Kältewelle

Es war kalt in den letzten Tagen, so kalt, dass ich Maßnahmen ergriffen habe, zu denen es in den letzten Jahren selten gekommen ist: Zwiebellook an den Beinen (keine langen Unterhosen jedoch, nur normale Leggings unter der äußeren Hose). Es ist gar nicht so unbequem, wie ich es mir vorstelle, wenn ich darüber nachdenke, ob es wirklich schon kalt genug für solche Sperenzchen ist. Auf einer der zahllosen Hunderunden, die noch immer meinen Alltag in Arbeitsphasenkonfekt portionieren (wann wird der Hund endlich stubenrein? Oder ich weniger paranoid?), habe ich festgestellt, dass ich diese beißende Kälte gar nicht so übel finde. Im Gegenteil, sie beruhigt mich sogar (oder es ist mein Körper, der schon alles herunterfährt, damit er sich darauf konzentrieren kann, nicht zu erfrieren). Es ist Februar 2021, und selbst in der Krisenhaftigkeit unserer Gegenwart gibt es ein Draußen, das ungefähr so ist, wie es sich gehört. Ein klirrend kalter Winter wie aus meiner Kindheit, es gibt Schnee, sämtliche Gewässer sind gefroren, die Wohnung voller Streusand. Nach der Lektüre von Karen Duves „Macht“, das 2031 spielt und in dessen erzählter Welt es brütend heiß und das große Finale der Klimakatastrophe nur noch etwa 5 Jahre entfernt ist, wegen dem ich nächtelang Albträume hatte, fühlte er sich an wie eines dieser wabbeligen blauen Kühlkissen auf einem Wespenstich (der mit einer halben Zwiebel viel besser verarztet wäre). Während ich mich bei Instagram durch unzählige Rodel- und Schlittschuhstories wische, bleibe ich an einem Video von Quarks hängen, von dem ich lerne: Die Kälte ist dem Polarwirbel geschuldet, dem wegen der Erderwärmung die Kraft ausgeht und der deswegen die kalte Polarluft nicht mehr gut dort festhalten kann, wo sie eigentlich bleiben sollte: Am Nordpol. Ich bin mehr als bekümmert, als ich das lese. Eigentlich sehne ich mich nach keinem Ort auf der Erde so sehr wie nach dem Nordpol, aber ich habe mich damit abgefunden, dass ich dort vermutlich niemals einen Fuß hinsetzen werde. Vorletzten Sommer bin ich bloß bis nach Gävle gekommen, was immer noch fast 900 km vom Polarkreis entfernt ist. Für eine Reise zum Nordpol habe ich insgesamt den falschen Weg eingeschlagen. Auf Forschungsschiffen brauchen sie keine, die sehnsüchtig auf Eisberge starrt und anschließend schwülstige Abhandlungen über deren dramatisches Abschmelzen schreibt. Nordpoltourismus kommt mir zur Zeit äußerst unethisch vor und außerdem fehlt mir dafür das Geld. Bis ich es zusammenhabe, sind die Polkappen abgeschmolzen und wer weiß, ob normales Geld dann überhaupt noch etwas nützt. In den nächsten Tagen soll es wieder Plusgrade geben, zum Wochenende hin sogar zweistellig. Ich werde die Polarluft vermissen, auch wenn sie ein vergiftetes beziehungsweise gar kein Geschenk war, und den anstehenden Matsch verfluchen, der in der Wohnung zu Sand zerfallen wird, immerhin ein bisschen feinkörniger als der Streusand unter meinen Schuhsohlen.

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