Pommes und Perspektiven

Ich denke immer noch an die Pommes, die ich gestern gegessen habe. Die ersten Pommes aus einer echten Fritteuse, die ersten Pommes seit drei Monaten, die keine traurigen Labbergestalten aus meinem Backofen waren. Wellenschnitt, Pommesgewürz mehr als ausreichend, dazu Falafel und Salat. Die Falafel reichten bis heute Mittag, es waren auch meine ersten seit drei Monaten. Während ich im Dönerladen auf meine Bestellung wartete, sprach der Verkäufer mit einem anderen Gast über das Geschäft, das langsam wieder anlief, endlich. Mich nannte er „meine Beste“, und ich habe immer noch ein schlechtes Gewissen, dass ich seit Februar nicht ein einziges Mal da gewesen war. Was für ein verschlumpfter Zustand war das in den letzten Wochen, der mich meine Ernährungsprioritäten derart schleifen lassen hatte?*

Meine letzten Pommes vor der Krise hatte ich irgendwo an der Holtenauer Straße nach einer Veranstaltung im Literaturhaus, bei der Lea Sauer und Simoné Goldschmidt-Lechner aus der sehr schönen Anthologie Flexen. Flâneusen* schreiben Städte gelesen haben und darüber sprachen, wie weibliche, queere oder BIPoC-Perspektiven auf Städte aussehen können. Ich radelte satt von den Pommes und hungrig nach exzessivem Flexen nach Hause, und gut eine Woche später war alles dicht. Vergangenen Mittwoch hatte ich dann die Ehre, selbst im Literaturhaus zu lesen, zusammen mit Joshua Groß, der aus seinem Roman Flexen in Miami las. Wieder was mit Flexen, mit 48 Stunden Verzögerung auch wieder Pommes im Anschluss, wäre ich abergläubisch, würde ich behaupten, dass sich hier gerade ein ganz großer und wichtiger Kreis geschlossen hat. Ob das in Echt irgendwas magisches erzeugt oder mein Schicksal positiv beeinflussen wird, kann ich nicht sagen, außer: Mein Feuerzeichen steht wieder im Sternbild Fritteuse, hat aber auch den Aspekt eines Spaziergangs (ich muss mich in astrologischer Terminologie noch etwas üben).

*Ich kann es übrigens nicht leiden, wenn sich Leute Dönerbuden oder -verkäufer*innen gegenüber abfällig verhalten und mir deswegen irgendwann mal vorgenommen, möglichst oft dort zu essen und mich so normal, nett und respektvoll zu verhalten, dass es das Fehlverhalten der anderen Gäste irgendwie ausgleichen würde. Außerdem wohne ich seit fast sieben Jahren am sogenannten Dönerdreieck und als ich hier hergezogen bin, war ich 24 und ziemlich oft traurig und verunsichert; klassischer Fall wohl von Quarter Life Crisis. Döner oder Pommes holen ging ich meist sonntags, denn dann war ich nicht nur traurig und verunsichert, sondern oft auch verkatert. Die unübersichtliche Wartesituation in meinem bevorzugten Dönerladen verunsicherte mich meist noch mehr, aber entgegen meiner Befürchtungen wurde ich nie übersehen und ging nie versehentlich mit der falschen Bestellung nach Hause. Und so gelangte ich irgendwann zu der Erkenntnis: Wenn ich es regelmäßig schaffte, bei Dostlar Falafel im Fladenbrot nur mit scharfer Sauce (ich ernährte mich damals vegan, oder versuchte es zumindest) zu bestellen, dann war ich vielleicht doch nicht so verloren, wie ich mich manchmal fühlte.

