Urlaub im Speckgürtel (1)

[19.5.2020]

Ich habe eine Woche Urlaub genommen, weil ich einen langen Text zu Ende schreiben will, und damit es sich wenigstens ein bisschen nach einer Mischung aus Urlaub und Schreibklausur anführt, habe ich eine der wenigen Fernreisemöglichkeiten in Anspruch genommen, die in diesen Zeiten unkompliziert funktionieren: Ich bin zu Besuch in meiner alten Heimat, die je nach Perspektive entweder im Speckgürtel von Hamburg oder in der Lüneburger Heide liegt. Die Reise hierher war fast ein bisschen gespenstisch: Bahnfahren mit genau drei weiteren Mitreisenden im Waggon, kriminellen Gefühlen beim sehr sehr kurzen Abnehmen des Mundschutzes zwecks Kaugummi-Entsorgung und einem Hamburger Hauptbahnhof, der um 18 Uhr so leer war wie sonst nur nach 23 Uhr. Es ist nun 12 Uhr Mittags und ich habe noch nicht eine sinnvolle Zeile geschrieben, dafür aber den Wikipedia-Artikel über den Ort gelesen, in dem ich nun bis Sonntag verweilen werde. Holm-Seppensen, wo ich gerade bin, wurde gegründet, nachdem sich Holm und Seppensen im Jahr 1901 nicht einigen konnten, wer den Bahnhof an der Heidebahnstrecke bekommen sollte. Den Kompromiss, einfach einen Bahnhof in der Mitte zu bauen, finde ich ziemlich fair. Allerdings frage ich mich, ob es den Holmer*innen und Seppenser*innen nie sauer aufgestoßen ist, dass sich Holm-Seppensen mittlerweile zu einer Mini-Metropole gemausert hat, während Holm und Seppensen wegen ihrer Bahnhofslosigkeit völlig unauffällige Dörfer geblieben sind, die man eigentlich gar nicht bemerkt, wenn man durch sie durchfährt. To be fair: Holm hat immerhin einen schönen alten Gutshof und die Hoheit über die Freiwillige Feuerwehr von Holm, Seppensen und Holm-Seppensen und in Seppensen gibt es einen Schmetterlingspark und ein kleines Freilichtmuseum. Das soll hier nicht unsichtbar bleiben!

RIESEN FAIL

Am 22. April habe ich hier von meinem „Leben als Aussteigerin“ berichtet und von dem Schuldenberg, den ich bei einem digitalen Waschbären namens Tom Nook angehäuft habe:

Bei einem anderen Waschbären stehe ich knietief im Dispo und zwar für den Flug zur Insel, das Zelt und das Grundstück, auf dem dieses Zelt steht plus Gebühren, 48.000 Geldeinheiten, ich weiß nicht, ob er mich abgezockt hat, aber ich habe zugestimmt, dass ich ihn auch mit Bonuspunkten aus einem obskuren Bonuspunktesystem ausbezahlen kann. Wann das passieren wird: vermutlich nie (das Nashorn und der Bär, die auch auf meiner Insel wohnen, haben längst auf Holzhütten umgesattelt).

Mein dezenter Sozialneid auf meine Inselnachbar*innen klang ja da schon durch die Klammern, aber ich lief trotzdem noch drei weitere Wochen mit einer improvisierten Angel und einem Kescher aus Stöckern über meine Insel, grub Fossilien aus, pflückte kiloweise Äpfel und verkaufte sie, pflanzte ein ganzes Meer aus Blumen und so viele Bäume, dass ich nur noch Slalom laufen konnte, baute tausend kaputte Werkzeuge neu und schlief natürlich weiterhin im Zelt, um eines Tages meine Schulden bei dem bonzigen Waschbären abbezahlen zu können. Erst als eine Freundin vor zwei Tagen (!) auch ins Inselbusiness einstieg und mir HEUTE erzählte, sie habe nun ihren ersten Kredit abbezahlt und direkt einen neuen FÜR EIN HAUS aufgenommen, erhärtete sich mein Verdacht, dass irgendwas in meiner insulären Finanzplanung falsch gelaufen sein musste. Oder gab es bei Animal Crossing tatsächlich die Funktion „Soziale Ungleichheit wie im echten Leben“ und ich hatte sie nur nicht ausgestellt?

