Plot Twist

„Sie hatten ja so viel Endometriose, wir mussten doppelt so lange operieren wie geplant!“ Wieder und wieder kriecht dieser Satz durch mein inneres Ohr, als ich langsam aus der Narkose aufwache. Endometriose, puh, das muss ich geträumt haben, Das Wort PILLE geistert außerdem noch durch meinen Kopf, und: LANGZEITZYKLUS, jaja Unterbewusstsein, denke ich, so ein Mumpitz, das kommt davon, wenn man jahrelang Symptome googelt, aber trotzdem zu selten zum Arzt geht. „Auf einer Skala von 1-10, wie stark sind ihre Schmerzen?“, fragt eine Pflegerin, und ich antworte „Drei“, weil das die einzige Zahl ist, die mir gerade einfällt. „Ist ihnen übel?“, fragt sie außerdem. Ich habe keine Ahnung, ob mir übel ist, es ist alles zu verschwommen, um irgendeine Frage korrekt zu beantworten, meine Brille ist noch im Rucksack und ich bin vermutlich im Aufwachraum. „Ja, ein bisschen“, sage ich vorsichtshalber. Die Pflegerin drückt mir eine Spucktüte in die Hand und geht zum Patienten neben mir. „Hat irgendwer zu mir irgendwas wegen Endometriose gesagt?“, frage ich sie, als sie mich zum dritten Mal irgendwelche Schmerzwerte abfragt. Sie schüttelt den Kopf. „Ich überwache hier nur Ihre Vitalzeichen“, sagt sie achselzuckend. Dann werde ich auf mein Zimmer geschoben.

Es dämmert schon, als eine Ärztin das Zimmer betritt. Sie lässt sich erschöpft auf die Fensterbank neben meinem Bett fallen, die Haare zerzaust. Muss ein langer Tag gewesen sein. Meine Brille habe ich mittlerweile wiederbekommen, aber es ist vor allem ihre Stimme, die ich wieder erkenne. „Sie hatten ja so viel Endometriose, wir mussten doppelt so lange operieren wie geplant!“, sagt sie. Dann habe ich es doch nicht geträumt. Sie zählt alle Orte auf, an denen sie Endometrioseherde gefunden hat, ich kann ihr kaum folgen, bin noch ein wenig benommen. „Eine Zyste haben wir auch entfernt“, beendet sie ihren Bericht. „Ja, wegen der war ich hier“, sage ich. Sie ignoriert mich und fährt fort. „Jedenfalls würde ich Ihnen empfehlen, die Pille im Langzeitzyklus zu nehmen, damit sich keine neuen Herde bilden. Außerdem kommt Montag der Sozialdienst, mit dem sie dann ihre Reha planen können.“ Reha? „Da kann man viel machen, vor allem mit Ernährung und Sport.“ Ich weise sie darauf hin, dass ich Montag ja eigentlich schon weg bin, ich sollte doch nur eine Nacht stationär bleiben und dann nach Hause, aber dann fällt mir auf, dass aus meinem Bauch ein Schlauch zu einem unappetitlich aussehenden Plastikbeutel führt und ich mit dem linken Arm an einem Tropf hänge. Die Ärztin schüttelt nur den Kopf. „Nee nee“, sagt sie. „Sie kommen erst hier raus, wenn sie ihre Drainage nicht mehr brauchen. Und wenn Sie Stuhlgang hatten.“ Herrgott, denke ich, das ist ja wie bei Feuchtgebiete. Sie verabschiedet sich und geht geht, und ich starre an die Decke und hoffe, dass aus dem Tropf wenigstens irgendwas bewusstseinserweiterndes in meine Venen läuft (in Wahrheit ist es bloß Kochsalzlösung).

Und: Action!

Den Pfleger, der mein Bett und mich von der Station abholt und in Richtung OP schiebt, kann ich nicht genau erkennen, weil ich meine Brille schon ablegen musste. Er hält mir eine Tablette und ein Glas Wasser hin und sagt, dass es jetzt losgeht. Durch meinen -5-Dioptrien-Schleier kann ich erahnen, dass er etwa 2×2 Meter groß, glatzköpfig und tätowiert ist. Sein Bettenfahrstil verrät ähnliches. Er schiebt mich in einen Raum, den er „Holding“ nennt, parkt mich links neben der Eingangstür, klippt mir ein Pulsmessgerät aus Silikon an den Zeigefinger, schaltet den Computer neben mir ein. „Und: Action!“ sagt er und verlässt den Raum.

