Digitalisierungsgipfel 2020

 

Virtuelles Trauerspiel.

Personen:
@mayschaefchen,
@rrriotc4ndy
und
@zarid_bang,
drei junge Frauen mit Internetzugang

1. Akt.

Ein Discord-Server namens „Funpark3000“, abends.

@rrriotc4ndy: Hallo?
@mayschaefchen: Hallo? Hört ihr mich?
@zarid_bang: Hallo!
@rrriotc4ndy mit vollem Mund: Stört es euch, wenn ich esse?
@mayschaefchen: Ich kann euch nicht hören!
@zarid_bang: Log dich sonst nochmal aus und wieder ein. Ich muss eh nochmal kurz auf Klo.

Es knistert kurz in der Leitung. In der Ferne ist eine Klospülung zu hören.

@zarid_bang: Also, was machen wir?
@mayschaefchen: Lass mal Siedler spielen. Gibt es das irgendwie online
@rrriotc4ndy: Bei brettspiele.de glaub ich.
@mayschaefchen: Ah, ich registrier mich da mal eben.
@zarid_bang: Okay, ich mich auch!

Hektisches Tippen ist im Hintergrund zu hören, dann fast gleichzeitig zwei Fehlermeldungen.

@zarid_bang: Error.
@mayschaefchen: Hier auch.

@rrriotc4ndy beginnt ebenfalls zu tippen, bis der Signalton einer Fehlermeldung ertönt.

@rrriotc4ndy seufzt: Ich kann mich auch nicht einloggen. Wahrscheinlich ist der Server down.
@zarid_bang zuckt digital mit den Schultern: Ist Wochenende und abends, was sollen die Leute da sonst machen.
@mayschaefchen: Was machen wir jetzt? Doch den Tabletop-Simulator runterladen?
@zarid_bang: Wir können auch einfach ne Runde scribbl.io spielen?
@mayschaefchen: Nee, lass uns mal unbedingt Siedler spielen bitte!
@rrriotc4ndy: Dann müsst ihr aber den Tabletop-Simulator runterladen. Der kostet aber nen Zwanni. Habt ihr Steam?
@mayschaefchen: Ich benutz immer den Steam-Account von meinem Bruder… ich guck mal, ob ich das da runterladen kann.
@zarid_bang: Ich muss das erstmal neu installieren.
@mayschaefchen: Mach mal, ich ruf kurz meinen Bruder an und frag, ob das okay ist.

Ein leises Rauschen in der Leitung erklingt, das von gelegentlichem Tippen durchbrochen wird.

@zarid_bang: Bin gleich fertig, hab nur mein Passwort vergessen und muss mir das jetzt neu zuschicken lassen.
@rrriotc4ndy: Merkt sich irgendjemand gespeicherte Passwörter? 😀
@mayschaefchen: Mein Bruder geht nicht ans Telefon, aber sein Paypal-Passwort ist in seinem Steam-Account gespeichert. Dann kauf ich das Ding jetzt einfach!
@rrriotc4ndy: Der wird das schon merken, wenn in drei Sekunden die Push-Nachricht von Paypal bei ihm aufploppt, dass da 20 Euro abgebucht wurden
@mayschaefchen: Weiß nicht, der sitzt ja auch immer noch in Paraguay fest. Wird aber morgen ausgeflogen.

 

