Her mit dem Winterschlaf!

Es ist die Zeit im Jahr, die mir nach einem längeren Aufenthalt an der frischen Luft für den Rest des Tages ein rotes Glühgesicht beschert. Ich reagiere darauf, in dem ich beginne, in der ganzen Wohnung kleine Häufchen aus langsam vertrocknenden Mandarinenschalen zu verteilen. Womit ich aktuell sehr beschäftigt bin: Meinen Teil zum Wellenbrechen beitragen, also Sofa statt Menschen, womit ich durchaus gut zurechtkomme, nur dass mir die Körperspannung nach nur wenigen Tagen schon völlig abhanden gekommen ist, das irritiert mich. Ich gehe spazieren oder Rad fahren und erledige alles, was keine physische Anwesenheit erfordert, in zwei Decken gerollt von der Couch aus, scrolle durch einen Twitterfeed voller rot-blauer USA-Karten und atme das letzte Bisschen Spannung aus, als endlich verkündet wird: Der orangene Faschistenclown ist abgewählt. Gleichzeitig ziehen zehntausende sogenannte Querdenker*innen Seite an Seite mit Nazis durch Leipzig und demonstrieren für ihr Recht auf Ignoranz und Beschissenheit. Die Proteste enden in Gewalt, sogar die Polizei wird attackiert (Frage an dieser Stelle: Ist das in dieser Konstellation nicht eigentlich Friendly Fire?) und kapituliert vor der Situation, und auch hierfür kann ich keine Körperspannung mehr aufbringen, weil es mich kein Stück überrascht. Für ein kurzes, wütendes Herzrasen reicht es noch, zum Aufstehen hingegen nicht. Und so köchele ich in meinem Kokon aus Wolldecken auf niedriger Flamme vor mich hin und wünsche mir vor allem eines: Keinen Wellenbrecher-Lockdown, der so effektiv ja nicht sein kann, wenn es erlaubt ist, mit 45.000 Leuten auf einem Fleck komplett auf jeglichen Infektionsschutz zu scheißen, sondern eine staatlich angeordnete Winterruhe. Alle können zu Hause bleiben (Spaziergänge an der frischen Luft sind durchaus erlaubt, sogar empfohlen, aber auch durchgängiges Schlafen genießt eine breite gesellschaftliche Akzeptanz), Lebensmittel werden nach Bedarf von Drohnen vor die Haustür geliefert und im März oder April strecken wir verschlafen unsere Glieder aus und stellen fest: Es ist alles wieder in Ordnung; wir mussten nur kollektiv eine Runde schlafen; eine große Runde.

Störfälle / sich doch noch einmal umdrehen

Ich checke schon seit Jahren morgens als allererstes die Nachrichten, und zwar dank Smartphone lange, bevor ich auch nur daran denke, das Bett zu verlassen, und zwar aus einem einzigen Grund: Sollte die Apokalypse unmittelbar bevorstehen, würde ich mich gerne einfach wieder umdrehen und noch eine Runde schlafen, denn dann ist ja eh alles egal. Im zweiten Snooze-Intervall um kurz nach halb acht öffne ich Twitter und lese von der knappen Wahlkiste in den USA und dass Trump irgendwas zum Supreme Court tragen will (nur: was?). Ich bin kein Stück überrascht, dass die Prognosen nicht auf einen Erdrutschsieg für Biden hindeuten, das sind schließlich immer noch die USA, die dort wählen. Was mich hingegen unerwartet hart trifft, ist der Punkt auf der Corona-Karte, der für Kiel steht und der über Nacht auf rot umgesprungen ist. Es ist erst zwei Tage her, dass er überhaupt eine Farbe (orange) bekommen hat, aber das ist wohl dieses exponentielle Wachstum, mit dem wir es noch eine Weile zu tun haben werden. Immerhin stellt sich die Entscheidung für einen Hund in meinem Leben jetzt schon als eine sehr gute heraus, denn es gibt wenig Nachrichten, deren Einschläge im Gemüt sich nicht zumindest temporär durch ein paar Welpenfotos abfedern lassen (Statusupdate: kleine Riesenbohne ist immer noch sehr klein, verlässt aber bereits eigenständig das Körbchen; t-38 Tage=Hund).

