Der Kasuar

Ein Schreckgespenst aus meiner Kindheit verfolgt mich neuerdings wieder, und zwar kein geringerer als der Helmkasuar, ein Laufvogel aus Australien/Neuguinea. Kurz vor Weihnachten lief im Fernsehen eine Doku über flugunfähige Vögel, die ich laufen ließ, weil es gerade um Kiwis ging. Kiwis sind braun und pummelig und daher ziemlich niedlich. Ihre Flügel sind nur noch rudimentäre kleine Stümpfe, weil sich fliegen bei ihnen nicht so durchgesetzt hat. Frischgeschlüpfte Kiwis sind dafür überhaupt nicht so hässlich wie herkömmliche Vogeljunge, sondern sehen aus wie eine sehr kleine Ausgabe ihrer Eltern. Mein entzücktes sich-berieseln-lassen wurde jedoch durchbrochen von dem nächsten Vogel, den die Doku zeigte: Der Helmkasuar, natürlich.

Ich bin ungefähr acht Jahre alt und auf einem Schulausflug im Vogelpark Walsrode, als ich dem Schreckgespenst zum ersten Mal begegne. Es ist so groß wie ein Erwachsener, hat schwarzes Gefieder, einen grotesken schwarzen Höcker auf dem Kopf und einen blauen Hals mit zwei roten Hautlappen. Seine Füße sind am schlimmsten: Sie sind etwa so lang wie meine Beine mit Krallen wie Säbelzahntigerzähne. Helmkasuar steht auf der Infotafel, zum Glück flugunfähig, normalerweise beheimatet in Australien und Neuguinea. „In seinem Habitat ist die Rolle des Helmkasuars ähnlich wie die des Wildschweins in Europa“. Wildschweine, habe ich in der Tier-AG von einer Jägerin gelernt, sind unheimlich gefährlich, weil sich ihre Eckzähne unglücklicherweise auf derselben Höhe befinden wie die Oberschenkelschlagadern von erwachsenen Menschen. Ich bin vor Angst wie gelähmt und tagelang völlig durcheinander. Nachts träume ich von einem Helmkasuar, der unser Haus belagerte und mit seinen riesigen, scharfen Krallen die Tür aufzukratzen versuchte.

Meine Mutter fuhr schließlich noch einmal mit mir in den Vogelpark, vermutlich, um zu selbst zu sehen, wie gefährlich dieser Vogel tatsächlich war. Allerdings war sein Gehege an diesem Tag leer. Ich hatte kurz Sorge, dass er vielleicht wirklich ausgebrochen sein könnte, um an unserer Haustür zu kratzen, aber vergaß ihn trotzdem bald. Hin und wieder lachen meine Mutter und ich über die Helmkasuar-Episode, aber sonst habe ich darüber noch mit fast niemandem gesprochen. Die Wenigen, denen ich die Geschichte erzählt habe, wussten nicht einmal, was ein Helmkasuar eigentlich ist, oder haben mir nicht geglaubt, dass so ein Vogel wirklich existiert, also habe ich schnell wieder damit aufgehört. Neulich jedoch habe ich einem alten Schulfreund, der damals auch mit im Vogelpark war, von meiner Angst vor dem Kasuar erzählt. Natürlich konnte er sich an den Vogel nicht erinnern. Woher auch? Vielleicht war ich das einzige Kind, was vor dem Gehege länger stehen geblieben ist. Andere haben sich vielleicht vor dem Marabou oder bestimmten Geierarten gefürchtet.

In Neuguinea leben nur noch knapp 1000 Helmkasuare. Ich weiß nicht, wie viele es in Australien sind. Sie leben dort nur in Queensland in Savannen- und Regenwäldern und bevorzugen ein stilles Dasein im Unterholz, wobei sie als äußerst wehrhaft gelten. Ich befürchte nur, dass sie sich gegen Buschfeuer nicht wehren können.

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