2. Akt

@zarid_bang: Okay, ich bin jetzt drin.
@mayschaefchen: Ich find den Server nicht. Sicher, dass du den auch „Funpark3000“ genannt hast?
@rrriotc4ndy: Ja.
@mayschaefchen tippt und klickt aufgeregt: Ich find das nicht. Achso. Moment. Ah. Falsches Suchfeld. Aha… Aha… nein… HIER! Bin drin. Wir können loslegen. Das sieht ja aus wie ein echtes Siedler! Aber das ist ja so klein.
@rrriotc4ndy: Du kannst auch zoomen! Und das Spielfeld drehen. Und deinen Blickwinkel ändern.
@mayschaefchen: Ja, aber WIE?
@rrriotc4ndy: Pfeiltasten und WASD.
@mayschaefchen: Bitte was?
@rrriotc4ndy: Pfeiltasten und WASD.
@mayschaefchen: jetzt ist das falsch rum, aber nicht näher dran.
@zarid_bang: Zoomen geht mit zwei Fingern auf dem Touchpad. Du hast doch auch ein Macbook?
@mayschaefchen: Ah… Shit, müssen wir das jetzt selber aufbauen? Ich dachte, das macht der Computer!
@rrriotc4ndy: Ist immer noch ein Brettspiel.
@zarid_bang: Ihr müsst das aufbauen, ich hab noch nie Siedler gespielt und weiß nicht, wie das geht. Oder ihr erklärt mir das nebenbei.
@mayschaefchen: Also, du kannst Siedlungen und Straßen bauen und Rohstoffe sammeln, mit denen du noch mehr Siedlungen und auch Städte bauen kannst. Wer am Ende die größte Siedlung hat, gewinnt.
@rrriotc4ndy: Da an der Kante liegt sonst auch die Spielanleitung.
@mayschaefchen: Ich schreib dir grad mal in den Chat, mit welchen Rohstoffen du was bauen kannst.
@zarid_bang: Ich komm nicht in den Chat, das ist grad Fullscreen und ich hab keine Ahnung, wie man das bei Mac beendet.
@mayschaefchen: Okay, dann regeln wir das irgendwie später. Dann liest du jetzt erstmal die Regeln.

@mayschaefchen und @rrriotc4ndy bauen das Spielfeld auf, was sich eher schwierig gestaltet und ewig dauert, weil die Steuerung ziemlich schwergängig ist.

@mayschaefchen: Wo ist die 10? Die 10 ist weg. Oder liegt die noch irgendwo?@rrriotc4ndy: Nee, wir haben doch alle Nummern verteilt?
@zarid_bang: Vielleicht sitzt jemand drauf?
@mayschaefchen:
@rrriotc4ndy:
@mayschaefchen: Hast du schon die Spielregeln durchgelesen?
@zarid_bang: Nee.
@rrriotc4ndy: Was machst du denn die ganze Zeit?!
@zarid_bang: Ich hab was für meine Insta-Story aufgenommen.
@mayschaefchen: Haha, wie so ne Insta-Bitch, die die ganze Zeit rumsitzt und Duckface-Selfies macht, während im Hintergrund gearbeitet wird.
@zarid_bang:
@rrriotc4ndy: Aber können wir jetzt anfangen?
@mayschaefchen: @zarid_bang kann die Regeln ja noch gar nicht
@zarid_bang: Egal, wir legen einfach los und ihr erklärt mir immer, was ihr macht, so schwer kann Dörfer und Straßen bauen ja nicht sein.
@mayschaefchen: Okay, dann würfeln wir jetzt erstmal, wer anfängt… Ah, eine 5.
@rrriotc4ndy würfelt digital, wobei ein künstliches Würfelgeräusch erklingt: Auch eine 5. @zarid_bang, du bist dran.
@zarid_bang:
@mayschaefchen: @zarid_bang?
@rrriotc4ndy: @zarid_bang?

 