Zur Zeit lese ich „Störfall“ von Christa Wolf, eine Erzählung, in der die verheerenden Nachrichten aus Tschernobyl in den Alltag der Erzählerinnenfigur einschlagen. Selbstredend geht es hier um mehr als kontaminiertes Blattgemüse und Pilze (die allerdings auch vorkommen). Obwohl Tschernobyl noch einmal eine ganz andere Katastrophendimension hatte als die jetzige Situation (zumindest glaube ich das als Nachgeborene), lässt sich in den Text viel aus unserer Gegenwart hinein- und über sie herauslesen. Wolf schreibt darin zum Beispiel:

„So könnte man also […] menschliche Wesen eine gewisse Zeit lang – zwanzig Jahre? fünfundzwanzig? – ein normales, ja, ein besonders reiches menschliches Leben führen lassen, mit dem Ziel, ihren Erinnerungsspeicher ‚bis an den Rand‘ zu füllen. Danach würden diese Wesen der ihnen eigentlich zugedachten Bestimmung zugeführt oder ausgesetzt: einem öden Dasein in irgendeiner Apparatur, einer unterirdischen Raketenstation, einem Weltraumschiff. Und ein Spezialist würde sie in den ihnen bekömmlichen Intervallen an den Erinnerungsstrom hängen. Liebe. Feindschaft. Erfolg. Versagen. Zärtlichkeit. Konflikte. Naturschönheit – alles würden sie, so intensiv sie können, wieder und wieder durchleben. Der tödlichen Langeweile ihres ‚wirklichen‘ Daseins könnten sie nicht zum Opfer fallen. Der Wunsch, lieber zu sterben, als ein solches Leben weiterzuführen, könnte nicht Macht über sie gewinnen. Ihr Gehirn hätte sich hinter ihrem Rücken (wie unangemessen die Sprache wird!) gegen sie zusammengeschlossen mit ihren Manipulatoren. Als Objekte der erbärmlichsten Sorte würden sie -“ (Christa Wolf: Störfall. München 1994, S. 90f.)

Die Gedanken in diesem Text enden grundsätzlich mitten im Satz, genau wie meine in diesen Tagen (daher auch keine weiteren Bemerkungen zu Störfall, außer: Lest das!), also denke ich etwas Unvollständiges und stehe auf, um mich meinem öden Dasein, also der erlaubten Produktivität hinzugeben. Durch das Blubbern des Wasserkochers dringt die Nachricht, dass Trump das Ding schon für eingelocht erklärt, obwohl es seinen Rollvorgang noch gar nicht beendet hat. Vielleicht gehe ich doch noch mal eine Runde schlafen.