Ich versuche, meine Herzschläge auf dem Monitor rechts neben meinem Kopf zu erkennen, aber ohne Brille: keine Chance. Lässt sich daran ablesen, ob die Tablette von eben schon wirkt? Ich könnte nicht sagen, ob ich entspannt bin. Eigentlich zappele ich hauptsächlich deshalb nicht, weil ich mich nicht traue. Was, wenn dann mein Blutdruck zu hoch ist und sie mich doch nicht operieren wollen? Ich will doch nur die blöde Zyste loswerden. Also bleibe ich regungslos liegen, beobachte die verschwommenen Farbkleckse um mich herum, belausche die Gespräche, die Felipe, Chef der Holding, am Telefon führt. Er klingt ziemlich beschäftigt, aber keineswegs gestresst. Einzig, als er sich die Hände desinfizieren will und einer der Desinfektionsspender leer ist, entfährt ihm ein genervtes Stöhnen.

In der Schleuse zum OP warten einige Menschen in grün, darunter auch eine entfernte Bekannte. „Ah, du hier?“ „Ja, du bist auf dem OP-Plan immer weiter nach hinten gerückt, ich dachte schon, wir sehen uns gar nicht mehr!“ Kiel halt. Wir smalltalken, meine Venen werden begutachtet (sind leider nur so mittel), „Und, schon überlegt, was du träumen willst?“ „Du kriegst jetzt zwei Mittel, von dem einen wirst du ganz müde, von dem anderen schläfst du ein!“ „Cool!“, sage ich. „Ah, ich merk was, irgendwie dreht sich das so ein bisschen hier…“
Ich kann meine Augen nicht mehr offen halten.

Irrgärten

1.

Die Sonne steht schon reichlich tief am Himmel, als wir loslaufen. Stadtauswärts Richtung Westen könnte es noch einige Strahlen von ihr einzufangen geben. Es gibt dort einen Friedhof, den ich immer für eher klein gehalten habe. Ich war dort schon öfter spazieren und habe mich immer gefragt, was das eigentlich für ein Friedhof sein soll, auf dem es gar keine Kapelle gibt. Da, wo ich normalerweise rechts abgebogen und durch ein eher kleines Tor gegangen wäre, biegen wir links ab, laufen eine mittelgroße Straße entlang, auf der jetzt nicht mehr allzu viel los ist und betreten den Friedhof durch ein ausladendes Tor, das ich bislang nicht kannte. Links davon liegt die Kapelle, die ich immer vermisst habe. Wir folgen dem Hauptweg, der uns aus der Stadt hinaus führt, vorbei an zahllosen Grabsteinen, Urnengräbern und Familiengruften. Hin und wieder überholen uns Menschen auf modernen, mattschwarzen Fahrrädern, bei deren Surren wir nie wissen, ob es E-Bikes oder nur besonders schnelle Radler*innen sind.

Es soll einen Schleichweg geben, die uns vorbei an dem auffällig runden 60er-Jahre-Rathaus und dem Kronshagener Bahnhof (klingt urban, ist es aber ganz und gar nicht) in eine hübsche Spaziergegend bringen, aber der für die Orientierung maßgeblich wichtige Trampelpfad ist durch Gleisbauarbeiten blockiert, die jetzt, um beinahe 22 Uhr, gerade erst beginnen. Wir weichen auf einen anderen Pfad aus, versuchen uns an unserem Bauchgefühl und dem verbleibenden hellen Streifen am Horizont zu orientieren und landen in einem Industriegebiet. Ein oranger Gitterzaun, hinter dem dutzende ebenso orange Müllfahrzeuge auf ihren nächsten Einsatz warten, weist uns den Weg ins Gehege. Was dort auf uns wartet, ist haarig und gehörnt, aber weitestgehend ungefährlich: Kein Minotaurus, nur schottische Hochlandrinder. 

2.

