Mein Leben als Blob (1)

„Hast du schon gesehen, dass du das Aussehen deines Avatars ändern kannst?“ Das habe ich schon bei meinem ersten Besuch im Museum of Other Realities, aber ich verstehe erst jetzt, wie es funktioniert. Und so stehe ich vor einem Spiegel, links und rechts neben mir liegen verschiedene geometrische Figuren, die ich anprobieren und deren Größe und Farbe ich verändern kann. Dazu gibt es einige Hebel und zwei Farbspektren, eines für den Grundton, ein weiteres für das andersfarbige Highlight, das hier mein Gesicht ersetzt. Und so probiere ich mich durch die Figuren, von Trapezen über Rhomben hin zu Formen, für die ich in der Schule keinen passenden geometrischen Ausdruck gelernt habe. Zwischendurch bemerke ich, dass M. den Raum betreten haben muss, vielleicht schon vor einer ganzen Weile. 
„Guck mal, wie ich aussehe“, sage ich. 
„Ja“, antwortet M., „Ich seh schon.“ 
„Ich weiß nicht, das passt irgendwie nicht“, länglich und kirschrot mit einem tropfenförmigen Kopf drehe ich mich vor dem Spiegel. „Ich versuch nochmal was anderes, das passt doch gar nicht zu mir.“
„Ich lass dich mal“, sagt M. und geht.
Ich betätige die Hebel noch einige Male und lange schließlich in einer Form, die mir zusagt: Drei gestapelte Donuts, der in der Mitte ein bisschen dicker als die übrigen, darauf ein runder Kopf. Mein neuer Körper bekommt eine schlumpfenblaue Oberfläche und ein zitronengelbes Gesicht. 

Die Gruppe, mit der ich am Eingang verabredet bin, ist noch nicht da, also übe ich noch ein wenig meine neuen Fortbewegungsmöglichkeiten: Ich kann mich teleportieren, langsam und ein wenig schneller schweben. Ich soll auch meine Größe verändern können, was dazu dient, die Exponate im Museum aus einer anderen Perspektive betrachten zu können, aber ich habe noch nicht raus, wie das funktioniert. Immerhin weiß ich schon, was passiert, wenn ich mich verlaufen habe oder irgendwo hängen geblieben bin: Einfach den Teleporter auf die Decke richten und ich lande wieder im Eingangsbereich. Dort tauchen nun nach und nach die anderen aus der Gruppe auf: Ein blaues Trapez, eine konische Figur in Magenta und noch eine Stapelfigur, allerdings in Gelb. Ein orangefarbener Tropfen mit einem Würfel als Kopf winkt mir zu und lädt mich ein, mich der Gruppe anzuschließen. 
„Hörst du uns?“, fragt der Tropfen.
Ich nicke und versuche, mit meinen blockförmigen Händen ein Daumen-Hoch-Zeichen zu machen. Die anderen scheinen mich zu verstehen. 
„Dann geht es jetzt los!“, sagt der Tropfen und deutet auf ein hellgraues Rechteck an der Wand, das ein Tor zu sein scheint. „Wir gehen erstmal hier lang.“ 
Die anderen teleportieren sich durch das Tor, was bei mir nicht funktioniert. Der Teleporter zeigt mir ein rotes X, als ich auf das graue Rechteck zeige. Ich versuche also die Schwebefunktion. Als ich das Rechteck erreiche, wird alles um mich herum erst dunkel, dann bunt. Dann stürze ich ins Nichts.

Werbeblock (diesmal audiovisuell)

Ich hätte gar nicht damit gerechnet, in nächster Zeit überhaupt mal irgendwo aufzutreten, aber dann war ich tatsächlich auf der Kieler Nachrichten-Bühne und habe unter anderem über meine Animal Crossing-Fails sprechen dürfen. Es war sehr spaßig, die Akustik war toll und ich hatte sogar so ein fernsehmäßiges Anclip-Mikro! Das Video und auch einen sehr netten Artikel findet ihr hier.

RIESEN FAIL

Am 22. April habe ich hier von meinem „Leben als Aussteigerin“ berichtet und von dem Schuldenberg, den ich bei einem digitalen Waschbären namens Tom Nook angehäuft habe:

Bei einem anderen Waschbären stehe ich knietief im Dispo und zwar für den Flug zur Insel, das Zelt und das Grundstück, auf dem dieses Zelt steht plus Gebühren, 48.000 Geldeinheiten, ich weiß nicht, ob er mich abgezockt hat, aber ich habe zugestimmt, dass ich ihn auch mit Bonuspunkten aus einem obskuren Bonuspunktesystem ausbezahlen kann. Wann das passieren wird: vermutlich nie (das Nashorn und der Bär, die auch auf meiner Insel wohnen, haben längst auf Holzhütten umgesattelt).

