Echolot

Höre von Walfutter
Denke an Krill
Höre von Walgängen
Frage mich: Wie?
Höre von Walfreiheit
Gönne von Herzen
Höre von Walpartys
Wünsch mich ans Meer.

Spätfrühling

Manu Chao erklingt in der Ferne
Hippies kidnappen einen Drinnie und zwingen ihn zum Jonglieren
Die Slackline als Fußfessel
Nach Wochen des optimistischen Auftragens von Sonnencreme
habe ich es ausgerechnet heute vergessen
Drücke mich unauffällig entlang der Schattenrisse einer Hecke
die geschnitten werden müsste
Fünf Holstein Kiel Fans zerlaufen zu einer Pfütze Dosenbier

Me llaman el desaparecido
¿Cuándo llegaré?

Es wird bald Juni sein.

Schüsse

Dass Kiel es an diesem (bzw. eher erst am kommenden) Tag in die überregionalen Nachrichten schafft, ahne ich morgens noch nicht. Keine neuen toten Vögel; der Krähenkadaver von letzte Woche ist längst abgetragen, der Himmel naturtrüb, es riecht nach Regen. Die Nachrichten, die nach der Mittagsrunde auf mich einprasseln, treffen mich unvorbereitet: Schüsse in Dänischenhagen, Brauereiviertel (in Kiel, nicht in Dänischenhagen) abgeriegelt wegen Amokverdacht; ein Täter mit Maschinengewehr wird gesucht, alle in 24118 und 24105 zuhause bleiben, Zusammenhang zwischen beiden Zwischenfällen nein/mutmaßlich/ja, weißer SUV mit Euskirchener Kennzeichen als mögliches Fluchtfahrzeug. Ein Bandkollege schickt ein Foto von SEK-Einsatzkräften vor dem Fenster eines Bekannten. Ich bin drauf und dran, bei Google Maps nachzuschauen, wie weit das Brauereiviertel von meiner Haustür entfernt ist, lasse es dann aber. „Doch kein Amokverdacht!“, ruft M. aus dem Wohnzimmer. Ich aktualisiere meinen Browser, und da steht es schon: Die Polizei geht von einer Beziehungstat aus (Merke: Immer, wenn von einer „Beziehungstat“, oder noch schlimmer: einem „Beziehungsdrama“ geschrieben wird, ist Femizid der eigentlich richtige Begriff).

Das Kieler Smalltalkthema für die kommenden Tage ist gesetzt. Als ich mit H. für eine Hunderunde verabredet bin, führt der Weg ganz unweigerlich durchs Brauereiviertel, dem man den Polizeieinsatz 24 Stunden später schon gar nicht mehr ansieht. In der Bremerstraße rangele ich mit dem Hund um eine Packung Mayonnaise, die er partout nicht ausspucken will (er ist in der Trotzphase). H. und ich kommen aus demselben Dorf in der Lüneburger Heide. Als wir in der zwölfen Klasse waren, gab es dort einen Mord auf offener Straße (oder eher: auf offenem Feldweg), der nie aufgeklärt wurde und auf den wir heute natürlich zu sprechen kommen. „Internationales organisiertes Verbrechen wird das jawohl nicht gewesen sein, das ist immer noch Dänischenhagen!“ „Naja, wer weiß, ob es das organisierte Verbrechen nicht sogar bis nach Holm-Seppensen geschafft hat!“ – aber wir sollten besser nicht spektakulieren.

Es gibt eine dritte Leiche in einer Wohnung im Hasseldieksdammer Weg. Ein Zeitungsartikel zeigt die Fassade des Hauses, in dem sie aufgefunden wurde. Als ich wieder zuhause bin, versuche ich anhand von Google Maps die Entfernung zu diesem Haus herauszufinden. 850 Meter, sagt der Routenplaner. Es ist die gleiche Distanz wie die zwischen dem Haus meiner Kindheit und dem Leichenfund in der 12. Klasse. 10 Minuten zu Fuß.