3. Akt:

@mayschaefchen: Du warst einfach weg.
@zarid_bang: Sorry, mein Macbook ist grade überhitzt, das kann glaub ich Steam nicht so gut, wenn nebenbei noch Discord und 100 andere Programme laufen.
@rrriotc4ndy: Wieso hast du überhaupt solchen Yuppiescheiß?
@zarid_bang: Gabs halt bei eBay Kleinanzeigen. Anyway, ich hol jetzt meinen alten Laptop, da muss das nur kurz installieren.
@rrriotc4ndy: Mach Dxx. Ixxx Hxxx (rauschen) jetzt?
@mayschaefchen: @rrriotc4ndy, du klingst ein bisschen abgehackt.
@rrriotc4ndy: Ich gxxxx mal nxxx rn. Besser xxx?
@zarid_bang: Herrgott, ich hab schon wieder mein Steam-Passwort vergessen. Kann sich nur noch um Stunden handeln. @rrriotc4ndy, du klingst immer noch ganz abgehackt. Geh sonst mal aus dem Channel raus und wieder rein?
@rrriotc4ndy: Hxrt ihr mxxx?
@zarid_bang: Wir können sonst auch zu Skype umsteigen.
@rrriotc4ndy: Hell Nxxx!
@zarid_bang: Oder Jitsi oder Systemli, da muss man sich bei beidem nicht anmelden oder irgendwo registrieren. Ich mach uns sonst mal ne Jitsi-Konferenz auf (tippt) … So, hab den Link mal in den Chat gepostet.
@rrriotc4ndy: Wxxxxx Lxxxx?
@zarid_bang: Klappt das? @mayschaefchen, klappt das bei dir?

Knistern und Knacken im Hintergrund, das hin und wieder durch Mausklicks durchbrochen wird.

@rrriotc4ndy: Sooo, könnt ihr mich jetzt hören? Ich hab mal die Bluetooth-Box ausgemacht und doch wieder mein Headset angestöpselt.
@zarid_bang: Viel besser. Also, nehmen wir jetzt Jitsi oder Discord?
@rrriotc4ndy: Mir egal! Was sagt denn @mayschaefchen?
@zarid_bang: @mayschaefchen?
@rrriotc4ndy: @mayschaefchen? Hörst du uns?

Ein Nachrichtensignal ertönt.

@zarid_bang verwundert: Ich hab eine SMS bekommen. (Kurzes Schweigen, während sie den Inhalt der Nachricht liest) Die ist von @mayschaefchen. Ihr Internet ist down.

4. Akt.

@mayschaefchen: Hat jemand Holz? Ich würde gegen Erz tauschen.
@zarid_bang: Nee sorry, ich hab schon viel zu viel Erz. Wieso habt ihr mir nicht gesagt, dass man damit am Anfang überhaupt nix machen kann?
@rrriotc4ndy: Ich brauch mein Holz leider selber, außer du hättest vielleicht ein Schaf oder Getreide zum tauschen?
@mayschaefchen: Nee, sorry, das brauch ich selber.
@rrriotc4ndy: A propos Holz, wie gefällt euch eigentlich der Wald, in den ich unser Spielfeld gesetzt habe?

@mayschaefchen legt vier Erz-Karten zurück auf den Erz-Stapel und nimmt sich eine Holz-Karte.

@zarid_bang: Was machst du da?!
@mayschaefchen: Ich war bei der Bank. Und jetzt baue ich eine Stadt.

Sie zieht mit dem Cursor eine Stadt-Figur auf das Spielbrett und tauscht sie gegen eine ihrer Siedlungen aus.

@zarid_bang: Und denen musst du vier Erz geben für einmal Holz? Das ist ja echt dreiste Abzocke.

@rrriot4ndy gähnt: Ich bin übrigens echt voll müde.
@zarid_bang gähnt ebenfalls: Ich auch. Aber es ist ja auch schon fast Mitternacht.
@mayschaefchen: Wann haben wir angefangen, das hier zu installieren? Um halb acht, oder?
@rrriotc4ndy: Können wir hier nicht eigentlich einfach zwischenspeichern und morgen weiterspielen?
@mayschaefchen: Wär mir recht, aber wo speichert man denn hier? Ich seh keinen Speicherbutton.
@zarid_bang: Ich guck mal kurz… Hm, das ist das Menü, da steht aber nix mit Speichern… Hm… oder hier?

Konzentrierte Stille, dann ein sehr ausdrückliches Klicken, das offenbar jedoch nicht an der richtigen Stelle gesessen hat.

@zarid_bang: Fuckfuckfuck, das wollte ich nicht!