My Schleimpilz Diaries

In der Rosmarin-Pflanze aus dem Supermarkt lag schon länger etwas grünes auf der Erde, aber ich registrierte es immer nur aus dem Augenwinkel. Wahrscheinlich nur ein heruntergefallenes Blatt von den umliegenden Pflanzen, oder vielleicht sogar ein neuer Trieb! Ich habe den Rosmarin Anfang März gekaut, und dass er als Supermarktpflanze überhaupt so lang überlebt, wundert mich so sehr, dass ich seine neue Bodenbegrünung gar nicht so sehr hinterfrage. Erst, als ich neulich beim Aufräumen ein paar Pflanzen hin und her schob, entdeckte ich, was sich dort ausgebreitet hatte: Kein heruntergefallenes Blatt, eher eine Art grüner Fladen mit trichterförmigen Löchern, für die sonstige Textur der Oberfläche habe ich bis heute keine Worte. Entsprechend schwer war es, per Suchmaschine herauszufinden, was das sein konnte (kann bitte endlich jemand Shazam für Gewächse entwickeln?). „Grünes Ding Boden Erde Topf Rosmarin Supermarkt“ brachte kein aufschlussreiches Ergebnis. Ich machte also ein Foto und teilte es bei Instagram. Dort bekam ich den Hinweis, es könne sich um einen Schleimpilz handeln, die würden vor allem auf zu stark gegossenen Pflanzen bestens gedeihen. Vorsichtig befühlte ich die Erde im Topf, da, wo das grüne Ding nicht lag. Sie war deutlich zu nass. Ich googelte kurz „Schleimpilz“, las nur die erste Zeile des Wikipedia-Artikels („Die Schleimpilze (Mycetozoa oder Eumycetozoa) sind ein Taxon einzelliger Lebewesen, die in ihrer Lebensweise Eigenschaften von Tieren und Pilzen …“), topfte den Rosmarin sofort um und verbannte ihn auf den Balkon. Die alte Erde mit dem mutmaßlichen Schleimpilz entsorgte ich im Biomüll. So schleimig kam er mir gar nicht vor, dachte ich, als ich einen letzten Blick auf ihn warf, die Oberfläche sah bei genauerem Hinsehen eher moosig aus, aber sicher ist sicher. Besser weg damit.

Dem Rosmarin scheint es auf dem Balkon genauso gut zu gehen wie auf der Fensterbank. Er hat einige neue Blätter (oder Nadeln?) bekommen und keinerlei trockene Stellen. Als ich mir gestern jedoch für mein Mittagessen ein bisschen von ihm abzupfte, bemerkte ich: Auf der Erde im Topf wuchs etwas grünes, nur etwas mehr als stecknadelkopfgroß, aber der Farbton und die Textur kamen mir erschreckend bekannt vor.

Suburgatory Bike Rallye

Das Fitnessstudio hat wieder auf, aber ich traue mich noch nicht wieder hin (u.a. wegen der Drosten-Podcast-Folge über Superspreading), habe aber das irrationale Bedürfnis, irgendwie fit zu bleiben, bin also Fahrrad fahren gewesen. Habe folgendes gesehen/erlebt/festgestellt:
– In Kronshagen ist man sich zu fein für herkömmliche Friseurladen-Wortspiele, aber nicht für: ARTelier.
– Habe augenscheinlich zwei LED-Emojis auf Geschwindigkeitsanzeigetafeln den Tag gerettet, indem ich sie mit zahmen 18 und 20 km/h passiert habe. Der dritte Emoji, an dem ich vorbeigefahren bin, hatte leider schon Feierabend.
– Suchsdorfer Spaziergänger*innen mustern ortsteilfremde Menschen misstrauisch (kann aber auch nur so ein Gefühl gewesen sein). Die Mufflons im dortigen Wildgehege hingegen haben mich keines Blickes gewürdigt.