Himmelfahrt/Herrentag

Einer der Feiertage, deren Inhalte und Hintergründe ich gern so weit wie möglich von mir ferngehalten weiß. Vor allem natürlich den Vater-/Herrenanteil, Jesus soll meinetwegen in den Himmel auffahren wie er lustig ist. Eigentlich müssten auch in diesem Jahr alle Bollerwagentouren ausfallen wegen Corona, aber bei meiner ersten Hunderunde stehen trotzdem Dixie-Toiletten in kleinen Grüppchen im Park herum und scheinen auf Sauftouristen zu warten (zählt vielleicht auch zu den dunklen Omen, aber immerhin nicht schon wieder ein toter Vogel). Ich bin erleichtert, dass wir heute weit raus aus der Stadt fahren, so weit raus, dass alles HIER WILLST DU NICHT TOT ÜBERM ZAUN HÄNGEN schreit, selbst für eine besoffene Dorfjugend ist es hier zu tot, auch ohne den Regen, der sich heute nicht zu fein ist, hektoliterweise aus den schweren grauen Wolken zu tropfen, aber im Hundewald ist ohnehin nicht mit Bollerwagentrecks zu rechnen. Wir passieren das selbsternannte SPARGEL UND ENTEN PARADIES, das ich jedes Mal gern korrigieren würde in „Paradies MIT, aber sicher nicht FÜR Enten“ oder SPARGEL- UND ENTENFRESSERPARADIES. Im Hundewald treffen wir nur einen einzigen Mann mit einem Hund, der unendlich mies gelaunt dreinblickt. Sein Australian Shepherd hat einen kupierten Schwanz und ist nicht allzu interessiert an anderen Hunden. Ansonsten: Keine besonderen Vorkommnisse, nur Regen.

Vögel fallen tot vom Himmel wegen Diktatur III

Vielleicht ist es ein etwas bedenklicher Ansatz zum (Online-)Tagebuch schreiben, vor allem dann einen Eintrag zu verfassen, wenn ich gleich morgens einem toten Vogel begegne, aber vielleicht habe ich das auch einfach nicht auf der Hand. Es ist neuerdings warm. Zum ersten Mal in diesem Jahr bin ich morgens ohne Jacke draußen. Ich fühle mich so leicht, dass ich ernsthaft in Erwägung ziehe, mit der schwedisch sprechenden Familie, die wir fast jeden Morgen belauschen und dessen jüngster Spross dem Hund jedes Mal das fürchten lehrt (immer ruft er PANTHER und kommt bedrohlich mit seinem Laufrad auf uns zugerollt), Smalltalk auf Schwedisch anzufangen (natürlich wird diese Situation niemals eintreffen). Wir sind ein paar Minuten später als sonst, die frühe Hundeflut hat sich bereits zurückgezogen. Sonnenstrahlen reflektieren auf jeder sich anbietenden Fläche. Wir blinzeln uns den Weg durch den Park. Einige Meter von dem Sandweg, über den wir schlurfen, fällt mir eine Anhäufung weißer Daunen auf, die der Wind bereits großzügig auf dem Rasen verteilt hat. Ich bin erleichtert, dass der Hund gerade eine andere Spur verfolgt, denn sie scheinen zu einer toten Taube zu gehören, die rücklings im Gras liegt. BITTE LESEN SIE HIER KEINERLEI BEDEUTUNG REIN, denke ich, es ist doch nur eine tote Taube.

