Wichtige Schachteln, für immer verloren

Schon wieder ein Albtraum: Sie müssen mich noch einmal operieren, weil irgendwas nach meiner Bauchspiegelung im Sommer schief zusammengewachsen ist. Ich werde also in ein Krankenzimmer gelegt und bekomme mehrere Schachteln mit Medikamenten und OP-Kleidung, auf die ich gut aufpassen soll. Es klappt nicht. Während ich mich mit meiner Zimmergenossin unterhalte und aus dem Fenster unseres Zimmers schaue, verschwinden die Schachteln, weil mein Gepäck jetzt schon überall verteilt ist. Ein Pfleger kommt und will mich abholen, aber während ich noch nach den Schachteln suche, beschließt er, schon einmal vorzugehen. Ich irre über den Gang und suche ihn, natürlich ohne die wichtigen Schachteln, und ohne zu wissen, wann genau meine OP ist (irgendwann nach 18 Uhr) und auf welche Station ich dafür muss. Vielleicht muss ich sogar in eines der anderen Gebäude auf dem Krankenhausgelände, das sich als eine neue Stadt entpuppt, als ich aus dem Haupteingang trete. Ich verliere mich in ihren Straßen und weiß ganz sicher, dass ich den OP-Termin nicht einhalten können werde, ich habe zwar keine Uhr, aber die Sonne steht so tief über den Häusern, dass ich unmöglich rechtzeitig zurückfinden werde. Für immer schief zusammengewachsen von innen und, wenn man sich meinen Bauchnabel anschaut, auch von außen, ich werde mich damit abfinden müssen.

Eher Skulptur als Text

Gestern völlig unproduktiv gewesen, heute früh aus einem Albtraum erwacht: Wir machen eine Online-Lesung mit der Schnipsel-Redaktion und ich werde dazu aufgefordert, doch meinen Text vorzulesen, der „zwar eher eine Skulptur sei als eine Erzählung mit Handlung, aber doch recht unterhaltsam“. Ich habe den Text gar nicht zur Hand, vor allem nicht in der angeforderten Version. Von der Zeitschrift, in der er veröffentlicht wurde, haben alle nur die Poster-Ausgabe dabei, in der mein Text nicht enthalten ist (weil zu lang). Ich muss ihn umständlich aus meiner Dropbox hervorkramen und will wissen, ob sich das lohnt. „Wie viele Leute hören noch zu?“, frage ich. Es müssen schon mindestens 15 Minuten vergangen sein (manche Träume sind quälend lang). Nur fünf Leute sind noch eingeloggt. Ist diese Handvoll Menschen so dringend auf meinen Text angewiesen? Ich flüchte auf den Balkon, der fast doppelt so groß ist wie die Wohnung, aus der wir senden. Es gibt dort Kuchen, von dem ich nicht weiß, wie alt er ist, aber ich nehme trotzdem ein Stück. Ich wache auf mit dem Gefühl, eigentlich alle meine Texte noch einmal überarbeiten, alles einfach viel besser machen zu müssen und mit dem gleichzeitigen Wissen: Das wird heute nicht passieren.