Der Spieltisch wird durch eine unsichtbare Hand umgeschmissen und durch die Luft gewirbelt, bis er hinter dem Bildschirmrand verschwindet. Die Spielsteine, Rohstoffkarten und Spielplanstücke wirbeln über den Bildschirm und sinken langsam zu Boden.

@rrriotc4ndy: Das war wohl die „Flip Table“-Taste.
@mayschaefchen: Wo ist denn der Tisch hin?
@rrriotc4ndy: Zoom mal ein bisschen raus, dann kannst du ihn sehen.
@mayschaefchen: Geht nicht. Hat sich irgendwie wieder alles aufgehängt.
@zarid_bang: Ah, ich hab ihn gefunden.
@rrriotc4ndy: Ich mach mal nen Screenshot und poste dem im Chat, Sekunde…

In ihrem Discord-Textkanal erscheint ein Bild, das einen massiven Holztisch zeigt, der in einem der umstehenden Bäume hängt.

@mayschaefchen: Ach, der Wald ist ja tatsächlich ziemlich schön.
@rrriotc4ndy: Ja, oder? Naja, ich geh mal schlafen. Vielleicht stellt sich das ja über Nacht automatisch wieder her.
@zarid_bang: Ich geh auch off. Sorry für den Tableflip. War schön mit euch!
@mayschaefchen: Gute N8t!

Bock auf Autorität

[Sonntag, 22.3.2020]

Es ist gerade ein bisschen schwierig, die Dinge realistisch einzuschätzen. In der Zeit vor Corona wurde immer viel davon gesprochen, dass wir zu viel im Internet rumhängen und dass man doch mal das Smartphone weglegen und dass man RAUS gehen soll, in die RICHTIGE Welt, dahin, wo das ECHTE Leben stattfindet. Aber dieses Draußen, das angeblich richtige, echte Leben mit den echten Menschen, das ist zumindest für mich bis noch mindestens 4 Wochen lang gestrichen. Dabei kommuniziere ich genauso viel wie vorher, zumindest digital, allerdings jedoch nur mit meinen Freund*innen, mit denen ich in politischen und sozialen Fragen meistens mindestens ähnlicher Meinung bin. Ich weiß gar nicht, ob ich damit wirklich meine Perspektive vervollständigen oder mich einfach nur selbst geißeln wollte, jedenfalls habe ich in den letzten drei Tagen das Internet nicht nur genutzt, um das Corona-Update mit Christian Drosten zu hören, sondern versehentlich doch wieder in die sozialen Medien geschaut. Es gibt dort erschreckend viele Menschen, die sich nichts sehnlicher wünschen als eine staatlich angeordnete Ausgangssperre, und zwar möglichst rigoros und am besten sofort.

Ich war spazieren, gestern bin ich einmal zum Wasser gelaufen und heute war ich im Wald und es waren überall Menschen, aber sie waren alle allein oder zu zweit oder mit ihren Kindern unterwegs. Eine Frau wechselte bei meinem Anblick die Straßenseite (endlich wirke ich gefährlich genug!). Wie Planeten bewegten sie sich auf ihren Umlaufbahnen, die meist auf den äußeren Kanten der vorgegebenen Wege verliefen, es gab keinen Sicherheitsabstand, der nicht eingehalten wurde. Selten habe ich mich so sicher gefühlt, wenn ich allein in der Stadt unterwegs war. Ich beobachtete die anderen Spaziergänger*innen aus der Ferne und fragte mich, ob irgendwer von ihnen zu den Menschen gehörte, die nach einer Ausgangssperre lechzten, denn offensichtlich hielten sie sich ja ganz vorbildlich an die Regeln, die jetzt galten.