Nein, es stellte sich heraus: Ich hatte bei Tom Nook Schulden in Höhe von 48.000 sogenannten „Sternis“ oder 5.000 Nook-Meilen, weil ich mich ja für dieses obskure Bonuspunktesystem angemeldet hatte (ich glaube, das geht gar nicht anders). Irgendwie hatte ich wohl überlesen, dass es einen Wechselkurs gibt, und im Schweiße meines digitalen Angesichts auf 48.000 Nook-Meilen hingearbeitet (das entspricht ungefähr vier Wochen harter Inselarbeit, von der man sich nachts im Zelt jawohl kaum erholen kann). Zwischendurch staunte ich über die Animal Crossing-Prunkbauten in meiner Twitter-Timeline und fragte mich, wie viele Stunden diese Menschen wohl in dieses Spiel investiert haben mussten, aber ich habe auch das nie hinterfragt. Warum denn auch? Es war ja Lockdown, und die Leute hatten vermutlich einfach Zeit.

Anyway: Meine Schulden bei diesem dreckigen Abzocker-Waschbären sind nun bezahlt und morgen habe ich ein Haus auf meiner Insel. Bleiben nur noch die Scham über meine extreme Nintendo-Inkompetenz (anders kann man es wohl nicht nennen) und außerdem die Frage: Wieso hat mich niemand aufgeklärt?!

Spontanvegetation

Ich öffne dieses Textdokument, weil ich eigentlich wieder einmal meinem Unbehagen gegenüber WURZELN Ausdruck verleihen wollte, aber noch während ich die notwendigen Klicks mache, fällt mir auf, dass SAMEN eigentlich mindestens genauso unaufhaltsam in ihrer Verbreitung sind. Vor ein paar Monaten habe ich ein Bananenpflanzenkind von seiner Mutter getrennt und in einen eigenen Topf gepflanzt. Einige Wochen nach dieser Umtopfaktion bemerkte ich, dass in diesem Topf Unkraut wuchs, oder Spontanvegetation, wie der gärtnerisch korrekte Ausdruck lautet. Ich war erstaunt, der Blumentopf stand schließlich drinnen, es war Februar, das Gewächs konnte eigentlich gar nicht existieren, also unternahm ich nichts, teils aus Neugier, teils aus Faulheit.

In besagtem Blumentopf befinden sich nun eine eher kleine Bananenpflanze, deren Blätter an manchen Stellen schon ein bisschen bräunlich sind, und eine knapp 70 cm hohe Kornblume, die sich bester Gesundheit erfreut. Ich weiß nicht, wie üblich es ist, Kornblumen als Topflanzen zu haben, finde es aber eigentlich ganz hübsch. Vermutlich wird es auch nicht die letzte Kornblume sein, die den Weg in mein Wohnzimmer findet, denn wie ich gestern feststellen musste, stand der Sack mit der Blumenerde den ganzen Winter über offen auf dem Balkon unter einem Hängetopf mit verblühten Kornblumen, die ich aus Faulheit nie entsorgt habe. Ich denke, die Verbreitungskette ist hiermit zumindest geklärt.

Frequently Asked Questions*

  1. Hört ihr mich?
  2. Hört ihr mich jetzt?
  3. Könnt ihr mich sehen?
  4. Hast du die Kamera eingeschaltet?
  5. Hast du eingestellt, dass das Programm auf deine Webcam zugreifen kann?
  6. Hast du auch eingestellt, dass das Programm auf dein Mikro zugreifen darf?
  7. Du klingst so abgehackt! Kannst du uns hören?
  8. Bin ich bei euch auch eingefroren?
  9. Jetzt besser?
  10. Immer noch nicht?
  11. Hast du schon einen anderen Browser ausprobiert?
  12. Hast du es schon aus- und wieder angeschaltet?
  13. Wie gehts?