Mein dezenter Sozialneid auf meine Inselnachbar*innen klang ja da schon durch die Klammern, aber ich lief trotzdem noch drei weitere Wochen mit einer improvisierten Angel und einem Kescher aus Stöckern über meine Insel, grub Fossilien aus, pflückte kiloweise Äpfel und verkaufte sie, pflanzte ein ganzes Meer aus Blumen und so viele Bäume, dass ich nur noch Slalom laufen konnte, baute tausend kaputte Werkzeuge neu und schlief natürlich weiterhin im Zelt, um eines Tages meine Schulden bei dem bonzigen Waschbären abbezahlen zu können. Erst als eine Freundin vor zwei Tagen (!) auch ins Inselbusiness einstieg und mir HEUTE erzählte, sie habe nun ihren ersten Kredit abbezahlt und direkt einen neuen FÜR EIN HAUS aufgenommen, erhärtete sich mein Verdacht, dass irgendwas in meiner insulären Finanzplanung falsch gelaufen sein musste. Oder gab es bei Animal Crossing tatsächlich die Funktion „Soziale Ungleichheit wie im echten Leben“ und ich hatte sie nur nicht ausgestellt?

Nein, es stellte sich heraus: Ich hatte bei Tom Nook Schulden in Höhe von 48.000 sogenannten „Sternis“ oder 5.000 Nook-Meilen, weil ich mich ja für dieses obskure Bonuspunktesystem angemeldet hatte (ich glaube, das geht gar nicht anders). Irgendwie hatte ich wohl überlesen, dass es einen Wechselkurs gibt, und im Schweiße meines digitalen Angesichts auf 48.000 Nook-Meilen hingearbeitet (das entspricht ungefähr vier Wochen harter Inselarbeit, von der man sich nachts im Zelt jawohl kaum erholen kann). Zwischendurch staunte ich über die Animal Crossing-Prunkbauten in meiner Twitter-Timeline und fragte mich, wie viele Stunden diese Menschen wohl in dieses Spiel investiert haben mussten, aber ich habe auch das nie hinterfragt. Warum denn auch? Es war ja Lockdown, und die Leute hatten vermutlich einfach Zeit.

Anyway: Meine Schulden bei diesem dreckigen Abzocker-Waschbären sind nun bezahlt und morgen habe ich ein Haus auf meiner Insel. Bleiben nur noch die Scham über meine extreme Nintendo-Inkompetenz (anders kann man es wohl nicht nennen) und außerdem die Frage: Wieso hat mich niemand aufgeklärt?!

Frequently Asked Questions*

  1. Hört ihr mich?
  2. Hört ihr mich jetzt?
  3. Könnt ihr mich sehen?
  4. Hast du die Kamera eingeschaltet?
  5. Hast du eingestellt, dass das Programm auf deine Webcam zugreifen kann?
  6. Hast du auch eingestellt, dass das Programm auf dein Mikro zugreifen darf?
  7. Du klingst so abgehackt! Kannst du uns hören?
  8. Bin ich bei euch auch eingefroren?
  9. Jetzt besser?
  10. Immer noch nicht?
  11. Hast du schon einen anderen Browser ausprobiert?
  12. Hast du es schon aus- und wieder angeschaltet?
  13. Wie gehts?

*Bin auf Kurzarbeit und kann daher keine Antworten auf diese Fragen liefern.

Digitalisierungsgipfel 2020

 

Virtuelles Trauerspiel.

Personen:
@mayschaefchen,
@rrriotc4ndy
und
@zarid_bang,
drei junge Frauen mit Internetzugang

1. Akt.

Ein Discord-Server namens „Funpark3000“, abends.

@rrriotc4ndy: Hallo?
@mayschaefchen: Hallo? Hört ihr mich?
@zarid_bang: Hallo!
@rrriotc4ndy mit vollem Mund: Stört es euch, wenn ich esse?
@mayschaefchen: Ich kann euch nicht hören!
@zarid_bang: Log dich sonst nochmal aus und wieder ein. Ich muss eh nochmal kurz auf Klo.

Es knistert kurz in der Leitung. In der Ferne ist eine Klospülung zu hören.