Ein Raum-Zeit-Paradoxon, ausgelöst durch leicht panisches Vorverlegen eines Termins im Kopf: Ich bin mindestens eine halbe Stunde zu früh aufgestanden für einen Krankenhaustermin, der eigentlich erst eine halbe Stunde später stattfindet, als ich mir aufgeschrieben habe, was dadurch bedingt ist, dass man eine halbe Stunde früher da sein muss wegen der komplizierten Abläufe an der Flughafenterminal-artigen Patien*innenaufnahme. Ich warte gerade auf mein Toast, als die gynäkologische Ambulanz anruft und fragt, ob ich eine halbe Stunde früher kommen könne, da die Patientin vor mir ausgefallen sei. „Kein Problem“, behaupte ich, „Ich hatte eh geplant, eine halbe Stunde früher da zu sein.“ Muss ich dann nicht eigentlich noch eine halbe Stunde früher da sein?, fällt mir erst ein, als ich aufgelegt habe und mein Toast aus dem Toaster fische. Wer soll bei all diesen eingeplanten und nicht eingeplanten halben Stunden noch den Überblick bewahren? 

Ich war vor ein paar Wochen zuletzt hier, kenne also das Prozedere an den Aufnahmeterminals noch, führe meine Gesundheitskarte ein, ziehe eine Nummer, warte, bis diese am Bildschirm aufgerufen wird, verschwinde in einem der Glaskästen, unterschreibe, dass ich keine Covid-19-Symptome habe, nicht in einem Risikogebiet war und meine Biomaterialien gern der Forschung zur Verfügung stelle, bekomme ein paar Zettel und werde zur gynäkologischen Ambulanz weitergeschickt. Dort bekomme ich ein Klemmbrett mit einem mehrseitigen, eng beschriebenen Fragebogen überreicht und werde ins Wartezimmer gesetzt. Bei den sehr wenigen Punkten, bei denen ich JA ankreuzen müsste, ist kaum Platz für Erklärungen („Krone am vorletzten Backenzahn unten links“ und „Rauchen ja, aber im Jahresdurchschnitt vielleicht ein bis zwei Zigaretten pro Monat“). Als ich ins Untersuchungszimmer gebeten werde, bin ich längst nicht fertig.

Die Ovarialzyste, wegen der ich noch einmal herkommen sollte, ist noch da. Auf den Ultraschallbildern sieht sie eher aus wie ein schwarzes Loch, eine klar umrissene dunkle Fläche, was medizinisch betrachtet wohl ein gutes Zeichen ist, „resonanzarm“ (oder so ähnlich) sagt sie Ärztin zu ihrer Kollegin. Ein schwarzes Loch in der Körpermitte – als Bild kommt es mir gar nicht so befremdlich vor. Es hat einen Durchmesser von 9,5 cm. Vielleicht ist es mit jeder Einschränkung, jedem Angriff auf meine/unsere/alle reproduktiven Rechte/körperliche Selbstbestimmung/etc., von denen ich gehört, gelesen oder die ich selber erfahren habe, ein kleines Stück gewachsen? Vielleicht ist es auch ein Container für alle körperlichen Dinge, über die wir uns jahrelang ausgeschwiegen haben. Jeder undercover organisierte Tampon, jede unbeholfen gegoogelte und anschließend aus der Suchhistorie gelöschte Untenrum-Frage ein Kubikmillimeter dunkle Materie im Körper. Oder vielleicht sammeln sich dort alle Dinge, die ich in den letzten 31 Jahren gedacht und wieder vergessen habe.

Wir bleiben also bei der OP, sagt die Ärztin, und ich nicke. Ich krempele die Ärmel hoch und bekomme Blut abgenommen. Wir gehen Checklisten mit Komplikationen durch, die wahrscheinlich nicht passieren werden, ich bekomme einen Zettel mit einer Raumnummer und eine Wegbeschreibung, an der Patientenaufnahme vorbei, linksrechtslinks, zweiter Fahrstuhl, dritter Stock, dann geradeaus und die dritte Tür links, alle Informationen perlen an mir ab wie an einem Regencape, und selbst, wenn sie es nicht täten: Wer kann sich Wegbeschreibungen eine ganze Woche lang merken? Ich jedenfalls nicht. Zum Aufklärungsgespräch in der Anästhesieambulanz muss ich ebenfalls noch, auch hier kurz ins Wartezimmer, endlich Zeit, den ewig langen Fragebogen auszufüllen, aber als ich ins Sprechzimmer gerufen werde, bin ich noch immer nicht fertig.

