Die Fitnessmatte

Der zweite Lockdown hat mich gebrochen. Zum ersten Mal seit Beginn der Pandemie turne ich ein „Super Workout für Kraft und Elastizität für zuhause ohne Geräte“ aus dem Internet nach und stelle fest: Mit nackten Knien auf dem harten Holzfußboden herumgnubbeln ist gar nicht mal so angenehm. Es muss also eine Fitnessmatte her (ich könnte natürlich alle Turnübungen auch auf dem Teppich vor dem Sofa machen, aber woher soll da das Gefühl kommen, ich würde etwas für meinen Körper tun?).
Ich will erst eine Matte im Internet bestellen, erinnere mich dann aber daran, dass es ja eine Decathlon-Filiale in der Innenstadt gibt, in der ja jetzt vielleicht niemand ist, weil alle zuhause sind und Workouts aus dem Internet nachturnen und mache auf dem Heimweg von der Arbeit einen Schlenker dorthin. Während ich mein Fahrrad durch die angeblich tote Holstenstraße schiebe, erinnere ich mich an die goldenen 30 Sekunden, in denen ich in einer anderen Decathlon-Filiale ein Pennyboard probegefahren bin. Es gab dort eine Teststrecke für berollte Sportgeräte aller Art, sogar mit einem Mittelstreifen (für Rennen oder zum Schutz für den Gegenverkehr? Ich weiß es nicht mehr), ich flitzte sogar um eine Kurve und rutschte trotz des fehlenden Griptapes nicht vom Board, ein kurzer Adrenalinstoß, was war ich aufgeregt und glücklich.

Der Decathlon in der Innenstadt hält derweil nicht einmal den Ansatz dieser Glückseligkeit bereit. Zwei Meter Abstand und nur 10 Kund*innen, verspricht ein Schild am Eingang, aber die drei engen Gänge in dem lächerlich winzigen Laden verbieten jegliches Sich-aus-dem-Weg gehen. Ich gebe vor, mich für Campinghandtücher zu interessieren, während ich warte, dass sich die drei anderen Personen im Laden für andere Dinge im Laden interessieren als die, die sich direkt auf meinem Weg zu dem Regal mit den Fitnessmatten befinden. Die Regale mit den neonfarbigen Regenjacken, Funktionsshirts, Boxhandschuhen und Plastiktrinkflaschen scheinen immer näher zusammenzurücken, als ein Pulk Neuntklässler*innen den Laden betritt und völlig ohne ersichtlichen Grund den Hauptgang blockiert. Das Labyrinth der Sicherheitsabstände führt mich über alle verfügbaren Irrwege, bis ich endlich die billigste vorhandene Turnmatte aus dem Regal ziehe (magentarot, faltbar) und mich atemlos an der Kassenschlange einreihe. Eine fünfköpfige Familie betritt den Laden, ohne sich die Hände zu desinfizieren und ohne einen der Rollkörbe, die am Eingang stehen und dazu dienen, Kund*innen zu zählen, mitzunehmen. Ich gebe meine Geheimzahl in das Kartenlesegerät ein, lehne ab, als man mir einen Bon anbietet, halte die Luft an und schlängle mich aus dem Laden. Nie wieder Decathlon!, denke ich, jedenfalls keine winzige Filiale ohne Testrennstrecke. Ich werfe einen letzten Blick durchs Schaufenster; Pennyboards sehe ich keine.

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