@zarid_bang: Also, was machen wir?
@mayschaefchen: Lass mal Siedler spielen. Gibt es das irgendwie online
@rrriotc4ndy: Bei brettspiele.de glaub ich.
@mayschaefchen: Ah, ich registrier mich da mal eben.
@zarid_bang: Okay, ich mich auch!

Hektisches Tippen ist im Hintergrund zu hören, dann fast gleichzeitig zwei Fehlermeldungen.

@zarid_bang: Error.
@mayschaefchen: Hier auch.

@rrriotc4ndy beginnt ebenfalls zu tippen, bis der Signalton einer Fehlermeldung ertönt.

@rrriotc4ndy seufzt: Ich kann mich auch nicht einloggen. Wahrscheinlich ist der Server down.
@zarid_bang zuckt digital mit den Schultern: Ist Wochenende und abends, was sollen die Leute da sonst machen.
@mayschaefchen: Was machen wir jetzt? Doch den Tabletop-Simulator runterladen?
@zarid_bang: Wir können auch einfach ne Runde scribbl.io spielen?
@mayschaefchen: Nee, lass uns mal unbedingt Siedler spielen bitte!
@rrriotc4ndy: Dann müsst ihr aber den Tabletop-Simulator runterladen. Der kostet aber nen Zwanni. Habt ihr Steam?
@mayschaefchen: Ich benutz immer den Steam-Account von meinem Bruder… ich guck mal, ob ich das da runterladen kann.
@zarid_bang: Ich muss das erstmal neu installieren.
@mayschaefchen: Mach mal, ich ruf kurz meinen Bruder an und frag, ob das okay ist.

Ein leises Rauschen in der Leitung erklingt, das von gelegentlichem Tippen durchbrochen wird.

@zarid_bang: Bin gleich fertig, hab nur mein Passwort vergessen und muss mir das jetzt neu zuschicken lassen.
@rrriotc4ndy: Merkt sich irgendjemand gespeicherte Passwörter? 😀
@mayschaefchen: Mein Bruder geht nicht ans Telefon, aber sein Paypal-Passwort ist in seinem Steam-Account gespeichert. Dann kauf ich das Ding jetzt einfach!
@rrriotc4ndy: Der wird das schon merken, wenn in drei Sekunden die Push-Nachricht von Paypal bei ihm aufploppt, dass da 20 Euro abgebucht wurden
@mayschaefchen: Weiß nicht, der sitzt ja auch immer noch in Paraguay fest. Wird aber morgen ausgeflogen.

 

2. Akt

@zarid_bang: Okay, ich bin jetzt drin.
@mayschaefchen: Ich find den Server nicht. Sicher, dass du den auch „Funpark3000“ genannt hast?
@rrriotc4ndy: Ja.
@mayschaefchen tippt und klickt aufgeregt: Ich find das nicht. Achso. Moment. Ah. Falsches Suchfeld. Aha… Aha… nein… HIER! Bin drin. Wir können loslegen. Das sieht ja aus wie ein echtes Siedler! Aber das ist ja so klein.
@rrriotc4ndy: Du kannst auch zoomen! Und das Spielfeld drehen. Und deinen Blickwinkel ändern.
@mayschaefchen: Ja, aber WIE?
@rrriotc4ndy: Pfeiltasten und WASD.
@mayschaefchen: Bitte was?
@rrriotc4ndy: Pfeiltasten und WASD.
@mayschaefchen: jetzt ist das falsch rum, aber nicht näher dran.
@zarid_bang: Zoomen geht mit zwei Fingern auf dem Touchpad. Du hast doch auch ein Macbook?
@mayschaefchen: Ah… Shit, müssen wir das jetzt selber aufbauen? Ich dachte, das macht der Computer!
@rrriotc4ndy: Ist immer noch ein Brettspiel.
@zarid_bang: Ihr müsst das aufbauen, ich hab noch nie Siedler gespielt und weiß nicht, wie das geht. Oder ihr erklärt mir das nebenbei.
@mayschaefchen: Also, du kannst Siedlungen und Straßen bauen und Rohstoffe sammeln, mit denen du noch mehr Siedlungen und auch Städte bauen kannst. Wer am Ende die größte Siedlung hat, gewinnt.
@rrriotc4ndy: Da an der Kante liegt sonst auch die Spielanleitung.
@mayschaefchen: Ich schreib dir grad mal in den Chat, mit welchen Rohstoffen du was bauen kannst.
@zarid_bang: Ich komm nicht in den Chat, das ist grad Fullscreen und ich hab keine Ahnung, wie man das bei Mac beendet.
@mayschaefchen: Okay, dann regeln wir das irgendwie später. Dann liest du jetzt erstmal die Regeln.