Mein Leben als Blob (1)

„Hast du schon gesehen, dass du das Aussehen deines Avatars ändern kannst?“ Das habe ich schon bei meinem ersten Besuch im Museum of Other Realities, aber ich verstehe erst jetzt, wie es funktioniert. Und so stehe ich vor einem Spiegel, links und rechts neben mir liegen verschiedene geometrische Figuren, die ich anprobieren und deren Größe und Farbe ich verändern kann. Dazu gibt es einige Hebel und zwei Farbspektren, eines für den Grundton, ein weiteres für das andersfarbige Highlight, das hier mein Gesicht ersetzt. Und so probiere ich mich durch die Figuren, von Trapezen über Rhomben hin zu Formen, für die ich in der Schule keinen passenden geometrischen Ausdruck gelernt habe. Zwischendurch bemerke ich, dass M. den Raum betreten haben muss, vielleicht schon vor einer ganzen Weile. 
„Guck mal, wie ich aussehe“, sage ich. 
„Ja“, antwortet M., „Ich seh schon.“ 
„Ich weiß nicht, das passt irgendwie nicht“, länglich und kirschrot mit einem tropfenförmigen Kopf drehe ich mich vor dem Spiegel. „Ich versuch nochmal was anderes, das passt doch gar nicht zu mir.“
„Ich lass dich mal“, sagt M. und geht.
Ich betätige die Hebel noch einige Male und lange schließlich in einer Form, die mir zusagt: Drei gestapelte Donuts, der in der Mitte ein bisschen dicker als die übrigen, darauf ein runder Kopf. Mein neuer Körper bekommt eine schlumpfenblaue Oberfläche und ein zitronengelbes Gesicht. 

Die Gruppe, mit der ich am Eingang verabredet bin, ist noch nicht da, also übe ich noch ein wenig meine neuen Fortbewegungsmöglichkeiten: Ich kann mich teleportieren, langsam und ein wenig schneller schweben. Ich soll auch meine Größe verändern können, was dazu dient, die Exponate im Museum aus einer anderen Perspektive betrachten zu können, aber ich habe noch nicht raus, wie das funktioniert. Immerhin weiß ich schon, was passiert, wenn ich mich verlaufen habe oder irgendwo hängen geblieben bin: Einfach den Teleporter auf die Decke richten und ich lande wieder im Eingangsbereich. Dort tauchen nun nach und nach die anderen aus der Gruppe auf: Ein blaues Trapez, eine konische Figur in Magenta und noch eine Stapelfigur, allerdings in Gelb. Ein orangefarbener Tropfen mit einem Würfel als Kopf winkt mir zu und lädt mich ein, mich der Gruppe anzuschließen. 
„Hörst du uns?“, fragt der Tropfen.
Ich nicke und versuche, mit meinen blockförmigen Händen ein Daumen-Hoch-Zeichen zu machen. Die anderen scheinen mich zu verstehen. 
„Dann geht es jetzt los!“, sagt der Tropfen und deutet auf ein hellgraues Rechteck an der Wand, das ein Tor zu sein scheint. „Wir gehen erstmal hier lang.“ 
Die anderen teleportieren sich durch das Tor, was bei mir nicht funktioniert. Der Teleporter zeigt mir ein rotes X, als ich auf das graue Rechteck zeige. Ich versuche also die Schwebefunktion. Als ich das Rechteck erreiche, wird alles um mich herum erst dunkel, dann bunt. Dann stürze ich ins Nichts.