Als wir den Park wieder verlassen, finden wir auf der großen Kreuzung ein heilloses Verkehrschaos wieder. Die Ampeln sind ausgefallen, stelle ich verwundert fest. Habe ich hier nicht vor ein paar Minuten noch ordnungsgemäß an einer roten Ampel gewartet? Die Ursache des Chaos ist schnell ausgemacht: Eine der Ampeln liegt abgeknickt auf dem Bürgersteig. Daneben steht das Auto einer Sicherheitsfirma, das allerdings zu intakt aussieht, als dass es sich hier um das Fahrzeug handeln könnte, das gerade eine Ampel auf die Bretter geschickt hat. Ich schaffe es gerade so, heil mit dem Hund über die Straße zu kommen. Die Kreuzung bleibt für den Rest des Tages chaotisch, obwohl schon am späten Nachmittag eine neue Ampel geliefert wird.

Beim Computerspielen weinen

Je älter ich werde, desto alberner erscheint mir meine gesamte Existenz. M. und ich zocken (kursiv, weil ich das Wort einfach nicht unironisch aussprechen kann, wenn ich die handelnde Person hinter dem Verb bin) gerade „It takes two“. In diesem Spiel sind wir ein Elternpaar, das sich eigentlich scheiden lassen will, von der gemeinsamen Tochter allerdings in zwei sehr kleine selbstgebastelte Puppen verwandelt wurde und erst wieder in die gewohnten Körper zurückkehren kann, wenn sie sich einmal aus der Garage durch einen Baum im Garten und dann noch durch eine extrem gefährliche Welt aus lebendigem Spielzeug gekämpft und damit ihre Beziehung gerettet haben.
Immerhin habe ich das große Glück, eine Stoffpuppe mit coolen blauen Wollhaaren zu spielen und nicht wie M. im Körper eines klumpigen Knetmännchens festzustecken. Trotzdem stand ich in dem Spiel schon einige Male kurz vorm Nervenzusammenbruch (zum 100. Mal hintereinander wegen mangelnder Hüpfkompetenz in den Abgrund gestürzt, Stress mit Eichhörnchen, Stress mit einem Riesenwespen-Cyborg, Stress mit Wespenlarven, Stress mit einem wütenden Oktopus, Stress mit einem Stofftier-Pavian namens „Moon Baboon“, alles!). So schlimm wie gestern war es allerdings nie. Es ist nämlich so, dass May und Cody (so heißen die Figuren) recht früh herausgefunden haben, dass sie, um den Fluch, mit dem Töchterchen Rose sie in zwei Spielfiguren verwandelt hat, zu brechen, deren Tränen brauchen. Die Story des Spiels gibt es so vor, dass Cody und May es für einen total guten Plan halten, in ihr Kinderzimmer einzudringen (für zwei sehr kleine Puppen immerhin eine recht lange Reise), dort ihr Lieblingsspielzeug, einen kleinen, unschuldigen Plüschelefanten zu zerstören und so die Tränen zum Fließen zu bringen. M. und ich mussten im Spiel also einem kleinen sprechenden Elefanten ein Bein und ein Ohr abtrennen. Es war ein quälend langer Prozess, der dem armen Spielzeugtierchen erhebliche Schmerzen bereitete. Natürlich weiß ich, dass auch Videospiele Fiktion sind, aber trotzdem saß ich schluchzend auf dem Sofa, hämmerte auf meinen Controller ein und schämte mich. Welche grausamen Menschen ziehen so etwas überhaupt als Handlungsoption für in Spielzeug verwandelte Eltern in Betracht? Und gleichzeitig: Warum bringt es mich in dieser von Grausamkeiten nur so durchsetzten Welt ausgerechnet so sehr aus der Fassung, wenn ich eine nur in einem Computer existierende Spielfigur dabei steuern muss, wie sie eine andere ausgedachte Figur verstümmelt, nur um damit einer weiteren ausgedachten Figur wehzutun? Nächstes Mal zocke ich vielleicht lieber Doom oder Counter Strike.