@mayschaefchen und @rrriotc4ndy bauen das Spielfeld auf, was sich eher schwierig gestaltet und ewig dauert, weil die Steuerung ziemlich schwergängig ist.

@mayschaefchen: Wo ist die 10? Die 10 ist weg. Oder liegt die noch irgendwo?@rrriotc4ndy: Nee, wir haben doch alle Nummern verteilt?
@zarid_bang: Vielleicht sitzt jemand drauf?
@mayschaefchen:
@rrriotc4ndy:
@mayschaefchen: Hast du schon die Spielregeln durchgelesen?
@zarid_bang: Nee.
@rrriotc4ndy: Was machst du denn die ganze Zeit?!
@zarid_bang: Ich hab was für meine Insta-Story aufgenommen.
@mayschaefchen: Haha, wie so ne Insta-Bitch, die die ganze Zeit rumsitzt und Duckface-Selfies macht, während im Hintergrund gearbeitet wird.
@zarid_bang:
@rrriotc4ndy: Aber können wir jetzt anfangen?
@mayschaefchen: @zarid_bang kann die Regeln ja noch gar nicht
@zarid_bang: Egal, wir legen einfach los und ihr erklärt mir immer, was ihr macht, so schwer kann Dörfer und Straßen bauen ja nicht sein.
@mayschaefchen: Okay, dann würfeln wir jetzt erstmal, wer anfängt… Ah, eine 5.
@rrriotc4ndy würfelt digital, wobei ein künstliches Würfelgeräusch erklingt: Auch eine 5. @zarid_bang, du bist dran.
@zarid_bang:
@mayschaefchen: @zarid_bang?
@rrriotc4ndy: @zarid_bang?

 

3. Akt:

@mayschaefchen: Du warst einfach weg.
@zarid_bang: Sorry, mein Macbook ist grade überhitzt, das kann glaub ich Steam nicht so gut, wenn nebenbei noch Discord und 100 andere Programme laufen.
@rrriotc4ndy: Wieso hast du überhaupt solchen Yuppiescheiß?
@zarid_bang: Gabs halt bei eBay Kleinanzeigen. Anyway, ich hol jetzt meinen alten Laptop, da muss das nur kurz installieren.
@rrriotc4ndy: Mach Dxx. Ixxx Hxxx (rauschen) jetzt?
@mayschaefchen: @rrriotc4ndy, du klingst ein bisschen abgehackt.
@rrriotc4ndy: Ich gxxxx mal nxxx rn. Besser xxx?
@zarid_bang: Herrgott, ich hab schon wieder mein Steam-Passwort vergessen. Kann sich nur noch um Stunden handeln. @rrriotc4ndy, du klingst immer noch ganz abgehackt. Geh sonst mal aus dem Channel raus und wieder rein?
@rrriotc4ndy: Hxrt ihr mxxx?
@zarid_bang: Wir können sonst auch zu Skype umsteigen.
@rrriotc4ndy: Hell Nxxx!
@zarid_bang: Oder Jitsi oder Systemli, da muss man sich bei beidem nicht anmelden oder irgendwo registrieren. Ich mach uns sonst mal ne Jitsi-Konferenz auf (tippt) … So, hab den Link mal in den Chat gepostet.
@rrriotc4ndy: Wxxxxx Lxxxx?
@zarid_bang: Klappt das? @mayschaefchen, klappt das bei dir?

Knistern und Knacken im Hintergrund, das hin und wieder durch Mausklicks durchbrochen wird.

@rrriotc4ndy: Sooo, könnt ihr mich jetzt hören? Ich hab mal die Bluetooth-Box ausgemacht und doch wieder mein Headset angestöpselt.
@zarid_bang: Viel besser. Also, nehmen wir jetzt Jitsi oder Discord?
@rrriotc4ndy: Mir egal! Was sagt denn @mayschaefchen?
@zarid_bang: @mayschaefchen?
@rrriotc4ndy: @mayschaefchen? Hörst du uns?

Ein Nachrichtensignal ertönt.

@zarid_bang verwundert: Ich hab eine SMS bekommen. (Kurzes Schweigen, während sie den Inhalt der Nachricht liest) Die ist von @mayschaefchen. Ihr Internet ist down.

