Herbst in der kaltgemäßigten Zone

1.

Während der Finnlandreise zuhause vergessen: Ein realistischer Maßstab für Dinge und Orte, die Menschen kennen könnten oder auch nicht. In Mustarinda, wo ich im September zu den Artists in Residence gehöre, sage ich nicht: „I am from Germany.“ Ich sage: „I am a writer and I live in Kiel.“ Niemand von meinen temporären Mitbewohner*innen hat jemals etwas von der Stadt gehört, in der ich lebe, außer der Malerin aus Helsinki, deren Partner zufällig auch aus Kiel kommt. Eine andere Finnin fragt mich, wie groß Kiel ist. „Half the size of Helsinki“, schätze ich. Helsinki hat etwas über eine halbe Million Einwohner*innen und eine Metro mit roten Plastiksitzen. Was ich auch lerne: In Finnland leben genauso viele Menschen wie in Dänemark. Auf die Region Kainuu umgerechnet bedeutet das: Ich begegne auf 16 Tage verteilt insgesamt 8 Menschen zufällig im Wald.

2.

Das ist ja ziemlich nah an Russland, sagen einige Leute, denen ich von meinen Reiseplänen für den Herbst erzähle und lassen durchblicken, dass sie diesem Umstand einiges Gefahrenpotenzial beimessen. Als ich hundefreundliche Orte zwischen Helsinki und Hyrynsalmi recherchiere, lerne ich, dass die Wölfe in Finnlands Osten gelegentlich mit Hunden aneinandergeraten, was für die Hunde meist nicht gut ausgeht. Viele Leute in den etwas dünner besiedelten Gebieten Finnlands haben Hunde, denen man die Verwandtschaft mit Wölfen noch ansieht. Spitze Ohren, dichtes Fell, Nässe und Kälte sind ihnen völlig egal. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass mein dünn befellter, schlappohriger Hund und ich als Snack für finnische Wölfe enden?

Aus dem Fenster meines finnischen Schreibzimmers glaube ich einen Wolf zu sehen, der sich auf den zweiten Blick als schwarz-weißer, herrenloser Husky mit Peilsender herausstellt. Im Wald treffe ich einen schwarzen Wolfsspitz in gelber Sicherheitsweste, der sich von seiner Pilze sammelnden Besitzerin abgeseilt hat. Ansonsten keine Wölfe und auch keine Bären. Nur ein Mann in hohen Gummistiefeln, der einen Eimer bei sich trägt, auf russisch, polnisch oder ukrainisch telefoniert und danach wieder im Dickicht verschwindet.

3.

Die nächste Straßenlaterne ist von Mustarinda vermutlich genauso weit entfernt wie das nächste Dorf mit Supermarkt: Etwa 25 Kilometer. Auf der letzten Hunderunde vor dem Zubettgehen, die in den allermeisten Fällen nach Einbruch der Dunkelheit stattfindet, höre ich mein Blut in den Ohren rauschen, jedes Knistern im Gebüsch eine neue Portion Adrenalin für die Nervenbahnen. Als sich in der einzigen wolkenlosen Nacht etwas seltsames Grünes am Horizont zusammenbraut, falle ich vor Schreck nur deshalb nicht in Ohnmacht, weil mir rechtzeitig auffällt, dass das Polarlichter sein müssen.

4.

Die Luft zwischen den Fichten riecht schon am 4. September nach Schnee. Ich bekomme akute Sehnsucht nach Winter und versuche mir die 1,40 Meter hohe Schneedecke vorzustellen, die laut einer Infotafel im April 2020 den Boden hier bedeckt habe. Nyskä, mit der wir eine Tour durch den 10.000 Jahre alten Wald hinter dem Haus machen, erzählt uns, dass viele Kiefern und Fichten diese Schneedecke seit ein paar Jahren nicht mehr tragen können und ihnen deshalb scharenweise die Kronen abknicken. Es liegt am Klimawandel, sagt sie, und dass ihr das Sorgen bereitet.

5.