Vielleicht hatte ich auch Glück und habe nur einen besonders gut gelungenen Ausschnitt dieses echten, richtigen Lebens gesehen, in dem Menschen sich aus Solidarität ihren Mitmenschen an sinnvolle Regeln halten wollen und diese kompetent in ihre alltägliche Praxis integrieren. Vielleicht laufen nur zwei Kilometer weiter Leute rum, die sich zu zehnt zusammenrotten und gezielt andere Menschen anhusten. Wer weiß. Ich verstehe, dass es gerade völlig unmöglich ist, sich einen umfassenden Eindruck über die Dinge zu verschaffen. Was ich aber nicht verstehe: Wie kann man sich so sehr danach verzehren, endlich etwas verboten zu bekommen?

(Nur damit hier nicht der Verdacht aufkommt, dass ich die Corona-Pandemie verharmlosen wollen würde: Ich halte die allermeisten der bisher getroffenen Maßnahmen für richtig, aber dieser Autoritätsfetischismus, der überall durchblitzt, davon bekomme ich Albträume.)

Montag, 16.3.2020

Es ist ein Montag, der von außen ganz normal aussieht, aber an dem ich lieber nicht zur Arbeit gehe, weil ich ein leichtes Kratzen im Hals verspüre und etwas verschnupft bin. Nachdem dieser Beschluss getätigt ist, mache ich den Fehler, doch einmal kurz zu schauen, was bei Facebook und bei Twitter so steht. Es sind keine ganz einfachen Zeiten für Leute wie mich, die dazu neigen, in Stresssituationen, die sich nicht durch konsequente harte Arbeit abbauen lassen, hypochondrisch zu werden (zum Vergleich: Während meiner Masterarbeit ging es mir körperlich blendend! Von der Magenschleimhautentzündung durch zu viel Kaffee einmal abgesehen. Vor einer Reise, die mir irgendwie zu groß war, habe ich fest daran geglaubt, eine Blinddarmentzündung zu bekommen. Mein Blinddarm erfreut noch heute eines vorhandenen, wenn auch sinnlosen Daseins). Woher soll ich wissen, dass diese Wellen der Erschöpfung, die zwischendurch immer mal wieder durch meinen Körper schwappen, von meinem Kopf her kommen und nicht von einer angeniesten Türklinke? (Bitte keine Ferndiagnosen in die Kommentare. Danke!)

Obwohl ich mich mental fühle wie Rainer Maria Rilke in ungefähr jedem Brief an einen jungen Dichter, gehe ich einkaufen. Meine Teelichter sind leer und ich kann ohne Teelichter bzw. ohne ritualisiertes Teetrinken mit einer Kanne auf einem beheizten Stövchen nicht sein, und ich bin entsetzt, dass es bei Rewe keine normalen Teelichter mehr gibt, sondern nur noch sehr teure, kleine Packungen mit obskuren Duftnoten. Die Leute rechnen also mit Stromausfall. So viele ritualisierte Teetrinker*innen kann es hier gar nicht geben, zumindest ist das Teeregal ganz gut gefüllt. Ebenso fehlen normale Taschentücher. Es gibt nur noch einige Modelle, die in Erkältungsbalsam und dem Preis nach zu urteilen wohl auch in Q10+ getränkt sind. So ist es wohl, wenn man zu spät ist: Der Strafraum für Menschen, die derartige Krisen trotz ihrer Hypochondrie nicht ernst genug nehmen, um panisch Dinge einzukaufen, duftet nach Teebaumöl, Patchouli und einer ganz bestimmten Art von FOMO.

Die Leute im Laden tragen die letzten Pakete Klopapier vor sich her wie das neue iPhone. Ich nehme noch eine Packung Pak Choi mit, den ich sicher in den nächsten Tagen essen wollen werde. Vielleicht kann ich den Einkaufsdiskurs damit um eine kleine, aber immerhin unerwartete Facette erweitern.