4. Akt.

@mayschaefchen: Hat jemand Holz? Ich würde gegen Erz tauschen.
@zarid_bang: Nee sorry, ich hab schon viel zu viel Erz. Wieso habt ihr mir nicht gesagt, dass man damit am Anfang überhaupt nix machen kann?
@rrriotc4ndy: Ich brauch mein Holz leider selber, außer du hättest vielleicht ein Schaf oder Getreide zum tauschen?
@mayschaefchen: Nee, sorry, das brauch ich selber.
@rrriotc4ndy: A propos Holz, wie gefällt euch eigentlich der Wald, in den ich unser Spielfeld gesetzt habe?

@mayschaefchen legt vier Erz-Karten zurück auf den Erz-Stapel und nimmt sich eine Holz-Karte.

@zarid_bang: Was machst du da?!
@mayschaefchen: Ich war bei der Bank. Und jetzt baue ich eine Stadt.

Sie zieht mit dem Cursor eine Stadt-Figur auf das Spielbrett und tauscht sie gegen eine ihrer Siedlungen aus.

@zarid_bang: Und denen musst du vier Erz geben für einmal Holz? Das ist ja echt dreiste Abzocke.

@rrriot4ndy gähnt: Ich bin übrigens echt voll müde.
@zarid_bang gähnt ebenfalls: Ich auch. Aber es ist ja auch schon fast Mitternacht.
@mayschaefchen: Wann haben wir angefangen, das hier zu installieren? Um halb acht, oder?
@rrriotc4ndy: Können wir hier nicht eigentlich einfach zwischenspeichern und morgen weiterspielen?
@mayschaefchen: Wär mir recht, aber wo speichert man denn hier? Ich seh keinen Speicherbutton.
@zarid_bang: Ich guck mal kurz… Hm, das ist das Menü, da steht aber nix mit Speichern… Hm… oder hier?

Konzentrierte Stille, dann ein sehr ausdrückliches Klicken, das offenbar jedoch nicht an der richtigen Stelle gesessen hat.

@zarid_bang: Fuckfuckfuck, das wollte ich nicht!

Der Spieltisch wird durch eine unsichtbare Hand umgeschmissen und durch die Luft gewirbelt, bis er hinter dem Bildschirmrand verschwindet. Die Spielsteine, Rohstoffkarten und Spielplanstücke wirbeln über den Bildschirm und sinken langsam zu Boden.

@rrriotc4ndy: Das war wohl die „Flip Table“-Taste.
@mayschaefchen: Wo ist denn der Tisch hin?
@rrriotc4ndy: Zoom mal ein bisschen raus, dann kannst du ihn sehen.
@mayschaefchen: Geht nicht. Hat sich irgendwie wieder alles aufgehängt.
@zarid_bang: Ah, ich hab ihn gefunden.
@rrriotc4ndy: Ich mach mal nen Screenshot und poste dem im Chat, Sekunde…

In ihrem Discord-Textkanal erscheint ein Bild, das einen massiven Holztisch zeigt, der in einem der umstehenden Bäume hängt.

@mayschaefchen: Ach, der Wald ist ja tatsächlich ziemlich schön.
@rrriotc4ndy: Ja, oder? Naja, ich geh mal schlafen. Vielleicht stellt sich das ja über Nacht automatisch wieder her.
@zarid_bang: Ich geh auch off. Sorry für den Tableflip. War schön mit euch!
@mayschaefchen: Gute N8t!

Frühlingsanfang

[Freitag, 20.3.2020]

Zwischen den Narzissen, die auf dem Mittelstreifen auf dem Westring blühen, liegt eine Plastikfolie, die ich gerne aufsammeln und wegwerfen würde. An der Ampel steht eine junge Frau mit einem aufgeschlagenen Buch in der Hand, aber es sieht nicht so aus, als würde sie im Gehen darin lesen wollen. Fände ich offen gestanden auch ein wenig gefährlich, obwohl ich genauso Lust hätte, zu flanieren und gleichzeitig ein Buch zu lesen und es manchmal schwierig finde, mich zwischen beiden Aktivitäten zu entscheiden. Aber mit Aktivitäten ist gerade ohnehin nicht viel. Meine leichte Erkältung ist immer noch da (kein Fieber, kein Husten, keine Atemnot, daher sehe ich bis auf weiteres davon ab, die 116117 zu blockieren und mache einfach mit bei #staythefuckhome), also liege ich auf dem Tagesbett und spiele Quizduell und Scrabble GO (meine Spielerinnen-ID ist 99315282, falls jemand möchte) und zwischen den Zügen meiner Gegner*innen lese ich MALINA von Ingeborg Bachmann, also tue ich immerhin auch zwei Dinge simultan (nur laufe ich nicht Gefahr, jemanden umzurennen).

