Samstag, 28.3.2020

Es gibt dieser Tage nur noch zwei Gemütszustände: Der, in dem ich hart dagegen arbeiten muss, mich von der Dramatik der aktuellen Lage vollständig auffressen zu lassen, und der, in dem ich mich über die Absurdität dieser neuen Gegenart einfach nur wundern kann. Eigentlich wollte ich jeden Tag in der letzten Woche das aufschreiben, was ich von meinem Fenster aus sehe, aber ich bin schon permanent mit schreiben beschäftigt (Bilanz der vergangenen Woche: Ein Förderantrag für eine Lesung, von der ich noch gar nicht weiß, ob sie stattfinden wird, ein begonnener fiktiver Briefwechsel mit einem Lesebühnenkumpel bzw. seinem Alter Ego und ca. eine Million Wörter in verschiedenen Chatprogrammen), sodass ich für das hier gar keine Zeit hatte. Oder ich hatte Angst vor dem, was ich vielleicht hätte aufschreiben müssen. Ich muss nun noch mehr darauf achten, meinen Koffeinkonsum so gering wie möglich zu halten. Normalerweise gibt es zwei Einheiten Koffein am Tag, von weniger bekomme ich Kopfschmerzen und von mehr werde ich größenwahnsinnig, aber aktuell ist die zweite und manchmal auch schon die erste Einheit eine flüssige Panikattacke. Nun gut. Bleiben wir also bei Kräutertee.

Das sonnige Wetter verwandelt meine Ostfensterbänke in Gewächshäuser, was mich zu einer meiner absurdesten neuen Alltagssorgen führt: ALLES wächst viel zu schnell und ich habe zwar genug Erde, aber nicht genug Blumentöpfe, um die Pilea-Ableger und die Tomaten- und Chili- Keimlinge einzupflanzen oder die Spuckpalmen umzutopfen. Die Wurzeln in den Anzuchttabs und dem Wasserglas mit den Ablegern sind jetzt schon viel zu lang, aber ich will nicht in den Baumarkt, ich weiß nicht einmal, ob der noch geöffnet ist, aber andererseits sehe ich aus meinem Schreibtischfenster so viele Menschen mit Holzlatten unter den Armen an der Kreuzung stehen. Vermutlich wäre bei Bauhaus also doch was zu holen, aber ich will eigentlich gar nicht da hin, so viele Heimwerker*innen, wie sie jetzt gerade auf der Straße unterwegs sind, muss da ja die Hölle los sein, oder verschenken sie irgendwo Kantholz auf der Straße? Ich werde es wohl nicht herausfinden.

Gestern bin ich zweimal durch den Park gelaufen, um den oben erwähnten Förderantrag loszuwerden. Am Kiosk gegenüber dem Hundefreilauf kann man jetzt telefonisch Pommes und Eis bestellen und wird per Lautsprecher ausgerufen, wenn die Bestellung abholbereit ist. Obwohl eigentlich höchstens 12 Grad in der Sonne waren, saßen Menschen mit Picknickdecken auf der Wiese, mit Kaffee in Thermoskannen und vorbildlichem Sicherheitsabstand. In dem leeren Planschbecken für Kinder tanzte ein älteres Paar Walzer ohne Musik (ich nehme an, dass sie zusammengehören). Heute war ich eine Runde mit dem Rad unterwegs und sah sogar Menschen, die auf Picknickdecken lagen (Der Rücken! Bei der Kälte!). Ich hoffe, dass es wenigstens ein bisschen so bleiben kann wie gestern und heute, aber morgen soll es schneien, auch wenn ich mir das kaum vorstellen kann.

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