*Bin auf Kurzarbeit und kann daher keine Antworten auf diese Fragen liefern.

Mein Leben als Aussteigerin

Corontäne (ist das ein schlimmes Wort oder kann ich das benutzen?) Tag 568828 und es ist irgendwie alles egal, weil ich seit letzte Woche Dienstag auf Eskapismuslevel 3000 bin, genauer gesagt auf der Dienstagsinsel, die ich so genannt habe, weil ich eben seit einem Dienstag dort lebe, es ist quasi meine Insel, ich bin Inselvorsteherin und habe eigens dafür gesorgt, dass das örtliche Museum schnellstmöglich aufgebaut werden konnte, sehr zur Freude von Eugen, dem Museumswärter, der viel komisches Zeug quatscht und eine arge Insektenphobie hat, aber eigentlich ziemlich in Ordnung ist. Auf dieser Insel lebe ich in einem Zelt, in dem sich ein Feldbett, ein Radio, eine Öllampe, ein Spiegel, zwei abgelegte Outfits und eine Nintendo Switch befinden. In meinem Vorgarten befinden sich eine Feuerstelle, ein Campingtisch, auf dem ein Plattenspieler steht, eine selbstgebaute Fackel und ein Gartenbett aus zwei überdimensionalen Muscheln und 5 Lehm. Daneben habe ich Papageientulpen gepflanzt, die ich täglich gieße. In meiner freien Zeit gehe ich angeln, Muscheln sammeln oder Unkraut pflücken und verkaufe das, was sich dabei ansammelt, an einen kleinen Waschbären. Bei einem anderen Waschbären stehe ich knietief im Dispo und zwar für den Flug zur Insel, das Zelt und das Grundstück, auf dem dieses Zelt steht plus Gebühren, 48.000 Geldeinheiten, ich weiß nicht, ob er mich abgezockt hat, aber ich habe zugestimmt, dass ich ihn auch mit Bonuspunkten aus einem obskuren Bonuspunktesystem ausbezahlen kann. Wann das passieren wird: vermutlich nie (das Nashorn und der Bär, die auch auf meiner Insel wohnen, haben längst auf Holzhütten umgesattelt). Das Geld, was ich von dem kleinen Waschbären für meinen aufgesammelten oder selbstgebauten Krempel bekomme, nimmt der große Waschbär nicht an. Stattdessen soll ich mir aus seinem Online-Shop mindestens zweimal am Tag irgendwelchen Krempel bestellen, damit ich Bonuspunkte bekomme und endlich meine Schulden abbezahlen kann. Ich bin kein Finanzprofi, aber DAS kommt selbst mir fishy vor. Aber immerhin: Ich bin viel an der frischen Luft, schlafe manchmal in einer Hängematte am Strand und esse viel frisches Obst (allerdings nur Äpfel). Es ist eigentlich ganz schön hier.

Werbeblock (diesmal in psychedelisch)

Auf meine alten Tage (das darf ich so sagen, weil ich morgen Geburtstag habe) habe ich es von den drei Millionen Orten, an die ich im Leben sicher nie komme, doch noch an einen geschafft: Und zwar als Feature auf eine Kraut-/Psychedelic-/Post-/irgendwas-Rock-Platte. Sie ist von einer sehr netten Band namens Trips Asmussen und kostet 7€ bei Bandcamp. Die sieben Euro gehen direkt an die Kieler Schaubude, die bitte auch nach Corona weiterhin existieren soll, denn ich habe tausende gute Erinnerungen gehortet, die unmittelbar mit diesem Ort zusammenhängen (z.B. der erste Gin Tonic meines Lebens, der Verlust meines Nietengürtels und die damit zusammenhängende deutliche Verbesserung meines Kleidungsstils, Nasenbluten auf dem Mädchenklo und dort mit extrem vielen guten Ratschlägen zur Eindämmung ebendieses überschüttet werden, das Duesenjaeger-Konzert, wo ich mit Abstand die erste Person im Club war, weil ich davon ausgegangen bin, dass es megavoll sein würde, weil es ja so sein muss, dass ALLE zu dieser Band wollen, außerdem habe ich dort sehr schöne Konzerte von O!ro, Affenmesserkampf und die Nerven gesehen, es ist überhaupt immer gut da, etc.)