MALINA schmerzt im Übrigen deutlich mehr als mein kratziger Hals. Ich möchte eine Passage daraus zitieren, die ich gestern gelesen habe:
Auf einem kleinen Schiff beginnt mein Vater einen großen Film zu drehen. Er ist der Regisseur, und es geht alles nach seinem Willen. Ich habe schon wieder klein beigegeben, denn mein Vater möchte ein paar Sequenzen mit mir drehen, er beteuert, ich werde nicht zu erkennen sein, er hat den besten Maskenbildner. Mein Vater hat sich einen Namen zugelegt, niemand weiß welchen, er war schonmal in Leuchtschriften über den Kinos der halben Welt zu sehen. Ich sitze wartend herum, bin noch nicht angezogen und geschminkt, habe Lockenwickler auf dem Kopf, nur ein Handtuch über den Schultern, aber plötzlich entdecke ich, daß mein Vater die Situation ausnutzt und heimlich schon dreht, ich springe empört auf, finde nichts, um mich zu bedecken, ich laufe trotzdem zu ihm und dem Kameramann hinüber und sage: Hör damit auf, hör sofort auf! Ich sage, dieser Filmstreifen müsse sofort vernichtet werden, das habe nichts mit dem Film zu tun, denn es ist gegen die Abmachung, der Streifen müsste entfernt werden. Mein Vater antwortet, gerade das wolle er, es werde die interessanteste Stelle im ganzen Film werden, er dreht weiter.
(Ingeborg Bachmann: Malina. Roman. Frankfurt 1971, S. 208f.)

Ich will über diese Stelle jetzt keinen Essay verfassen (u.a. weil ich schon wieder ein paar Quizduelle auszufechten habe), aber finde es sehr aufschlussreich, diesen fast 50 Jahre alten Text einmal aus einer gegenwärtigen Perspektive zu betrachten. Diese verstörende Szene, aus der ich zitiere, hätte ebenso im Kontext von #metoo von einer Schauspielerin erzählt werden können. Bachmann, die weder Zeitgenossin mit Harvey Weinstein (23 Jahre Knast und ein Rückenleiden dazu sind genau das, was er verdient) war noch jemals einen Fuß nach Hollywood gesetzt hat (ich weiß allerdings nicht, was sie 1956 als Dramaturgin beim Bayerischen Fernsehen erlebt hat), verbildlicht mit dieser Szene (und natürlich mit dem Roman insgesamt), wie sehr die patriarchale Gewalt in der Gesellschaft* der Protagonistin das Leben zur Hölle macht. Kleiner Spoiler an dieser Stelle: Die Protagonistin wehrt sich, zerstört tatsächlich den Film und wird dann dafür verantwortlich gemacht, dass die Dreharbeiten in die Hose gegangen sind. Es ist wie im echten Leben. Falls euch also mal wieder jemand mit dem Scheinargument kommt, #metoo seien ja eher Hollywood-Interna und es gebe keinen Sexismus oder gar sexualisierte Gewalt in der normalen Gesellschaft: Erzählt ihnen von Ingeborg Bachmann und Malina, denn wenn sich irgendwo etwas Allgemeingültiges ableiten lässt, dann jawohl aus der Literatur.**

*In dem Fall konkret die österreichische Gesellschaft nach dem Zweiten Weltkrieg, aber so arg weit weg ist die von der deutschen Gegenwart nun auch wieder nicht.
**Den Nachweis für diese steile These liefere ich VIELLEICHT nach.

PS: Auf dem Mittelstreifen liegen mittlerweile auch eine leere Brötchentüte und ein Coffee2go-Plastikdeckel zwischen den Narzissen.

Dienstag, 17.3.2020

Immer noch Halskratzen und Kopfweh und auch eine kleine Party in den Nasennebenhöhlen, also lasse ich mich besser krankschreiben. Bei meinem Hausarzt funktioniert das dieser Tage auch per Telefon. Wäre ich nicht tatsächlich irgendwie erkältet, hätte ich mich jetzt gerade aber auch aus Faulheit und einer grundsätzlich lohnarbeitskritischen Haltung heraus krankschreiben lassen (falls das mein Arbeitgeber liest: Das hier ist Fiktion!). Dass ich es seit dem letzten Schlafbesuch nicht geschafft habe, das Gästebett einzuklappen, stellt sich als absoluter Glücksfall heraus. Das Prinzip Tagesbett, so stelle ich fest, ist ein sehr gutes: Tagsüber in einem anderen Bett zu liegen als nachts fühlt sich beinahe wie ein geregelter Tagesablauf an.