Schule

Latentes Unbehagen bis in die Mittagsstunden nach einem recht intensiven Traum: Mein kompletter Abijahrgang muss die Dreizehnte noch einmal machen. Am ersten Schultag nach den Sommerferien sitzen wir auf den speckigen, vollgekritzelten Bänken und wissen nicht so recht, wieso wir hier sind, aber niemand hinterfragt es. Der Vertretungsplan gibt keinerlei Hinweis auf Freistunden, und die Aussicht auf noch ein weiteres Jahr an Freiheitsberaubung grenzende Langeweile bringt mich jetzt schon an den Rand der Verzweiflung. Ich will einfach in Ruhe meinen Gedanken nachhängen, ohne schlechte mündliche Noten dafür zu bekommen. Irgendwer oder irgendwas im Treppenhaus hält mich auf, sodass ich die erste Stunde, in der wir unsere Stundenpläne und alle wichtigen Informationen für das Schuljahr bekommen, gnadenlos verpasse. Ganz kurz jedoch bevor ich dem Lehrpersonal gestehen muss, dass ich schon nach 45 Minuten an diesem Schuljahr gescheitert bin, fällt mir ein: Ich habe doch schon seit 12 Jahren Abi! Das Albtraumszenario ist besiegt, ich schaffe es, mich nicht mehr zu gruseln, ohne, dass ich extra dafür aufwachen muss. Vielleicht habe ich es sogar geschafft, die wiederkehrenden Albträume von meiner Schulzeit zu besiegen, wenn es das Wissen, dass diese Zeit vorbei ist, endlich einmal ganz offiziell in die Traumdiegese geschafft hat? Die Schwere, die so ein durchschnittlicher Schultag, an dem man permanent für Verhältnisse abgestraft wird, für die man nichts kann, hinterlässt, verschwindet trotzdem erst am Nachmittag.

Sommersonnenwende (verpasstes Ereignis)

First things first: Es ist Sonntag, der 21. Juni und ich habe die Sommersonnenwende verpasst. Wochenlang habe ich mich mental darauf vorbereitet, an genau diesem Sonntag, der jetzt heute ist, so lange wach zu bleiben, bis es wirklich dunkel ist, und mich dabei mit etwas möglichst feinstofflichem zu beschäftigen (mir schwebte dabei so etwas wie Tarotkarten legen oder Kaffeesatzlesen vor, einerseits zu Recherchezwecken und andererseits, weil pure Vernunft niemals siegen darf). Als ich schon gestern in den sozialen Medien sah, wie die Leute Blumenkränze flochten und #midsommar trendete, bewunderte ich die Überpünktlichkeit ihrer Vorbereitungen, aber weiter dachte ihr mir nichts. Erst, als mir abends meine Mutter schrieb und fragte, ob ich gerade irgendwas spezielles machen würde für Midsommar, ging es mir auf: Es gab ja einen 29. Februar in diesem Jahr, achsoachso, da hatte sich wohl was verschoben. Zum Zeitpunkt dieser Erkenntnis saß ich mit Freund*innen vor einem Spielbrett, das den Grundriss eines Zeppelins darstellen sollte (ich habe diese Form der Luftschifffahrt übrigens immer unterschätzt) und auf dem es einen Mord aufzuklären gab. Die okkulten Symbole am Fundort der Leiche und auf den Fingerringen mancher Mitreisender ließen nichts gutes erahnen. Durch eine unglückliche Verkettung von Zufällen fiel meine Figur sehr bald dem Wahnsinn anheim (nicht unüblich in den sogenannten Villen des Wahnsinns) und brach sich obendrein noch den Oberschenkel, was die Ermittlungen nicht einfacher machte. Wir fanden den Täter (ein Kultist natürlich, was auch sonst) viel zu spät, und so wurde meine Figur von einem Mi-Go getötet, während das Zeppelin durch Turbulenzen geschleudert wurde. Ich weiß nicht, ob es irgendwie fahrlässig ist, in Nächten wie der Mittsommernacht Cthulhu-eske Brettspiele zu spielen, aber ich war doch sehr erleichtert, heute morgen ohne ein neues Paar Tentakeln aufgewacht zu sein.

