Der Platz

[Mittwoch, 8.4.2020]

Ich habe wenig geschrieben die letzten Tage, weil ich neuerdings gleichzeitig zu viel UND zu wenig Zeit habe. Außerdem bin ich auf der Suche nach Plätzen. Es ist nicht so, dass ich zuhause keinen hätte, aber die meisten Situationen wirken doch weniger aussichtslos, wenn die nächste Wand nicht in unmittelbarer Sichtweite ist. Vielleicht sind es auch nicht Plätze, die ich suche, sondern Perspektiven.

Mittlerweile habe ich einen Platz gefunden, der nah dran ist an der Perfektion. Es sind nur 15 Minuten Laufweite von zuhause, drei verschiedene fast gleich lange Routen führen dahin (von denen eine aber eigentlich nicht geht, weil sie der neue Ballermann für Leute ist, die trotz Lockdown in Bewegung bleiben wollen), und bei meinem ersten Besuch vor ein paar Tagen habe ich dort ein weißes Kaninchen gesehen (bin ihm allerdings nicht gefolgt). Ich will diesen Platz sorgfältig kartographieren, also sitze ich eine ganze Weile im Grünen, während der Fernauslöser meiner Kamera alle 5 Sekunden ein Foto macht. Der Freund einer Freundin sagt, dieser Ort erinnere ihn an den Ostblock. Ich kenne vom Ostblock nur das Tschechien, Polen und Lettland der Jetztzeit, aber wahrscheinlich stimmt es. Das Gelände, von dem ich spreche, war mal eine Kleingartenkolonie und ist theoretisch dem Kapitalismus anheim gefallen, aber in der Praxis ist seit dem Abriss der Gartenhütten nichts mehr passiert. Die Skyline ist hier flach, bis auf zwei Hochhäuser, das Ikea-Schild, einen Sendemast und die Flutlichtlampen des angrenzenden Sportplatzes. Es gibt zwei Teiche, die hier nie jemand angelegt hat. In der Mitte des kleineren Teiches wächst eine Insel aus Gestrüpp, auf der Blässhühner nisten. Blässhühner kommen vor allem an nährstoffreichen Gewässern vor, diese ehemalige Pfütze ist offenbar nun ein nährstoffreiches Gewässer. Es gibt auch ein Entenpaar, eine männliche Stockente und eine Ente, bei der ich mir nicht sicher bin, weil sie den flaschengrünen Kopf eines Stockerpels (Stockentenerpels?) hat, aber das Gefieder darunter hat zwar das Muster einer männlichen Federzeichnung, aber das Farbschema einer weiblichen Stockente. Außer den Blässhühnern und dem queeren Entenpaar gibt es hier nur einen Jogger, zwei, drei versprengte Paare, die in der Sonne liegen und eine französische Bulldogge, die zu einem der Paare gehört, es gibt hier eigentlich fast alles nur paarweise (vorbildlich!), bis auf die Kaninchen, die hier im Pulk unterwegs sind, aber einerseits sind die wahrscheinlich eh verwandt und andererseits gehört ihnen in Wahrheit diese Stadt.

Ich frage mich, wie lange es noch dauert, bis zu viele Menschen diesen Platz kartographieren wollen. Die Frühlingssonne strahlt schon seit ein paar Tagen viel zu verführerisch für eine Welt im Lockdown und der Park ist ganz objektiv betrachtet zu voll, Menschen sonnen sich in aufgeklappten Kofferräumen und auf dem Wall vor Ikea. Wahrscheinlich treten sich hier schon bald die Sicherheitsabstände gegenseitig auf die Füße, aber in meinen wildesten Träumen sehe ich, wie sie das Bauprojekt, was hier eigentlich entstehen sollen, einfach canceln und wir dieses Stück Stadt auch offiziell wiederbekommen. Wobei, wie gesagt, eigentlich gehört es ja den Kaninchen.

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