Heavy Metal in der Zeitmaschine

Eine Frage, die ich mir höchstens alle vier Jahre stellen kann: Wenn ich „heute vor einem Jahr“ über etwas sagen will, was an einem 29. Februar passiert ist, ist das korrekte Datum für diese Aussage dann der 28. Februar oder der 1. März? „Ein Jahr Pandemie“ ist eine Formulierung, die seit einigen Tagen durch die Berichterstattung geistert und die ich im Kopf gelegentlich um die Zeile „Ein Jahr Verlust der üblichen Zeitverhältnisse“ ergänze. Ich bin manchmal immer noch erstaunt bis ratlos darüber, wie nach vier extrem ereignisreichen Wochen (Konzert in Köln, Berlinale, plötzlich ein kleines Buch, nach dem sehr von Zimtschnaps geprägten Geburtstag von A. morgens sehr früh und noch völlig restbetrunken den Redebeitrag für die 8.März-Demo fertig geschrieben) ein ganzes Jahr der Nichtereignisse (es gibt einen sehr schönen Film, von dem ich diese Formulierung ausleihe) mit voller Wucht in die Kulisse gekracht ist. Natürlich weiß ich, dass es eigentlich am Virus (bzw. der hier eher halbherzig geführte Kampf dagegen) liegt, aber als die Mystikerin, die ich nun einmal bin, hege ich trotzdem den Verdacht, dass es in diesem ereignisreichen Zeitraum vor einem Jahr vielleicht einen Glitch auf der Zeitachse gab, der sich bis heute nicht ausgleichen lässt. Vielleicht habe ich ihn selbst erzeugt, indem ich erst eine Woche lang mein Zeitgefühl aufgelöst und dann ausgerechnet am 29. Februar eine gefährliche Zeitreise unternommen habe. Ich denke dieser Tage viel daran, wie Bandkollege P. und ich mit dem Kofferraum voller Equipment durch die handyempfangsfreie Übergangszone zwischen schleswig-holsteinischer Provinz und Hamburger Speckgürtel tuckerten (in dieser Gegend fährt man grundsätzlich einer behäbigen Landmaschine hinterher) und über die ersten Fälle von Covid-19 im Kreis Segeberg sprachen. Es sollte nach Elmshorn gehen, so weit war Bad Segeberg nicht entfernt. Wie viele Bad Segeberger würden ein Metalkonzert in Elmshorn besuchen? Ich fühlte mich sehr achtzehnjährig, als wir mit unseren Instrumenten unterm Arm das sogenannte Kranhaus betraten, in dem es sicher zehn Grad kälter war als draußen, und ich bekam nicht zusammen, wie so etwas futuremäßiges wie eine globale Pandemie mit der Subkultur meiner Jugend gleichzeitig existieren sollte, aber Corona war schon längst vor Ort, wenngleich in der Gestalt eines schlechten Witzes. Nachdem mir gestern eine Freundin von einem Rendezvous auf einem Friedhof berichtete, fand ich heraus, dass die Datingplattform Metalflirt.de noch immer existiert. Immerhin eine Gewissheit gibt es in diesen Zeiten: Metal will never die (but you will).

Spring Break

Tage wie reduzierte Avocados aus dem Supermarkt: Schon bei der allerersten Hunderunde um kurz nach 7 trage ich nur meine Jeansjacke und darf auf keinen Fall darüber nachdenken, welche ökologischen Missstände das möglich gemacht haben. Spätestens ab 12 Uhr sind einfach ALLE draußen. Die Mittagsrunde durch den Park ist ein einziges Kaffeekränzchen. Ich treffe zufällig und unabhängig voneinander drei bekannte Menschen und zwei bekannte Hunde. Verschämt tauschen wir uns über das schlechte Gewissen aus, das wir haben, während wir diesen Scheinfrühling genießen. Im Hintergrund ist das Wummern der (zurecht!) meistgehassten Baustelle der Stadt zu hören. Hier werden Stahlsäulen in den Boden geklopft, 6 Tage die Woche, von morgens bis abends. Ein anderer Hundebesitzer hat mir erzählt, dass sie von diesen Säulen zwei Stück am Tag schaffen und so viele davon unter die Erde bringen müssen, dass sie noch ungefähr ein Jahr für diesen Arbeitsschritt brauchen werden. Der Park ist knapp zwei Kilometer von der Baustelle entfernt und das Wummern ist deutlich zu hören; ich höre es auch in meiner Wohnung, die eineinhalb Kilometer von dort entfernt ist, ich weiß von Leuten, die noch weiter weg wohnen und das Wummern bei geschlossenem Fenster hören. Gestern habe ich es sogar gehört, als ich am anderen Ende der Stadt unterwegs war. Vielleicht habe ich mir das auch eingebildet, oder es war eine andere Baustelle, oder es hat sich jetzt schon so festgesetzt, dass es sich nie mehr aus meinem Gehörgang herauswinden wird. Es klingt, als würde der Kapitalismus nun endlich sein Industrial-Album aufnehmen. In meinem Kopf entspinnen sich wilde Verschwörungstheorien darüber, dass das gute Wetter von Möbel Höffner höchst persönlich bestellt wurde, um unsere Gemüter zu beruhigen: Sehen Sie, auch wenn wir beim Bau unseres völlig überflüssigen Möbelhauses nicht nur gegen Umweltauflagen verstoßen haben, sondern auch noch die ganze Stadt mit Lärm terrorisieren (der vermutlich ebenfalls nicht auflagengerecht ist), lebt es sich hier doch ganz vorzüglich, sobald die Sonne scheint! Was haben Sie denn? Es sind gefälschte Frühlingstage wie heute, die mich die Apokalypse regelrecht herbeisehnen lassen. Dann ist es wenigstens still. Nur schade wärs um die zufälligen Begegnungen im Park, die dann ausfallen.

