Deutscher Herbst 2020

Sich vor Nasen ekeln
Die Handschuhe vom letzten Winter nicht mehr finden; sich wieder daran erinnern, dass sie auf einem der ewig langen, ziellosen Spaziergänge während der ersten Welle verloren gegangen sind
Sich von einem Podcast die Medikation eines an Covid-19 erkrankten Faschisten in Regierungsverantwortung erklären lassen
Vorsichtig über vom Sturm durcheinander gewirbelte E-Scooter steigen
Keine Lust auf Zoom
„Pilzpfanne“ denken, ein diffuses Gericht mit Champignons kochen
Autos fahren mit Absicht in Demonstrierende wie in den USA (Allerdings nur ein Zwischenfall)
Feststellen: Der neue Wintermantel ist für aktuelle Temperaturen (10°C) ganz okay
Hoffnung und Befürchtung in einem: Kälter als jetzt wird es sicher nicht mehr werden

Wie lange verschiedene Dinge in Deutschland dauern

(Stand: August/September 2020)

15 Sekunden, bis die Lichtnahrung aus Udos Kühlschrank absorbiert und der Werbespot vor dem nächsten Youtube-Video zu Ende ist.

6 Stunden und 33 Minuten, um mit dem Auto von Stuttgart nach Berlin zu fahren.

5 Minuten, bis Susanne beim Meditieren auf der Straße im Schneidersitz die Beine einschlafen.

150 Millisekunden, bis Auge und Gehirn den schwarz-weiß-roten Stofflappen, der über den Köpfen der Demonstrierenden weht, als Reichsflagge identifiziert haben.

300 Millisekunden, bis sich das Gehirn aus Gewohnheit und Bequemlichkeit dazu entscheidet, sich weder an dieser Flagge und noch an allen anderen einschlägigen Symbole und deren Träger*innen zu stören.

„Ein bis zwei Minuten“: Das Zeitfenster, in dem drei Polizisten genau diese Menschen davon abhalten müssen, die Reichstagstreppe zu besetzen.

10 Sekunden: Das Zeitfenster, in dem sich bei einem Polizeieinsatz wegen eines mit dem E-Scooter auf dem Gehweg fahrenden 15-Jährigen die Anzahl der Polizist*innen verdoppelt (von 4 auf 8) und sie ihn vollständig eingekreist haben. Bis der erste Polizist dem Jungen ins Gesicht schlägt, dauert es weitere 5 Sekunden.

6 Tage, bis der Verfassungsschutz feststellt, dass auf der Demo gegen die Corona-Auflagen am 29.8.2020 in Berlin doch ziemlich viele Rechtsextreme waren.

Geflutete Felder

Ein normaler Wintertag in Deutschland. Der Regen fällt in Sturzbächen und ich weiß schon, bevor ich das Haus verlasse, dass mir den ganzen Tag ein kleines bisschen zu warm sein wird. Das Radio berichtet, dass jemand in Hanau neun Menschen in zwei Shishabars und anschließend sich selbst getötet hat und dass Alfred Bauer, der Gründer der Berlinale, vor 1945 ein hochrangiger Funktionär in der Reichsfilmintendanz gewesen ist (die Spuren dessen, wie stark er vom NS-Regime profitiert ist, hat er als guter Deutscher natürlich gewissenhaft verwischt). Der Zug, mit dem ich zu ebendiesem Filmfestival fahre, passiert kurz hinter Kiel einige Felder und Wiesen, durch die sich für gewöhnlich die Eider schlängelt. Nach den Regenstürmen in den letzten Wochen ist die Eider eine überdimensionale Pfütze, fast schon ein See. Ihr Flussbett ist als solches kaum noch zu erkennen. Der Täter von Hanau hinterlässt ein Schriftstück, das genauso gut aus dem Parteiprogramm der AfD hätte stammen können, aber auf Rassismus als Tatmotiv möchte man sich vorerst nicht festlegen. Klar, er könnte ja auch einfach nur besorgt oder krank sein oder beides. Genau wie die Eider, die auch nur etwas tiefer ist als sonst. Das bisschen Wasser.

An einem kleinen Bahnhof zwischen Kiel und Berlin bemüht sich das Sicherheitspersonal darum, einen Antifa-Sticker zu entfernen. Lasst ihn doch da, denke ich, bitte, aber nur zweimal blinzeln und schon sieht es aus, als hätte er niemals auf dem Süßigkeitenautomaten geklebt.

Im Hintergrund brechen die Deiche

[Mittwoch, der 5.2.2020]

Der erste sonnige Tag seit einer Woche. Die erste Tageshälfte ist frei, aber ich bin zu faul zum Kochen, also gibt es Kumpir in der Metzstraße. Ich sitze am Fenster und beobachte die wenigen Menschen, die sich um diese Zeit auf der Straße herumtreiben. Im Hintergrund laufen Dinosaur Jr., was mich ein wenig überrascht, weil ich den Kumpirmann gar nicht unbedingt als Grunge-Fan eingeordnet hätte (allerdings wäre er alt genug, um irgendwo Jugendfotos von sich selbst mit Flanellhemd und ungekämmten Haaren zu verstecken). Ich werde heute noch bis spät in den Abend hinein arbeiten müssen, aber jetzt gerade habe ich noch ein bisschen Zeit zum rumsitzen. Es könnte schlechter sein, dieses Leben, denke ich.

Und weil ja noch Zeit ist und auf der Straße gerade nicht passiert, schaue ich mal bei Twitter vorbei und sehe, dass #Thueringen, #noAfD und #FDP gerade trenden. Mir fallen die Ministerpräsidentenwahlen in Thüringen ein. Mit einem schlechten Bauchgefühl mache ich die notwendigen Klicks und finde heraus, was passiert ist: Der FDP-Kandidat Thomas Kemmerich, dessen Partei bei den Landtagswahlen mit 5% und ein paar Zerdrückten gerade so ein paar Sitze im Parlament bekommen hat, ist nun dank der großzügigen Unterstützung der AfD zum Ministerpräsidenten gewählt worden, obwohl es angeblich keine „wie auch immer geartete Zusammenarbeit“ geben sollte. Selbstverständlich hat Björn Höcke schon per Handschlag gratuliert. Christian Lindner hat zuerst von nichts gewusst und war dann doch informiert.

Draußen scheint die Sonne, und die swaggy neu aufgestellte FDP mit dem freshem Insta-Look, die von sich behauptet, DIE MITTE (mit ihren Wahlergebnissen und dem Umfang des Klientels, denen ihre Politik tatsächlich etwas nützen würde, stelle ich mir diese Mitte etwa so umfangreich vor wie die Oberfläche eines Knicks in einem Blatt Papier) vertreten zu wollen, kooperiert nun offiziell mit den Faschisten. Ich weiß gar nicht, wo ich mit diesem Sonnenschein/katastrophale politische Entwicklungen-Kontrast hinwill. Ich will es nur aufschreiben, um nicht zu vergessen, dass so etwas DIE GANZE F*CKING ZEIT passiert, auch, wenn ich es nicht direkt sehen kann. Und weil ich mir diesen Tag merken will, auch, wenn es nicht die erste und vermutlich auch nicht die letzte Katastrophe sein wird.