DU BIST EINE GÖTTIN

Ich liege auf dem Teppich, auf dem Rücken, Arme und Beine ausgestreckt, und in mir tobt die Apokalypse. Nach tagelangem Nestbau ist im Uterus wieder einmal nichts angekommen, was sich dort hätte einnisten können. Abstoßen, rufen die Prostaglandine, die Schleimhaut muss weg, sofort. Also beginnt der Hohlmuskel zu arbeiten. Anspannen, halten, loslassen. Anspannen, halten, loslassen. Anspannen, halten. Loslassen vergessen. Für immer verkrampfen.
Ich selbst habe mit diesem Vorgang nichts zu tun, wenn man davon absieht, dass ich die Lieferkette effektiv und gewissenhaft sabotiere. An der Decke über mir hängen Spinnweben, die ich irgendwann entfernen werde, vielleicht sogar heute, aber erstmal müssten die Schmerzmittel wirken. Vielleicht schaffe ich es auch schon vorher, mich einfach aufzulösen, eins mit dem Teppich werden, während mein Geist einen Spaziergang durch den Orbit macht, die verdammten Prostaglandine könnten ihre Botschaften doch irgendeinem schwarzen Loch übermitteln. Schreit doch, mir egal, im Weltall gibt es keinen Schall, ihr Loser! Bitte, fragmentiert mich doch einfach und setzt mich in drei Tagen wieder zusammen.

Ich bin 14 Jahre alt und will Taschengeld verprassen, also gehe ich zu Avalon, dem Esotherik-Fachhandel in der Innenstadt, der auch glitzernden Billoschmuck verkauft, genau mein Ding. Dort treffe ich Helga, die bei uns in der Nachbarschaft wohnt und im Bioladen arbeitet. Meine Mutter trinkt manchmal Kaffee mit ihr, erzählt aber auch, dass sie im Frühling in ihre Gemüsebeete pinkelt, damit die Pflanzen wissen, welche Nährstoffe sie so braucht. Helga kauft eine unvernünftige Menge Räucherstäbchen und bietet an, mich im Auto mitzunehmen. Ich fahre mit; das gesparte Busgeld investiere ich in ein Lederband für meinen neuen Yin&Yang-Anhänger.
Wir stecken schon eine ganze Weile mit ihrem alten Volvo im Feierabendverkehr fest, als sie mich fragt, ob ich eigentlich schon meine Regel hätte. Mh-hm, antworte ich peinlich berührt. Und wie ist das so für dich? Geht so, nuschele ich und wünsche mir, es würde endlich vorwärts gehen an dieser verdammten Kreuzung. Ach, du bist ja noch jung. Du wirst noch lernen, das positiv zu sehen, sagt sie, als sei menstruieren ihr liebstes Hobby. Mh-hm. Das ist eine Reinigung!, fährt sie fort. Alle 28 Tage erneuert sich dein Blut. So viel Lebenskraft steckt in dir!
Mir fällt wieder ein, wie ich vor ein paar Wochen in der Schule kotzen musste wegen meiner Regel und wie Louisa dann ein Schild für mich gebastelt hat, auf dem ZARA LEIDET stand, damit die Lehrer*innen mich für den übrigen Tag in Ruhe lassen, aber das erzähle ich nicht. Stattdessen erzählt Helga etwas davon, wie stark wir sind, wenn wir erstmal lernen, unsere Empfindlichkeit während der Tage zu nutzen, eine stärkere Verbindung zur Natur aufzubauen, WIR GÖTTINNEN. Hoffentlich sind wir bald da.

Ich bin 30 Jahre alt und liege immer noch auf dem Teppich, alle Viere von mir gestreckt, und das mit der Fragmentierung, das klappt schon wieder nicht, genauso wie die Schmerzmittel nicht wirken. In mir tobt die Apokalypse und ich frage mich, ob Helga am Ende doch recht hatte. DAS IST EIN REINIGUNGSPROZESS, denke ich probeweise, klingt gar nicht so falsch, DU ERNEUERST DICH JEDEN MONAT, aber wieso muss ich dabei so schwitzen? Der ganze Schweiß ist viel schlimmer als das Blut, weil man ihn riecht, und weil ich weiß, dass er anders riecht als sonst. DEINE VERBINDUNG ZUR NATUR IST JETZT AM STÄRKSTEN, vielleicht lasse ich die Spinnenweben da oben doch hängen, Spinnen fressen schließlich Mücken und aufstehen kann ich jetzt eh nicht. DU BIST EINE GÖTTIN, denke ich weiter und schließe die Augen, konzentriere mich auf meine Fingerspitzen, bloß weg von der Körpermitte, aber trotzdem ist das nächste Wort, das mir einfällt: LEIBSCHNEIDEN. Ich streiche es und ersetze es durch REINIGUNG. In Extremsituationen werden wir doch alle abergläubisch. ICH BIN EINE GÖTTIN, jedenfalls, wenn es einen Kult gäbe, zu dessen Programm es gehört, durch rituelles Menstruieren zu höheren Einsichten zu gelangen, würde ich mich dem sofort anschließen, ICH BIN BEREIT. Ich muss mir nur noch überlegen, was ich mit meiner zukünftigen guten Verbindung zur Natur, oder besser, zum Kosmos anstellen will. Und während ich das überlege, fällt mir fast gar nicht auf, wie meine Schmerzen von einem Schwarzen Loch verschluckt werden. Es passiert ganz leise, weil es keinen Schall gibt im Orbit. Die Schmerzmittel, sie haben längst begonnen zu wirken.

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