Wellenbrechertag

Ein einigermaßen entsetzlicher Tag: Die Ministerpräsident:innenkonferenz trifft sich um 13 Uhr zur Ansteckung eines Wellenbrechers und es dauert einfach zu lange, bis die Frage, die für meinen Arbeitsalltag die schicksalsträchtigste ist, beantwortet wird: Müssen die Kulturbetriebe nun schließen oder nicht? In Schleswig-Holstein hieß es gestern noch: Private Kontakte herunterfahren, Kultureinrichtungen bleiben offen, aber während ich ab 14 Uhr alle 30 Sekunden den Tagesschau-Liveblog und Twitter aktualisiere, weiß ich eigentlich schon, dass Günni mit seinen Maßnahmen völlig umsonst vorgeprescht sein wird. Um 14:07 Uhr skandalisieren die ersten Großbuchstaben bei Twitter, dass ab Montag Lockdown ist (der ja per Definition gar keiner sein soll, oder doch, keine Ahnung, irgendwas mit Framing). Urheber: Bild.de. Wieso eigentlich ausgerechnet die? Um 15:07 Uhr tauchen die ersten Hinweise auf die vielen Falschmeldungen zum Lockdown auf. Aktualisieren, warten, scrollen. Immer noch kein Hinweis darauf, ob es meinen Brotberuf nächste Woche noch gibt. M. und ich philosophieren darüber, ob übermäßige Mengen Klopapier kaufen in der Natur des Menschen liegt oder ihnen einfach nur der Kapitalismus ins Hirn geschissen hat (ich plädiere auf letzteres; u.a. weil ES LIEGT ABER IN DER NATUR DES MENSCHEN SICH SO ZU VERHALTEN am Ende des Tages immer nur dazu dient, kapitalistische oder patriarchalische Verhaltensweisen zu rechtfertigen und sich nicht weiter mit seinem Fehlverhalten auseinandersetzen zu müssen). Dann verlasse ich das Haus zwecks meiner eigenen Hamsterkäufe: Tee (Grün, Yogi Chai-Gewürzmischung, Hanf) und Stempelgummi in unvernünftigen Mengen (Linoldruckplatten waren ausverkauft). Als ich wieder zuhause bin, wartet dort die Gewissheit in einem Präzisionslevel, auf das sich allein Bekanntmachungsdeutsch zu begeben vermag: ALLE VERANSTALTUNGEN, DIE DER UNTERHALTUNG DIENEN, WERDEN UNTERSAGT.

Das brennende Herz

Ich bin im Begriff, etwas zu tun, wovor alle warnen: Schaff dir bloß keinen Hund an! Trotzdem war ich Freitag Welpen angucken, wovor ebenfalls alle gewarnt haben: Mach das bloß nicht, dann nimmst du am Ende noch einen mit! (Als ob irgendeine halbwegs seriöse Person mit Welpenverantwortung einem einfach so einen Hundewelpen mitgeben würde – braucht ihr eine Tüte? Nee danke, der geht so mit. So läuft das nicht!). Das einzige, was M. und ich mit nach Hause genommen haben, waren ein paar verwackelte Fotos von einer Art gefleckter Riesenbohne mit rosa Füßen und rosa Nase. Es dauert noch 48 Tage, bis die Riesenbohne groß genug ist, um bei uns einzuziehen. Seit unserem Besuch an dem magischen Ort, an dem die Hundewelpen spawnen, sind nun knapp zwei Tage vergangen, in denen die Zahl der Corona-Neuinfektionen in Kiel von 60 auf 75 geklettert ist (kann sein, dass der Startwert am Freitag sogar erst bei 50 lag, ich weiß es nicht mehr genau). In der gesamten Bundesrepublik haben die täglichen Neuinfektionen mittlerweile einen Wert erreicht, den ich mit meinem eher schlechten Zahlenverständnis kaum erfassen kann. Ich verbringe Stunden damit, abwechselnd Erziehungstipps für Hundewelpen zu lesen und auf Diagramme mit stark exponentiell ansteigenden Kurven zu starren. Die Kieler Infektionskurve ist seit der Geburt der kleinen Riesenbohne vor 15 Tagen von einem halbwegs beruhigenden Wert auf den Wert von April geklettert. Wie steil kann sie noch werden, bevor sie sich zur vertikalen Linie verwandelt? Was natürlich aufgrund der fortlaufenden Zeitachse keine darstellerische Option ist, aber eine beruhigende Erkenntnis ist das nicht. Vor uns liegen ein noch nicht ganz aufgebrauchter Oktober, ein ganzer November und noch ein paar Tage Dezember; knapp sieben Wochen, eine Zeitspanne, über die der Trend sagt: ES WIRD ALLES RICHTIG BESCHISSEN, und ich bin kurz davor (in Wahrheit schon dabei), eine höhere Macht anzuflehen: Bitte kein Weltuntergang, so lange der Hund noch nicht da ist! (Und danach gerne auch nicht).