M., der bedauerlicherweise keine Ahnung von Make-Up hat, sagt, ich sehe aus, als sei ich reverse-geschminkt, als hätte ich die Schminke, die ich sonst über den Augen trage, heute mal darunter. Er meint meine Augenringe. Ich bin vielleicht doch ein bisschen kränker als angenommen. So genau weiß ich es aber nicht (bitte keine Ferndiagnosen! Danke.). Lethargisch auf dem Tagesbett herumliegen nehme ich als vernünftige Handlungsoptionen aber auf jeden Fall mit. In meinen Aktiv-Hochs esse ich seit 6 Monaten abgelaufenen Puffreis (werde ich das noch bereuen?) und spiele 100 Runden Quizduell gegen zufällige Spieler*innen (bei Interesse: Ich heiße zarid_bang und bin durchaus besiegbar). Für den Bruchteil von Sekunden weiß ich, was im Jahr 2013 das Spiel des Jahres war, wo die Symphyse sitzt, wie die Söhne von John Lennon heißen, wer keiner der 12 Apostel war (woher ich das vorher auch schon wusste, Ich z.B. war nie einer), wie die Figur von Pamela Anderson bei Baywatch hieß, welche Pflanze kein Cumarin enthält und wer den deutschen Rip-Off von Pinocchio geschrieben hat und vergesse alles binnen Sekunden. Draußen ist es bewölkt.

Diese Zukunft, von der alle immer sprechen

[Redebeitrag zum Feministischen Kampftag, daher relativ viele Ausrufezeichen]

Hallo, ich würde gerne mit euch über die Zukunft sprechen. Wir haben das Jahr 2020 und eigentlich habe ich immer gedacht: 2020 – das wird das Jahr sein, in dem endlich diese Zukunft beginnt. Das wird das Jahr sein, in dem wir uns die Jetpacks auf den Rücken schnallen und in den Sonnenuntergang fliegen. Einfach, weil es geht. Weil wir Zeit haben, weil keiner von uns arbeiten muss, weil wir selber bestimmen, was mit unseren Körpern passiert. Welche kleinen Raketentriebwerke wir auf unseren Rücken schnallen und wohin wir damit fliegen. Weil endlich alles gut ist. Und wie ist es in echt? Es ist 2020 und alles, was wir haben, sind E-Scooter und Nazis im Bundestag. Und 25% Rabatt bei Vero Moda zum Weltfrauentag. Danke. So habe ich mir diese Zukunft nicht vorgestellt! 

Aber wir haben ja auch erst März und ich will ein bisschen diplomatisch sein. Ich habe keine Ahnung, wie viel Gegenwart vergangen sein muss, bis wir sie Zukunft nennen dürfen. Wir sind uns hier vermutlich einig, dass wir eine feministische Gegenwart wollen und wir wissen genau, wie diese Gegenwart eigentlich aussehen sollte. Aber wie ist es mit der feministischen Zukunft? Mit Zukunft meine ich auf jeden Fall etwas mit Jetpacks und Robotern. Ohne fancy futuremäßige Technik bin ich raus, sorry! Ich weiß ja, dass es ein bisschen dauert, so etwas zu entwickeln. Und wir haben erst noch andere wichtige Dinge zu tun. Den Kapitalismus und das Patriarchat abschaffen zum Beispiel. Aber weil wir damit ja irgendwann fertig sein werden, habe ich ein paar ganz bescheidene Forderungen für das Jahr 2030. Das sind jetzt noch zehn Jahre, in diesen zehn Jahren möge sich doch bitte die richtige Zukunft einstellen und direkt das gute Leben mitbringen! In dieser Zukunft möchte ich ALLEIN Urlaub auf dem Mond machen können, ohne dass jemand sagt „Woah, als Frau, alleine, super gefährlich! Mach das lieber nicht!“ Und ich will dann auch nichts hören von wegen „Na, der Raumanzug ist ja auch ganz schön sexy, und was machst du überhaupt um die Zeit allein in diesem dunklen Mondkrater?“ – obwohl ich weiß, dass das nicht passieren wird. Denn Weltraumtouris wissen, dass unsere Körper uns allein gehören und behandeln alle Menschen mit Respekt!

