Finnen / Finken / Fichten

1.

An einem Tag werden der Hund und ich von einem finnischen Ehepaar überholt. Auf E-Bikes brettern sie den Forstweg herunter, als gäbe es kein Morgen mehr. Sie tragen Gummistiefel zu ihren Waldarbeiterjacken und sehen vergnügt aus. 
„Terve!“, grüßen sie im Vorbeifahren. „Terve!“, antworte ich. Ein paar Minuten später kommen sie mir wieder entgegen.
„Moi!“, sage ich. Die etwas weniger förmliche Begrüßung, schließlich treffen wir uns jetzt schon zum zweiten Mal.
„Moi moi!“, grüßen sie und steigen von ihren Rädern. „Se on todella kaunis koira! Onko hän vielä nuori?“, fragt der Mann und schaut uns neugierig an. 
Häh? „Sorry, I don’t speak finnish!“ – Die Skandinavier können ja alle Englisch, haben sie gesagt. Das wird gar kein Problem! Der Mann lacht und lässt den Hund an seiner Hand schnuppern.
„Oletko venäläinen?“, fragt er, wieder auf finnisch.
„Förlåt, jag kan inte prata finnska“, versuche ich auf Schwedisch. („Ich spreche leider kein Finnisch“)
„Ah, Oletko ruotsalainen!“
Ruotsalainen, das verstehe ich. Aus Schweden.
Ich schüttele den Kopf.
„Saksalainen“, sage ich. Ein bisschen schlimm, dass das finnische Wort für „aus Deutschland“ klingt, als würde man „aus Sachsen“ sagen.
„Ai, he ovat vieraita Mustarindassa?“
Ah, irgendwas mit Mustarinda, so heißt der Ort, an dem ich hier wohne. So muss sich der Hund fühlen, wenn ihn jemand auf Menschensprache zuquatscht und dann doch ein Wort fällt, mit dem er etwas anfangen kann. Rausgehen/Futter/klar darfst du aufs Sofa. 
„Minä olen Jussi Hervonen. Tässä on vaimoni Päivi. Omistamme maatilan Kontiolla täällä lähellä.“ Er zeigt erst auf sich, dann auf seine Frau, dann irgendwo in die Ferne und spricht ganz langsam, als ob ich ihn dann besser verstehen könnte, aber ich habe längst aufgegeben. Aktueller Status: lächeln und nicken
„God bless you“, sagt seine Frau, ebenfalls lächelnd. Dann schwingen sie sich auf ihre E-Bikes und brausen davon.

2.

Ein Wegweiser schlägt mir drei Richtungen vor: 

Ukkohalla, 10,7 km
Komulanköngäs, 6,7 km
Ypykkälampi, 3,5 km

Hinter Ypykkälampi soll sich eine Wanderhütte an einem See verstecken. Y-P-Y-K-K-Ä-L-A-M-P-I. Ich versuche die Buchstabenkombination so lange festzuhalten, bis sie mit einer Bedeutung in mein Gedächtnis einziehen kann. Dann stolpere ich über eine Baumwurzel und scheuche einen Schwarm Buchfinken auf. Die kleinen Vögel zwitschern empört und verschwinden zwischen den Fichten, und Ypykkälampi flattert hinterher. Ich wollte später gern jemandem erzählen: Today I visited Ypykkälampi, aber jetzt reicht es nur noch für I went to that lake

Die finnische Sprache ist verwandt mit estnisch und ungarisch, wird vermutet, aber vielleicht stimmt es auch, dass ihre Schwester im Geiste die Sprache der Finken ist. Die Ähnlichkeit zwischen finnischen Wörtern und Vogelschwärmen jedenfalls ist frappierend: Beides völlig unübersichtlich und für Laien nicht zu verstehen – aber immerhin klingt alles nett und freundlich. 

3.

Die moderne Fichte trägt:
Sternmoos am Fuß
Bartflechte im Geäst
Baumpilze im Stamm und
Eines Tages auf der Rinde
Nur keine Krone
Seit dem letzten Winter.

Ein Gedanke zu “Finnen / Finken / Fichten

  1. Noch mal nachträglich meinen Glückwunsch an die Preisträgerin!

    Die Texte haben mir sehr gut gefallen, wecken sie doch meine Assoziationen an die vielen Aufenthalte in Nordfinnland / Nordskandinavien.

    Ich fühle sofort die Tage im Spätsommer mit dem ersten Eis am Seeufer – musste übersprungen werden wenn man mit eher tauben Füßen aus der Sauna kam und in den See hüpfte – und den gefühlt doppelt so hohen Bäumen ob der Windstille. Nur aus der Ferne war ab und zu die Glocke einer Rentierende zu hören, ansonsten spannte sich ein unendliches Firmament über den wenigen Zweibeinern.
    Gegen Abend kam dann der ältere finnische Mitbewohner mit dem Boot von der Angeltour zurück und kochte für uns drei in der Hütte eine superbe Hechtsuppe über dem offenen Feuer. Unser Beitrag zu dem Festmahl war ein selbst gemachtes Pfannenbrot. …

    Eine literarische Antwort kann ich nicht geben, nur Erinnerungen vage beschreiben. Meine „Währung” für den Kommentar wäre auch eine visuelle, eine fotografische Erzählung. Das ist aber, so glaube ich, hier an dieser Stelle nicht vorgesehen.

    Alles Gute, weiter so – Kaikkea hyvää, jatkakaa samaan malliin (Dank an DeepL)

    BGN

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