Wissenschaftskommunikation 2020

Es ist einer dieser Tage, an denen ich mich über die Möglichkeiten, die diese Welt bereithält, einfach nur wundern kann: Ein Veranstaltungszentrum* in dieser Stadt, in dem sich die Mitarbeiter*innen sonst wohl hauptsächlich mit Warenwirtschaft, Programmgestaltung, Künstler*innen- und Gästebetreuung und sonstigem Gastro- und Veranstaltungsmanagement beschäftigen, tritt neuerdings auch als Expertise-Cluster zu den Themen Epidemiologie, Virologie und Medienanalyse auf. So weit, so trendy. Während sich jedoch die meisten Statements der Quereinsteiger*innen in diesen Themengebieten wohl online befinden, setzt dieses Cluster auf ein Medium, mit dem ich in der Grundschule zuletzt zu tun hatte: Die gute alte Wandzeitung (wir haben in der dritten Klasse mal eine über das Wattenmeer gemacht). An dem Bretterzaun vor der Halle hängen dicht gedrängte Cliprahmen, die eigentlich für Kino- und Konzertplakate gedacht sind. In den Rahmen befindet sich nun „die andere Meinung“** zu Corona mit catchy Headlines wie „Das ist keine moderate Kommunikation, die Politiker und Virologen so führen sollten“, „Es ist nunmal so, dass wir jedes Jahr durchschnittlich mehr Tote durch Grippe haben, als dies bis heute durch das Coronavirus der Fall ist“ und „In die Augen sticht die Linientreue der Meinungsbildenden Medien“. Auf den Plakaten befinden sich QR-Codes, die mal aufs Ärzteblatt, mal auf Querfront-/Fake-News-Seiten wie Rubikon verlinken. Ich muss an den schönen Satz denken, den Christian Drosten einmal im Coronavirus-Update (Folge 40) gesagt hat: „Ich bin Virologe, ich würde mich niemals öffentlich zu Bakterien äußern!“ Der Cliprahmen, in dem sich das Editorial für diese Zeitung befindet, wirbt damit, dass man hier auch eigene Texte veröffentlichen kann, an genau dieser Wand, und ich denke darüber nach, ihm vielleicht das Transkript zu dieser Podcastfolge zu schicken. Allerdings finde ich nirgends eine Adresse, unter der man dort vielleicht Texte einreichen könnte, und es wird ein Unkostenbeitrag von 20€ für die Veröffentlichung erhoben. Ich hoffe, dass sie dieses Geld vielleicht in Gestaltung und Lektorat investieren, denn nichts von beidem hat bisher Einzug in dieses ambitionierte Medienprojekt gefunden.

Ich bin mit dem Hund von einer Freundin da, der es vor der Plakatwand nur mäßig spannend findet und bald weiter will (seine Hundespurenzeitung ist vermutlich auch deutlich spannender und weniger ärgerlich als das Exemplar an dem Holzbretterzaun). Von der Wandzeitung wusste ich schon etwas länger und habe mich gewundert, dass die sozialen Medien noch nicht voll sind mit kopfschüttelnden Beiträgen zu diesen Plakaten, also musste ich sie mir selbst anschauen gehen. Es ist früher Nachmittag, und ich bin die einzige Fußgängerin in dieser Straße. Dafür donnern diverse Transport- und Baufahrzeuge an mir vorbei, niemand, der stehenbleiben und diese wirren Texte lesen würde. Allerdings beklagen die Urheber dieser Zeitung auch den Mangel an Gästen (Schuld ist u.a. die „umstrittene Maskenpflicht“), also haben möglicherweise noch gar nicht so viele Menschen dieses Zeugnis von informativer Selbstüberschätzung gesehen.

*ich verlinke diesen Laden extra nicht – wer so viel Energie in analoge Außenkommunikation investiert, ist auf digitalen Traffic sicher gar nicht angewiesen.