Eigentlich sollte ich entspannter sein, ich bin schließlich nicht schwanger während Corona, sondern warte nur auf meinen Hund, mit dem ich ja auf jeden Fall rausgehen muss/darf, egal, wie streng der nächste Lockdown wäre. Vielleicht ist es auch nur so, dass ich dieses mir bisher unbekannte Cuteness-Level in meinem Leben gegen alles Hässliche in der Welt verteidigen möchte und gleichzeitig fürchte, dass ich es nicht kann. Und so weiß ich zum ersten Mal während der Pandemie tatsächlich nicht, wie ich die Zeit bis zu Zeitpunkt X totschlagen soll, obwohl ich bis dahin eigentlich genug zu tun habe. Doch das wissen vermutlich alle, die schon einmal in prekären Zeiten auf etwas gewartet haben: Brennende Herzen sind nicht gut im Sitzen.

Die geheime Herrschaft der Pflanzen

Die Sonne ist schon längst untergegangen, als ich den unstillbaren Drang verspüre, dunklen Lippenstift aufzutragen und meine Pflanzen umzutopfen. In meinem Schlafzimmer liegt schon seit August ein ungeöffneter Sack Blumenerde, den ich nun endlich nach draußen auf den Balkon schleppe. Während ich im Schein meines kabellosen Baustrahlers zwei nicht mehr ganz so kleine, aus Supermarktzitronenkernen gezogene Zitronenbäumchen, eine sehr expansionsfreudige Buntnessel und eine ebenso ambitionierte Spuckpalme von alter Erde befreie und in größere Gefäße umsiedele, denke ich darüber nach, wieso ich es zwei Monate lang nicht einmal geschafft habe, die Erde aus meinem Schlafzimmer wenigstens auf den Balkon umzulagern, aber jetzt, um kurz vor 22 Uhr, unbedingt noch einmal alles umgraben muss. Welche Mondphase haben wir? Der Vollmond kann es nicht sein, dazu habe ich in den letzten Nächten zu gut geschlafen, aber der Himmel ist leider zu bewölkt, um das nachprüfen zu können. Vielleicht lade ich mir später eine Mondkalender-App herunter. Oder ich lege mir ein Grimoire an, in dem ich regelmäßig notiere, welche Pflanze mir wann welche Handlungen befielt. Denn, so schwant mir schon länger: Die Kontrolle über den Wildwuchs in meiner Wohnung habe ich schon lange verloren, aber vielleicht habe ich noch eine Chance, wenigstens seinen Zyklus zu durchschauen.

Deutscher Herbst 2020

Sich vor Nasen ekeln
Die Handschuhe vom letzten Winter nicht mehr finden; sich wieder daran erinnern, dass sie auf einem der ewig langen, ziellosen Spaziergänge während der ersten Welle verloren gegangen sind
Sich von einem Podcast die Medikation eines an Covid-19 erkrankten Faschisten in Regierungsverantwortung erklären lassen
Vorsichtig über vom Sturm durcheinander gewirbelte E-Scooter steigen
Keine Lust auf Zoom
„Pilzpfanne“ denken, ein diffuses Gericht mit Champignons kochen
Autos fahren mit Absicht in Demonstrierende wie in den USA (Allerdings nur ein Zwischenfall)
Feststellen: Der neue Wintermantel ist für aktuelle Temperaturen (10°C) ganz okay
Hoffnung und Befürchtung in einem: Kälter als jetzt wird es sicher nicht mehr werden

Google+

Neue Lieblingsbeschäftigung gefunden, die vermutlich auch allein, aber vor allem Corona-kompatibel mit per Discord oder Skype zugeschalteten Freund*innen viel Spaß macht: Die Anfänge von Fragesätzen in die Suchzeile von Google eintippen und die verschiedenen Auto-Vervollständigungsvorschläge bewundern. Es war eigentlich als Schreibübung gedacht: Schreibe einen Text über den ersten (oder dritten oder letzten) Vorschlag in der Liste (und beantworte ggf. die gestellte Frage). Allerdings sind die Ergebnisse der Auto-Vervollständigung so aufrüttelnd, dass wir zum schreiben kaum kommen, obwohl wir völlig neutrale Wörter in das Suchfeld eintippen (die Listen mit den Vorschlägen, die z.B. auf „Können Frauen…“ folgen, dürften ja vielleicht bekannt sein).