Das zweite wichtige Thema: Arbeit! Im Jahr 2030 gibt es keine ungerecht verteilte Care-Arbeit mehr, weil ALLE gemeinsam darauf achten, dass der Akku vom Haushaltsroboter immer aufgeladen ist. Diese Roboter erledigen alle Aufgaben, auf die sonst niemand Bock hat. Die Freiheit, in Prokrastinationsphasen unsere Socken selber zu bügeln, haben wir natürlich alle! Prokrastination werden wir nicht abschaffen können. Wir sind ja immer noch Menschen.

Es mag euch vielleicht ein bisschen kurz gedacht vorkommen, wenn ich im Jahr 2030 einfach alle uncoolen Aufgaben an Roboter delegieren will, anstatt dann endlich auch mal die cis Männer in die Pflicht zu nehmen. Die könnten sich – kleine Faustregel, ich nenne sie den Robo-Test – aber einfach jetzt schon fragen: Wie viele Aufgaben habe ich, die mir eine Maschine abnehmen könnte? Wie viele Aufgaben davon erledigt ein anderer Mensch für mich? Und solange wir, die wir nicht männlich, weiß, hetero, cis, gebildet, reich oder sonst wie privilegiert sind, für alles, was wir brauchen – Geld, Essen, Sicherheit, Aufmerksamkeit, einen Job, der uns nicht völlig kaputt macht – , dreimal so hart arbeiten müssen, solange wir uns faulenzen schlicht nicht leisten können, solange WIR eigentlich Roboter sein müssten, um das alles zu ertragen – so lange kann ich mir nichts anderes wünschen als eine Zukunft, in der ICH keine Maschine sein muss. Ich will lieber Maschinen benutzen. Echte Maschinen aus Metall! Mit Knöpfen! Oder kleine Maschinen mit glatten Oberflächen, die mit mir sprechen können. Die mit mir sprechen wie mit einem Menschen und nicht wie mit einer Abweichung vom default user, der immer nur männlich und weiß ist. Die so programmiert sind, dass sie uns allen etwas nützen, die keine Barrieren haben, die wir erst abbauen müssten. Die keine heterosexistische, weiße Matrix haben, die wir erst hacken müssten. Das einzige, was hier binär sein darf, ist der Code. Ich will genau das alles, und zwar als Plug&Play und ich will nicht erst irgendwelche Treiber installieren!

Und wo wir schon bei Maschinen sind: Ich will, dass mein Uterus endlich als die krasse Maschine betrachtet wird, die er ist! Ich will, dass alles erforscht ist, was er kann. Einmal derselbe Forschungs- und Investitionsaufwand wie in der Automobilindustrie oder in der Luft- und Raumfahrttechnik, das wäre doch etwas. Dann könnte ich über meine Menstruation sprechen wie über einen Ölwechsel oder einen Kolbenfresser. Dann wird sich hoffentlich auch endlich herumsprechen, dass die Gebärmutter zwar genauso komplex verdrahtet ist wie der Bordcomputer von einem handelsüblichen Raumschiff, aber nie, nie, nie etwas über meine Identität aussagen wird.

Ich weiß, es ist seltsam paradox, selber keine Maschine sein zu wollen, aber dann zu verlangen, dass über bestimmte Körperteile so präzise gesprochen wird wie über Maschinen. Aber das ist vielleicht mein wichtigstes Anliegen für die Zukunft: Ich will im wilden Widerspruch leben können und zwar genau da, wo aus dem TROTZDEM ein GLEICHZEITIG wird und es gut so ist. Ich will sexy Weltraumanzüge tragen und gleichzeitig als Person gesehen werden und mich durch alle Galaxien bewegen, ohne vielleicht in Gefahr zu sein. Ich will die gläserne Decke der NASA zerschlagen sehen und gleichzeitig ausschlafen können. Der Sky soll überhaupt kein Limit sein, für niemanden! Und ich will ein Universum, in dem wir alle ohne Angst verschieden sein können. 2020 hat dieses Versprechen noch nicht eingelöst. Von 2030, von dieser echten Zukunft, in der endlich alles gut ist, erwarte ich nicht mehr und nicht weniger als ein solidarisches Miteinander, das volle Selbstbestimmungsrecht über meinen Körper und endlich, endlich dieses verdammte Jetpack.