**ich fände es übrigens gar nicht so falsch, „anderen Meinungen“ zur Krise mehr Platz einzuräumen, aber ich meine damit eher „Expert*innen“, die keine weißen cis Männer sind. Außerdem sehe hier Chancen, sich als Leidtragende mit anderen zu solidarisieren, die bei der Krise noch viel stärker hintenüber fallen – (alleinerziehende) Mütter, Kinder, Geflüchtete oder Obdachlose, die sich auf der Straße oder in Lagern keineswegs isolieren können z.B., – vor allem, wenn man sich auf die Fahnen (bzw. auf die zusammengeklebten Druckerpapierseiten) schreibt, man sei als Branche „gewissermaßen systemrelevant für die Erhaltung der Liebe in der Gesellschaft“ (Das steht da wirklich, so etwas würde ich mir nicht einmal unter dem schlimmsten Antragsprosa-Erschaffungsdruck ausdenken).

Pommes und Perspektiven

Ich denke immer noch an die Pommes, die ich gestern gegessen habe. Die ersten Pommes aus einer echten Fritteuse, die ersten Pommes seit drei Monaten, die keine traurigen Labbergestalten aus meinem Backofen waren. Wellenschnitt, Pommesgewürz mehr als ausreichend, dazu Falafel und Salat. Die Falafel reichten bis heute Mittag, es waren auch meine ersten seit drei Monaten. Während ich im Dönerladen auf meine Bestellung wartete, sprach der Verkäufer mit einem anderen Gast über das Geschäft, das langsam wieder anlief, endlich. Mich nannte er „meine Beste“, und ich habe immer noch ein schlechtes Gewissen, dass ich seit Februar nicht ein einziges Mal da gewesen war. Was für ein verschlumpfter Zustand war das in den letzten Wochen, der mich meine Ernährungsprioritäten derart schleifen lassen hatte?*

Meine letzten Pommes vor der Krise hatte ich irgendwo an der Holtenauer Straße nach einer Veranstaltung im Literaturhaus, bei der Lea Sauer und Simoné Goldschmidt-Lechner aus der sehr schönen Anthologie Flexen. Flâneusen* schreiben Städte gelesen haben und darüber sprachen, wie weibliche, queere oder BIPoC-Perspektiven auf Städte aussehen können. Ich radelte satt von den Pommes und hungrig nach exzessivem Flexen nach Hause, und gut eine Woche später war alles dicht. Vergangenen Mittwoch hatte ich dann die Ehre, selbst im Literaturhaus zu lesen, zusammen mit Joshua Groß, der aus seinem Roman Flexen in Miami las. Wieder was mit Flexen, mit 48 Stunden Verzögerung auch wieder Pommes im Anschluss, wäre ich abergläubisch, würde ich behaupten, dass sich hier gerade ein ganz großer und wichtiger Kreis geschlossen hat. Ob das in Echt irgendwas magisches erzeugt oder mein Schicksal positiv beeinflussen wird, kann ich nicht sagen, außer: Mein Feuerzeichen steht wieder im Sternbild Fritteuse, hat aber auch den Aspekt eines Spaziergangs (ich muss mich in astrologischer Terminologie noch etwas üben).

*Ich kann es übrigens nicht leiden, wenn sich Leute Dönerbuden oder -verkäufer*innen gegenüber abfällig verhalten und mir deswegen irgendwann mal vorgenommen, möglichst oft dort zu essen und mich so normal, nett und respektvoll zu verhalten, dass es das Fehlverhalten der anderen Gäste irgendwie ausgleichen würde. Außerdem wohne ich seit fast sieben Jahren am sogenannten Dönerdreieck und als ich hier hergezogen bin, war ich 24 und ziemlich oft traurig und verunsichert; klassischer Fall wohl von Quarter Life Crisis. Döner oder Pommes holen ging ich meist sonntags, denn dann war ich nicht nur traurig und verunsichert, sondern oft auch verkatert. Die unübersichtliche Wartesituation in meinem bevorzugten Dönerladen verunsicherte mich meist noch mehr, aber entgegen meiner Befürchtungen wurde ich nie übersehen und ging nie versehentlich mit der falschen Bestellung nach Hause. Und so gelangte ich irgendwann zu der Erkenntnis: Wenn ich es regelmäßig schaffte, bei Dostlar Falafel im Fladenbrot nur mit scharfer Sauce (ich ernährte mich damals vegan, oder versuchte es zumindest) zu bestellen, dann war ich vielleicht doch nicht so verloren, wie ich mich manchmal fühlte.