Wir fangen an mit: Wann wird endlich
Meine Ergebnisse:
Wann wird endlich wieder Sommer
Wann wird endlich Sommer 2020
Wann wird endlich die Maskenpflicht abgeschafft
Wann wird endlich die Maskenpflicht aufgehoben
Wann wird endlich wieder Sommer text
Wann wird endlich mit t geschrieben
Wann wird endlich die Reisewarnung in die Türkei aufgehoben

Ich finde die Naivität, die hinter dem Versuch steckt, Google eine aufschlussreiche Antwort auf „Wann wird endlich Sommer 2020“ zu entlocken, fast ein bisschen süß. Sicherlich gab es da gute und für jeden verfügbare meteorologische Prognosen, aber ich würde behaupten, dass die gewünschte Antwort gewesen wäre: Am 13. Juli, also nächste Woche. Du kannst schonmal neue Sonnencreme kaufen. In unserer Runde bin ich die einzige, die „Wann wird endlich mit t geschrieben“ in ihrer Zusammenstellung hat. Diese Frage kann ich auch ohne Google beantworten: Nie!

Nächste Runde: Wie lange sollte man
Meine Ergebnisse:
Wie lange sollte man schlafen
Wie lange sollte man stillen
Wie lange sollte man Kontoauszüge aufbewahren
Wie lange sollte man joggen
Wie lange sollte man Zähne putzen
Wie lange sollte man trainieren
Wie lange sollte man sich sonnen

Niemand von uns weiß, wie lange man Kontoauszüge tatsächlich aufbewahren sollte. In Zeiten von Online-Banking ist das eine zurecht fast ausgestorbene Papierdokumentengattung. Ich finde manchmal noch vereinzelte Exemplare davon in Kramschubladen und -kisten und müsste vielleicht mal googeln: Wie entsorgt man Thermopapier richtig? Unsere Suchergebnisse gehen fast gar nicht auseinander, nur A. hat als einzige: Wie lange sollte man Brotteig gehen lassen? Sie hat noch nie in ihrem Leben ein Brot gebacken und plant das auch nicht für die Zukunft, sagt sie ziemlich bestimmt; wir müssen ihr das glauben.

Die Ergebnisse der letzten Runde sind nahezu poetisch:
Womit macht man am meisten Geld
Womit macht man Löcher in der Wand zu
Womit macht man Männern eine Freude
Womit macht man einen Einlauf
Womit macht man Beach Waves
Womit macht man Caipirinha
Womit macht man Mojito
Womit macht man Gras klein
Womit macht man Fernseher sauber
Womit macht man Spaghettieis

Zumindest die letzte Frage kann ich aus eigenen Erfahrungswerten (traumatische 1 1/2 Monate Ausbeutung in einer Eisdiele, die es nicht mehr gibt): Was man für die Herstellung von Spaghettieis braucht

Vanilleeis (2-3 Kugeln)
Vorstellungskraft
Eine gewisse Portion Abgebrühtheit
Keinerlei Respekt vor der italienischen Küche
Erdbeersauce
Relativ viel Kraft
Weiße Schokoladenflocken in Parmesan-Optik (grob gerieben, nicht so wie das Käsefuß-Abrieb-Granulat aus der Miracoli-Packung, das es darin nicht mehr gibt)
Eine Spaghettieis-Quetsche (so ähnlich wie eine Knoblauch-Presse, nur in groß)
Einen Stromanschluss.


