Unter Halstüchern

Es ist nicht unbedingt klug, das Schlafdefizit von Zuhause mit auf bettruhefeindliche Veranstaltungen wie die Berlinale zu nehmen. Leider kann ich nie einschlafen, bevor ich irgendwo hinfahre. Dabei mache ich das eigentlich gar nicht so selten, dieses irgendwo hinfahren. Aber woher soll ich nachts im Bett schon wissen, dass ich wahrscheinlich am nächsten Tag nichts wichtiges vergessen haben werde?

Ich will so ehrlich sein wie möglich: Meine größte Sorge während der Berlinale ist gar nicht das Schlafdefizit, sondern dieses Gefühl, zwischen lauter schicken im Wind wehenden Schals zu stehen und LANDPOMERANZE auf der Stirn stehen zu haben. Ich möchte entweder genauso filmbranchen-schick aussehen wie alle anderen oder unsichtbar sein. In erster Linie sehe ich aber wohl jugendlich aus: Als ich mir in einem der sehr wenigen Läden, die in den Arkaden am Potsdamer Platz noch intakt sind, Tabak kaufen will, werde ich nach dem Ausweis gefragt (nur fürs Protokoll: ich bin 30).

Die zwei lustigsten Dinge, die ich gestern gesehen habe: 1) Ein Fernsehteam filmt einen Moderator/Korrespondenten/irgendwas in der Richtung in einem überwältigend gut sitzenden tannengrünen Anzug. Oder vielmehr: Sie versuchen es. Auf der Suche nach dem richtigen Kamerawinkel führen sie einen leichtfüßigen Walzer aus, der für den sehr professionellen Anschein, den dieses Team macht, und ständig muss der gut beanzugte Moderator abgepudert werden. 2) IVANA THE TERRIBLE bei der Woche der Kritik in den Hackeschen Höfen. Zum Rezensieren bin ich natürlich zu faul und zu müde, aber: Autofiktion, eine hypochondrische, aber ganz hinreißende Protagonistin, die niemand ernst nimmt (es zerreißt einem das Herz), ein unfassbar awkwardes serbisch-rumänisches Kulturfestival und rumänische Hipster-Musikerdudes in schlimmen Hosen; außerdem (sinngemäß) das Zitat: „Hallo, ich bin von der Klitoris-Bewegung, in Rumänien sind wir schon ziemlich viele, aber wie sieht das eigentlich in eurer kleinen Hinterwäldlerstadt aus?“ Mehr als das würde ich von einem Film niemals verlangen.

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