Symmetrische Schwankungen

Dieses frühes-21.-Jahrhundert-Lebensgefühl: Jeder richtige Winter könnte der letzte richtige Winter gewesen sein. Ich verkomme zur Wetternostalgikerin, aber bei symmetrischen Temperaturschwankungen vom Minus- in den Plusbereich auf dem Thermometer ab 10 Grad Celsius komme ich einfach nicht hinterher. Ist Mitte/Ende Februar nicht eigentlich viel zu früh für Frühlingstemperaturen? Ich mag mir kaum vorstellen, wie viel von dem, was jetzt austreiben könnte, durch die mittlerweile zum Standard mutierte Kältewelle zu Ostern wieder zerstört wird.

Die Straßen draußen tun derweil so, als sei nichts gewesen, keine Spuren mehr von dem Schnee der letzten Woche, von einem ganz vermatschten Haufen in einer schattigen Ecke abgesehen. Ich will seit einigen Tagen einen Artikel über den Zusammenhang zwischen dem Klimawandel und der Corona-Pandemie suchen, den ich vergessen habe zu speichern, habe aber eigentlich zu viel Angst davor, ihn zu lesen. Stattdessen schaue ich bei YouTube Haarschneide-Tutorials für Frisuren, die ich mir niemals schneiden werde, und google zum Spaß Bilder von Yaks und Galloway-Rindern. Angeblich machen im März die Friseure wieder auf, aber ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, einen aufzusuchen. Eigentlich fühlt sich Wildwuchs bis zum Ende der Pandemie an wie das einzige richtige Konzept, und wenn die eines Tages vorbei sein sollte, haben wir immer noch genug andere Krisen, gegen die sich haariger Wildwuchs irgendwie schützend anfühlen wird. Ich verzichte auf das Gefühl von Frühlingsluft in meinen Haaren, weil ich mir ohne Mütze unvollständig vorkomme, obwohl sich der Winterkokon jetzt schon viel zu warm anfühlt.

Kältewelle

Es war kalt in den letzten Tagen, so kalt, dass ich Maßnahmen ergriffen habe, zu denen es in den letzten Jahren selten gekommen ist: Zwiebellook an den Beinen (keine langen Unterhosen jedoch, nur normale Leggings unter der äußeren Hose). Es ist gar nicht so unbequem, wie ich es mir vorstelle, wenn ich darüber nachdenke, ob es wirklich schon kalt genug für solche Sperenzchen ist. Auf einer der zahllosen Hunderunden, die noch immer meinen Alltag in Arbeitsphasenkonfekt portionieren (wann wird der Hund endlich stubenrein? Oder ich weniger paranoid?), habe ich festgestellt, dass ich diese beißende Kälte gar nicht so übel finde. Im Gegenteil, sie beruhigt mich sogar (oder es ist mein Körper, der schon alles herunterfährt, damit er sich darauf konzentrieren kann, nicht zu erfrieren). Es ist Februar 2021, und selbst in der Krisenhaftigkeit unserer Gegenwart gibt es ein Draußen, das ungefähr so ist, wie es sich gehört. Ein klirrend kalter Winter wie aus meiner Kindheit, es gibt Schnee, sämtliche Gewässer sind gefroren, die Wohnung voller Streusand. Nach der Lektüre von Karen Duves „Macht“, das 2031 spielt und in dessen erzählter Welt es brütend heiß und das große Finale der Klimakatastrophe nur noch etwa 5 Jahre entfernt ist, wegen dem ich nächtelang Albträume hatte, fühlte er sich an wie eines dieser wabbeligen blauen Kühlkissen auf einem Wespenstich (der mit einer halben Zwiebel viel besser verarztet wäre). Während ich mich bei Instagram durch unzählige Rodel- und Schlittschuhstories wische, bleibe ich an einem Video von Quarks hängen, von dem ich lerne: Die Kälte ist dem Polarwirbel geschuldet, dem wegen der Erderwärmung die Kraft ausgeht und der deswegen die kalte Polarluft nicht mehr gut dort festhalten kann, wo sie eigentlich bleiben sollte: Am Nordpol. Ich bin mehr als bekümmert, als ich das lese. Eigentlich sehne ich mich nach keinem Ort auf der Erde so sehr wie nach dem Nordpol, aber ich habe mich damit abgefunden, dass ich dort vermutlich niemals einen Fuß hinsetzen werde. Vorletzten Sommer bin ich bloß bis nach Gävle gekommen, was immer noch fast 900 km vom Polarkreis entfernt ist. Für eine Reise zum Nordpol habe ich insgesamt den falschen Weg eingeschlagen. Auf Forschungsschiffen brauchen sie keine, die sehnsüchtig auf Eisberge starrt und anschließend schwülstige Abhandlungen über deren dramatisches Abschmelzen schreibt. Nordpoltourismus kommt mir zur Zeit äußerst unethisch vor und außerdem fehlt mir dafür das Geld. Bis ich es zusammenhabe, sind die Polkappen abgeschmolzen und wer weiß, ob normales Geld dann überhaupt noch etwas nützt. In den nächsten Tagen soll es wieder Plusgrade geben, zum Wochenende hin sogar zweistellig. Ich werde die Polarluft vermissen, auch wenn sie ein vergiftetes beziehungsweise gar kein Geschenk war, und den anstehenden Matsch verfluchen, der in der Wohnung zu Sand zerfallen wird, immerhin ein bisschen feinkörniger als der Streusand unter meinen Schuhsohlen.