Digitalisierungsgipfel 2020

 

Virtuelles Trauerspiel.

Personen:
@mayschaefchen,
@rrriotc4ndy
und
@zarid_bang,
drei junge Frauen mit Internetzugang

1. Akt.

Ein Discord-Server namens „Funpark3000“, abends.

@rrriotc4ndy: Hallo?
@mayschaefchen: Hallo? Hört ihr mich?
@zarid_bang: Hallo!
@rrriotc4ndy mit vollem Mund: Stört es euch, wenn ich esse?
@mayschaefchen: Ich kann euch nicht hören!
@zarid_bang: Log dich sonst nochmal aus und wieder ein. Ich muss eh nochmal kurz auf Klo.

Es knistert kurz in der Leitung. In der Ferne ist eine Klospülung zu hören.

@zarid_bang: Also, was machen wir?
@mayschaefchen: Lass mal Siedler spielen. Gibt es das irgendwie online
@rrriotc4ndy: Bei brettspiele.de glaub ich.
@mayschaefchen: Ah, ich registrier mich da mal eben.
@zarid_bang: Okay, ich mich auch!

Hektisches Tippen ist im Hintergrund zu hören, dann fast gleichzeitig zwei Fehlermeldungen.

@zarid_bang: Error.
@mayschaefchen: Hier auch.

@rrriotc4ndy beginnt ebenfalls zu tippen, bis der Signalton einer Fehlermeldung ertönt.

@rrriotc4ndy seufzt: Ich kann mich auch nicht einloggen. Wahrscheinlich ist der Server down.
@zarid_bang zuckt digital mit den Schultern: Ist Wochenende und abends, was sollen die Leute da sonst machen.
@mayschaefchen: Was machen wir jetzt? Doch den Tabletop-Simulator runterladen?
@zarid_bang: Wir können auch einfach ne Runde scribbl.io spielen?
@mayschaefchen: Nee, lass uns mal unbedingt Siedler spielen bitte!
@rrriotc4ndy: Dann müsst ihr aber den Tabletop-Simulator runterladen. Der kostet aber nen Zwanni. Habt ihr Steam?
@mayschaefchen: Ich benutz immer den Steam-Account von meinem Bruder… ich guck mal, ob ich das da runterladen kann.
@zarid_bang: Ich muss das erstmal neu installieren.
@mayschaefchen: Mach mal, ich ruf kurz meinen Bruder an und frag, ob das okay ist.

Ein leises Rauschen in der Leitung erklingt, das von gelegentlichem Tippen durchbrochen wird.

@zarid_bang: Bin gleich fertig, hab nur mein Passwort vergessen und muss mir das jetzt neu zuschicken lassen.
@rrriotc4ndy: Merkt sich irgendjemand gespeicherte Passwörter? 😀
@mayschaefchen: Mein Bruder geht nicht ans Telefon, aber sein Paypal-Passwort ist in seinem Steam-Account gespeichert. Dann kauf ich das Ding jetzt einfach!
@rrriotc4ndy: Der wird das schon merken, wenn in drei Sekunden die Push-Nachricht von Paypal bei ihm aufploppt, dass da 20 Euro abgebucht wurden
@mayschaefchen: Weiß nicht, der sitzt ja auch immer noch in Paraguay fest. Wird aber morgen ausgeflogen.