In Mustarinda bin ich die einzige Person, die keine richtige Funktionskleidung dabei hat. Nach einem längeren Spaziergang durch nasse Blaubeersträucher brauchen meine Dr. Martens fünf Tage, bis sie wieder richtig trocken sind (obwohl sie mit Zeitung ausgestopft auf der Heizung liegen). Ich kann nicht sagen, ob ich grundsätzlich zu naiv oder zu eitel bin, um meine Kleidung an Umwelt und Wetterlage anzupassen. Glücklicherweise gibt es eine große Auswahl an Leihgummistiefeln, dank derer ich die übrige Zeit in Finnland trockenen Fußes durch den Wald komme. Seit ich als Teenager Fräulein Smillas Gespür für Schnee gelesen habe, sehne ich mich nach der ruhigen Kälte borealer Landschaften. Auf dem Breitengrad meiner Träume muss ich nun feststellen, dass ich für ein Leben außerhalb mittelgroßer Städte in gemäßigten Klimazonen nur bedingt geeignet bin.

Trotzdem laufe ich jeden Tag stundenlang wie im Rausch durch den Wald: Auf den Steinen wachsen immer mehr extraterrestrisch anmutende Moosarten, sogar die Blätter der Bodendecker färben sich rot, tote Bäume verwandeln sich in Waldgeister, die über meine endlosen Streifzüge durch den Wald wachen. Ich vergesse die Zeit, verliere mich im Farn und finde trotzdem immer wieder zurück nach Hause.

6.

Als am Abend des 29. Septembers der erste Schnee in Mustarinda fällt, bin ich schon längst nicht mehr vor Ort. Ich trete meine Heimreise am 19. September an, zehn Tage früher als ursprünglich geplant, weil ich das Luxusproblem habe, am 22. September einen Kunstpreis zu bekommen, den ich besser persönlich abholen sollte. Wenn man mit öffentlichen Verkehrsmitteln reist und zwischendurch noch die eine oder andere Hunderunde einplanen muss, dauert es zwei bis drei Tage, die knapp 2000 Kilometer zwischen Mustarinda und Kiel zurückzulegen. Knapp 30 Stunden der Reisezeit verbringe ich auf der Fähre von Helsinki nach Travemünde. Die meiste Zeit davon liege ich auf dem Bett in meiner Kabine, von der Ostsee sanft in einen leichten Dämmerschlaf geschaukelt, schaue abwechselnd finnisches und deutsches Fernsehen, ungefähr zehn Folgen Pawn Stars und später hauptsächlich Nachrichten, als mir auf diversen Kanälen immer wieder ein und dasselbe Bild von Putin begegnet: Der Blick in die Kamera gerichtet, ein Arm flach auf dem Tisch, einer aufgestützt und angewinkelt, als würde er gleich durch den Bildschirm springen wollen. Die finnischen Untertitel seiner Fernsehansprache sagen mir selbstredend nichts. Erst im ARD Morgenmagazin lerne ich den merkwürdigen Begriff „Teilmobilisierung“. Die allzu vielen Buchstaben des finnischen Äquivalents finden gar nicht erst den Weg durch meine Stirnfalten.

7.

Auf dem Parkplatz vor dem Fährterminal in Travemünde sieht es am 21. September gegen 22 Uhr genauso aus wie vor drei Wochen um dieselbe Zeit: Trotz Straßenlaternen ziemlich dunkel. Nur das Pärchen mit dem Galgo, das auf der Hinfahrt noch vor dem Terminal gewartet hat, fehlt heute. M. holt mich ab und parkt sogar auf demselben Parkplatz wie bei meiner Abreise. Ich frage mich, ob ich eigentlich noch dieselbe Person bin, die hier vor drei Wochen abgegeben wurde.