Müll

Ich habe mich immer für eine aufmerksame Person mit einem Blick für Details gehalten und war manchmal entsetzt, wenn mir Leute erzählt haben, dass ihnen so etwas wie Street Art oder Sticker an Laternen oder ähnliches gar nicht auffällt. Wie gehen sie durch die Welt, habe ich mich gefragt, ist es nicht fast ein bisschen gefährlich, sich die Straße nicht so genau anzuschauen, wer nicht auf die kleinen Details achtet, der*die könnte doch genauso gut das Auto nicht sehen, das genauso unachtsam um die Ecke mit dem Grünpfeil flitzt! Seit ich meine Tage nach den unzähligen Gassirunden strukturiere, die ein drei Monate alter Welpe eben so braucht, habe ich festgestellt: Meine Aufmerksamkeit für kleine Dinge hat sich all die Jahre in Wahrheit auch nur auf die kleinen Dinge beschränkt, die sich ungefähr auf meiner Augenhöhe befinden. Was mir vorher nicht so richtig aufgefallen ist: Wie viel Müll tatsächlich auf der Straße liegt. Unsere Ausflüge zu dem, was die Fachliteratur über Hunde so unpoetisch als „Löseplatz“ bezeichnet, sind Gehirnjogging für uns beide. Was wir uns merken: Wo liegt welcher Unrat, den der Hund fressen und den ich ihn auf keinen Fall aus dem Rachen pulen will? Es braucht ungefähr drei Runden, bis ich verinnerlicht habe: Vor der 275 liegt eine FFP2-Maske, vor dem Glascontainer der Deckel eines Marmeladenglases, bei dem ersten Mülleimer am Spielplatz eine Packung Caprisonne samt großzügig verteilter leerer Getränkepäckchen, am zweiten Mülleimer der sterbliche Überrest eines KitKat Chunky, neben dem grünen VW-Bus, der als einziges Auto in der Straße nie bewegt wird, seit drei Wochen eine leere, hellgrüne Plastiktüte. Seit Mitte Dezember laufen wir einen Bogen um einen Scherbenhaufen vor der 277, der langsam schrumpft, aber noch immer nicht verschwunden ist. Vor dem Kellerfenster des Nachbarhauses liegt außerdem noch ein vom andauernden Regen völlig durchweichter Fahrradsattelschoner aus weißem Plüsch, den ich zuerst für ein totes Tier gehalten und den Hund so panisch davon weggezogen habe, dass es ein Wunder ist, dass er sich nicht stärker dafür interessiert, aber er hat wohl gerochen, dass es nur anorganisches Material ist. Für die zwei, drei Tage mit Temperaturen unter dem Gefrierpunkt in letzter Zeit war ich unendlich dankbar. Gefrorenes Laub ist für kleine Hunde interessanter als Müll.