My Schleimpilz Diaries

In der Rosmarin-Pflanze aus dem Supermarkt lag schon länger etwas grünes auf der Erde, aber ich registrierte es immer nur aus dem Augenwinkel. Wahrscheinlich nur ein heruntergefallenes Blatt von den umliegenden Pflanzen, oder vielleicht sogar ein neuer Trieb! Ich habe den Rosmarin Anfang März gekaut, und dass er als Supermarktpflanze überhaupt so lang überlebt, wundert mich so sehr, dass ich seine neue Bodenbegrünung gar nicht so sehr hinterfrage. Erst, als ich neulich beim Aufräumen ein paar Pflanzen hin und her schob, entdeckte ich, was sich dort ausgebreitet hatte: Kein heruntergefallenes Blatt, eher eine Art grüner Fladen mit trichterförmigen Löchern, für die sonstige Textur der Oberfläche habe ich bis heute keine Worte. Entsprechend schwer war es, per Suchmaschine herauszufinden, was das sein konnte (kann bitte endlich jemand Shazam für Gewächse entwickeln?). „Grünes Ding Boden Erde Topf Rosmarin Supermarkt“ brachte kein aufschlussreiches Ergebnis. Ich machte also ein Foto und teilte es bei Instagram. Dort bekam ich den Hinweis, es könne sich um einen Schleimpilz handeln, die würden vor allem auf zu stark gegossenen Pflanzen bestens gedeihen. Vorsichtig befühlte ich die Erde im Topf, da, wo das grüne Ding nicht lag. Sie war deutlich zu nass. Ich googelte kurz „Schleimpilz“, las nur die erste Zeile des Wikipedia-Artikels („Die Schleimpilze (Mycetozoa oder Eumycetozoa) sind ein Taxon einzelliger Lebewesen, die in ihrer Lebensweise Eigenschaften von Tieren und Pilzen …“), topfte den Rosmarin sofort um und verbannte ihn auf den Balkon. Die alte Erde mit dem mutmaßlichen Schleimpilz entsorgte ich im Biomüll. So schleimig kam er mir gar nicht vor, dachte ich, als ich einen letzten Blick auf ihn warf, die Oberfläche sah bei genauerem Hinsehen eher moosig aus, aber sicher ist sicher. Besser weg damit.

Dem Rosmarin scheint es auf dem Balkon genauso gut zu gehen wie auf der Fensterbank. Er hat einige neue Blätter (oder Nadeln?) bekommen und keinerlei trockene Stellen. Als ich mir gestern jedoch für mein Mittagessen ein bisschen von ihm abzupfte, bemerkte ich: Auf der Erde im Topf wuchs etwas grünes, nur etwas mehr als stecknadelkopfgroß, aber der Farbton und die Textur kamen mir erschreckend bekannt vor.

Suburgatory Bike Rallye

Das Fitnessstudio hat wieder auf, aber ich traue mich noch nicht wieder hin (u.a. wegen der Drosten-Podcast-Folge über Superspreading), habe aber das irrationale Bedürfnis, irgendwie fit zu bleiben, bin also Fahrrad fahren gewesen. Habe folgendes gesehen/erlebt/festgestellt:
– In Kronshagen ist man sich zu fein für herkömmliche Friseurladen-Wortspiele, aber nicht für: ARTelier.
– Habe augenscheinlich zwei LED-Emojis auf Geschwindigkeitsanzeigetafeln den Tag gerettet, indem ich sie mit zahmen 18 und 20 km/h passiert habe. Der dritte Emoji, an dem ich vorbeigefahren bin, hatte leider schon Feierabend.
– Suchsdorfer Spaziergänger*innen mustern ortsteilfremde Menschen misstrauisch (kann aber auch nur so ein Gefühl gewesen sein). Die Mufflons im dortigen Wildgehege hingegen haben mich keines Blickes gewürdigt.