 

2. Akt

@zarid_bang: Okay, ich bin jetzt drin.
@mayschaefchen: Ich find den Server nicht. Sicher, dass du den auch „Funpark3000“ genannt hast?
@rrriotc4ndy: Ja.
@mayschaefchen tippt und klickt aufgeregt: Ich find das nicht. Achso. Moment. Ah. Falsches Suchfeld. Aha… Aha… nein… HIER! Bin drin. Wir können loslegen. Das sieht ja aus wie ein echtes Siedler! Aber das ist ja so klein.
@rrriotc4ndy: Du kannst auch zoomen! Und das Spielfeld drehen. Und deinen Blickwinkel ändern.
@mayschaefchen: Ja, aber WIE?
@rrriotc4ndy: Pfeiltasten und WASD.
@mayschaefchen: Bitte was?
@rrriotc4ndy: Pfeiltasten und WASD.
@mayschaefchen: jetzt ist das falsch rum, aber nicht näher dran.
@zarid_bang: Zoomen geht mit zwei Fingern auf dem Touchpad. Du hast doch auch ein Macbook?
@mayschaefchen: Ah… Shit, müssen wir das jetzt selber aufbauen? Ich dachte, das macht der Computer!
@rrriotc4ndy: Ist immer noch ein Brettspiel.
@zarid_bang: Ihr müsst das aufbauen, ich hab noch nie Siedler gespielt und weiß nicht, wie das geht. Oder ihr erklärt mir das nebenbei.
@mayschaefchen: Also, du kannst Siedlungen und Straßen bauen und Rohstoffe sammeln, mit denen du noch mehr Siedlungen und auch Städte bauen kannst. Wer am Ende die größte Siedlung hat, gewinnt.
@rrriotc4ndy: Da an der Kante liegt sonst auch die Spielanleitung.
@mayschaefchen: Ich schreib dir grad mal in den Chat, mit welchen Rohstoffen du was bauen kannst.
@zarid_bang: Ich komm nicht in den Chat, das ist grad Fullscreen und ich hab keine Ahnung, wie man das bei Mac beendet.
@mayschaefchen: Okay, dann regeln wir das irgendwie später. Dann liest du jetzt erstmal die Regeln.

@mayschaefchen und @rrriotc4ndy bauen das Spielfeld auf, was sich eher schwierig gestaltet und ewig dauert, weil die Steuerung ziemlich schwergängig ist.

@mayschaefchen: Wo ist die 10? Die 10 ist weg. Oder liegt die noch irgendwo?@rrriotc4ndy: Nee, wir haben doch alle Nummern verteilt?
@zarid_bang: Vielleicht sitzt jemand drauf?
@mayschaefchen:
@rrriotc4ndy:
@mayschaefchen: Hast du schon die Spielregeln durchgelesen?
@zarid_bang: Nee.
@rrriotc4ndy: Was machst du denn die ganze Zeit?!
@zarid_bang: Ich hab was für meine Insta-Story aufgenommen.
@mayschaefchen: Haha, wie so ne Insta-Bitch, die die ganze Zeit rumsitzt und Duckface-Selfies macht, während im Hintergrund gearbeitet wird.
@zarid_bang:
@rrriotc4ndy: Aber können wir jetzt anfangen?
@mayschaefchen: @zarid_bang kann die Regeln ja noch gar nicht
@zarid_bang: Egal, wir legen einfach los und ihr erklärt mir immer, was ihr macht, so schwer kann Dörfer und Straßen bauen ja nicht sein.
@mayschaefchen: Okay, dann würfeln wir jetzt erstmal, wer anfängt… Ah, eine 5.
@rrriotc4ndy würfelt digital, wobei ein künstliches Würfelgeräusch erklingt: Auch eine 5. @zarid_bang, du bist dran.
@zarid_bang:
@mayschaefchen: @zarid_bang?
@rrriotc4ndy: @zarid_bang?

