulden abbezahlen kann. Ich bin kein Finanzprofi, aber DAS kommt selbst mir fishy vor. Aber immerhin: Ich bin viel an der frischen Luft, schlafe manchmal in einer Hängematte am Strand und esse viel frisches Obst (allerdings nur Äpfel). Es ist eigentlich ganz schön hier.

Digitalisierungsgipfel 2020

 

Virtuelles Trauerspiel.

Personen:
@mayschaefchen,
@rrriotc4ndy
und
@zarid_bang,
drei junge Frauen mit Internetzugang

1. Akt.

Ein Discord-Server namens „Funpark3000“, abends.

@rrriotc4ndy: Hallo?
@mayschaefchen: Hallo? Hört ihr mich?
@zarid_bang: Hallo!
@rrriotc4ndy mit vollem Mund: Stört es euch, wenn ich esse?
@mayschaefchen: Ich kann euch nicht hören!
@zarid_bang: Log dich sonst nochmal aus und wieder ein. Ich muss eh nochmal kurz auf Klo.

Es knistert kurz in der Leitung. In der Ferne ist eine Klospülung zu hören.

@zarid_bang: Also, was machen wir?
@mayschaefchen: Lass mal Siedler spielen. Gibt es das irgendwie online
@rrriotc4ndy: Bei brettspiele.de glaub ich.
@mayschaefchen: Ah, ich registrier mich da mal eben.
@zarid_bang: Okay, ich mich auch!

Hektisches Tippen ist im Hintergrund zu hören, dann fast gleichzeitig zwei Fehlermeldungen.

@zarid_bang: Error.
@mayschaefchen: Hier auch.

@rrriotc4ndy beginnt ebenfalls zu tippen, bis der Signalton einer Fehlermeldung ertönt.

@rrriotc4ndy seufzt: Ich kann mich auch nicht einloggen. Wahrscheinlich ist der Server down.
@zarid_bang zuckt digital mit den Schultern: Ist Wochenende und abends, was sollen die Leute da sonst machen.
@mayschaefchen: Was machen wir jetzt? Doch den Tabletop-Simulator runterladen?
@zarid_bang: Wir können auch einfach ne Runde scribbl.io spielen?
@mayschaefchen: Nee, lass uns mal unbedingt Siedler spielen bitte!
@rrriotc4ndy: Dann müsst ihr aber den Tabletop-Simulator runterladen. Der kostet aber nen Zwanni. Habt ihr Steam?
@mayschaefchen: Ich benutz immer den Steam-Account von meinem Bruder… ich guck mal, ob ich das da runterladen kann.
@zarid_bang: Ich muss das erstmal neu installieren.
@mayschaefchen: Mach mal, ich ruf kurz meinen Bruder an und frag, ob das okay ist.

Ein leises Rauschen in der Leitung erklingt, das von gelegentlichem Tippen durchbrochen wird.

@zarid_bang: Bin gleich fertig, hab nur mein Passwort vergessen und muss mir das jetzt neu zuschicken lassen.
@rrriotc4ndy: Merkt sich irgendjemand gespeicherte Passwörter? 😀
@mayschaefchen: Mein Bruder geht nicht ans Telefon, aber sein Paypal-Passwort ist in seinem Steam-Account gespeichert. Dann kauf ich das Ding jetzt einfach!
@rrriotc4ndy: Der wird das schon merken, wenn in drei Sekunden die Push-Nachricht von Paypal bei ihm aufploppt, dass da 20 Euro abgebucht wurden
@mayschaefchen: Weiß nicht, der sitzt ja auch immer noch in Paraguay fest. Wird aber morgen ausgeflogen.

 