Panic! on the Sidewalk

Es ist plötzlich so warm geworden, was mich eigentlich nicht verwundern sollte, weil es ja schon fast Juni ist, also fast der Monat, in dem der längste Tag im Jahr ist, aber ich bin trotzdem überrascht, dass es in einer handelsüblichen Jeans zumindest in der Sonne irgendwie zu warm ist. Vielleicht bin ich auch überrascht darüber, dass sich nach den vergangenen 3-13°C warmen heiter bis wolkigen Tagen voller Zahlen und Kurven und Interviews und Podcasts und Zuhausebleiben doch irgendwas ändert, das ich mit meinem eigenen Körper nachprüfen kann (und auch gern tun will). Woran ich mich nie wieder gewöhnen können werde: Dass meine Abneigung gegen allzu viel Kontakt und Nähe zu zufälligen Menschen plötzlich doch nicht mehr salonfähig ist. Ich spaziere heute durch eine Straße, in der einige Geschäfte offenbar vergessen wurden. Das ehemalige Büro eines Kammerjägers trägt seit vielen Jahren eine riesige Nahaufnahme von einer Wespe, eine Rattenfamilie und die Bäuche einiger Kakerlaken als Fensterschmuck, aber Spuren menschlicher Benutzung kann ich nie erkennen, wenn ich daran vorbeilaufe. Wie soll ich die Bilder auf dem Fensterglas interpretieren: „Diese Schädlinge entfernen wir für Sie!“ oder „Wir waren so lange nicht hier, dass diese Tierarten nun überhand genommen haben!“? Deutlich mulmiger wird mir, als ich an einem Antiquitätenladen vorbeilaufe, vor dem ein Transporter halb auf dem Fußweg parkt, wo auch der Ladenbesitzer mit ausgestreckten Beinen auf einem Korbstuhl sitzt, ein weiterer Mann über einer Wühlkiste kniet und eine ältere Dame mit Gehstock einen gigantischen Wendekreis einschlägt, um über eine kleine Kellertreppe in das innere des Ladens zu gelangen. Keine Chance, hier mit genügend Sicherheitsabstand vorbeizukommen. Ich bleibe stehen und hoffe, dass mich niemand anspricht, oder anschnackt, denn die Leute vor dem Geschäft sehen aus wie Leute, die gern andere Leute anschnacken. Nach drei Monaten legitimer Distanzhaltung sind mir jegliche soziale Kompetenzen zum angeschnallt werden abhanden gekommen. Ich betrachte eine Milchkanne aus Kupfer und hoffe, dabei nicht gesehen zu werden, ich will nicht einmal sagen müssen, dass ich mich nur umschaue, ich schaue mich ja eigentlich auch gar nicht um, ich warte nur darauf, dass ich weitergehen kann, ohne hier irgendjemandem zu nahe zu kommen. Brauche ich so eine Kanne? Na ja, ich habe eh kein Geld dabei. Als die Dame mit dem Gehstock auf der ersten Treppenstufe angekommen ist, nehme ich meinen Mut zusammen und schlängele mich an dem Ladenbesitzer und dem Kistentaucher vorbei. „Immer langsam!“, sagt einer von den beiden zu der Dame. Ich glaube, mich haben sie gar nicht gesehen.

Urlaub im Speckgürtel (2)

[21.5.2020]

In der Lokalzeitung steht: „Cliquenbildung ist verboten“, also fallen die Bollerwagentouren sogenannter Väter in diesem Jahr aus (zumindest in Niedersachsen). Es ist also ein ruhiger Himmelfahrtstag in der Lüneburger Heide. Was trotzdem gefährlich ist: „Plopp machen“, also Steine ins Wasser werfen, sagt jedenfalls mein sehr kleiner Neffe. Was eigentlich viel gefährlicher ist: Die Wassertemperatur an dem Bach, an dem wir unsere Füße ins Wasser halten wollen. Die anderen Kinder am Bach kümmert das natürlich überhaupt nicht. Stürze ins Wasser werden einfach hingenommen, nasse Unterhemden absichtlich in den Matsch am Ufer geworfen. Die Eltern stehen resigniert am Rand des Geschehens und haben nichts mehr zu sagen außer „Wir wollen los!“, was ungehört zwischen den Baumwipfeln verhallt. Ich trage heute zum ersten mal im Jahr eine kurze Hose und lege den Grundstein für die sommerliche Dauerverdreckung meiner Füße.