 

3. Akt:

@mayschaefchen: Du warst einfach weg.
@zarid_bang: Sorry, mein Macbook ist grade überhitzt, das kann glaub ich Steam nicht so gut, wenn nebenbei noch Discord und 100 andere Programme laufen.
@rrriotc4ndy: Wieso hast du überhaupt solchen Yuppiescheiß?
@zarid_bang: Gabs halt bei eBay Kleinanzeigen. Anyway, ich hol jetzt meinen alten Laptop, da muss das nur kurz installieren.
@rrriotc4ndy: Mach Dxx. Ixxx Hxxx (rauschen) jetzt?
@mayschaefchen: @rrriotc4ndy, du klingst ein bisschen abgehackt.
@rrriotc4ndy: Ich gxxxx mal nxxx rn. Besser xxx?
@zarid_bang: Herrgott, ich hab schon wieder mein Steam-Passwort vergessen. Kann sich nur noch um Stunden handeln. @rrriotc4ndy, du klingst immer noch ganz abgehackt. Geh sonst mal aus dem Channel raus und wieder rein?
@rrriotc4ndy: Hxrt ihr mxxx?
@zarid_bang: Wir können sonst auch zu Skype umsteigen.
@rrriotc4ndy: Hell Nxxx!
@zarid_bang: Oder Jitsi oder Systemli, da muss man sich bei beidem nicht anmelden oder irgendwo registrieren. Ich mach uns sonst mal ne Jitsi-Konferenz auf (tippt) … So, hab den Link mal in den Chat gepostet.
@rrriotc4ndy: Wxxxxx Lxxxx?
@zarid_bang: Klappt das? @mayschaefchen, klappt das bei dir?

Knistern und Knacken im Hintergrund, das hin und wieder durch Mausklicks durchbrochen wird.

@rrriotc4ndy: Sooo, könnt ihr mich jetzt hören? Ich hab mal die Bluetooth-Box ausgemacht und doch wieder mein Headset angestöpselt.
@zarid_bang: Viel besser. Also, nehmen wir jetzt Jitsi oder Discord?
@rrriotc4ndy: Mir egal! Was sagt denn @mayschaefchen?
@zarid_bang: @mayschaefchen?
@rrriotc4ndy: @mayschaefchen? Hörst du uns?

Ein Nachrichtensignal ertönt.

@zarid_bang verwundert: Ich hab eine SMS bekommen. (Kurzes Schweigen, während sie den Inhalt der Nachricht liest) Die ist von @mayschaefchen. Ihr Internet ist down.

4. Akt.

@mayschaefchen: Hat jemand Holz? Ich würde gegen Erz tauschen.
@zarid_bang: Nee sorry, ich hab schon viel zu viel Erz. Wieso habt ihr mir nicht gesagt, dass man damit am Anfang überhaupt nix machen kann?
@rrriotc4ndy: Ich brauch mein Holz leider selber, außer du hättest vielleicht ein Schaf oder Getreide zum tauschen?
@mayschaefchen: Nee, sorry, das brauch ich selber.
@rrriotc4ndy: A propos Holz, wie gefällt euch eigentlich der Wald, in den ich unser Spielfeld gesetzt habe?

@mayschaefchen legt vier Erz-Karten zurück auf den Erz-Stapel und nimmt sich eine Holz-Karte.

@zarid_bang: Was machst du da?!
@mayschaefchen: Ich war bei der Bank. Und jetzt baue ich eine Stadt.

Sie zieht mit dem Cursor eine Stadt-Figur auf das Spielbrett und tauscht sie gegen eine ihrer Siedlungen aus.

@zarid_bang: Und denen musst du vier Erz geben für einmal Holz? Das ist ja echt dreiste Abzocke.

@rrriot4ndy gähnt: Ich bin übrigens echt voll müde.
@zarid_bang gähnt ebenfalls: Ich auch. Aber es ist ja auch schon fast Mitternacht.
@mayschaefchen: Wann haben wir angefangen, das hier zu installieren? Um halb acht, oder?
@rrriotc4ndy: Können wir hier nicht eigentlich einfach zwischenspeichern und morgen weiterspielen?
@mayschaefchen: Wär mir recht, aber wo speichert man denn hier? Ich seh keinen Speicherbutton.
@zarid_bang: Ich guck mal kurz… Hm, das ist das Menü, da steht aber nix mit Speichern… Hm… oder hier?

