Im Glanz verschiedener Lichtspielhäuser

[Ein Samstag auf der Berlinale]

Ich vergesse meine Ohrringe zuhause und starte meinen Tag mit ONWARD, einem Pixarfilm, der eindeutig zu nah an meinem Vorgarten einschlägt. Der Friedrichstadt-Palast steht gegen Ende des Films einige Meter tief unter Wasser. Bemerkenswert ist, wie der lustige Teil ganz am Ende des Films gerade lang genug ist, um noch im Dunkeln heimlich die Tränen zu trocknen, aber noch nicht zu lang, um die fast angenehm traurigen Restgefühle wegzuwaschen. Wann zum Teufel bin ich eigentlich so emotional geworden?

Los Conductos, ein auf 16mm gedrehter kolumbianischer halbdokumentarischer Film mit einem ganz bedauernswerten Protagonisten hingegen lässt mich vollkommen kalt. Immerhin ist die Erzählung hübsch unzuverlässig und es werden massenhaft plagiierte Adidas- und Kappa-Shirt bedruckt. Wann bin ich eigentlich so emotionslos geworden? Wahrscheinlich in den letzten 90 Minuten.

Das größte Abenteuer an diesem Tag: Draußen Pommes essen bei Sturm. Durch das Rondeel am Sony-Center fliegen Ketchupflaschen und auch eine Holzpalette (keine massive Europalette allerdings).

S. hat schon vor Tagen gefragt, wann ich endlich ankomme, aber M. ist die erste mir bekannte Person, der ich auf den Ameisenstraßen des Potsdamer Platzes zufällig in die Arme laufe. Wir waren einmal zusammen bis um 5 Uhr in einer Kneipe, in der es eine Jukebox gab und in der uns am Ende alle möglichen Sachen geklaut wurden. Die Zeche haben wir glaube ich damals geprellt, weil ja alles Geld weg war und ich gar keines dabei hatte, und auch noch eine Taschenlampe geklaut. Vor ein paar Monaten sind wir außerdem zusammen nachts in Schleswig gestrandet, nachdem wir zwei Flaschen Crémant beim Sektbingo gewonnen haben. M. und S. arbeiten im zentralen Nervensystem des Berlinale-Körpers, dessen Zugang von einem verschlafen dreinblickenden Sicherheitsmenschen bewacht wird. Ich kenne es noch vom letzten Jahr: Klingeln, nett lächeln, einmal mit meinem Akkreditierungsbadge winken, das mich mit Sicherheit nicht zum Zutritt zu diesem Gebäude berechtigt, dann mit einem mit Spanplatten ausgekleideten Fahrstuhl in den zweiten Stock.

Oben gibt es extrem saure schwedische Weingummis in Totenkopfform und Bier, das ich mitgebracht habe. Wir lachen darüber, dass ich bei ONWARD die ganze Zeit heulen musste. Dann gehen wir eine rauchen auf einem der Balkons, von denen aus man auf das große Kino und den Platz davor schauen kann. Unsere Bierflaschen stehen auf dem Geländer und wir gucken runter auf die wenigen Menschen, die jetzt noch unten vor dem Eingang stehen. Magentarotes Neonlicht spiegelt sich in unseren Brillen. INEMAXX steht gegenüber an der Wand. Sie haben letzte Woche den halben Schriftzug repariert, erzählt S. Das ganze A habe ebenfalls gefehlt und der untere Teil vom E. INMXX also. Jetzt ist das A wieder vollständig, nur das C haben sie ignoriert und auch dem E fehlen zwei Linien.

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