2. Akt

@zarid_bang: Okay, ich bin jetzt drin.
@mayschaefchen: Ich find den Server nicht. Sicher, dass du den auch „Funpark3000“ genannt hast?
@rrriotc4ndy: Ja.
@mayschaefchen tippt und klickt aufgeregt: Ich find das nicht. Achso. Moment. Ah. Falsches Suchfeld. Aha… Aha… nein… HIER! Bin drin. Wir können loslegen. Das sieht ja aus wie ein echtes Siedler! Aber das ist ja so klein.
@rrriotc4ndy: Du kannst auch zoomen! Und das Spielfeld drehen. Und deinen Blickwinkel ändern.
@mayschaefchen: Ja, aber WIE?
@rrriotc4ndy: Pfeiltasten und WASD.
@mayschaefchen: Bitte was?
@rrriotc4ndy: Pfeiltasten und WASD.
@mayschaefchen: jetzt ist das falsch rum, aber nicht näher dran.
@zarid_bang: Zoomen geht mit zwei Fingern auf dem Touchpad. Du hast doch auch ein Macbook?
@mayschaefchen: Ah… Shit, müssen wir das jetzt selber aufbauen? Ich dachte, das macht der Computer!
@rrriotc4ndy: Ist immer noch ein Brettspiel.
@zarid_bang: Ihr müsst das aufbauen, ich hab noch nie Siedler gespielt und weiß nicht, wie das geht. Oder ihr erklärt mir das nebenbei.
@mayschaefchen: Also, du kannst Siedlungen und Straßen bauen und Rohstoffe sammeln, mit denen du noch mehr Siedlungen und auch Städte bauen kannst. Wer am Ende die größte Siedlung hat, gewinnt.
@rrriotc4ndy: Da an der Kante liegt sonst auch die Spielanleitung.
@mayschaefchen: Ich schreib dir grad mal in den Chat, mit welchen Rohstoffen du was bauen kannst.
@zarid_bang: Ich komm nicht in den Chat, das ist grad Fullscreen und ich hab keine Ahnung, wie man das bei Mac beendet.
@mayschaefchen: Okay, dann regeln wir das irgendwie später. Dann liest du jetzt erstmal die Regeln.

@mayschaefchen und @rrriotc4ndy bauen das Spielfeld auf, was sich eher schwierig gestaltet und ewig dauert, weil die Steuerung ziemlich schwergängig ist.

@mayschaefchen: Wo ist die 10? Die 10 ist weg. Oder liegt die noch irgendwo?@rrriotc4ndy: Nee, wir haben doch alle Nummern verteilt?
@zarid_bang: Vielleicht sitzt jemand drauf?
@mayschaefchen:
@rrriotc4ndy:
@mayschaefchen: Hast du schon die Spielregeln durchgelesen?
@zarid_bang: Nee.
@rrriotc4ndy: Was machst du denn die ganze Zeit?!
@zarid_bang: Ich hab was für meine Insta-Story aufgenommen.
@mayschaefchen: Haha, wie so ne Insta-Bitch, die die ganze Zeit rumsitzt und Duckface-Selfies macht, während im Hintergrund gearbeitet wird.
@zarid_bang:
@rrriotc4ndy: Aber können wir jetzt anfangen?
@mayschaefchen: @zarid_bang kann die Regeln ja noch gar nicht
@zarid_bang: Egal, wir legen einfach los und ihr erklärt mir immer, was ihr macht, so schwer kann Dörfer und Straßen bauen ja nicht sein.
@mayschaefchen: Okay, dann würfeln wir jetzt erstmal, wer anfängt… Ah, eine 5.
@rrriotc4ndy würfelt digital, wobei ein künstliches Würfelgeräusch erklingt: Auch eine 5. @zarid_bang, du bist dran.
@zarid_bang:
@mayschaefchen: @zarid_bang?
@rrriotc4ndy: @zarid_bang?

 

3. Akt:

@mayschaefchen: Du warst einfach weg.
@zarid_bang: Sorry, mein Macbook ist grade überhitzt, das kann glaub ich Steam nicht so gut, wenn nebenbei noch Discord und 100 andere Programme laufen.
@rrriotc4ndy: Wieso hast du überhaupt solchen Yuppiescheiß?
@zarid_bang: Gabs halt bei eBay Kleinanzeigen. Anyway, ich hol jetzt meinen alten Laptop, da muss das nur kurz installieren.
@rrriotc4ndy: Mach Dxx. Ixxx Hxxx (rauschen) jetzt?
@mayschaefchen: @rrriotc4ndy, du klingst ein bisschen abgehackt.
@rrriotc4ndy: Ich gxxxx mal nxxx rn. Besser xxx?
@zarid_bang: Herrgott, ich hab schon wieder mein Steam-Passwort vergessen. Kann sich nur noch um Stunden handeln. @rrriotc4ndy, du klingst immer noch ganz abgehackt. Geh sonst mal aus dem Channel raus und wieder rein?
@rrriotc4ndy: Hxrt ihr mxxx?
@zarid_bang: Wir können sonst auch zu Skype umsteigen.
@rrriotc4ndy: Hell Nxxx!
@zarid_bang: Oder Jitsi oder Systemli, da muss man sich bei beidem nicht anmelden oder irgendwo registrieren. Ich mach uns sonst mal ne Jitsi-Konferenz auf (tippt) … So, hab den Link mal in den Chat gepostet.
@rrriotc4ndy: Wxxxxx Lxxxx?
@zarid_bang: Klappt das? @mayschaefchen, klappt das bei dir?

