Städte woanders

1.

Es hat sich so ergeben, dass ich zur Zeit hin und wieder in andere Städte muss, allerdings hauptsächlich in solche, für die ich in eine Regionalbahn steige und darin eine halbe oder ganze Stunde verbringe. Nichts glamouröses, kein ICE, dafür Skittles aus dem Snackautomaten auf dem Bahngleis. Nach eineinhalb bargeldlosen Jahren ist es nun wieder überlebenswichtig, Kleingeld dabeizuhaben. Der Bäcker am Rendsburger Bahnhof schließt um 13 Uhr. Um 13:07 Uhr steige ich dort halb verhungert aus dem Bus und schaffe es gerade so, nicht verzweifelt an der verschlossenen Glastür zu rütteln, hinter der eine Bäckereifachverkäuferin die Verkaufstheke reinigt. Eine Gruppe Jugendlicher in unverwüstlichem EMP-Schick mustert mich abschätzig. „Der ist schon zu“, sagt eine brünette Frau im Rollstuhl. „Am Hinterausgang ist ein Edeka, da ist auch ein Bäcker drin.“ Ich bedanke mich und sprinte los. Mein Zug fährt zwar erst in 18 Minuten, aber wer weiß, wie lange es bei diesem Bäcker dauert und ob ich mich auf dem Weg dahin nicht doch noch verlaufe. Wenn ich den Zug verpasse, hänge ich vielleicht für immer hier fest. Die feindseligen Blicke der sehr wenigen Menschen, die mir entgegenkommen, sagen mir, dass ich das nicht riskieren sollte. Woran erkennen sie, dass ich nicht hierher gehöre? Ich trage zum ersten Mal seit Oktober meine seriösen Büroschuhe. Vielleicht sind es die Schuhe, an denen sie erkennen, dass ich bei meiner Ankunft heute früh ein Foto gemacht und an eine Freundin geschickt habe, mit der Bildunterschrift OH GOTT, UND HIER MUSS ICH JETZT 20 MINUTEN AUF DEN BUS WARTEN.

2.

Eine sehr nette Kunstgruppe aus einer weiteren Kleinstadt haben mich eingeladen, bei einem Projekt mitzumachen. Es ist eine Ortsbegehung geplant, zu der ich am späteren Nachmittag mit dem Regionalexpress fahre. Wir treffen uns am Eingang zu dem Wald, in dem man schon mit einem Bein steht, sobald man in Pinneberg aus dem Zug steigt. Es soll dort auch einen Hafen geben, aber das glaube ich erst, wenn ich mir dort betrunken einen Anker auf den Oberarm tätowieren lassen kann. Im FAHLT, dem Pinneberger Stadtwald, werden wir von Mückenschwärmen schamlos ausgesaugt. Zuerst wähne ich mich in Sicherheit, ich trage lange Kleidung, von dem zwei Finger breiten nackten Streifen zwischen dem Saum meiner Sportleggings abgesehen. Das wird zu verschmerzen sein, denke ich. Das ist wie in Schweden, denke ich auch. Dort beißen die Mücken ihren Opfern ganze Fleischbrocken aus den Gliedmaßen und trotzdem gibt es massenhaft Leute, die dort gern Urlaub machen, mich eingeschlossen. Später stelle ich fest, dass Pinneberger Fahlt-Mücken auch durch den Stoff einer Sportleggings stechen. Wir schauen uns bestimmte Bäume an und ich beginne zu verstehen, wie wichtig Performance- und Aktionskunst sind: Die einen können sich darüber freuen, dass sie damit etwas anfangen können (vielleicht sogar mit anderen zusammen!), die anderen können sich gemeinsam darüber aufregen, welcher Quatsch heutzutage als Kunst verkauft wird. Eine Künstlerin aus der sehr netten Kunstgruppe schreibt das Protokoll unseres Treffens mit der Diktierfunktion ihres Smartphones, weil sie eine Sehnenscheidenentzündung hat. Sie kündigt an, das Protokoll später ins Reine zu schreiben, aber auch die ungefilterten Ergebnisse der Spracherkennung mitzuschicken. Auf der Rückfahrt habe ich 32 Minuten Aufenthalt in Elmshorn. Ich poste Fotos der Bahnhöfe in Pinneberg, Rendsburg, Tornesch und Elmshorn bei Instagram und lasse darüber abstimmen, welcher Bahnhof der schönste ist. Ob das in Ordnung oder vielleicht irgendwie klassistisch oder landeshauptstadt-normativ ist, weiß ich nicht. Das Unwetter, das mir schon den ganzen Tag auf den Fersen ist, bricht trotzdem erst so richtig los, als ich in den Anschlusszug nach Kiel steige.