Beim Computerspielen weinen

Je älter ich werde, desto alberner erscheint mir meine gesamte Existenz. M. und ich zocken (kursiv, weil ich das Wort einfach nicht unironisch aussprechen kann, wenn ich die handelnde Person hinter dem Verb bin) gerade „It takes two“. In diesem Spiel sind wir ein Elternpaar, das sich eigentlich scheiden lassen will, von der gemeinsamen Tochter allerdings in zwei sehr kleine selbstgebastelte Puppen verwandelt wurde und erst wieder in die gewohnten Körper zurückkehren kann, wenn sie sich einmal aus der Garage durch einen Baum im Garten und dann noch durch eine extrem gefährliche Welt aus lebendigem Spielzeug gekämpft und damit ihre Beziehung gerettet haben.
Immerhin habe ich das große Glück, eine Stoffpuppe mit coolen blauen Wollhaaren zu spielen und nicht wie M. im Körper eines klumpigen Knetmännchens festzustecken. Trotzdem stand ich in dem Spiel schon einige Male kurz vorm Nervenzusammenbruch (zum 100. Mal hintereinander wegen mangelnder Hüpfkompetenz in den Abgrund gestürzt, Stress mit Eichhörnchen, Stress mit einem Riesenwespen-Cyborg, Stress mit Wespenlarven, Stress mit einem wütenden Oktopus, Stress mit einem Stofftier-Pavian namens „Moon Baboon“, alles!). So schlimm wie gestern war es allerdings nie. Es ist nämlich so, dass May und Cody (so heißen die Figuren) recht früh herausgefunden haben, dass sie, um den Fluch, mit dem Töchterchen Rose sie in zwei Spielfiguren verwandelt hat, zu brechen, deren Tränen brauchen. Die Story des Spiels gibt es so vor, dass Cody und May es für einen total guten Plan halten, in ihr Kinderzimmer einzudringen (für zwei sehr kleine Puppen immerhin eine recht lange Reise), dort ihr Lieblingsspielzeug, einen kleinen, unschuldigen Plüschelefanten zu zerstören und so die Tränen zum Fließen zu bringen. M. und ich mussten im Spiel also einem kleinen sprechenden Elefanten ein Bein und ein Ohr abtrennen. Es war ein quälend langer Prozess, der dem armen Spielzeugtierchen erhebliche Schmerzen bereitete. Natürlich weiß ich, dass auch Videospiele Fiktion sind, aber trotzdem saß ich schluchzend auf dem Sofa, hämmerte auf meinen Controller ein und schämte mich. Welche grausamen Menschen ziehen so etwas überhaupt als Handlungsoption für in Spielzeug verwandelte Eltern in Betracht? Und gleichzeitig: Warum bringt es mich in dieser von Grausamkeiten nur so durchsetzten Welt ausgerechnet so sehr aus der Fassung, wenn ich eine nur in einem Computer existierende Spielfigur dabei steuern muss, wie sie eine andere ausgedachte Figur verstümmelt, nur um damit einer weiteren ausgedachten Figur wehzutun? Nächstes Mal zocke ich vielleicht lieber Doom oder Counter Strike.


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