Diese Zukunft, von der alle immer sprechen

[Redebeitrag zum Feministischen Kampftag, daher relativ viele Ausrufezeichen]

Hallo, ich würde gerne mit euch über die Zukunft sprechen. Wir haben das Jahr 2020 und eigentlich habe ich immer gedacht: 2020 – das wird das Jahr sein, in dem endlich diese Zukunft beginnt. Das wird das Jahr sein, in dem wir uns die Jetpacks auf den Rücken schnallen und in den Sonnenuntergang fliegen. Einfach, weil es geht. Weil wir Zeit haben, weil keiner von uns arbeiten muss, weil wir selber bestimmen, was mit unseren Körpern passiert. Welche kleinen Raketentriebwerke wir auf unseren Rücken schnallen und wohin wir damit fliegen. Weil endlich alles gut ist. Und wie ist es in echt? Es ist 2020 und alles, was wir haben, sind E-Scooter und Nazis im Bundestag. Und 25% Rabatt bei Vero Moda zum Weltfrauentag. Danke. So habe ich mir diese Zukunft nicht vorgestellt! 

Aber wir haben ja auch erst März und ich will ein bisschen diplomatisch sein. Ich habe keine Ahnung, wie viel Gegenwart vergangen sein muss, bis wir sie Zukunft nennen dürfen. Wir sind uns hier vermutlich einig, dass wir eine feministische Gegenwart wollen und wir wissen genau, wie diese Gegenwart eigentlich aussehen sollte. Aber wie ist es mit der feministischen Zukunft? Mit Zukunft meine ich auf jeden Fall etwas mit Jetpacks und Robotern. Ohne fancy futuremäßige Technik bin ich raus, sorry! Ich weiß ja, dass es ein bisschen dauert, so etwas zu entwickeln. Und wir haben erst noch andere wichtige Dinge zu tun. Den Kapitalismus und das Patriarchat abschaffen zum Beispiel. Aber weil wir damit ja irgendwann fertig sein werden, habe ich ein paar ganz bescheidene Forderungen für das Jahr 2030. Das sind jetzt noch zehn Jahre, in diesen zehn Jahren möge sich doch bitte die richtige Zukunft einstellen und direkt das gute Leben mitbringen! In dieser Zukunft möchte ich ALLEIN Urlaub auf dem Mond machen können, ohne dass jemand sagt „Woah, als Frau, alleine, super gefährlich! Mach das lieber nicht!“ Und ich will dann auch nichts hören von wegen „Na, der Raumanzug ist ja auch ganz schön sexy, und was machst du überhaupt um die Zeit allein in diesem dunklen Mondkrater?“ – obwohl ich weiß, dass das nicht passieren wird. Denn Weltraumtouris wissen, dass unsere Körper uns allein gehören und behandeln alle Menschen mit Respekt!

Das zweite wichtige Thema: Arbeit! Im Jahr 2030 gibt es keine ungerecht verteilte Care-Arbeit mehr, weil ALLE gemeinsam darauf achten, dass der Akku vom Haushaltsroboter immer aufgeladen ist. Diese Roboter erledigen alle Aufgaben, auf die sonst niemand Bock hat. Die Freiheit, in Prokrastinationsphasen unsere Socken selber zu bügeln, haben wir natürlich alle! Prokrastination werden wir nicht abschaffen können. Wir sind ja immer noch Menschen.