Wir konnten keine Verbindung zu dem Teilnehmer herstellen

Sorry habs nicht rechtzeitig geschafft deinen Anruf entgegenzunehmen musste erst die Bluetoothbox abkoppeln

Sorry konnte nicht ans Telefon wollte den Hund nicht wecken

Sry konnte nicht ans Telefon war afk

Sorry konnte nicht ans Telefon weil ichs hasse

Sorry konnte nicht ans Telefon denn es ist 2021

Sorry konnte nicht ans Telefon bin 1 Millenial

Sorry konnte nicht ans Telefon war sehr beschäftigt mit schriftlicher Konversation in der Wert auf korrekte bzw. vorhandene Kommasetzung gelegt wird

Sorry konnte nicht ans Telefon die Gegenwart ist so anhänglich heute

Sorry konnte nicht ans Telefon musste diese Nummer erstmal googlen

Sorry konnte nicht ans Telefon musste mir erstmal das Leben nach dem Anruf vorstellen und überlegen ob ich alle Vorkehrungen getroffen habe z.B. ob mein Konto noch gedeckt ist und jemand den Hund nimmt und die Pflanzen gießen kann

Schnieselregen

Ich schleife den neuen Hund durch den Park und er findet es nur so mittel. Kein Wunder: Es sind nur knapp über Null Grad, der fallende Schnee verwandelt sich auf meiner Augenhöhe in Regen, der Boden ist kalt und matschig, die Hundeleine auch. Im Park ist fast niemand, keine Gänse (wohl doch in den Süden geflogen), kein einziger Hund, nur ein Rentnerpaar, das mit seinen milchig-transparenten Regencapes und FFP-2-Masken aussieht, als stünde gleich eine potenziell gesundheitsschädliche Renovierungsarbeit an. Ich denke an Nitrolack aus den Fünfzigern und herausgerissene Glaswolle, aber in Wahrheit haben wir nur schlechtes Wetter und Pandemie. Der Hund erschaudert (zurecht).

Zuhause lese ich Mary Shelleys Frankenstein, den gerade nach seinem nicht ganz nach seinen Vorstellungen ausgegangenen Versuch, ein menschliches Wesen zu erschaffen, ein Nervenleiden befallen hat. Er betritt sein Labor danach eine ganze Weile nicht, was ich durchaus verstehen kann, allerdings habe ich das Gefühl, dass ihm das noch auf die Füße fallen könnte. („Das fülle ich in diese Brotdose und esse es später auf!“ Alles klar.)

Der vorletzte Tag

Wir schreiben den 30.12.2020, was ein prädestinierter Tag für einen Jahresrückblick wäre, aber welpenbedingt lebe ich dafür zu sehr im Moment. Meine Tage zwischen den Jahren (und vermutlich auch die nach Silvester) folgen dem sich stetig wiederholenden Pattern von Gassi-Essen-Schlafen. Wenig bis keine Zeit, das Weltgeschehen zu verfolgen (zum Glück). Nach knapp drei Wochen stelle ich fest: Ich bin immer genau so entspannt oder angespannt wie der Hund. Hier wird sich gefühlsmäßig nicht abgekoppelt. Morgens exakt gleich verpennt, alles Notwendige wird auf Autopilotin erledigt, dann ein paar Stunden erzwungenes, aber widerstandslos angenommenes Herumdösen im Wohnzimmer zu THE CROWN, dann gestresstes Herumfuhrwerken in der Küche, weil der Hund Langeweile noch nicht als Chance begreift. Der Flammkuchen endet versalzen und halb aufgegessen auf der Arbeitsfläche. Nochmal raus, dann wieder chillen üben. Das Ruhetraining, was aufgekratzten Welpen beibringen soll, ihrem Schlafbedürfnis zu gehorchen, ist die erste Achtsamkeitsübung überhaupt, die mir machbar und sinnvoll vorkommt. Der Hund muss lernen, dass nicht alle Reize für ihn relevant sind und er sich nicht immer alles angucken muss.

Morgen ist Silvester. Feuerwerk darf dieses Jahr nicht verkauft werden, aber Restbestände vom letzten Jahr verfeuern ist erlaubt. Ich wünsche jeder Person, die das morgen tut, die Pest an den Hals.