Knistern und Knacken im Hintergrund, das hin und wieder durch Mausklicks durchbrochen wird.

@rrriotc4ndy: Sooo, könnt ihr mich jetzt hören? Ich hab mal die Bluetooth-Box ausgemacht und doch wieder mein Headset angestöpselt.
@zarid_bang: Viel besser. Also, nehmen wir jetzt Jitsi oder Discord?
@rrriotc4ndy: Mir egal! Was sagt denn @mayschaefchen?
@zarid_bang: @mayschaefchen?
@rrriotc4ndy: @mayschaefchen? Hörst du uns?

Ein Nachrichtensignal ertönt.

@zarid_bang verwundert: Ich hab eine SMS bekommen. (Kurzes Schweigen, während sie den Inhalt der Nachricht liest) Die ist von @mayschaefchen. Ihr Internet ist down.

4. Akt.

@mayschaefchen: Hat jemand Holz? Ich würde gegen Erz tauschen.
@zarid_bang: Nee sorry, ich hab schon viel zu viel Erz. Wieso habt ihr mir nicht gesagt, dass man damit am Anfang überhaupt nix machen kann?
@rrriotc4ndy: Ich brauch mein Holz leider selber, außer du hättest vielleicht ein Schaf oder Getreide zum tauschen?
@mayschaefchen: Nee, sorry, das brauch ich selber.
@rrriotc4ndy: A propos Holz, wie gefällt euch eigentlich der Wald, in den ich unser Spielfeld gesetzt habe?

@mayschaefchen legt vier Erz-Karten zurück auf den Erz-Stapel und nimmt sich eine Holz-Karte.

@zarid_bang: Was machst du da?!
@mayschaefchen: Ich war bei der Bank. Und jetzt baue ich eine Stadt.

Sie zieht mit dem Cursor eine Stadt-Figur auf das Spielbrett und tauscht sie gegen eine ihrer Siedlungen aus.

@zarid_bang: Und denen musst du vier Erz geben für einmal Holz? Das ist ja echt dreiste Abzocke.

@rrriot4ndy gähnt: Ich bin übrigens echt voll müde.
@zarid_bang gähnt ebenfalls: Ich auch. Aber es ist ja auch schon fast Mitternacht.
@mayschaefchen: Wann haben wir angefangen, das hier zu installieren? Um halb acht, oder?
@rrriotc4ndy: Können wir hier nicht eigentlich einfach zwischenspeichern und morgen weiterspielen?
@mayschaefchen: Wär mir recht, aber wo speichert man denn hier? Ich seh keinen Speicherbutton.
@zarid_bang: Ich guck mal kurz… Hm, das ist das Menü, da steht aber nix mit Speichern… Hm… oder hier?

Konzentrierte Stille, dann ein sehr ausdrückliches Klicken, das offenbar jedoch nicht an der richtigen Stelle gesessen hat.

@zarid_bang: Fuckfuckfuck, das wollte ich nicht!

Der Spieltisch wird durch eine unsichtbare Hand umgeschmissen und durch die Luft gewirbelt, bis er hinter dem Bildschirmrand verschwindet. Die Spielsteine, Rohstoffkarten und Spielplanstücke wirbeln über den Bildschirm und sinken langsam zu Boden.

@rrriotc4ndy: Das war wohl die „Flip Table“-Taste.
@mayschaefchen: Wo ist denn der Tisch hin?
@rrriotc4ndy: Zoom mal ein bisschen raus, dann kannst du ihn sehen.
@mayschaefchen: Geht nicht. Hat sich irgendwie wieder alles aufgehängt.
@zarid_bang: Ah, ich hab ihn gefunden.
@rrriotc4ndy: Ich mach mal nen Screenshot und poste dem im Chat, Sekunde…

In ihrem Discord-Textkanal erscheint ein Bild, das einen massiven Holztisch zeigt, der in einem der umstehenden Bäume hängt.

@mayschaefchen: Ach, der Wald ist ja tatsächlich ziemlich schön.
@rrriotc4ndy: Ja, oder? Naja, ich geh mal schlafen. Vielleicht stellt sich das ja über Nacht automatisch wieder her.
@zarid_bang: Ich geh auch off. Sorry für den Tableflip. War schön mit euch!
@mayschaefchen: Gute N8t!