Vögel fallen tot vom Himmel wegen Diktatur II

Neue Morgenroutine: Bei der ersten Hunderunde die Umgebung nach bösen Omen (ist das der Plural?) absuchen, die sich in letzter Zeit häufen (dank dringend benötigten Antiallergikums bin ich des Nachts so tief im Schlaf versunken, dass es zwischen der Matratze und mir keinen Platz für Albträume gibt). Gestern war es einer der grauen Blumenkübel, für die die Stadt Kiel angeblich einen Preis bekommen haben soll und die so massiv sind, dass sie von Menschenhand nicht einfach so umgestürzt werden können. Der Erdhaufen neben ihm behauptete jedoch das Gegenteil. Jemand musste ihn umgeworfen haben (oder vielleicht sogar: etwas?). Ein finster dreinblickender Gärtner mit Glatze und Tätowierung am Hals schaufelte die Erde zurück in den Kasten und versuchte auch, die ramponierten Stiefmütterchen zu retten (es gelang ihm einigermaßen). Heute früh beobachtete ich das Pfotengemenge einiger sehr kleiner Hunde, deren Kläffen auf nichts anderes als Blutdurst schließen lässt. „LULU!“, brüllt eine Frau, als ein kleiner schwarzer Spitz aus dem Gebüsch hervorschnellt und drei Kontrahenten aus seiner Gewichtsklasse aufmischt. Ich beschließe, die übliche Route zu ändern, also drehen wir um und machen einen Schlenker über einen der Stege am Schreventeich. Den Hund gruselt es vor einer Joggerin, die auf einer Bank Dehnübungen macht. Den schlimmsten Schauer jagt mir aber eigentlich immer noch das morgendliche böse Omen vom Dienstag über den Rücken: Schon das zweite tote Vogelküken innerhalb kurzer Zeit, das aus der Hecke vor dem Haus gefallen sein muss. Diesmal war der Hund schneller, die Nase einmal kurz und heftig im Gebüsch vergraben und es mir dann direkt vor die Füße gespuckt. Ich war heilfroh, ihn um diesen Akt nicht erst bitten zu müssen. Es gab eine Notbestattung, für die ich mich seither schäme (eigentlich hätte ich den Vogel ordnungsgemäß im Garten vergraben müssen, aber es musste schnell gehen). Trotz der dunklen Vorzeichen sind mir heute immerhin Corona-Leugner*innen auf Fahrrädern (sie haben für heute eine Fahrraddemo angemeldet und versucht, sich als Critical Mass auszugeben. Die kritische Masse hat den Plan allerdings längst durchschaut) erspart geblieben. Stattdessen ist nun planlose, opportunistische Biedermeier wie Jan Josef Liefers der erste „Staatsfeind“, dessen Arbeitsvertrag trotz seines angeblichen Dissidententums verlängert wird. Statt der richtigen Worte für diese erratischen Zeiten finde ich also nur noch tote Vögel auf der Straße. Wie soll das alles enden?

Sonntags im Villenviertel

Ich bin schon zum dritten Mal diese Woche mit dem Hund im teuersten Viertel der Stadt unterwegs, das mir auch nach 12 Jahren in Kiel immer noch vorkommt wie ein unerforschter Planet im Outer Rim. Die Häuser, von denen sich manche hinter hohen Hecken oder kleinen Waldstücken verstecken, sehen aus, als seien sie allein durch den Geld-Cheat im SIMS-Baumodus finanzierbar gewesen. Weiß getünchte Fassaden, handverlesene Fensterläden, aufwändig gebrannte Dachziegel. Auf einigen Grundstücken würde mich das Vorhandensein eines Schmuckeremiten nicht überraschen. Obwohl Sonntag ist, sind wir mit zwei Haushalten und zwei Hunden beinahe die einzigen Menschen auf der Straße. Zwei große Straßen und eine Uferpromenade, an denen es heute voll und laut sein sollte, sind in der Nähe, aber zu hören ist davon nichts. Die einzige Geräuschkulisse: Ein sehr eifriger Specht in dem Waldstück, aus dem wir gerade kommen, das Tapsen von Hundepfoten auf dem Gehweg und das Motzen einer Frauenstimme hinter einer Hecke. Wir spitzen aufmerksam die Ohren.