Spooktober

Ich bin jedes Jahr überrascht, wenn sich das spätsommerliche Mittelmaß des Septembers im Oktober tatsächlich in echten Herbst verwandelt. Auf dem Weg zum Bäcker trage ich meinen neuen Wintermantel, für den es vor ein paar Tagen noch zu warm war, eine Jogginghose, die ein bisschen zu dünn ist, Socken mit Weihnachtsmuster und eine ausgeleierte Mütze auf meinen Haaren, die nach dem Aufstehen völlig unangetastet geblieben sind (und auch den übrigen Tag bleiben werden). Die Luft riecht nach Schnee, über den die Leute sagen, dass er nicht liegen bleiben wird. Die Schlange bei Bäcker Günther im Kronshagener Weg reicht bis in die Metzstraße und dort fast bis zum ersten Dönerladen am Dönerdreieck (was ein bisschen übertrieben ist, eigentlich sind es nur drei oder vier Leute, die noch in der Metzstraße stehen). Die Corona-Karte von der ZEIT, die ich hin und wieder anschaue, vermeldet, dass es in der vergangenen Woche 23.682 Neuinfektionen gab. In Kiel sind es zwar nur 10 (4,1 je 10.000 Einwohner*innen), aber damit das so bleibt, darf nur noch eine Person zur Zeit in den Bäckerladen, in dem es für mehr als zwei Personen ohnehin zu klaustrophobisch ist. Ich bin neidisch auf die anderen Jogginghosen in der Schlange (dickerer Stoff, rot-blau-weißes Muster mit Adidas-Streifen, die Bündchen an den Füßen nicht ausgeleiert).

Wenn ich zu diesem Bäcker gehe, komme ich normalerweise vom Westring und gehe auf dem Rückweg durch die Metzstraße zurück, um nicht zweimal denselben Weg zu laufen, aber der Fußgängerweg in der Straße ist so eng, dass ich heute ausnahmsweise über den Westring zurückgehe. In einem Fenster im Erdgeschoss sitzt eine Katze, die mich abschätzig mustert, als ich daran vorbeigehe. Sie ist dunkelgrau mit einer weißen Brust und hat Vampirzähne (vielleicht als Vorbereitung auf Halloween). Andere Fenster im Erdgeschoss sind mit Spitzengardinen verhangen, die vermutlich nur zum Fensterputzen aufgezogen werden. Zwischen den Vorhängen und den Fensterscheiben stehen nicht immer, aber oft Deko-Katzen, -Eulen, -Schweine und -Frösche auf der Fensterbank. Ich wundere mich jedes Mal darüber, dass die Gesichter dieser Keramiktiere zur Straße gewandt sind, aber heute fällt mir eine Antwort ein: Weil die Besitzer*innen dieser Dekorationsartikel sie aufgrund der immer zugezogenen Spitzengardinen nie zu Gesicht bekommen, schauen sie auf die Straße und nicht in die Wohnzimmer, in denen sie eigentlich stehen. Die Deko ist also für die Flaneusen, die im Vorbeigehen in die Fenster schielen. Eigentlich eine süße, fast selbstlose Geste – aber warum sind es immer nur Porzellantiere, deren kalte, leere Augen uns kalte Schauer über den Rücken jagen?

Zurück auf die Insel

Am schlimmsten ist es eigentlich, wenn die Gegenwart gleichzeitig so arbeitsintensiv ist, dass ich nicht zum schreiben komme, und dazu noch so viele entsetzliche und gleichzeitig wenig überraschende Dinge passieren (Moria, rechte Netzwerke in der Polizei, zweite Welle, etc.) passieren, dass ich auch gar nicht wüsste, wo ich anfangen sollte. Das Einzige, was hilft: Zum ersten Mal seit Wochen wieder auf meiner Animal Crossing-Insel vorbeischauen. Ich weiß gar nicht so recht, warum ich so lange nicht da war, schließlich hatte ich Anfang August endlich meine heiß ersehnte Baulizenz in der Tasche. Naja, vielleicht weiß ich es doch. Ich erinnere mich noch an das überschwängliche Herumgebuddel, neue Plateaus, umgeleitete Flüsse und das anschließende Verwerfen aller Änderungen. Meine Insel war doch eigentlich schon ganz okay so, wie sie war, viel Strand, drei Hügel, ein Fluss, ein Teich und eine völlig außer Kontrolle geratene Tulpenplage aus der Zeit, als ich noch dachte, ich würde Insel-Mogul Tom Nook noch 50.000 Nook-Meilen schulden, die ich durch exzessives Gärtnern verdienen könnte. Fuck it, dachte ich eine Sekunde später und beseitigte die komplette Vegetation auf Hügel Nr. 3, um dort einen Freizeitpark zu bauen (in touristisch kluger Nähe zu meinem Natur-Campingplatz). Als ich fertig war, traf ich auf einen Inselbewohner, der mich über seine Umzugspläne informierte; er suche neue Herausforderungen und außerdem sei es ihm hier einfach zu voll. Ich dachte an das Grundstück, das ich für ihn ausgesucht und die Provision, die ich dafür bekommen hatte. Ich hatte es geschafft: Ich hatte die Insel gentrifiziert. Dann flog ich auf eine andere Insel, um dort meine Rüben für 500 Sternis zu verkaufen und rodete auf drei weiteren Inseln ganze Wälder, weil ich wusste, dass es für mich oder für das dortige Ökosystem keinerlei Konsequenzen haben würde. Willkommen im Kapitalismus, sagte eine Stimme in meinem Kopf, und ich fühlte mich schmutzig.