Werbeblock (diesmal audiovisuell)

Ich hätte gar nicht damit gerechnet, in nächster Zeit überhaupt mal irgendwo aufzutreten, aber dann war ich tatsächlich auf der Kieler Nachrichten-Bühne und habe unter anderem über meine Animal Crossing-Fails sprechen dürfen. Es war sehr spaßig, die Akustik war toll und ich hatte sogar so ein fernsehmäßiges Anclip-Mikro! Das Video und auch einen sehr netten Artikel findet ihr hier.

Urlaub im Speckgürtel (1)

[19.5.2020]

Ich habe eine Woche Urlaub genommen, weil ich einen langen Text zu Ende schreiben will, und damit es sich wenigstens ein bisschen nach einer Mischung aus Urlaub und Schreibklausur anführt, habe ich eine der wenigen Fernreisemöglichkeiten in Anspruch genommen, die in diesen Zeiten unkompliziert funktionieren: Ich bin zu Besuch in meiner alten Heimat, die je nach Perspektive entweder im Speckgürtel von Hamburg oder in der Lüneburger Heide liegt. Die Reise hierher war fast ein bisschen gespenstisch: Bahnfahren mit genau drei weiteren Mitreisenden im Waggon, kriminellen Gefühlen beim sehr sehr kurzen Abnehmen des Mundschutzes zwecks Kaugummi-Entsorgung und einem Hamburger Hauptbahnhof, der um 18 Uhr so leer war wie sonst nur nach 23 Uhr. Es ist nun 12 Uhr Mittags und ich habe noch nicht eine sinnvolle Zeile geschrieben, dafür aber den Wikipedia-Artikel über den Ort gelesen, in dem ich nun bis Sonntag verweilen werde. Holm-Seppensen, wo ich gerade bin, wurde gegründet, nachdem sich Holm und Seppensen im Jahr 1901 nicht einigen konnten, wer den Bahnhof an der Heidebahnstrecke bekommen sollte. Den Kompromiss, einfach einen Bahnhof in der Mitte zu bauen, finde ich ziemlich fair. Allerdings frage ich mich, ob es den Holmer*innen und Seppenser*innen nie sauer aufgestoßen ist, dass sich Holm-Seppensen mittlerweile zu einer Mini-Metropole gemausert hat, während Holm und Seppensen wegen ihrer Bahnhofslosigkeit völlig unauffällige Dörfer geblieben sind, die man eigentlich gar nicht bemerkt, wenn man durch sie durchfährt. To be fair: Holm hat immerhin einen schönen alten Gutshof und die Hoheit über die Freiwillige Feuerwehr von Holm, Seppensen und Holm-Seppensen und in Seppensen gibt es einen Schmetterlingspark und ein kleines Freilichtmuseum. Das soll hier nicht unsichtbar bleiben!

RIESEN FAIL

Am 22. April habe ich hier von meinem „Leben als Aussteigerin“ berichtet und von dem Schuldenberg, den ich bei einem digitalen Waschbären namens Tom Nook angehäuft habe:

Bei einem anderen Waschbären stehe ich knietief im Dispo und zwar für den Flug zur Insel, das Zelt und das Grundstück, auf dem dieses Zelt steht plus Gebühren, 48.000 Geldeinheiten, ich weiß nicht, ob er mich abgezockt hat, aber ich habe zugestimmt, dass ich ihn auch mit Bonuspunkten aus einem obskuren Bonuspunktesystem ausbezahlen kann. Wann das passieren wird: vermutlich nie (das Nashorn und der Bär, die auch auf meiner Insel wohnen, haben längst auf Holzhütten umgesattelt).