„Du musst gar nicht so schreien“, sagt eine Männerstimme hinter derselben Hecke. „Du kannst auch normal reden!“
„Jaha“, erwidert die Frauenstimme. „Mit normalen Menschen rede ich auch normal!“

Wir versuchen, ganz still zu sein, damit sie nicht bemerken, dass sie belauscht werden. Als ich nicht anders kann, als mich noch einmal umzudrehen, hat die Männerstimme eine Gestalt bekommen. Auf dem Bürgersteig steht ein braungebrannter Mittsechziger mit einer weißen Bank unter dem Arm. Er und die Frau streiten weiter, ich kann aus der Entfernung nicht mehr alles verstehen, reime mir aber zusammen, dass das Gartenmöbelstück Anlass ihres Streits ist. Der Mann trägt grüne Shorts und dunkelrote Moon Boots. Ich kann nicht beurteilen, ob es wirklich angebracht wäre, ihn anzuschreien. Seine Schuhwahl bestätigt jedoch meinen Verdacht: Wir sind hier tatsächlich auf einem anderen Planeten.

Vögel fallen tot vom Himmel wegen Diktatur

Eine neue Entwicklung: Keine Albträume mehr, dafür neuerdings jeden Morgen ein anderes Detail, das sich mit genügend Interpretationswillen als böses Omen einordnen ließe. Gestern war es ein Militärhubschrauber, der über dem Schrevenpark kreiste, als würde dort ein Remake von Apocalypse Now gedreht. Ich hörte schon den Ritt der Walküren vor meinem geistigen Ohr und fragte mich, ob das die nächste Eskalationsstufe ist. Nur wovon genau? Heute früh ist es ein nacktes, totes Vogelküken, das am Fuß der Hecke vor dem Hauseingang liegt. Ich würde es gern angemessen begraben, kann aber mit dem Hund an der Leine nichts ausrichten. Besser wäre es, wenn er das tote Küken gar nicht erst bemerkt. Ich bin erleichtert, als es bei unserer nächsten Hunderunde nicht mehr an diesem Platz liegt.