Heute war ich allerdings so verkatert (zwei Gin Tonic, aber auch ein 12-Stunden-Arbeitstag an einem Samstag – das dass in Zeiten von Corona in der Kulturbranche überhaupt geht), dass ich auf der Couch festklebte und Animal Crossing als fast einzige Beschäftigungsmöglichkeit in Reichweite war. Nach meiner zweimonatigen Abwesenheit hatte ich nun Ungeziefer im Haus und eine ganze Menge Unkraut zu jäten. Den anderen Inselbewohner*innen ging ich lange aus dem Weg (allerdings hatte ich mit der Obsternte auch viel zu tun und keine Zeit für Smalltalk) und besuchte sie später doch noch in ihren kleinen Häusern, in denen keiner von ihnen je ein zweites Zimmer angebaut hatte (bin ich die einzige kreditwürdige Person auf dieser Insel?). Sie zeigten sich besorgt und entsetzt über mein langes Fehlen, Du kannst doch nicht einfach abhauen und niemandem Bescheid sagen, wir haben uns Sorgen gemacht!, aber am Ende freuten sie sich doch, mich zu sehen. Ich stellte einigen von ihnen völlig überflüssige Tulpen vor die Tür und fühlte mich ein bisschen schlecht, aber immerhin: Diesmal wegen Sozialversagen und nicht wegen Raubtierkapitalismus (bin allerdings gespannt, ob ich wieder Provision bekomme, wenn jemand das leerstehende Haus kauft).

Wie lange verschiedene Dinge in Deutschland dauern

(Stand: August/September 2020)

15 Sekunden, bis die Lichtnahrung aus Udos Kühlschrank absorbiert und der Werbespot vor dem nächsten Youtube-Video zu Ende ist.

6 Stunden und 33 Minuten, um mit dem Auto von Stuttgart nach Berlin zu fahren.

5 Minuten, bis Susanne beim Meditieren auf der Straße im Schneidersitz die Beine einschlafen.

150 Millisekunden, bis Auge und Gehirn den schwarz-weiß-roten Stofflappen, der über den Köpfen der Demonstrierenden weht, als Reichsflagge identifiziert haben.

300 Millisekunden, bis sich das Gehirn aus Gewohnheit und Bequemlichkeit dazu entscheidet, sich weder an dieser Flagge und noch an allen anderen einschlägigen Symbole und deren Träger*innen zu stören.

„Ein bis zwei Minuten“: Das Zeitfenster, in dem drei Polizisten genau diese Menschen davon abhalten müssen, die Reichstagstreppe zu besetzen.

10 Sekunden: Das Zeitfenster, in dem sich bei einem Polizeieinsatz wegen eines mit dem E-Scooter auf dem Gehweg fahrenden 15-Jährigen die Anzahl der Polizist*innen verdoppelt (von 4 auf 8) und sie ihn vollständig eingekreist haben. Bis der erste Polizist dem Jungen ins Gesicht schlägt, dauert es weitere 5 Sekunden.

6 Tage, bis der Verfassungsschutz feststellt, dass auf der Demo gegen die Corona-Auflagen am 29.8.2020 in Berlin doch ziemlich viele Rechtsextreme waren.