Mein dezenter Sozialneid auf meine Inselnachbar*innen klang ja da schon durch die Klammern, aber ich lief trotzdem noch drei weitere Wochen mit einer improvisierten Angel und einem Kescher aus Stöckern über meine Insel, grub Fossilien aus, pflückte kiloweise Äpfel und verkaufte sie, pflanzte ein ganzes Meer aus Blumen und so viele Bäume, dass ich nur noch Slalom laufen konnte, baute tausend kaputte Werkzeuge neu und schlief natürlich weiterhin im Zelt, um eines Tages meine Schulden bei dem bonzigen Waschbären abbezahlen zu können. Erst als eine Freundin vor zwei Tagen (!) auch ins Inselbusiness einstieg und mir HEUTE erzählte, sie habe nun ihren ersten Kredit abbezahlt und direkt einen neuen FÜR EIN HAUS aufgenommen, erhärtete sich mein Verdacht, dass irgendwas in meiner insulären Finanzplanung falsch gelaufen sein musste. Oder gab es bei Animal Crossing tatsächlich die Funktion „Soziale Ungleichheit wie im echten Leben“ und ich hatte sie nur nicht ausgestellt?

Nein, es stellte sich heraus: Ich hatte bei Tom Nook Schulden in Höhe von 48.000 sogenannten „Sternis“ oder 5.000 Nook-Meilen, weil ich mich ja für dieses obskure Bonuspunktesystem angemeldet hatte (ich glaube, das geht gar nicht anders). Irgendwie hatte ich wohl überlesen, dass es einen Wechselkurs gibt, und im Schweiße meines digitalen Angesichts auf 48.000 Nook-Meilen hingearbeitet (das entspricht ungefähr vier Wochen harter Inselarbeit, von der man sich nachts im Zelt jawohl kaum erholen kann). Zwischendurch staunte ich über die Animal Crossing-Prunkbauten in meiner Twitter-Timeline und fragte mich, wie viele Stunden diese Menschen wohl in dieses Spiel investiert haben mussten, aber ich habe auch das nie hinterfragt. Warum denn auch? Es war ja Lockdown, und die Leute hatten vermutlich einfach Zeit.

Anyway: Meine Schulden bei diesem dreckigen Abzocker-Waschbären sind nun bezahlt und morgen habe ich ein Haus auf meiner Insel. Bleiben nur noch die Scham über meine extreme Nintendo-Inkompetenz (anders kann man es wohl nicht nennen) und außerdem die Frage: Wieso hat mich niemand aufgeklärt?!

Spontanvegetation

Ich öffne dieses Textdokument, weil ich eigentlich wieder einmal meinem Unbehagen gegenüber WURZELN Ausdruck verleihen wollte, aber noch während ich die notwendigen Klicks mache, fällt mir auf, dass SAMEN eigentlich mindestens genauso unaufhaltsam in ihrer Verbreitung sind. Vor ein paar Monaten habe ich ein Bananenpflanzenkind von seiner Mutter getrennt und in einen eigenen Topf gepflanzt. Einige Wochen nach dieser Umtopfaktion bemerkte ich, dass in diesem Topf Unkraut wuchs, oder Spontanvegetation, wie der gärtnerisch korrekte Ausdruck lautet. Ich war erstaunt, der Blumentopf stand schließlich drinnen, es war Februar, das Gewächs konnte eigentlich gar nicht existieren, also unternahm ich nichts, teils aus Neugier, teils aus Faulheit.

In besagtem Blumentopf befinden sich nun eine eher kleine Bananenpflanze, deren Blätter an manchen Stellen schon ein bisschen bräunlich sind, und eine knapp 70 cm hohe Kornblume, die sich bester Gesundheit erfreut. Ich weiß nicht, wie üblich es ist, Kornblumen als Topflanzen zu haben, finde es aber eigentlich ganz hübsch. Vermutlich wird es auch nicht die letzte Kornblume sein, die den Weg in mein Wohnzimmer findet, denn wie ich gestern feststellen musste, stand der Sack mit der Blumenerde den ganzen Winter über offen auf dem Balkon unter einem Hängetopf mit verblühten Kornblumen, die ich aus Faulheit nie entsorgt habe. Ich denke, die Verbreitungskette ist hiermit zumindest geklärt.