Konzentrierte Stille, dann ein sehr ausdrückliches Klicken, das offenbar jedoch nicht an der richtigen Stelle gesessen hat.

@zarid_bang: Fuckfuckfuck, das wollte ich nicht!

Der Spieltisch wird durch eine unsichtbare Hand umgeschmissen und durch die Luft gewirbelt, bis er hinter dem Bildschirmrand verschwindet. Die Spielsteine, Rohstoffkarten und Spielplanstücke wirbeln über den Bildschirm und sinken langsam zu Boden.

@rrriotc4ndy: Das war wohl die „Flip Table“-Taste.
@mayschaefchen: Wo ist denn der Tisch hin?
@rrriotc4ndy: Zoom mal ein bisschen raus, dann kannst du ihn sehen.
@mayschaefchen: Geht nicht. Hat sich irgendwie wieder alles aufgehängt.
@zarid_bang: Ah, ich hab ihn gefunden.
@rrriotc4ndy: Ich mach mal nen Screenshot und poste dem im Chat, Sekunde…

In ihrem Discord-Textkanal erscheint ein Bild, das einen massiven Holztisch zeigt, der in einem der umstehenden Bäume hängt.

@mayschaefchen: Ach, der Wald ist ja tatsächlich ziemlich schön.
@rrriotc4ndy: Ja, oder? Naja, ich geh mal schlafen. Vielleicht stellt sich das ja über Nacht automatisch wieder her.
@zarid_bang: Ich geh auch off. Sorry für den Tableflip. War schön mit euch!
@mayschaefchen: Gute N8t!

Superspacelabor jetzt auch zum Anhören!

Ein kleiner Werbeblock in eigener Sache: Für das Literaturtelefon Kiel habe ich ein paar Texte von diesem Blog vorgelesen und aufgenommen (und zwar in höchst professioneller Heimarbeit mit dem Laptop-Mikro und Audacity). Ihr könnt entweder euer altes Festnetztelefon wieder auspacken oder die Telefonierfunktion von eurem Smartphone benutzen und die 0431-9018888 wählen, da hört ihr das dann und es ist fast so, als würdet ihr in echt mit mir telefonieren! Oder klickt einfach HIER und hört es euch online an. An dieser Stelle möchte ich euch auch das Archiv vom Literaturtelefon ans Herz legen – da findet ihr z.B. auch Hörbeiträge von Saša Stanišic, Isabel Bogdan, Manja Präkels oder René Kemp (dessen Journal Dich gibts nur dreimal für mich ich sehr gut finde und deswegen dreist kopiere). Viel Spaß damit!

Kartographieren (2)

[12.4.2020]

Ich habe den fast perfekten Platz heute wieder besucht, weil er sich ja nicht von selbst kartographieren wird. Folgendes habe ich gefunden:
– Einen Falken, jedenfalls glaube ich, dass es einer war. Ein etwa taubengroßer, schlanker Vogel mit trapezförmigem Bürzel, der länger am Himmel glitt, um dann im Sturzflug auf der Wiese zu landen.
– Ein Mensch in meinem Alter, der mich nach dem Weg nach Kronshagen gefragt hat (mein erstes Gespräch mit einem Fremden seit vier Wochen)
– Vermutlich dasselbe Blässhühnerpaar von neulich, ziemlich busy in ihrem Vorgarten
– Ein Menschenpaar mit einer Tochter, die den Trampelpfad in Richtung Gehölz vorschlug und angab, die Anführerin zu sein
– Ungefähr sieben Kanadagänse
– Ein Rentnerpaar, das Fotos von den ungefähr sieben Kanadagänsen machte
– Eine sehr kleine Drohne, deren Pilot*in ich nicht ausfindig machen konnte
– Zwei in Plastikfolie verpackte Blumentöpfe auf einer ehemaligen Kleingartenparzelle, die ich dort liegen ließ, obwohl ich zuhause durchaus welche gebrauchen könnte
– Ein Radlader und ein Baucontainer auf einer mit Sand aufgeschütteten Auffahrt (offenbar wird dort doch gebaut)