Es mag euch vielleicht ein bisschen kurz gedacht vorkommen, wenn ich im Jahr 2030 einfach alle uncoolen Aufgaben an Roboter delegieren will, anstatt dann endlich auch mal die cis Männer in die Pflicht zu nehmen. Die könnten sich – kleine Faustregel, ich nenne sie den Robo-Test – aber einfach jetzt schon fragen: Wie viele Aufgaben habe ich, die mir eine Maschine abnehmen könnte? Wie viele Aufgaben davon erledigt ein anderer Mensch für mich? Und solange wir, die wir nicht männlich, weiß, hetero, cis, gebildet, reich oder sonst wie privilegiert sind, für alles, was wir brauchen – Geld, Essen, Sicherheit, Aufmerksamkeit, einen Job, der uns nicht völlig kaputt macht – , dreimal so hart arbeiten müssen, solange wir uns faulenzen schlicht nicht leisten können, solange WIR eigentlich Roboter sein müssten, um das alles zu ertragen – so lange kann ich mir nichts anderes wünschen als eine Zukunft, in der ICH keine Maschine sein muss. Ich will lieber Maschinen benutzen. Echte Maschinen aus Metall! Mit Knöpfen! Oder kleine Maschinen mit glatten Oberflächen, die mit mir sprechen können. Die mit mir sprechen wie mit einem Menschen und nicht wie mit einer Abweichung vom default user, der immer nur männlich und weiß ist. Die so programmiert sind, dass sie uns allen etwas nützen, die keine Barrieren haben, die wir erst abbauen müssten. Die keine heterosexistische, weiße Matrix haben, die wir erst hacken müssten. Das einzige, was hier binär sein darf, ist der Code. Ich will genau das alles, und zwar als Plug&Play und ich will nicht erst irgendwelche Treiber installieren!

Und wo wir schon bei Maschinen sind: Ich will, dass mein Uterus endlich als die krasse Maschine betrachtet wird, die er ist! Ich will, dass alles erforscht ist, was er kann. Einmal derselbe Forschungs- und Investitionsaufwand wie in der Automobilindustrie oder in der Luft- und Raumfahrttechnik, das wäre doch etwas. Dann könnte ich über meine Menstruation sprechen wie über einen Ölwechsel oder einen Kolbenfresser. Dann wird sich hoffentlich auch endlich herumsprechen, dass die Gebärmutter zwar genauso komplex verdrahtet ist wie der Bordcomputer von einem handelsüblichen Raumschiff, aber nie, nie, nie etwas über meine Identität aussagen wird.

Ich weiß, es ist seltsam paradox, selber keine Maschine sein zu wollen, aber dann zu verlangen, dass über bestimmte Körperteile so präzise gesprochen wird wie über Maschinen. Aber das ist vielleicht mein wichtigstes Anliegen für die Zukunft: Ich will im wilden Widerspruch leben können und zwar genau da, wo aus dem TROTZDEM ein GLEICHZEITIG wird und es gut so ist. Ich will sexy Weltraumanzüge tragen und gleichzeitig als Person gesehen werden und mich durch alle Galaxien bewegen, ohne vielleicht in Gefahr zu sein. Ich will die gläserne Decke der NASA zerschlagen sehen und gleichzeitig ausschlafen können. Der Sky soll überhaupt kein Limit sein, für niemanden! Und ich will ein Universum, in dem wir alle ohne Angst verschieden sein können. 2020 hat dieses Versprechen noch nicht eingelöst. Von 2030, von dieser echten Zukunft, in der endlich alles gut ist, erwarte ich nicht mehr und nicht weniger als ein solidarisches Miteinander, das volle Selbstbestimmungsrecht über meinen Körper und endlich, endlich dieses verdammte Jetpack. 

Unter Halstüchern

Es ist nicht unbedingt klug, das Schlafdefizit von Zuhause mit auf bettruhefeindliche Veranstaltungen wie die Berlinale zu nehmen. Leider kann ich nie einschlafen, bevor ich irgendwo hinfahre. Dabei mache ich das eigentlich gar nicht so selten, dieses irgendwo hinfahren. Aber woher soll ich nachts im Bett schon wissen, dass ich wahrscheinlich am nächsten Tag nichts wichtiges vergessen haben werde?

Ich will so ehrlich sein wie möglich: Meine größte Sorge während der Berlinale ist gar nicht das Schlafdefizit, sondern dieses Gefühl, zwischen lauter schicken im Wind wehenden Schals zu stehen und LANDPOMERANZE auf der Stirn stehen zu haben. Ich möchte entweder genauso filmbranchen-schick aussehen wie alle anderen oder unsichtbar sein. In erster Linie sehe ich aber wohl jugendlich aus: Als ich mir in einem der sehr wenigen Läden, die in den Arkaden am Potsdamer Platz noch intakt sind, Tabak kaufen will, werde ich nach dem Ausweis gefragt (nur fürs Protokoll: ich bin 30).