24 Stunden später habe ich zwar noch keine Antwort auf diese Frage, aber ein neues Attribut: Laut Ministerpräsident Daniel Günther sind die Kunstpreisträgerin Dörte Hansen und ich mit unserer jeweiligen Arbeit „wichtige Botschafterinnen“ des Landes Schleswig-Holstein. Mir ist etwas mulmig ob der Verantwortung, die hier mitschwingt, bin ich dafür überhaupt qualifiziert? Ich schreibe eigentlich nur in Limbus über Schleswig-Holstein (und selbst da sind es nur Neumünster und umliegenden Bahnstrecken) und ansonsten nur hier und da über Kiel, bin nicht hier aufgewachsen, verstehe kein Platt, habe nicht einmal ein Ankertattoo. Es ist wenig überraschend, dass es um das Ereignis Kunstpreisverleihung SH herum allgemein sehr viel heimatet. Während der Veranstaltung dauert es nicht lange, bis in einem Redebeitrag der Begriff „Heimatroman“ fällt und eigentlich die Romane von Dörte Hansen gemeint sind, aber weil es theoretisch passen könnte, wird Das Orakel von Bad Meisenfeld direkt unter unserem scheinbar gemeinsamen Thema subsummiert. Zumindest glaube ich das zu verstehen (oder verstanden zu haben, schließlich liegen das Ereignis und der Entstehungszeitraum dieses Textes recht weit auseinander). Im Vorfeld der Preisverleihung gibt es außerdem einen Artikel in den Kieler Nachrichten, indem ein Zitat von mir steht, das ich so nie abgegeben habe: „Es ist schön, von der Heimat geehrt zu werden.“ „Hast du das wirklich so gesagt?“, fragt J. entsetzt, nachdem sie den Artikel gelesen hat. Ich denke an das Zoom-Interview mit der netten KN-Kulturredakteurin, das ich noch von Finnland aus gegeben habe und krame in meinen Erinnerungen danach, ob ich dabei wirklich das H-Wort benutzt haben könnte. Was mir dieser Preis bedeuten würde, an die Frage kann ich mich noch genau erinnern, und auch, wie ich bei der Antwort deutlich zu weit ausgeholt habe: Dass ich zum Studieren unbedingt nach Schleswig-Holstein wollte, weil ich mir vorgestellt habe, dass neblige Strandspaziergänge und anschließend etwas schreiben perspektivisch ein stabiler Lebensentwurf für mich sein könnte (was ich verschwiegen habe: dass ich eigentlich nach einem Weg gesucht habe, mein Leben in einem Turbostaat-Album zu verbringen), und dass es mich sehr freut, so eine Auszeichnung von dem Zuhause zu bekommen, das ich mir selbst ausgesucht habe. Ich kann es der Redakteurin gar nicht verübeln, dass sie meine vermutlich etwas konfusen Ausführungen eben lokalzeitungstauglich zusammenkürzen musste. Tatsächlich finde ich, dass es sich in Schleswig-Holstein / Kiel sehr gut lebt, wahrscheinlich würde ich eher auswandern, als mich jemals in einer anderen Region in Deutschland niederzulassen, aber das H-Wort können reaktionäre Wirrköpfe wie Horst Seehofer gern bei ihren Gartenzwergen behalten. Immerhin fällt mir bei der Preisverleihung die korrekte Antwort auf die Frage aus dem Interview ein: Ich fühle mich sehr gut gefördert und bin dafür ganz aufrichtig dankbar. (Die KN machen daraus: „Ich fühle mich sehr gut gefeiert“ – spreche ich wirklich so undeutlich?)

8.

Am Abend des 29. September bekomme ich nicht nur das erste Schneefoto aus Mustarinda, sondern lese auch davon, dass Finnland am darauffolgenden Tag die Grenze nach Russland schließen wird, wegen Putins Teilmobilisierung und der Reservisten, die nun versuchen, das Land zu verlassen. Ich liege in einem Ferienhaus in Dänemark auf dem Sofa und schaue bei Google Maps nach, wie weit ich bis vor zehn Tagen noch von der russischen Grenze entfernt war. Nur etwa knapp 100 Kilometer, das ist wirklich nicht weit weg. Außerdem gibt es mehrere Gaslecks in der Nordstream 1 an der schwedischen Küste. In einem Artikel dazu finde ich eine Karte, auf der der Verlauf der Gaspipeline verzeichnet ist. Er deckt sich ziemlich genau mit der Route, die ich in der vergangenen Woche noch mit der Fähre gefahren bin, durch den finnischen Meerbusen vorbei an Gotland, Öland und Bornholm. Auf meinem Handy ist noch ein Foto von diesem Streckenverlauf, der hin und wieder auf dem Werbe- und Infokanal vom Finnlines-Starclub eingeblendet wurde und den ich von dem Fernseher in meiner Kabine abfotografiert habe. Ich denke darüber nach, wie es gewesen wäre, wäre ich wie geplant erst um diese Zeit wieder abgereist, wären die Züge voller gewesen, hätte die Fähre überhaupt auslaufen dürfen? Ich stelle auch fest, dass Abgeschiedenheit eine fluide Angelegenheit ist; egal wie weit der nächste Supermarkt entfernt ist, das Zeitgeschehen rückt trotzdem manchmal näher als erwartet, und ich habe es nun doch verpasst wegen anderer Termine. Ob das gut oder schlecht ist, kann ich nicht sagen. Ich verfolge es weiter durch mein Smartphone, höre den Regen auf dem Dach der Ferienhütte, sehne mich nach Schnee.

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