Austreten

Wir können von Glück reden, dass der Januar endlich vorbei ist und damit auch dieser eine Monat, in dem alle Leute immer gleichzeitig ihr Leben in den Griff kriegen wollen endet. Endlich wieder rumhängen! Das einzige, was ich aus Januar noch mitgeschliffen habe, war ein Termin, der leider erst heute ging: Mein Kirchenaustritt. Es ist gar nicht so, dass ich eine knallharte Atheistin wäre, denn dann wäre ich ja längst raus oder hätte mich gar nicht erst mit 12 aus Gruppenzwang zum Konfirmandenunterricht angemeldet. Es ist auch nicht so, dass ich eine konkrete Abneigung gegen die evangelische Kirche hegen würde. Wie denn auch? Für derartige Ressentiments muss man vermutlich Katholik*in sein. Und ihr ahnt es bereits: wäre ich katholisch, wäre ich es schon längst nicht mehr. Es war eher so, dass ich irgendwo zwischen einem Haufen Steuersachen und einem Dutzend offener Tabs mit irgendwelchen nutzlosen Hinweisen zum Thema „Weiterbildung fördern lassen“ dachte: Ah, Kirchenaustritt, vielleicht ist das einfacher als Steuern oder Weiterbildungsförderung beantragen!

Ich öffnete einen weiteren Tab und rechnete fest mit einem Formular, dass ich einfach ausfüllen und abschicken könnte und die Sache wäre gegessen. Stattdessen bekam ich einen Termin, auf den ich fast zwei Wochen warten musste – beim Standesamt. Als würde ich heiraten, ein Kind anmelden oder meinen Geschlechtseintrag ändern lassen wollen. Dementsprechend sorgfältig wählte ich heute morgen meine Kleidung aus (ein kleines schwarzes mit einem halbseriösen Tweedjackett fand ich angemessen) und kämmte mir sogar die Haare. Mein Name stand schon auf diversen Bildschirmen im Flur des Standesamtes, als ich etwas zu früh das Gebäude betrat. Zwei Menschen saßen schon in der Warteschlange vor dem Büro, in dem ich zu erscheinen hatte. Ob man dort schon eintreten könnte, auch, wenn der Termin erst in zehn Minuten sei, fragte ich sie. Wissen wir nicht, antworteten sie, sie würden allerdings schon länger warten und mein Name stehe da schon eine ganze Weile. Aus Angst vor einer eskalierenden Situation rettete ich mich in das Büro. „Darf ich schon rein?“, fragte ich überflüssigerweise, denn ich stand ja schon längst im Raum. „Ich habe einen Termin um halb 11.“
„Wir sind heute ein bisschen früher mit allem“, sagte die Frau auf der anderen Seite des Schreibtischs.“
„Dann bin ich ja quasi zu spät!“
Die Frau auf der anderen Seite des Schreibtischs sagte nichts dazu. Aus welcher Kirche ich heute austreten wolle, fragte sie, während sie ein Formular ausdruckte. Aus der evangelischen, antwortete ich. Ach so, sagte sie und klang ein wenig enttäuscht.

Wider erwarten zerfiel ich beim Verlassen des Standesamtes nicht zu Staub. Mein Fahrrad hatte ich neben der durchaus hochzeitstauglichen Treppe in einer Ecke geparkt, in der es nach abgestandenem Alkohol und Urin roch und Konfetti auf den Pflastersteinen klebte. Ich machte dort ein Selfie und sah aus wie immer. Und ich fühlte mich auch wie immer – irgendwie genervt, aber grundsätzlich entspannt. Ein bisschen irritiert auch von dem, was die Menschen vor mir auf diesem Flecken Erde hinterlassen hatten. Dann fuhr ich zur Arbeit, und auch da war eigentlich alles wie immer. Kein Gott und auch keine Göttin nutzte diese einmalige Chance, sich mir zu offenbaren. (Falls da draußen/oben/unten Interesse besteht: Ich habe erst im März wieder Zeit für spirituelle/religiöse Erweckungserlebnisse.)

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