Stempelgummi

Die Vorweihnachtszeit ist immer ein bisschen schwierig, weil sie seit ein paar Jahren wieder diese unheimliche Selbstverpflichtung mit sich bringt, Sachen selber zu machen, um sie zu verschenken. Leider habe ich das Problem, dass ich nichts künstlerisches kann außer schreiben. Stricken zum Beispiel macht mich wahnsinnig aggressiv, Nähen fällt weg, weil mich Stoffläden ebenfalls aggressiv machen mit ihren ganzen niedlichen Musterstoffen und Bilder malen fällt auch weg, weil ich mich nach dem Abi mal an einer Kunsthochschule beworben habe und abgelehnt wurde mit einem F („die Arbeiten sind zu illustrativ und weisen keinerlei Reflexionsvermögen auf“) im Absagebrief. Die Notenstufen auf der Website der Kunsthochschule gingen nur von A bis D. Was ich ganz gut kann, ist Brot ohne jeglichen Nährwert backen, aber das ist ja nix zum Verschenken.
Obwohl ich seit dem Kunsthochschulen-Desaster mit bildenden Künsten abgeschlossen habe, bin ich letztes Jahr auf Druckgrafiken hängen geblieben, doch auch das ist schwierig, weil auch dafür muss ich ja zunächst etwas zeichnen. Ganz schwierig! Nichts ist schlimmer, als sich an so einer Linolplatte abzumühen und dann etwas ausgeschnitten und gedruckt zu haben, das am Ende total scheiße aussieht, weil schon die einfachsten darstellerischen Grundlagen nicht stimmen (Stichwort: keinerlei Reflexionsvermögen). Ich weiß nicht, wie sich Menschen zur Entspannung solchen Hobbys (überhaupt: Hobbys) hingeben können. Für mich bedeutet das einfach nur Stress. Allerdings habe ich neulich für die Weihnachtskartensaison eine Linolschnittplatte gekauft und auch ein Stück Stempelgummi mitgenommen, weil es sich irgendwie gut in der Hand angefühlt hat und weil es türkis und erschreckend günstig war (1,50 €). Das schöne an Stempelgummi ist: Es lässt sich daran ähnlich befriedigend mit demselben Schneidewerkzeug herumhobeln wie bei Linol. Das Problem ist nur: Auch hier muss man vorher etwas zeichnen. Ganz schwierig! Tagelang schlich ich um den türkisen Gummiblock herum, kritzelte etwas mit dem Bleistift darauf, radierte es wieder weg. Es gibt genug Hässlichkeit auf dieser Welt, ich wollte dem nicht noch mehr hinzufügen. Ich wollte auch nicht hinterher feststellen, dass ich meine kostbare Energie in etwas mit einem nur mittelmäßigen Ergebnis investiert habe. Ich sollte mich lieber hinsetzen und etwas schreiben, dachte ich, mich auf meine Kernkompetenzen konzentrieren, aber dafür war es zu chaotisch und zu dunkel in meinem Kopf, und nicht wenig davon hing mit den Radiergummikrümeln auf meiner Schreibtischplatte zusammen. Moment mal, mag der*die geneigte Leser*in da denken, so viel Stress wegen Stempelgummi? Andere werden erkennen: Ganz klarer Fall von PMS.
Es gab dann gestern diesen Moment, in dem ein Schalter umgelegt wurde, ich mir ein paar Bilder von halbierten Zitronen ansah und dachte: Natürlich, wenn dir das Leben Stempelgummiplatten gibt, mach Zitronen draus. Dann zeichnete ich eine halbierte Zitrone auf das Gummiding, schabte es aus, machte ein paar Probedrucke und war zufrieden. Wenig später entdeckte ich einen Blutfleck in meiner Unterhose.

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