Schüsse

Dass Kiel es an diesem (bzw. eher erst am kommenden) Tag in die überregionalen Nachrichten schafft, ahne ich morgens noch nicht. Keine neuen toten Vögel; der Krähenkadaver von letzte Woche ist längst abgetragen, der Himmel naturtrüb, es riecht nach Regen. Die Nachrichten, die nach der Mittagsrunde auf mich einprasseln, treffen mich unvorbereitet: Schüsse in Dänischenhagen, Brauereiviertel (in Kiel, nicht in Dänischenhagen) abgeriegelt wegen Amokverdacht; ein Täter mit Maschinengewehr wird gesucht, alle in 24118 und 24105 zuhause bleiben, Zusammenhang zwischen beiden Zwischenfällen nein/mutmaßlich/ja, weißer SUV mit Euskirchener Kennzeichen als mögliches Fluchtfahrzeug. Ein Bandkollege schickt ein Foto von SEK-Einsatzkräften vor dem Fenster eines Bekannten. Ich bin drauf und dran, bei Google Maps nachzuschauen, wie weit das Brauereiviertel von meiner Haustür entfernt ist, lasse es dann aber. „Doch kein Amokverdacht!“, ruft M. aus dem Wohnzimmer. Ich aktualisiere meinen Browser, und da steht es schon: Die Polizei geht von einer Beziehungstat aus (Merke: Immer, wenn von einer „Beziehungstat“, oder noch schlimmer: einem „Beziehungsdrama“ geschrieben wird, ist Femizid der eigentlich richtige Begriff).

Das Kieler Smalltalkthema für die kommenden Tage ist gesetzt. Als ich mit H. für eine Hunderunde verabredet bin, führt der Weg ganz unweigerlich durchs Brauereiviertel, dem man den Polizeieinsatz 24 Stunden später schon gar nicht mehr ansieht. In der Bremerstraße rangele ich mit dem Hund um eine Packung Mayonnaise, die er partout nicht ausspucken will (er ist in der Trotzphase). H. und ich kommen aus demselben Dorf in der Lüneburger Heide. Als wir in der zwölfen Klasse waren, gab es dort einen Mord auf offener Straße (oder eher: auf offenem Feldweg), der nie aufgeklärt wurde und auf den wir heute natürlich zu sprechen kommen. „Internationales organisiertes Verbrechen wird das jawohl nicht gewesen sein, das ist immer noch Dänischenhagen!“ „Naja, wer weiß, ob es das organisierte Verbrechen nicht sogar bis nach Holm-Seppensen geschafft hat!“ – aber wir sollten besser nicht spektakulieren.

Es gibt eine dritte Leiche in einer Wohnung im Hasseldieksdammer Weg. Ein Zeitungsartikel zeigt die Fassade des Hauses, in dem sie aufgefunden wurde. Als ich wieder zuhause bin, versuche ich anhand von Google Maps die Entfernung zu diesem Haus herauszufinden. 850 Meter, sagt der Routenplaner. Es ist die gleiche Distanz wie die zwischen dem Haus meiner Kindheit und dem Leichenfund in der 12. Klasse. 10 Minuten zu Fuß.

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