Der Platz

[Mittwoch, 8.4.2020]

Ich habe wenig geschrieben die letzten Tage, weil ich neuerdings gleichzeitig zu viel UND zu wenig Zeit habe. Außerdem bin ich auf der Suche nach Plätzen. Es ist nicht so, dass ich zuhause keinen hätte, aber die meisten Situationen wirken doch weniger aussichtslos, wenn die nächste Wand nicht in unmittelbarer Sichtweite ist. Vielleicht sind es auch nicht Plätze, die ich suche, sondern Perspektiven.

Mittlerweile habe ich einen Platz gefunden, der nah dran ist an der Perfektion. Es sind nur 15 Minuten Laufweite von zuhause, drei verschiedene fast gleich lange Routen führen dahin (von denen eine aber eigentlich nicht geht, weil sie der neue Ballermann für Leute ist, die trotz Lockdown in Bewegung bleiben wollen), und bei meinem ersten Besuch vor ein paar Tagen habe ich dort ein weißes Kaninchen gesehen (bin ihm allerdings nicht gefolgt). Ich will diesen Platz sorgfältig kartographieren, also sitze ich eine ganze Weile im Grünen, während der Fernauslöser meiner Kamera alle 5 Sekunden ein Foto macht. Der Freund einer Freundin sagt, dieser Ort erinnere ihn an den Ostblock. Ich kenne vom Ostblock nur das Tschechien, Polen und Lettland der Jetztzeit, aber wahrscheinlich stimmt es. Das Gelände, von dem ich spreche, war mal eine Kleingartenkolonie und ist theoretisch dem Kapitalismus anheim gefallen, aber in der Praxis ist seit dem Abriss der Gartenhütten nichts mehr passiert. Die Skyline ist hier flach, bis auf zwei Hochhäuser, das Ikea-Schild, einen Sendemast und die Flutlichtlampen des angrenzenden Sportplatzes. Es gibt zwei Teiche, die hier nie jemand angelegt hat. In der Mitte des kleineren Teiches wächst eine Insel aus Gestrüpp, auf der Blässhühner nisten. Blässhühner kommen vor allem an nährstoffreichen Gewässern vor, diese ehemalige Pfütze ist offenbar nun ein nährstoffreiches Gewässer. Es gibt auch ein Entenpaar, eine männliche Stockente und eine Ente, bei der ich mir nicht sicher bin, weil sie den flaschengrünen Kopf eines Stockerpels (Stockentenerpels?) hat, aber das Gefieder darunter hat zwar das Muster einer männlichen Federzeichnung, aber das Farbschema einer weiblichen Stockente. Außer den Blässhühnern und dem queeren Entenpaar gibt es hier nur einen Jogger, zwei, drei versprengte Paare, die in der Sonne liegen und eine französische Bulldogge, die zu einem der Paare gehört, es gibt hier eigentlich fast alles nur paarweise (vorbildlich!), bis auf die Kaninchen, die hier im Pulk unterwegs sind, aber einerseits sind die wahrscheinlich eh verwandt und andererseits gehört ihnen in Wahrheit diese Stadt.

Ich frage mich, wie lange es noch dauert, bis zu viele Menschen diesen Platz kartographieren wollen. Die Frühlingssonne strahlt schon seit ein paar Tagen viel zu verführerisch für eine Welt im Lockdown und der Park ist ganz objektiv betrachtet zu voll, Menschen sonnen sich in aufgeklappten Kofferräumen und auf dem Wall vor Ikea. Wahrscheinlich treten sich hier schon bald die Sicherheitsabstände gegenseitig auf die Füße, aber in meinen wildesten Träumen sehe ich, wie sie das Bauprojekt, was hier eigentlich entstehen sollen, einfach canceln und wir dieses Stück Stadt auch offiziell wiederbekommen. Wobei, wie gesagt, eigentlich gehört es ja den Kaninchen.