Die zwei lustigsten Dinge, die ich gestern gesehen habe: 1) Ein Fernsehteam filmt einen Moderator/Korrespondenten/irgendwas in der Richtung in einem überwältigend gut sitzenden tannengrünen Anzug. Oder vielmehr: Sie versuchen es. Auf der Suche nach dem richtigen Kamerawinkel führen sie einen leichtfüßigen Walzer aus, der für den sehr professionellen Anschein, den dieses Team macht, und ständig muss der gut beanzugte Moderator abgepudert werden. 2) IVANA THE TERRIBLE bei der Woche der Kritik in den Hackeschen Höfen. Zum Rezensieren bin ich natürlich zu faul und zu müde, aber: Autofiktion, eine hypochondrische, aber ganz hinreißende Protagonistin, die niemand ernst nimmt (es zerreißt einem das Herz), ein unfassbar awkwardes serbisch-rumänisches Kulturfestival und rumänische Hipster-Musikerdudes in schlimmen Hosen; außerdem (sinngemäß) das Zitat: „Hallo, ich bin von der Klitoris-Bewegung, in Rumänien sind wir schon ziemlich viele, aber wie sieht das eigentlich in eurer kleinen Hinterwäldlerstadt aus?“ Mehr als das würde ich von einem Film niemals verlangen.

Schwarzer Plüsch

Eine der wichtigsten Erkenntnisse, die ich in den letzten Jahren gesammelt habe, ist folgende: Menschen lernen nicht zwangsläufig aus jedem Fehler, den sie machen. Zum Beispiel passiert mir Folgendes immer wieder: Ich kaufe Jacken aus Plüsch. Meistens kommen diese Jacken von Kleiderkreisel. Meistens kaufe ich sie, nachdem ich eine andere Person in einer Plüschjacke gesehen und akuten Flauschigkeitsneid bekommen habe. Sie kommen also in Paketen, die ich erst in einer quälend langen Prozedur von der Post abholen musste. Ich bin nach dem Auspacken erst einmal eine ganze Weile damit beschäftigt, darauf klarzukommen, wie flauschig diese Jacke tatsächlich ist. Dann ziehe ich sie an und stelle fest: Ich sehe aus wie jemand aus der Sesamstraße. Wenn es wenigstens die Muppetshow wäre! Aber nein. Es reicht danach nicht, die flauschigen Kleidungsstücke ganz hinten im Kleiderschrank zu vergraben, nein, sie müssen weg. Also wieder Kleiderkreisel und DHL-Paketabgabestelle und der ganze Kommunikationszirkus dazwischen. Heute bin ich wieder in die Plüschspirale gesprungen: Es ist eine schwarze Kapuzenjacke aus Plüsch, viel zu warm für die Plusgrade, die unglücklicherweise herrschen, und wenn ich vor dem Spiegel die Augen zusammenkneife, sehe ich aus wie ein Teichhühnerküken. Das ist zwar nicht Marla Singer, deren Outfits meiner Meinung nach das einzig gute an Fight Club sind, aber es ist immerhin auch nicht Elmo. Vielleicht sollte ich mir einfach ein Haustier zulegen (bin nur leider gegen die meisten allergisch).

Hummelpelze

Ich war 8 oder 9, als ich die Flauschigkeit von Hummeln entdeckte. Wie kann ich mir dieses Naturwunder möglichst klug zunutzen machen?, fragte ich mich, denn ich war auch nur ein Mensch.

Die Antwort hatte ich bald: Pelzhandschuhe für meine Barbies sollten es werden, vielleicht auch eine Mütze, wenn sich Hummelfell zum Nähen eignete. Meine Mutter legte ihre Stirn in Falten, als ich ihr von meinem Plan erzählte.

„Wenn du so etwas als Erwachsene machst“, sagte sie, „zünden Tierschützer dein Auto an.“