Diese Hunderunde habe ich in kluger Voraussicht so gelegt, dass wir während der Corona-Clowns-Demo, deren Abschlusskundgebung auf dem Professor-Peters-Platz stattfinden soll (also quasi in meinem Vorgarten), nicht zuhause sind. Leider geht dieser Plan nicht auf. Auf dem Westring stauen sich die Polizeiautos, es sind Stimmen durch einen Lautsprecher zu hören. Immerhin kann ich sehen, dass viele Leute bei der Gegendemo sind, alle mit Masken und ausreichend Abstand, kurzes Aufatmen, bis ich sehe, wie sich zwei von den selbsternannten Querdenker*innen sich ohne Masken auf dem Grünstreifen vor meinem Fenster innig umarmen (mir wird ein wenig schlecht), wie irgendwie ökig aussehende Mittfünfziger einhellig neben offensichtlichen Nazis herlatschen, alle dicht an dicht, Plakate, die entweder irgendwas mit Liebe und Angst beschwören oder sich auf irgendein Denken berufen, oder noch schlimmer: irgendwas von TOTALER HYGIENE faseln (Falls das irgendwer von euch Trotteln lesen sollte: Tut euch Hände waschen wirklich so sehr weh?). Eine blonde Frau trägt eine rastafarimäßige Häkelmütze in Deutschlandfarben und haut im Gehen auf eine Trommel und ich denke, dass eigentlich allein ihr Anblick gereicht hätte, um eine Idee zu bekommen, wie sich diese unsägliche Interessengemeinschaft zusammensetzt. Die Demo soll laut Twitter eigentlich schon längst aufgelöst sein, weil sich hier ganz offensichtlich niemand an die Hygieneauflagen hält. Trotzdem ziehen sie fast alle in dieselbe Richtung den Westring herunter, mit selbstgefälligen, feisten Gesichtern, sie schaffen es nicht einmal, Abstand zu den bedauernswerten zwei Menschen zu halten, die bei der Eisdiele gegenüber ein Eis gekauft haben und sich nun so nah wie möglich an die Wand zu drücken versuchen. Mir fallen schließlich drei Schwurbler*innen auf, die sich angeregt über etwas zu unterhalten scheinen, das an der Bushaltestelle vor meiner Tür auf dem Boden liegt. Eine von ihnen macht sogar ein Foto. Als sie weg sind, meine ich zu erkennen, dass es sich dabei um das tote Vogelküken von heute morgen handelt. VÖGEL FALLEN TOT VOM HIMMEL (vielleicht aber auch nur: VÖGEL FALLEN TOT VOM BAUM), fällt mir ein, diesen Satz habe ich einmal auf einem alarmistischen Plakat über die angeblichen Gefahren von 5G gelesen (dabei wird das Küken keinen Meter geflogen sein außer eben auf den Boden, erst recht nicht am Himmel). Wahrscheinlich wandert das bedauernswerte Wesen nun einmal durch alle einschlägigen Telegram-Gruppen. Ich wünsche allen Menschen, die in diese Demo involviert waren, die Pest an den Hals. Auf der nächsten Hunderunde muss ich Sticker abkratzen. Zuhause wasche ich mir ausgiebig die Hände und denke an den toten Vogel, den ich damit nicht angefasst habe. Welches böse Omen sich wohl morgen früh zeigt. Ich kann es fast gar nicht erwarten.

Albträume / Brückenlockdown / Regen / Hagel / Schnee

Einen Traum gehabt, der sich am ehesten wohl als Albtraum aus dem digitalen Zeitalter einordnen lässt: Ich bin schwanger und stehe so kurz vor der Geburt, dass ich vorsorglich schon einmal ins Krankenhaus gefahren bin, obwohl die Wehen noch gar nicht eingesetzt haben. Während ich mit zwei (mir aus dem RL nicht bekannten) Kumpels im Patientinnenzimmer darauf warte, dass irgendwas passiert, fällt mir ein, dass ich während der ganzen Schwangerschaft nie beim Ultraschall war. Ich habe also vergessen, das Baby freischalten zu lassen. Das erklärt natürlich einiges!

Mein Urlaub in dieser Woche fühlt sich kaum anders an als mein pandemisch geschrumpfter Arbeitsalltag. Die wenigen Aufgaben, die ich im Kurzarbeits-Home-Office erledige, fühlen sich an wie Wäsche aufhängen oder die Spülmaschine ausräumen. Ein wenig lästig, aber beiläufig, mit Deutschlandfunk nebenher. Irgendwo ganz weit weg von mir wird über einen Brückenlockdown oder das Vorziehen der nächsten MPK oder einen kurzen harten Lockdown und die weitere Einschränkung der Freizeitaktivitäten diskutiert und ich denke: Selten sind einer verantwortlichen Gruppe von Menschen bei dem Versuch, eine bestimmte Sache auf Teufel komm raus zu vermeiden (lies: einfach mal alle nicht-essentiellen Arbeitsstätten dichtmachen und die Leute bei vollem Lohnausgleich zuhause lassen, auch wenn dann die Wirtschaft weint), so brachial die Ideen ausgegangen wie der Regierung jetzt gerade.

Es schneit, regnet und hagelt seit drei Tagen nach einem undurchschaubaren Muster. Der Sonnenschein dazwischen kann nichts anderes sein als ein klug ausgelegter Köder. Es ist April, ich werde in 11 Tagen 32 Jahre alt sein. Ich habe einige graue Haare und seit 12 Jahren Albträume von Schwangerschaften.